Im Mai hörte ich Kim Jiyoung, geboren 1982 von Cho Nam-Joo. Der Kurzroman hat bei seiner Veröffentlichung 2016 in Südkorea große Wellen geschlagen und wurde auch verfilmt - und in 18 weitere Sprachen übersetzt.
Die Geschichte ist ein betont nüchtern gehaltener Bericht über das Leben der Titelfigur - die Autorin wählte absichtlich einen in Korea besonders verbreiteten Namen und schildert am Beispiel von Jiyoung exemplarisch, wie das Leben als Frau in Korea aussieht: Die Handlung erzählt, wie das kleine Mädchen bereits am Beispiel ihrer Großmutter und ihrer Mutter erfährt, dass Frauen stets zweitrangig sind - etwa, als ihre Mutter neben Mutterpflichten und Hausarbeit nebenher noch anstrengende Heimarbeit verrichtet, um der Familie Geld zu beschaffen - wobei die jungen Töchter selbstverständlich mitarbeiten, der Sohn aber nicht.
In Schule und Studium setzen sich solche Erfahrungen fort: Jiyoung bekommt Ärger, weil sich Jungen gegenüber ihr aufdringlich verhalten. Später im Studium muss sie erfahren, dass Frauen trotz besserer Leistungen kaum gute Berufschancen bekommen - und als sie dann doch eine Stelle ergattert, gehen die Benachteiligungen weiter.
Inhaltlich ist das Buch interessant, aus deutscher Perspektive fand ich besonders spannend, inwieweit sexistische Erfahrungen universal sind - und in welchen Punkten die koreanische Gesellschaft sich von der europäischen unterscheidet. Als Roman allerdings hat mich die Geschichte nicht besonders begeistert. Die absichtlich nüchterne und sachliche Erzählweise nimmt den Figuren viel Individualität, weshalb es schwer ist, mit ihnen mitzufühlen. Aus meiner Sicht hätte der Roman viel stärker gewirkt, wenn er interessantere Charaktere vorgestellt hätte - auch auf Kosten der Allgemeingültigkeit.
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