Letztes Jahr habe ich ja ein bisschen geschimpft über das Maifeld Derby. Aus meiner Sicht hatten das Wachstum und die Erweiterung auf drei F...

Alles neu macht der Mai: Maifeld Derby 2014, Tag 1

Letztes Jahr habe ich ja ein bisschen geschimpft über das Maifeld Derby. Aus meiner Sicht hatten das Wachstum und die Erweiterung auf drei Festivaltage nicht die erforderlichen Verbesserungen der Infrastruktur nach sich gezogen. Richtig schlimm war das alles nicht gewesen, sonst wäre ich ja auch nicht wiedergekommen, aber bei der Anreise war ich dieses Mal natürlich besonders gespannt, was nun anders sein würde – zumal im Vorfeld von etlichen Neuerungen die Rede gewesen war.


Tatsache! Schon die Bändchenausgabe war an einem neuen Ort und erzwang mittels Absperrungen eine ordentliche Schlange, was erfolgreich ein Kuddelmuddel drängelnder Gäste, wie ich es letztes Jahr erlebt hatte, vermied. Beim Betreten des eigentlichen Geländes dann die nächsten Schocks: Die Open Air Bühne war größer und woanders aufgebaut! Zusätzlich zum bekannten Palastzelt, das vergrößert worden war, war nun auch die Brückenaward-Bühne in einem ähnlichen Zelt untergebracht. Und - ich hatte nicht mehr wirklich damit gerechnet - dem Fressstand der Langmetzgerei Kumpf hatten sich mehrere weitere hinzugesellt! Es gab Falafel (vegan), etwas namens Handbrot, thailändisches Essen und Pakora. Fast alles vegetarisch oder mit vegetarischer Alternative! Etwas weiter entfernt entdeckte ich zusätzlich einen Crêpe-Stand.


Und als ich es endlich schaffte, meinen Blick von all den attraktiven Essensoptionen abzuwenden, entdeckte ich, dass auf dem Boden Schotterstreifen ausgegossen worden waren, sicherlich als eine Art Laufsteg, falls es bei Regen Pfützen geben sollte. Auch im Dekobereich hatte man sich wieder mehr Mühe gegeben, einige Bäume mit bunten Lampions dekoriert und die Freifläche mit Holzschaukelpferden und einer Springhürde auf den Steckenpferdwettbewerb am Sonntag vorbereitet. Damit waren sämtliche meiner Nörgelpunkte des Vorjahres von Timo Kumpf und seinen Helfern behoben worden. Toll! Für nächstes Jahr möchte ich bitte noch einen Streichelzoo!


Wir mussten an diesem Punkt unsere Besichtigung abbrechen und ins Palastzelt eilen, denn dort begann der für uns erste Bandauftritt des Festivals, Rah Rah. Das Quintett aus Kanada (laut Wikipedia ist es normalerweise ein Sextett) machte einen ausgesprochen fröhlichen Eindruck und hält viel von Abwechslung in Bezug auf Instrumente und Sänger. Der Bassist des ersten Songs („Art & A Wife“) wechselte für den Großteil des restlichen Sets ans Schlagzeug, der Leadsänger der meisten Songs, Marshall Burns, machte mehrmals Platz für die beiden weiblichen Bandmitglieder, die ansonsten Geige, Keyboard, Bass oder auch mal Schlagzeug spielten. In Bezug auf eine der Damen, Kristina Hedlund (mit Pelzmütze), wäre den Kollegen möglicherweise anzuraten, sie zu bitten, ihre anderen musikalischen Fähigkeiten verstärkt nachzukommen und das Singen den anderen zu überlassen. Gerade bei „20s“ fand ich ihr Gesinge eher schlimm, und das in Gegenwart von mindestens zwei besseren Sängern – die Stimme von Erin Passmore (im Lamettakleid) gefiel mir nämlich ebenfalls deutlich besser. Nichtsdestotrotz ein guter, fröhlicher Einstieg ins diesjährige Maifeld Derby.


Gimmick Nummer 1:  Bei „Beaches“ schlugen der Schlagzeuger und der Gitarrist den Rhythmus auf dem Gestänge der Bühne. Gimmick Nummer 2: Die Band hatte riesige silberne Aufblasbuchstaben dabei (R, A, H), die bei den letzten beiden Songs ins Publikum geworfen wurden und dort großen Anklang fanden.


