Neulich in der Lüneburger Heide: A Summer's Tale, Tag 4

U.

Wie bereits erwähnt, hatte das A Summer’s Tale Festival bei weitem mehr zu bieten als Musik, insbesondere wurden auch Filme gezeigt, es gab Vorträge und Autorenlesungen. Leider waren diese Programmpunkte meist recht früh am Tag angesetzt – die Filme meist schon gegen 10 – was für uns, die wir nicht auf dem Festivalgelände übernachteten, den Besuch erschwerte. Immerhin blieben wir im Allgemeinen bis zum letzten Musik-Act, das heißt bis Mitternacht, da wollte man nicht unbedingt um 10 Uhr morgens wieder im Zelt stehen (und dann weitere 14 Stunden herumstehen und -laufen).

Dass die Sache so organisiert war, ist aber verständlich: Schließlich wollten die Organisatoren über den ganzen Tag verteilt Events anbieten, und parallel zu Konzerten wäre das Zeigen von Filmen und auch das Vorlesen sicherlich schwierig gewesen.


Eine Lesung haben wir dann aber doch besucht: Der Festivalsamstag begann für uns mit Jochen Distelmeyer, Sänger der Band Blumfeld. Distelmeier hat einen Roman namens Otis geschrieben, aus dem er einer großen Schar von Interessenten auf der sehr schönen Bühne „Grüner Salon“ vorlas. Über den „offiziellen“ Zuschauerbereich waren viele mit Picknick- und Krabbeldecken gekommen und hörten von der umliegenden Wiese aus zu.


Distelmeyer trug zunächst die ersten Seiten des Romans offenbar auswendig vor, was uns einigermaßen merkwürdig erschien. Er erklärte dann, er habe eigentlich ein Album zum Leitmotiv der Odyssee schreiben wollen und habe den Roman zunächst als Songtext begonnen, den er im Kopf quasi mit sich herum trug. Erst als der Text bereits 100 Seiten lang war, kam er zu der Erkenntnis, dass er nicht an einem musikalischen Werk arbeitete. Er sah seinen Roman aber in der Tradition mündlich weiter gegebener nicht transkribierter Lieder-Epen wie eben der Odyssee oder auch der Musik von John Lee Hooker.


Der Roman um einen frisch getrennten Protagonisten namens Funke ist einigermaßen komplex aufgebaut, denn Funke arbeitet selbst an einem Roman zum Thema Odyssee, auch ein Theaterstück (das der Protagonist sich ansieht) hat Distelmeyer extra für den Roman geschrieben. Distelmeyer las und erklärte viel über Grundlagen und Hintergründe der Geschichte, musste ein paarmal über seine eigenen Witze lachen und entschuldigte sich jedes Mal dafür. So verging die Zeit schnell, und er war recht überrascht, als ihn jemand darauf hinwies, dass er nur noch zehn Minuten Zeit habe. Darauf zückte er die Gitarre und spielte noch schnell zwei Coverversionen, die anscheinend fester Bestandteil seiner Lesungen sind, nämlich „I Read A Lot“ von Nick Lowe und „Toxic“ von Britney Spears.

Die Lesung machte dank der interessanten Erklärungen sowie dem Lesetalent von Distelmeyer großen Spaß.


Hinterher gingen wir quasi zu alten Bekannten, Hundreds sollten den Samstag auf der Festivalbühne eröffnen. Als statt Philip ein junger Mann den Soundcheck am Piano absolvierte, hielt ich diesen noch für den Bühnentechniker, doch zu unserer Überraschung waren Hundreds haute mit anderer Besetzung da: Der junge Mann wurde als Sascha vorgestellt, der heute Philips Piano-Parts übernehmen würde, da dieser keine Zeit habe.

Das Set war als „Tame the Noise“ angekündigt gewesen, was bedeutet, dass Hundreds wie kürzlich in Frankfurt reduzierte Versionen ihrer Lieder spielen wollten. Das schien aber nicht der Fall zu sein, es wurden eher die Albumversionen gespeilt, lediglich die Lichtshow (die ebenfalls ein Unterscheidungsmerkmal zwischen beiden Sets ist) fehlte wie bei „Tame the Noise“ üblich.


Abgesehen von Philips Abwesenheit war alles wie gehabt, Florian trommelte und Eva sang und tanzte. Riesig war die anwesende Zuschauermenge leider nicht, vielleicht war das Zeitfenster für ein elektronisches Set doch etwas früh gewählt gewesen. Hundreds funktionieren ohne Tageslicht einfach besser.

