Neulich in Schweden: Stockholm Music & Arts, Tag 2

U.

Der zweite Festivaltag begann für uns mit Kunst. Mit dem Festivalbändchen am Arm durfte man nämlich umsonst die Ausstellung der Künstlerin Yayoi Kusama besuchen, aber nur vormittags zwischen 10 und 12. Mir gefielen die Werke der Japanerin, die ich vorher gar nicht kannte, sehr gut – aber ich werde separat darüber berichten. Auf dem Weg zum Festival joggte uns übrigens Rufus Wainwright entgegen.


Unser erster musikalischer Tagesordnungspunkt war erst eine Woche vor dem Festival bekannt gegeben worden: Patrick Wolf war wie auch Mogwai eine Bestätigung der letzten Minute gewesen. Während Mogwai aber einen Beinahe-Headliner-Slot am Samstagabend ergattert hatten, blieb für Patrick Wolf nur der weniger attraktive Mittagstermin. Kurz vor 12 verließen wir deshalb das Museum und stellten erstaunt fest, dass sich am Festivaleinlass eine lange Schlange gebildet hatte. Nachdem der Auftrittsbeginn von Patrick Wolf unmittelbar bevor stand, machten wir uns Sorgen, das aber grundlos: In dem kleinen Bereich gab es noch genügend Platz für uns, und den Anfang hatten wir, Dank verspäteten Beginns, auch nicht verpasst.


Patrick Wolf war mir vorab hauptsächlich als Sänger von „The Magic Position“ bekannt. Ein bisschen klassische Popmusik konnte ich mir an diesem sonnigen Samstagmittag gut vorstellen. Herr Wolf sich allerdings weniger: Zunächst erschien er überrascht, dass überhaupt Menschen zu seinem  Auftritt erschienen waren (12 Uhr schien ihm selbst wohl eigentlich zu früh zu sein). Außerdem hatte er die letzten Monate weitgehend allein verbracht, keine Konzerte gespielt und erwähnte, es sei sehr seltsam für ihn, nun mit so vielen Menschen zusammen zu sein. Und auch mit der Fröhlichkeit schien es einfach nicht zu klappen: Er wählte seine Songs offenbar spontan von einer dreiseitigen, alphabetisch geordneten Liste aus und entschuldigte sich in der Mitte des Sets dafür, dass ihm an diesem schönen Sommertag nur schwermütige Lieder einfielen, aber so sei es nun einmal.


Wolf hat aktuell schwarz gefärbte Haare, die er immer wieder versuchte, in Form zu bringen. Gleiches galt für seine Gitarren, die er ständig stimmen musste. Das Angebot, einfach alle Songs auf dem Klavier zu spielen, wurde vom Publikum nicht angenommen. Er trug ein übergroßes T-Shirt, das vorne durch ein langes Tuch verlängert wurde – was sich angesichts der Temperaturen zum Hände abwischen als recht praktisch erwies. Für die dicken Wollsocken in den bunten Doc Martens Stiefeln trifft das wohl nicht zu.


Aus Zuschauersicht machte das Konzert trotz des offenbar melancholischen Künstlers Spaß. Wolf wechselte, wie so viele Künstler dieses Festivals, zwischen Gitarre und Klavier hin und her und loopte gelegentlich Musikteile, einmal auch die Klänge einer Geige. Auch „The Magic Position“ bekamen wir schließlich zu hören, allerdings nicht in der fröhlichen Version, die wir als Aufnahme kannten. Wegen des allzu prallen Sonnenscheins vor der Bühne flüchtete ich mich nach der Hälfte des Konzerts in den Schatten eines Baums und nahm den Rest dann nur noch akustisch wahr. Die letzten beiden Lieder, „Armistice“ und „Augustine“, waren Publikumswünsche, mein Freund hätte sich, nicht nur wegen des Wetters, zusätzlich „The Sun Is Often Out“ gewünscht.