Setliste:

Art & A Wife
Dead Men
I'm a Killer 
Fake Our Love
Run 
Beaches 
20s 
First Kiss 
Duet for Emmylou and the Grievous Angel 

Prairie Girl


Auf ging es zum Parcours d’Amour, der seit der Premiere des Festivals altbekannten kleinen Bühne im Reitstadion. Auch hier hatte man aufgestockt, indem man die Bühne vergrößert und weiter nach hinten verlegt hatte. Geblieben waren die liebevolle Dekoration, der Weinstand und die im Vergleich zu den anderen Bühnen intimere Atmosphäre – verbunden mit der Möglichkeit, sich hinzusetzen.
Dort waren Fenster bereits mit dem Soundcheck beschäftigt. Das deutsch-amerikanisch-französische Quartett hatte optisch einiges Auffälliges zu bieten: blonde Frau mit Lidschatten“brille“ und Hot Pants, ein Sänger, der aussah wie ein jüngerer Rudi Völler und ein Schlagzeuger, der mit blondem Haar und Schnurrbart wirkte, wie Barbies Freund Ken in den 70ern. Auch Fenster tauscht gerne einmal Instrumente und Rollen, so dass die blonde Frau, die ich zunächst für die Sängerin hielt, diese Rolle nach dem ersten Song weitgehend an Rudi Völler abgab. Musikalisch wurde ich mit dem Gebotenen Dream Pop nicht recht warm und deshalb ganz froh, als wir nach Ende des Sets zu Lucy Rose im Palastzelt aufbrachen.


Die Britin war anscheinend bereits im Line-up des vergangenen Jahres gewesen, hatte jedoch absagen müssen.  Ihr Auftritt war bei unserem Eintreffen bereits im Gange, aber es war recht leicht, sich noch in die ruhigen, emotionalen Lieder einzufinden, die die Sängerin meist auf der Gitarre, einmal auch am Klavier begleitete.  Die Zwischenansagen der Künstlerin zeugten von einer gewissen Unsicherheit: Mit ihrem eigenen Klavierspiel war sie nicht sonderlich zufrieden, außerdem war sie positiv überrascht, dass sich das Zelt recht gut gefüllt hatte, war sie doch überzeugt gewesen, vor einem sehr dürftigen Publikum zu spielen. Außerdem sei das riesige „Lucy Rose“ Transparent, das hinter der Bühne hing, heute erstmalig im Einsatz, obwohl sie es bereits seit einem Jahr hätte, weil hier ausreichend Platz sei und viele ja auch sicher nicht wüssten, wer sie sei.


Bezüglich der Setliste konnte ich nicht allzu viel erkennen und mitschreiben, gespielt wurden mit Sicherheit aber „Shiver“ und „Middle of the bed“. Im Nachhinein hätte ich lieber mehr von Lucy Rose gesehen als von Fenster. Später las ich auf Wikipedia, dass die Künstlerin als Merchandise Tee verkauft, was ich auch gerne genutzt hätte.


Nach Lucy Rose pilgerten wir zurück zum Parcours d’Amour, vor dem sich überraschenderweise bereits eine lange Schlange für ClickClickDecker gebildet hatte. Unsere kurze Sorge, drinnen könne es bereits voll sein, erwies sich als unbegründet, es gab nur einfach Stauungen zwischen den Konzertbesuchern, die hinaus wollten, und den Neuankömmlingen. Als wir erst einmal hinein konnten, fanden wir also problemlos einen Platz, allerdings sollte es doch noch zu Kapazitätsproblemen kommen – auf Facebook konnte man später den Unmut von Fans lesen, die später als wir gekommen waren und die man zunächst tatsächlich nicht mehr hinein gelassen hatte. Irgendwann wurde dann ein ursprünglich abgesperrter, zusätzlicher Sitzblock geöffnet, aber zu diesem Zeitpunkt war das Set der Band schon fast vorbei.


Aus irgendeinem Grund gab es nämlich Zeitprobleme: Wir waren recht pünktlich zum Konzertbeginn laut Programm erschienen, warteten aber noch eine gute Viertelstunde, während die Band auf der Bühne in aller Ruhe ihren Soundcheck absolvierte - der Schlagzeuger verband den Mikrophoncheck dabei mit einer Runde Quizduell, indem er die Fragen ins Publikum stellte (Ich habe aber Zweifel an der Authentizität folgender Frage: "Welche Meinung zum Thema Fleisch kommunizierte die Band The Smiths auf ihrem zweiten Album? A: Fleisch ist Fleisch Nanananana B: Fleisch ist Mord C: Auch Fleisch ist Fleisch Nanananana.")