Das vorletzte Lied „Grab The Sunset“ kündigte Eva als „etwas zum Tanzen“ an, danach verbeugten sich alle und Florian verließ die Bühne. Sascha wollte schon mit, aber Eva rief ihn mit den Worten „Wir beide spielen noch eins!“ zurück. Es folgte noch die Björk-Coverversion „Who Is It“, wie in Frankfurt von Evas Geschichte begleitet, dass sie sich einst als Björks Au Pair-Mädchen beworben hat – Evas Fan-Bewerbungsbrief blieb damals unbeantwortet, allerdings verbindet die beiden laut Evas Aussage seitdem eine tiefe Freundschaft, von der Björk allerdings nichts weiß.


Setliste:

(Intro)
Beehive
Fighter
Rabbits on the Roof
Stones
Ten Headed Beast
Let's write the Streets
Please Rewind
Happy Virus
Grab the Sunset
Who is it


Nach Hundreds schauten wir eher im Vorbeigehen bei Waxahatchee  im Zeltraum vorbei. Die Musikerin aus Brooklyn hatte mich beim Maifeld Derby wenig beeindruckt, weshalb ich an einer weiteren Begegnung nicht interessiert war. Immerhin erwischten wir bei unserer Stippvisite ausgerechnet das laut meinem Freund beste Lied „Under A Rock“, und ich muss zugeben, dass ich dieses Mal weniger genervt war. Nicht einmal an ihrer Kleidung hatte ich dieses Mal etwas auszusetzen. Das kann aber an der kurzen Aufenthaltsdauer gelegen haben.


Weiter ging es mit der Schweizerin Sophie Hunger auf der Festivalbühne. Frau Hunger löst bei so vielen Menschen so viel Begeisterung aus, dass es mir beinahe banausenhaft erscheint, zuzugeben, dass mich ihre Musik ziemlich kalt lässt. Aber wenn man schon einmal da war, konnte man ja testen, ob das Live-Erlebnis etwas ändern würde.

Frau Hunger singt sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch, die Mitglieder ihrer Band, die sie irgendwann allesamt als „der wundervolle Mister...“ vorstellte, scheinen mehrheitlich frankophon zu sein. Die Sängerin wirkte auf mich durchaus sympathisch, etwa wenn sie die Bandvorstellung mit den Worten „die machen, dass es klingt, als ob ich krass gut wäre“ einleitete. Mit ihren Liedern kann ich aber dennoch nicht sonderlich viel anfangen – mit den deutschsprachigen im Vergleich noch etwas mehr.


Ganz schlimm ist „Superman Woman“, ein Pop-Jazz-Lied, das wahrlich die Ohren quält. Herrje. Aber ihr schwarzes Kleid gefiel mir sehr gut. Hunger war eine der wenigen Musikerinnen, die eine Zugabe gab. Diese umfasste zwei Lieder, „Walzer für Niemand“ und „1983“, und war offensichtlich in der Gesamtzeitplanung des Sets enthalten gewesen.

Setliste:

Supermoon
Fathr
Love Is Not the Answer
?
Spaghetti mit Spinat
Das Neue
Die ganze Welt
Queen Drifter
Superman Woman
?

Walzer für Niemand
1983


Anschließend standen wir schon früh wieder vor der Festivalbühne herum, um einen möglichst guten Stehplatz mit Sicht auf Tori Amos zu erhaschen. Ihrer war einer der Auftritte, auf die ich mich im Vorfeld des Festivals am meisten gefreut hatte. Zwar mag ich nur das erste Album der Sängerin (das bereits 23 Jahre alt ist) so richtig, aber das wirklich sehr – und ich hatte auch gehört, ihre Live-Shows seien recht spektakulär.

Anders als bei Damien Rice zwei Abende zuvor rechneten wir bei Tori nicht mit einer Begleitband – der Trend geht eindeutig zum Ein-Personen-Headliner! Auf der Bühne stand bereits ein gewaltiger Bösendorfer-Flügel, bei dem wir uns fragten, wann er wohl gestimmt worden war (auf der Bühne ja sicherlich nicht), gegenüber war ein weniger auffälliges Keyboard und dazwischen eine Sitzbank, von der aus Tori beide Instrumente bedienen konnte, je nachdem, in welche Richtung sie sich setzte.


Ein wenig zu spät betrat dann auch Frau Amos die Bühne, sie war kleiner als erwartet, trug eine Brille, gewaltig hohe Absätze und ein flatteriges, rotes Oberteil, das im Sitzen ein wenig wirkte wie ein Superheldencape - es harmonierte auch - sicherlich beabsichtigt - mit den Flatterstoffbahnen, die im Bühnenhintergrund aufgehängt worden waren.