Setliste:

Bluebells
He Had A long Chain On (Jimmy Driftwood Cover)
?
Wolf Song
Teignmouth
Theseus
The Magic Position
Oblivion
Armistice
Augustine


Vielleicht lag es ja an der Sonne, auf jeden Fall bekam ich nach dem ersten Konzert des Tages einen Migräneanfall, und wir gingen erst einmal ins Hotel zurück (was sich angesichts des an diesem Tag in Stockholms Straßen wummernden Christopher Street Days als gar nicht so einfach erwies). Das Festivalgelände betrat ich, mit Tabletten gestärkt, erst wieder am frühen Abend, rechtzeitig für Anna von Hausswolffs Auftritt auf der Hauptbühne.


Die ungewöhnliche Sängerin, bei der Optik und Musik so gar nicht zusammen passen wollen, hatte ich bereits einmal in Wien gesehen und wusste somit, was mich erwartet: Nichts Kopfschmerzfreundliches. Dafür hatte Anna auch ihre Schwester Maria dabei, als Backgroundsängerin, so lernte man immerhin einmal die Familie kennen (und so viel von ihren schwedischen Ansagen konnten wir verstehen).


Der düstere Progrock (das sollte das Konzept des Abends werden) passte nur bedingt zu den sommerlichen Verhältnissen in Stockholms Hafen. Reichlich Nebel half da auch wenig. Anna und ihre Mitmusiker verloren sich in schier endlosen Instrumentalstücken, so dass am Ende meiner Mitschriften das eine oder andere Fragezeichen in der Setliste stehen bleiben musste. In Erinnerung bleiben der fünfte Titel, bei dem die Schwestern abwechselnd minutenlang schrien, und „Stranger“, für das Anna von Hausswolff erstmals hinter ihrem Keyboard hervor trat und an den Bühnenrand trat. Dabei konnte man auch gut sehen, dass die kleine, zierliche, blonde Frau ein auffälliges schwarzes Samtcape trug.


Bei bis zu zehnminütigen Liedern ist es vermutlich schwer, seine Setliste so zu planen, dass sie ins vorgegebene Zeitschema passt. Daher schlich in der Mitte des letzten Liedes ein aufgeregter Mitarbeiter des Festivals zu Anna von Hausswolff, um ihr mitzuteilen, dass ihre Zeit bereits überschritten war. Als dann die letzten Töne dieses epischen Liedes verklungen waren, stürzte er erneut auf die Bühne, um alle Verstärker auszuschalten. Ob er wohl auch Kopfschmerzen hatte? Leider brachte er uns um den poppigsten Song, „Mountains Crave“.

Setliste:

Drone
?
Discovery
The Hope Only of Empty Men
?
Deathbed
Evocation
Stranger
?


Hinterher konnte man die Stöpsel gleich in den Ohren lassen, denn als nächstes waren Mogwai angekündigt – die schottische Band spielte allerdings einen Soundtrack, weshalb ihr Auftritt nicht mit dem zu vergleichen war, den ich letztes Jahr beim Maifeld Derby erlebt hatte.


Nachdem der zugehörige Film parallel auf der Bühne gezeigt wurde, vergaß man fast, dass man einem Konzert beiwohnte – die Musik wurde zur passenden Untermalung der Filmszenen der Dokumentation „Atomic: Living in Dread and Promise“. Der Film zeigte die verschiedenen Facetten der Atomkraft, sowohl hinsichtlich ihrer Verwendung als Waffe als auch ihrer Nutzung als Energiequelle. Die Botschaft ist dabei eindeutig: Atomkraft bringt den Menschen seit Jahrzehnten weit mehr Schaden und Leid als Nutzen, und es ist endlich Zeit, ihr vollständig den Rücken zu kehren. Allerdings wurden auch positive Aspekte, wie etwa die Strahlentherapie, erwähnt.


