Ein weiterer Podcast - und meine imaginären Freunde

U.

Ich weiß nicht, wie anormal das eigentlich ist, also frei heraus damit: Ich habe imaginäre Freunde. Damit meine ich nun nicht die unsichtbare Variante, die viele Kinder in jungen Lebensjahren kultivieren (ich selbst meines Wissens nicht), sondern lebende Menschen, die atmen, denken und Wein trinken... allerdings ohne dabei zu wissen, dass sie mit mir befreundet sind, oder auch nur, dass ich existiere.

Letztlich würde ich hier vermutlich weniger deutlich seltsam dastehen, wenn ich mich einfach als ganz normaler Fan darstellen würde, und die Unterschiede sind zugegebenermaßen klein. Nehmen wir beispielsweise Stefan Niggemeier: Woher ich den Medienjournalisten kenne, weiß ich gar nicht mehr, jedenfalls las ich seine Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und später auf seinem Blog meist mit häufigem Kopfnicken und dem Gefühl "Ja, der hat Recht, mit dem würdest Du Dich gut verstehen!" Hauptsächlich wegen Niggemeier wurde ich vor einigen Jahren zahlende Unterstützerin des Journalistenprojekts "Krautreporter" und stieg nach einem Jahr wieder aus, als er das tat. Dass ich bislang keine Kundin seines neuen und sicherlich lesenswerten Projekts "Übermedien" bin, verraten wir ihm bitte nicht, ok?


Als Privatfernsehzuschauerin der ersten Stunde (meine Eltern hatten bereits in den späten 80er Jahren Kabelfernsehen) wuchs ich mit MTV und VIVA quasi auf, wobei mir natürlich Sarah Kuttner ein Begriff wurde, die ab 2001 bei VIVA moderierte und später sogar eine eigene Abendshow bekam. Ich kann mich nicht erinnern, die Show sonderlich oft gesehen haben, weil ich in den fortschreitenden 2000ern dem Musikfernsehen langsam entwuchs. Zumindest habe ich Kuttner aber als vergleichsweise un-nervig in Erinnerung (Ja, aus meiner Sicht ist das schon ein Kompliment), was sich in späteren Formaten wie "Kuttners Kleinanzeigen" oder "Bambule" bestätigte. Meine imaginäre Freundin ist sie aber erst, seit ich ihr auf Twitter folge - dort zeigt sie zum einen viel Humor auf eigene Kosten und zum anderen eine Persönlichkeit, die sich erfreulich menschenfeindlich gibt, wenn diese Wortkombination denn einen Sinn ergibt. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir gemeinsam ähnliche Menschen und Dinge ablehnen könnten. Außerdem waren wir beide nach dem Abitur als Au Pair-Mädchen in London, was allein schon für ein abendfüllendes Gespräch reichen sollte.

Mit der Zeit und via Twitter (wo ich übrigens nur lese und niemals schreibe) bekam ich dann mit, dass Stefan Niggemeier und Sarah Kuttner im echten Leben miteinander befreundet sind. Toll! Juhu! Schön für die beiden! Beide haben Hunde, über die sie viel berichten - als Katzenbesitzerin kann ich mir zwar noch spannendere Tier-Gesprächsthemen vorstellen, aber generell mag ich alle Tiere, das geht also in Ordnung.


Meine dritte imaginäre Freundin ist die Journalistin Anja Rützel, die auf Spiegel Online über Fernsehformate wie das Dschungelcamp berichtet - und das einerseits akkurat und witzig, andererseits aber auch mit durchaus intellektuellem Anspruch. Meist macht das Ansehen eines Trash-Formats wie etwa des "Promikegeln"s auf RTL2 (Ja, das gab es wirklich) signifikant weniger Spaß, als den dazu entstandenen Artikel zu lesen. In den letzten Jahren wartete ich zur Dschungelcamp-Saison im Januar jeden Morgen ungeduldig auf die neueste Rützel-Kritik - meist lohnte sich deren Lektüre weit mehr als die aufs Maximale ausgedehnten Folgen.

Frau Rützel folge ich ebenfalls auf Twitter, weshalb ich auch ihren Hund zumindest optisch schon recht gut kenne, außerdem machen ihre Tweets zu Sendungen wie dem "Bachelor" oder "Germany's Next Topmodel" selbige gleich deutlich erträglicher - tatsächlich sehe ich manchmal, wenn ich bei einem solchen Trashformat hängenbleibe, nach, ob es vielleicht unterhaltsame Rützel-Live-Tweets zum Thema gibt.


Wer bis hierher gelesen hat, kann sicherlich meine unbändige Freude darüber nachvollziehen, als ich erfuhr, dass Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier nun gemeinsam einen Podcast machen. Seit mittlerweile sechs Folgen präsentieren sie "Das kleine Fernsehballet" auf der Streamingplattform Deezer und sprechen darin miteinander teils über aktuelle US-Fernsehserien wie Big Little Lies oder 13 Reasons Why - zwingen einander aber auch, deutsche Fernsehperlen Das große Promibacken oder Kerners Köche durchzustehen und darüber zu berichten.

Nun, besser hätte man ein Podcastthema wohl kaum auf mich zuschneiden können. Zu allem Überfluss war dann in Folge 4 auch noch Dirk von Lowtzow von Tocotronic zu Gast - kein Phantasiefreund von mir, ich mag nicht einmal Tocotronics Musik sonderlich, aber ich wusste bereits seit einem Video vor einigen Jahren, dass er wie ich Buffy-Fan ist. Und prompt versuchte er im Podcast, Niggemeier und Kuttner den Charme dieser Serie näher zu bringen (was, wären wir tatsächlich befreundet, natürlich meine Aufgabe wäre. Aber immerhin schön, dass sie jemand erledigt).

Als ich bereits dachte, besser könne es mit mir und meinen imaginären Freunden , die sich nun ja quasi einmal pro Woche bei mir melden, kaum werden, wurde für Folge 6 auch noch als Gast wer angekündigt? Genau, Frau Rützel. Die besagte Folge gefiel mir dann auch ausgesprochen gut. Anders als vorherige Gäste durfte Anja Rützel bei allen zu besprechenden Fernsehformaten mitdiskutieren, weil sie ohnehin alles bereits angesehen hatte. Die Gespräche zu Fleabag, The Story Of My Life und Curb Your Enthusiasm enthielten genau die richtig Mischung aus Informationen, Enthusiasmus und beißender Kritik, mit der ich mich identifizieren konnte.

Es ist vermutlich schon angekommen: Ich bin, so weit mir das mit meiner eher nüchternen Persönlichkeit möglich ist, begeistert. Und die Beteiligten können sich darüber freuen, dass ich nicht wie sie in Berlin wohne und folglich die Chance gering ist, dass ich demnächst vor ihren Häusern herumhänge oder sie im Supermarkt verfolge.

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