Los ging es mit einer Show, bei der ich wie erwartet viele Songs nicht kannte, wobei Toris Gesamtwerk zum einen sehr umfangreich ist und sie zum anderen zahlreiche Coverversionen spielte (von Liedern, die ich häufig ebenfalls nicht kannte). So ging das Konzert gleich mit einem Joe Jackson-Song los, „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana erkannte selbst ich, aber die Ansage, dass wir Lied Nummer 5 sicherlich kennen würden und gerne mitsingen dürften, stürzte nicht nur meinen Begleiter und mich in tiefe Verwirrung. Später erfuhren wir, dass es sich bei „Tiny Dancer“ um einen Elton John Song handelte.


Tori Amos nutzte ihre beiden Instrumente auf kuriose Weise. Sie hatte je ein Bein auf jeder Seite des Schemels und wechselte häufig zwischen Flügel und Keyboard hinterher, teils spielte sie auch mit je einer Hand beide Instrumente gleichzeitig. Mehrmals wechselte sie während einer langen Gesangsnote, die sie an einem Instrument begann, schnell wechselte und am anderen zu Ende sang.  Dazwischen gab es immer mal wieder einen freundlichen Blick Richtung Publikum.

Auf beiden Instrumenten befanden sich mehrere Zettel, die offenbar Texte enthielten, und die gelegentlich vom Wind durcheinander gewirbelt wurden. Als sie einen von ihnen mit einer Klammer fixierte, erklärte Tori: „I'm a bit menopausal so I forget everything. That's ok, menopausal is sexy too. Just you wait until you get to 52.“ Vor einem weiteren Cover, „Do It Again“ von Steely Dan, sagte sie: „I haven't played this in a long time - it could be a disaster but we're in this together“


Wie wir es bereits bei Damien Rice erlebt hatten, war auch heute das Publikum mucksmäuschenstill und auf die Musik konzentriert. Ob das Tori Amos auffiel, weiß ich nicht, sie war jedenfalls äußerst freundlich: Zu Begrüßung hörten wir, sie liebe Deutschland und „this magical forest“, außerdem handele es sich um ihr letztes Konzert für eine ganze Weile, weshalb dieser Abend etwas Besonderes für sie sei – und dass sie uns vermissen würde. Später behauptete sie gar, sie würde uns alle gerne mit nach Hause nehmen, wir könnten in ihrem Hof leben und gemeinsam Marshmallows grillen.

Insgesamt war ich sehr glücklich mit meinem ersten Tori Amos-Konzert, selbst, wenn ich viele Songs nicht kannte und „Silent All These Years“ leider nicht gespielt wurde. Tori Amos ist eine Künstlerin, deren Bühnenpräsenz es spielend schafft, ein großes Publikum in ihren Bann zu ziehen. Nach Damien Rice mein Lieblingsauftritt beim A Summer’s Tale.


Setliste:

Real Men (Joe Jackson cover)
Beauty of Speed
Smells Like Teen Spirit (Nirvana cover)
Crucify
Tiny Dancer (Elton John cover)
Mountain (intro "Star Whisperer")
Girl
The Boys of Summer (Don Henley cover)
A Sorta Fairytale
Cruel/Sweet Sangria/Unrepentant Geraldines
Amber Waves
Spark
Do It Again (Steely Dan cover)
Mr Zebra
Tear in your Hand
Cornflake Girl


Nach Tori Amos war unser Festivalbesuch noch nicht einmal annähernd beendet. Als nächstes eilten wir in den Zeltraum, wo nun Yann Tiersen vor einem ausgesprochen dicht gefüllten Zuschauerraum auftrat. Der französische Musiker ist vor allem für Soundtracks bekannt, und einige Zuschauer riefen gelegentlich hoffnungsvoll nach „Amélie“, seinem wohl bekanntesten Soundtrack-Werk. Aber diese Zeiten sind anscheinend vorbei. Was wir an diesem Abend präsentiert bekamen, war recht rockig und erinnerte in manchen Momenten an Mogwai.

Neben Tiersen befanden sich auf der stark umnebelten Bühne drei Mitmusiker und je ein Sänger und eine Sängerin. Einige Lieder mit Gesang konnte ich nicht einmal einer Sprache zuordnen, geschweige denn verstehen - um so erfreuter war ich, dass wie nach dem Konzert einen Setlistenausdruck fanden. Ein Mitschreiben der Songs war mehr oder weniger unmöglich.


