Neulich in einem anderen Wohnzimmer: Novo Amor in Mendig

U.

Wer hier mitliest weiß, dass ich gemeinsam mit meinem Freund letztes Jahr in die Liga der Konzertveranstalter eingestiegen bin - insgesamt vier Künstler / Bands traten in unserem Wohnzimmer auf. Seitdem ist Pause, aber im Juni wird es wieder eine Veranstaltung geben.

Nun waren wir natürlich keineswegs die ersten Menschen mit dieser Idee, folglich war es beinahe kurios, dass ich selbst noch nie ein Wohnzimmerkonzert bei anderen Leuten besucht hatte. Das hat sich nun endlich geändert, denn am letzten Donnerstag war ich bei den erfahrenen Mendiger Veranstaltern Maike und Carsten zu Besuch. Bei ihnen treten bereits seit 2011 Künstler auf!

Überrascht war ich vor allem darüber, wie unsicher man sich fühlt (oder ich mich fühle), wenn man mit einem Mal bei freundlichen, aber eben doch fremden Leuten in der Wohnung steht und sich mit Getränken und Essen versorgt (beides gab es, wie auch bei uns, umsonst), während zahlreiche andere Gäste das gleiche tun. Maikes und Carstens Haus ist ein großzügiger Altbau - die "Bühne" samt Equipment kann man im Internet bestaunen - außerdem gibt es zwischen Küche und Wohnzimmer einen Durchgang, so dass im Falle eine großen Besucherzahl auch von Buffet aus der Auftritt verfolgt werden kann. Hinter der Küche befindet sich außerdem ein Garten - von dort aus ist man zwar definitiv zu weit weg, um das Konzert mitzubekommen, aber er lädt Gäste dennoch ein, eine Rauchpause zu machen oder draußen ein Bier zu trinken. Der zusätzliche Platz ist auch notwendig, denn es waren schon einmal 80 Gäste da.


Als Ebenfalls-Wohnzimmerkonzertveranstalter beobachteten wir natürlich alles mit Argusaugen und interessierten uns dafür, was hier vielleicht anders oder gar besser gemacht wird als bei uns - Inspiration ist ja nie verkehrt. Amüsiert sah ich zum Beispiel, dass die Bandmitglieder, die hier ebenfalls herumliefen und vor allem durch ihr jugendliches Alter (und das perfekte Englisch) auffielen, Backstagepässe trugen, mit denen sie immer wieder in den ersten Stock entschwanden. Eine spätere Nachfrage ergab allerdings, dass die Pässe mitgebracht worden waren und für die ganze Tour verwendet wurden. Dennoch: Backstagepässe, das wäre doch was!

Eine Inspiration, die ich allerdings tatsächlich in die Tat umsetzen möchte, ist die Beschriftung des Essens. Es ist schon recht angenehm, sehen zu können, was genau sich in den Schüsseln mit Brotaufstrich befindet, wenn es nicht ohnehin offensichtlich ist. Außerdem kam das Gastgeberpaar für die Bandankündigung gemeinsam nach vorne, was auch eine Strategie ist, die ich zukünftig gerne selbst anwenden möchte, statt immer alleine herum zu stottern! Sehr gut ist es auch, ein Kleinkind zu haben, das sich fürs Türöffnen begeistern kann - in Mendig erledigte diese Aufgabe der kleine Sohn der Gastgeber, Enno, und war damit deutlich nützlicher als meine Katzen.


Kommen wir zum Konzert. Novo Amor ist eigentlich, soweit ich es verstehe, ein Solokünstler. In Großbritannien hat er durch ein von Axe in einem Werbespot benutztes Cover von "Welcome to the Jungle" eine gewisse Bekanntheit erlangt. Auf der aktuellen Tournee hatte Ali Lacey aber einen Keyboarder, einen Schlagzeuger und einen Gitarristen dabei, außerdem hatte ein weiterer Brite diverse Kameras und war sichtlich bemüht, den Auftritt in der bestmöglichen Form festzuhalten.

Etwas überrascht waren wir über die übersichtliche Setliste, denn sie umfasste nur acht Titel (wobei Ali auch bislang nur eine EP veröffentlicht hat, also verfügt er vielleicht auch einfach nicht über so viel Songmaterial). Nach den beiden Songs "Holland" und "Weather", die er wie alle anderen mit Falsettstimme vortrug, und die an Künstler wie Bon Iver und James Blake erinnerten, kündigte er zudem an, dass er die nächsten zwei Songs allein spielen werde (was er dann mit der Akustikgitarre tat), dann war erst einmal eine Pause eingeplant - die Band hatte vor der Pause also bei genau zwei Titeln mitgespielt.


Anschließend kam nach "Cold" also das Guns N' Roses-Cover, von dem Ali erklärte, dass er deshalb wüsten Beschimpfungen durch Metal-Fans ausgesetzt worden sei, die er wegen der anwesenden Kinder nicht im Detail wiederholen könne (es waren tatsächlich mehrere Kinder im Publikum, wobei diese wohl eher wenig Englisch sprachen). Tatsächlich handelte es sich um die Art Cover, die mir gut gefällt, nämlich eine, die den Ursprungssong völlig neu und interessant interpretiert - ich hätte das Lied ohne die Ankündigung sicherlich nicht erkannt.

Nach weiteren zwei Liedern war das Set dann auch schon beendet, allerdings ließ sich Ali durch die Anwesenheit einer Künstlerin, die auch bereits in diesem Wohnzimmer aufgetreten war, aber mittlerweile in Amsterdam lebt, dazu inspirieren, "Holland" einfach noch einmal zu spielen. Der scherzhaften Aufforderung des Gastgebers, das komplette Set nochmals zu spielen, kam er aber nicht nach.


So fand der perfekt organisierte Konzertabend dann leider ein eher frühes Ende, so dass sich der sicherlich große Aufwand für die Gastgeber nicht in der Auftrittslänge widerspiegelte. Aber es war spannend gewesen, selbst einmal Wohnzimmerkonzertgast zu sein, zumal Gastgeber, Künstler und Wohnzimmer allesamt einen sehr guten Eindruck hinterließen. Zumindest kam der kleine Enno so annähernd rechtzeitig ins Bett.

Setliste:

Holland
Weather
Flay
So We Drift

Cold
Welcome to the Jungle
Callow
From Gold

Holland

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