Im psychedelischen Kaninchenbau: Down The Rabbit Hole Festival 2016, Tag 1

U.

Letztes Wochenende fanden in Deutschland die Festivals Hurricane und Southside statt. Fanden statt? Nun, die Besucher des Hurricane mussten wegen Unwettern die erste Nacht vor Ort im Auto verbringen, während das Southside nach sintflutartigen Regenfällen ganz abgebrochen wurde. Einige Wochen davor waren bei Rock am Ring mehr als 80 Besucher bei Gewittern verletzt worden.

Das führt zu einem leicht mulmigen Gefühl, wenn man sich, wie ich, zeitgleich bei einem Festival befindet! Beim Down The Rabbit Hole in Holland gab es jedoch keine Katastrophenmeldungen dieser Art. Dass alles glatt gelaufen wäre, kann man aber nun auch nicht behaupten.


Bereits einige Tage vor Veranstaltungsbeginn hatten die Festivalorganisatoren bekannt gegeben, dass die als Parkplätze gedachten Wiesen wegen Durchnässung nicht als solche nutzbar seien. Man habe stattdessen andere Parkplätze im nahe gelegenen Nimwegen angemietet, von diesen würden dann alle Festivalgäste mit Pendelbussen zum eigentlichen Gelände gebracht. Viele Informationen gab es dabei nur auf Niederländisch – bei einem niederländischen Festival völlig in Ordnung, und es gibt ja Google Translate, aber vom Nachbarfestival Best Kept Secret waren wir damit verwöhnt worden, sämtliche Informationen auch auf Englisch zu bekommen.

Das war natürlich keine gute Nachricht: Als Campingverweigerer hatten wir uns in einem Hotel eingemietet, das aber nicht in Nimwegen, sondern näher am Festival lag. Nun mussten wir also Festival-täglich einen Umweg machen und zusätzlich die zu erwartende erhebliche Verzögerung durch das Warten auf den Bus in Kauf nehmen. Aber für die Camper, die ihre gesamte Ausrüstung zunächst in einen Bus verfrachten mussten, war diese Nachricht bestimmt schlimmer, dachte ich mir. Am Anreisetag Freitag häuften sich auf Facebook dann Kommentare von Leuten, die seit einer oder zwei Stunden vergeblich auf einen Bus warteten. Das machte wenig Mut.


Im Internet hatte es geheißen, die Parkplätze in Nimwegen seien von der Autobahn aus gut ausgeschildert, und tatsächlich sahen wir bereits bei der Anreise von Deutschland aus, als wir zunächst auf dem Weg ins Hotel waren, ein entsprechendes Schild mit Leuchtschrift. Leider blieb es das einzige – als wir uns später auf den Weg Richtung Nimwegen machten, fanden wir keine Schilder mehr, und nachdem es keinerlei Informationen dazu gegeben hatte, wo diese verdammten Parkplätze sein sollten, kurvten wir lange blind durch die Gegend und fanden schließlich, weit weg von Nimwegen, wieder das ursprüngliche Schild. Wir folgten ihm, fanden weitere Wegweiser, folgten diesen immer weiter und endeten mit mehreren anderen Festival-Suchenden... im Nichts. Offenbar handelte es sich um die ursprünglichen Hinweisschilder zu den gesperrten Parkplätzen!


Am Ende unserer Nerven und Ideen fuhren wir nun einfach doch zum Festivalgelände, wo wir zu unserer großen Überraschung einen funktionierenden Parkplatz vorfanden. Man checkte freundlich unser Parkticket und winkte uns hinein. Allerdings handelte es sich auch bei dieser Wiese um einen Pendlerparkplatz, wenn auch einen, der am Rande des Festivalareals lag. Auch von hier fuhr also ein Bus zum eigentlichen Festival. Auf meine besorgte Nachfrage hin versicherte man mir aber, es sei später möglich, zu diesem Parkplatz zurück gebracht zu werden – schließlich mussten wir ja irgendwann zurück zum Auto und hätten einem Außenstehenden nicht einmal erklären können, wo genau sich diese Wiese eigentlich befand!


Halbwegs erleichtert erreichten wir nach stundenlangem Umherirren also endlich das Festival, bekamen im Handumdrehen unsere Bändchen und mussten dann erst einmal den kompletten Campingplatz durchqueren, um zum eigentlichen Veranstaltungsort zu gelangen. Hier fiel sofort auf, dass sehr viel Müll herumlag – mehr, als man am frühen Abend des ersten Festivaltages erwartet hätte. In der Umgebung der eigentlichen Festzelte war es noch schlimmer und wir erkannten, dass es beim Down The Rabbit Hole kein Becherpfand gibt. Die Leute kauften sich also steigenweise Bier und schmissen die Becher weg, und in den Zelten, die als Konzertbühnen dienten, wurden diese nach jedem Konzert bergeweise und mit erstaunlicher Geräuschentwicklung zusammen gekehrt.