Die Band saß die ganze Zeit unterhalb der riesigen Leinwand, hatte zwischendurch reichlich Zeit, Whisky zu trinken und konnte den Film, den sie vermutlich in- und auswendig kennt, auf mehreren extra für sie angebrachten Monitoren mitbetrachten. Vermutlich ist es Mogwai-Tradition, dass Stuart Braithwaite das Konzert beendet, indem er die Saiten von seiner Gitarre reißt. So auch dieses Mal.

Setliste:

Ether
Fat Man
Scram
Fat Man 2
Bitterness Centrifuge
U-235
Pripyat (no drums)
Weak Force
Pripyat
Little Boy
Roof
Are You A Dancer?
Tzar
Fat Man 3


Headliner dieses bombastischen Abends waren dann Sigur Rós. Während die Bühne für die Isländer umgestaltet wurde, rätselten wir ein wenig darüber, was all die Bauten zu bedeuten hatten, die da auf die Bühne gebracht wurden: Es gab viele Metallgerüste, aber auch eine halbtransparente Videowand, wobei sich sowohl vor als auch hinter dieser Musikinstrumente befanden. Hinter der Bühne blieb die große Videowand, auf der wir vorher den Mogwai-Film gesehen hatten.


Tatsächlich spielte die Band, die seit einiger Zeit zum Trio geschrumpft ist, nur die ersten beiden Songs hinter der Videowand, die sich dann anhob und hinter den Musikern wieder herunter sank. Die Leinwand hinter den Musikern zeigte von Lied zu Lied unterschiedliche Bilder, die teils so mit den leuchtenden Gerüsten auf der Bühne harmonierten, dass man glauben konnte, die Bühne bewege sich als Schiff durch eine Landschaft (vielleicht haben auch die Migränetabletten zu diesem Eindruck beigetragen). Visuelle und künstlerische Effekte sind der Band durchaus wichtig: Orri Páll Dýrason und Georg Hólm zeigen aktuell auf der Website der Tate Modern einen interaktiven Kunstfilm.


Die Musiker eröffneten das Set mit „Óveður“, dem einzigen neuen Song des Abends und spielten auch noch, für die Zuschauer nahezu unsichtbar, "Starálfur". Der Schlagzeuger Orri hat sich mittlerweile eine lange Mähne wachsen lassen und benutzte für die ersten beiden Titel eine Art Electronic Drum Kit, wie man es aus den 80er Jahren kennt. Beide Entscheidungen konnten wir nicht ganz nachvollziehen.


Dann traten die Musiker unter großem Applaus hinter der Abgrenzung hervor und spielten mit "Sæglópur" und "Glósóli" zwei Lieder aus dem Album "Takk...". Es folgte eine Art Best-Of-Programm, das aufgrund der Videoanimationen keinen Raum für spontane Variationen der Setliste bereit hielt. Wie üblich, fand keine Kommunikation mit dem Publikum statt, auch wenn Sänger Jónsi Birgisson im Verlauf des Konzerts mehrmals an den Rand der Bühne stürmte und mit weit aufgerissenem Mund etwas zu rufen schien - hören konnte man das aber ohne Mikrophon nicht. Die meiste Zeit bearbeitete er seine Gitarre mit dem Geigenbogen, bei "Kveikur" schlug er damit wiederholt so heftig auf die Gitarre, dass er zerbrach.


Als Bassist Georg Hólm anschließend zu einem Drumstick griff und einen Rhythmus auf seinem Bass klopfte, war klar, dass "Hafsól" folgen sollte. Ritueller Abschluss eines Sigur Rós-Konzertes ist stets "Popplagið", ein sich über 15 Minuten aufbauendes und in ein Krach- und Lärmgewitter kulminierendes Lied, bei dem Leinwände, Stroboskoplichter und leuchtende Gerüste, genau wie die drei Musiker, nochmals alles gaben.

Setliste:

Óveður
Starálfur
Sæglópur
Glósóli
Vaka
Ný Batterí
E-Bow
Festival
Yfirborð
Kveikur
Hafsól
Popplagið



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