Als es schließlich mit „Und darüber nachdenken nicht nötig“ losging, zeigte sich, dass in der ersten Reihe ein dreiköpfiger Damen-Fanclub Platz genommen hatte, der jeden Song begeistert mitsang und abfeierte.  Auch sonst waren sichtlich viele Anhänger der Band auf der Tribüne.


Ich dagegen kannte vor dem Auftritt keinen einzigen Song, konnte mich aber mit den nachdenklichen Texten schnell anfreunden, zumal es bei einem derart begeisterten Publikum schwer war, neutral zu bleiben. Lustig auch die Szene, als Kevin Hamann einer der Damen aus der ersten Reihe, die unablässig einen Songtitel schrie, irgendwann ruhig sagte. „Du, ich hab das gehört. Wir sind ja nur einen Meter voneinander entfernt. Zwischen uns wird es heute keine Kommunikationsprobleme geben.“ Dafür aber Zeitprobleme, denn nach dem späten Beginn des Auftritts mussten offenbar Verzögerungen aufgeholt werden, so dass die Setliste nach einem entsetzten „Wie, noch vier Minuten? Wir haben doch gerade erst angefangen!“  spontan zusammengekürzt werden musste.

„Händedruck am Wendepunk“ und „Durch die Kastanienanlagen“ wurden nicht gespielt, daher endete das Set mit „Tierpark Neumünster“ dann recht abrupt vor mittlerweile stehend abfeierendem Publikum. Auch die geplanten Zugaben „Der ganze halbe Liter“ und „Mit Neumanns Füßen“ mussten leider entfallen.


Setliste:

Und darüber nachdenken nicht nötig
Einbahnstraße
Was kommt wenn nichts kommen will
Die Nutzlosen (unentbehrlich)
Erste Schritte
Wer hat mir auf die Schuhe gekotzt
Erledigungsblockaden
Niemand tanzt so kacke wie ich

Tierpark Neumünster


Wir verließen den Ort des Geschehens schnell, um zum ersten Mal an diesem Tag die neue Fackelbühne aufzusuchen. Diese Reinkarnation der ehemaligen Open Air Bühne ist, wie alles andere beim Derby, größer als ihr Vorgänger. Obwohl das Interesse an der amerikanischen Band Future Islands mit dem denkwürdigen David Letterman-Auftritt groß war, konnten wie mühelos in die erste Reihe vordringen und mussten auch nicht lange warten.


Die Band aus Baltimore ist komplett auf ihren Rampensau-Sänger fokussiert, so dass die verbleibenden Bandmitglieder auf mich nicht nur zurückhaltend, sondern gar genervt wirkten. Das Bühnengehabe von Samuel T. Herring ist ja auch durchaus gewöhnungsbedürftig, wobei es mir live passender erschien als im Fernsehen. Herring tanzte, ging in die Knie, wälzte sich auf dem Boden, gestikulierte wild und wäre, würde er teilnehmen, sicher der unbestrittene Sieger des morgigen Steckenpferd Wettbewerbs. Einmal abgesehen vom Singen und Grunzen, das ihn auch für eine Death Metal Band qualifizieren würde.


Beim vierten Lied, „Walking Through That Door“, wurde plötzlich eine Menge riesiger roter Pappherzen verteilt, mit denen das Publikum folgsam gen Bühne winkte. Als ich mich gerade fragte, ob diese Aktion überhaupt mit der Band abgesprochen worden war, nahm Herring eines der Herzen, die auf die Bühne geflogen waren, in die Hand und erklärte, es handele sich um das „Naked Heart Project“, eine Aktion eines guten Freundes der Band, und man solle die Herzen hochhalten, wenn man eines bekommen hätte. Die Band werde versuchen, dasselbe auch beim Melt! zu machen.
Trotz der zweifellos beeindruckenden Bühnenshow muss ich sagen, dass ich die Songs von Future Islands in der Liveversion einander zu ähnlich fand, die Single „Seasons (Waiting On You)“ war hier für mich ganz klar ein Highlight. Dennoch ein lohnendes Konzert, das meinen ersten Tag beim rundum erneuerten Maifeld Derby abschloss.


Setliste:

Back In the Tall Grass 
Sun In The Morning 
A Dream of You and Me 
Walking Through That Door 
Balance 
Before the Bridge 
Doves 
A Song for Our Grandfathers 
Light House 
Seasons (Waiting On You) 
Spirit 
Tin Man 
Long Flight 


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