Tiersen selbst spielte je nach Song verschiedene Instrumente: Keyboard, Gitarre, Geige, Melodika, Retro Synthesizer und auch Glöckchen. Ein Lied, „Lights“ trug er zunächst allein an der Gitarre vor (und sang selbst), einmal spielte er ein ganzes Stück, „On The Wire“, allein auf seiner Geige.

Am Ende sagte er, das Konzert sei das letzte der aktuellen Tournee und danke verschiedenen Helfern. Als Zugabe hörten wir noch „Ashes“, das alle Musiker gemeinsam a capella am Bühnenrand sangen.


Auch Yann Tiersen Auftritt war ein schönes Erlebnis, zumal ich mir im Vorfeld eher etwas Langweiliges vorgestellt hatte. Aber Feierabend hatten wir noch immer nicht...

Setliste: 

Meteorites
Ar maen bihan
A Midsummer Evening
Palestine
Dark Stuff
La Crise
Steinn
In Our Minds
Chapter 19
Grønjørð
The Gutter
The Crossing
Vanishing Point
Lights
On the Wire
Le Quartier

Ashes


Denn als letzte Band des Tages und auch letzter Headliner des Festivals standen für die Festivalbühne nun Calexico auf dem Programm. Das Publikum hatte sich verglichen mit früher bereits etwas gelichtet, offenbar waren manche Festivalgäste bereits auf der Heimreise – was nun aber auch nicht bedeuten soll, dass Calexico vor einem leeren Zuschauerraum spielten.

Die amerikanisch-mexikanische Band hatte im Bühnenhintergrund das Cover ihres aktuellen Albums „Edge of the Sun“ aufgehängt. Auf der Bühne befanden sich sieben Musiker, und neben dem „Hauptsänger“ Joey Burns, der für die englischsprachigen Lieder zuständig war, trat auch Jacob Valenzuela ans Mikrophon, wenn spanischsprachige Lieder am Start waren. Für „Fortune Teller“ stieß dann noch eine Geigerin namens Anna zur Band, die dem Publikum enthusiastisch als alte Bekannte vorgestellt wurde.


Eine Überraschung gab es dann bei „Not even Stevie Nicks / Love will tear us apart“, als ein zusätzlicher Sänger die Bühne betrat und den Joy Division-Song sang. Es handelte sich um den deutschen Schauspieler Tom Schilling, der am Vormittag seinen Film „Oh Boy“ vorgestellt hatte. Das beste Lied des Auftritts war für uns die Coverversion „Alone Again Or“ von Love.

Dem verbleibenden Publikum gefiel Calexico sehr gut, viele tanzten und wiegten sich zu den meist trompetenlastigen Liedern. Wir konnten mit dem Musikstil weniger anfangen, sahen uns das Set aber zufrieden an, bevor wir das Festivalgelände ein letztes Mal Richtung Hotel verließen.


Setliste:

Frontera / Trigger
Falling from the Sky
Cumbia de donde
Maybe on Monday
Roka (Danza De La Muerte)
Bullets & Rocks
Fortune Teller
Minas de Cobre
Inspiración
Miles from the Sea
Not even Stevie Nicks / Love will tear us apart
Splitter
Alone again or
Corona
Güero canelo

Zeit, für ein kleines Festival-Fazit: Ich fand das A Summer’s Tale extrem gelungen. Es ist zwar wenig Rock ’n’ Roll-mäßig, wenn man überall Kleinkinder sieht, alle ihren Müll in die Mülleimer werfen, so gut wie jeder Rücksicht auf die anderen nimmt und immer alle gespannt den Bands lauschen, statt sich beispielsweise am Crowdsurfing zu versuchen. Aber seien wir ehrlich: Das ist alles, speziell wenn man jenseits der 30 ist, unglaublich entspannend. Wir waren ja nicht auf dem Campingplatz, aber ich stelle mir vor, dass es auch dort um einiges ruhiger und rücksichtsvoller zuging, als man das bei anderen Festivals gewöhnt ist.

Das A Summer’s Tale fühlte sich, gerade auch mit seinen Zusatzangeboten wie Yoga und Kanufahren, und aufgrund der großzügigen Gestaltung mit vielen Möglichkeiten, sich niederzulassen, mehr wie Urlaub an als jedes andere Festival, das ich je besucht habe. Ich habe einige großartige Auftritte gesehen und bin fast traurig, dass ich viele der Lesungen und Vorträge verpasst habe. Es gibt einige Kleinigkeiten, die man besser organisieren könnte (mehr dazu in meinem noch folgenden Bericht zum Thema Essen), aber wenn man bedenkt, dass dies eine Festivalpremiere war, gibt es doch erstaunlich wenig zu meckern.

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