Diese Egal-Haltung ist um so verwunderlicher, weil die Veranstalter sich ansonsten mit der optischen Gestaltung des Geländes unglaublich viel Mühe gegeben haben: Der Bereich der Bändchenkontrolle ist unter einer Stahlkonstruktion, die mit Rasen, Blumen, Bäumen und Windrädern dekoriert ist, wie ein psychedelischer Garten aus einem Drogentraum. Am nahe gelegenen See gibt es ein Wasserrad, nachts werden in einer Art Kunstinstallation Bilder auf einen Wassernebel projiziert (Periscope). Andere Wasserelemente können Besucher selbst durch Trampolinhüpfen steuern. Auf Wiesen stehen steampunk-artige, sich drehende Holzelemente, es gibt zahlreiche Sitzbereiche mit Liegestühlen und das ganze Areal ist so gestaltet, dass man auch nach zwei Tagen Aufenthalt immer wieder um eine Ecke biegen und etwas Neues entdecken kann.


Zwischen den Verkaufsständen finden auch Workshops statt, man kann beispielsweise aufwändig verzierte Floße bauen. Es gibt mehrere „Minidiscos“, eine „Kirche“, in der Dinner Shows veranstaltet werden, Kneipen, Cafés, eine „Speakers’ Corner“ und auch, unter einem Baldachin, Filmvorführungen. Nur geht man eben meist über eine knackende Plastikbecherschicht...


Durch unsere späte Anreise, die lange Suche nach dem Parkplatz und das Warten auf den Bus hatten wir die meisten Musikacts des Freitags bereits verpasst. Eigentlich hätten wir gerne Oscar und Sivert Hoyem  gesehen, aber deren Konzerte waren längst vorbei. Also ignorierten wir den Auftritt von Mac De Marco, suchten uns etwas zu Essen und begaben uns ins Hauptzelt „Hotot“, wo schon ein kleines Grüppchen vor der Bühne auf PJ Harvey wartete. Alle Bühnen sind nämlich Zelte mit Namen von Kaninchenrassen, deren Fassungsvermögen nicht dem (von uns) erwarteten Interesse an den Hauptacts entspricht – also sollte man zeitig vor Ort sein. Die kleine Zuschauergruppe wuchs schnell, und schon bald war es im vorderen Publikumsbereich ganz schön eng – na ja, zumindest spürte man so die draußen langsam aufziehende Kälte nicht.


PJ Harveys Musik mag ich ehrlich gesagt nicht sonderlich, sie war mir immer zu anstrengend und wehklagend – wobei sich das in jüngeren Jahren ja etwas geändert hat. Nur das Duett mit Nick Cave, „Henry Lee“, fand ich immer toll, aber mit einem Gastauftritt des Australiers war eher nicht zu rechnen. Immerhin hatte Frau Harvey jedoch zahlreiche berühmte Bandmitglieder dabei, darunter auch das ehemalige Bad Seeds-Bandmitglied Mick Harvey, außerdem ihren langjährigen Mitmusiker John Parish und der berühmte Blasmusiker Terry Edwards, der bei „The Ministry of Defence“ zwei Saxophone gleichzeitig spielte und mehrfach Raum für Soli erhielt.


Die Band, insgesamt waren sie zu zehnt mit Harvey als einziger Frau, lief mit Trommeln und Blasmusik als „Marching Band“ auf der Bühne ein. Alle waren in schwarz gekleidet und Polly Harvey spielte Saxophon – nachdem ich damit nicht gerechnet hatte, war ich mir im ersten Moment auch gar nicht sicher, ob es sich bei der Saxophonistin überhaupt um PJ Harvey handelte. Tatsächlich spielte man bereits den Anfang des ersten Liedes „Chain of Keys“, Polly trat schon bald samt Saxophon ans vorderste Mikrophon und alle Zweifel waren beseitigt. Sie trug ein Oberteil mit flatterigen, extrem langen Ärmeln, einen sehr kurzen Rock und Ankle Boots, dazu einen Haarschmuck mit Federn. Wie bereits in den 90ern in der Presse thematisiert wurde, ist Polly Harvey nach wie vor extrem schlank. Sie sieht auch nicht viel älter aus als vor 20 Jahren. Die gesammelten Männer bildeten (abgesehen davon, dass sie ihre Instrumente spielten) einen Chor, der häufig mit ihr in einen gospelartigen Wechselgesang trat.


Die Bühnenshow war recht minimalistisch gehalten: Es gab kaum auffällige Beleuchtung, als Hintergrund diente eine Projektion, die wie eine Betonwand mit Wabenstruktur wirkte.  Bei den Songs und den Posen und ausladenden Gesten PJ Harveys hatte man allerdings den Eindruck, alles sei ganz genau durchdacht und geplant. Der Gesang war perfekt, und Harveys Saxophon kam öfters zu Einsatz – in den ersten Liedern ständig, später wieder bei „The Wheel“ und „50ft Queenie“. Gitarre spielte sie dagegen, anders als erwartet, überhaupt nicht. Der Auftritt wurde von mehreren Kameras aufgezeichnet, es gab aber keine Videoleinwände – vielleicht sieht man die Hauptacts ja auch im niederländischen Fernsehen.


Gesprochen wurde auch so gut wie nicht: Lediglich nach „The Words That Maketh Murder“ sagte Harvey, der letzte Tag (an dem Großbritannien sich entschloss, die EU zu verlassen) sei für viele sehr verrückt gewesen, und sie las als Kommentar John Donnes Gedichtausschnitt „No Man Is An Island“ vor. Danach folgte „The Glorious Land“, was angesichts dessen Textes ( Our lands is ploughed by tanks and feet, Feet Marching) sicherlich auch in den Brexit-Kontext gesetzt werden sollte. Die markante Trompete, die den Song in der aufgenommenen Version kennzeichnet, fehlte allerdings live – erstaunlich, da ja eigentlich reichlich Blasmusiker anwesend waren.


Die Setliste fokussierte sich hauptsächlich auf die letzten beiden Alben Harveys, erst das zehnte Lied, „Under the Ether“, kam von einer früheren Veröffentlichung (nämlich „White Chalk“). Mit „50ft Queenie“ und „Down by the Water“ folgten dann wenig später sicher ihre beiden bekanntesten - und ebenfalls alten - Lieder, die auch am besten beim generell sehr positiv gestimmten Publikum ankamen. Bei „Down by the Water“ fielen auch zahlreiche Besucher in den Wechselgesang des Songs mit ein.

Das Set endete mit „To Bring You My Love“, bei dem John Parish allein im Rampenlicht stand, und „River Anacostia“, bei dem alle Musiker singend und ohne ihre Instrumente vorne an den Bühnenrand traten.


Die Show wirkte, als sei sie sehr genau choreographiert, keine Geste oder Bewegung von PJ Harvey oder ihren Bandmitgliedern wirkte spontan oder improvisiert. Entsprechend waren Musik und Gesang geradezu perfekt und entschädigten für den suboptimalen Einstieg ins Festival.

Setliste:

Chain of Keys
The Ministry of Defence
The Community of Hope
The Orange Monkey
A Line in the Sand
Let England Shake
The Words That Maketh Murder
No man is an island (poem by John Donne)
The Glorious Land
Medicinals
When Under Ether
Dollar, Dollar
The Wheel
The Ministry of Social Affairs
50ft Queenie
Down by the Water
To Bring You My Love
River Anacostia


Nach Konzertende machten wir uns in einem riesigen Menschenpulk auf den langen Weg über den Campingplatz nach draußen und waren gespannt, ob wir dort tatsächlich einen Bus finden würden, der uns zum Parkplatz bringen könnte. Tatsächlich standen vor dem Gelände ein paar Reisebusse und zwei wenig auskunftsfreudige Parkwächter, laut denen ausschließlich die Busfahrer über ihre Ziele Auskunft geben konnten. Wir fanden dann einen, der nach meiner hochdetaillierten Erklärung zum Standort unseres Autos („the parking lot that’s close to here!“ – so hatte der Busfahrer der Hinfahrt es mir aufgetragen) meinte, er werde dort zwar nicht hinfahren, könnte uns aber unterwegs absetzen. So geschah es auch, und nach einem etwas aufregenden, fünfminütigen Fußmarsch durch die ländliche Finsternis, während dem wir nicht sicher waren, ob wir zum richtigen Ort unterwegs waren oder gleich nur in einer dunklen, abgelegenen Wiese stehen würden, fanden wir unser Auto tatsächlich wieder.


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