Nick Cave & The Bad Seeds beim Kunstrasen in f***ing Bonn


In den letzten Jahren haben mein Freund und ich Nick Cave in Paris, Prag und Baden Baden live gesehen - da war es beinahe eine Selbstverständlichkeit, zuzuschlagen, als im letzten Oktober ein Auftritt in unserer Nähe, beim Bonner Kunstrasen angekündigt wurde. Wir sicherten uns Tickets für den Front of Stage-Bereich und schrieben den Termin in den Kalender.

Dieser schlich sich dann eher unbemerkt an und stand plötzlich vor der Tür - an einem Dienstagabend, nur zwei Tage nach dem anstrengenden Festival-Wochenende in Darmstadt. Ein wenig fluchte ich über diese Termin-Ansammlung, zumal wir es nach Bonn zwar nicht allzu weit haben, die Anreise zum Kunstrasen bislang aber meist eher schwierig verlief. Der Autoverkehr staut sich auf dem Weg zum Gelände, die Parksituation war zuletzt angespannt.



Unsere Laune sank weiter, als klar wurde, dass es dieses Mal schlimmer statt besser geworden war: Wir hatten nach dem Verlassen einer mit Autos verstopften Rheinbrücke eigentlich erwartet, das letzte Stück nun einigermaßen schnell zurücklegen zu können, stattdessen ging nun fast gar nichts mehr. Uns überholten, während wir in unmittelbarer Nähe des Veranstaltungsorts feststeckten, schlendernde Fußgänger, die offenbar dasselbe Ziel wie wir hatten, während die Anfangszeit des Konzerts näher und näher rückte.

Immerhin gab uns das Zeit, ein Rätsel zu lösen: Wie gesagt, der Ticketkauf war bereits im Oktober erfolgt. Vor unserer Abreise hatte mein Freund die Eintrittskarten in seinem Mail-Postfach gefunden und für uns beide ausgedruckt. Kurz vor unserer Abfahrt hatte ich noch eine Mail des Veranstalters erhalten, die ermahnte, dass Nick Cave keine Vorband hätte und er pünktlich um 19.30 Uhr auf der Bühne stehen würde. ich amüsierte mich etwas über die Uhrzeit der Mail - nach 17 Uhr - hier war offenbar nicht in Betracht gezogen worden, dass nicht alle Besucher aus der direkten Umgebung anreisen würden. Mein Freund stellte aber die entscheidende Frage: Warum bekam ich die Mail, wenn er doch die Tickets gekauft hatte?



Ich loggte mich im Auto also per Telefon in mein Eventim-Konto ein, und siehe da: Auch ich hatte offenbar zwei Tickets erworben! Dass wir versehentlich doppelt eingekauft hatten, erschien sehr unwahrscheinlich, und mein Freund erinnerte sich dunkel, dass wir für einen seiner Freunde ebenfalls Tickets gekauft hatten. Offenbar hatten wir mit einem so großen Interesse an dem Konzert gerechnet, das wir gleich zum Verkaufsstart jeweils zwei Tickets erworben hatten. Aber welche waren nun unsere? Wir wollten natürlich vermeiden, am Einlass die Karten scannen zu lassen, die wir weitergegeben hatten!

Letztlich ließ sich die Sache im Laufe unseres Superstaus durch einen Anruf final klären - die von mir gekauften Tickets waren die richtigen, die mitgebrachten Ausdrucke damit irrelevant. Und die gültigen Karten ebenfalls bald, denn nach wie vor gab es keine Aussicht, die finale Kreuzung in naher Zukunft zu überqueren. Als wir es dann doch schafften, erkannten wir das Problem: Mitten auf der Kreuzung, auf der sich die Konzertbesucher in jedem Fall gestaut hätten, hatte es einen Unfall mit einem LKW gegeben, der hier mitten im Weg stand. Nachdem das erst aus der Nähe sichtbar war, wechselten alle wild durcheinander ihre Fahrspuren und verlangsamten alles noch mehr. 



Irgendwann passierten auch wir die Unfallstelle, parkten in einem vom Kunstrasen recht weit entfernten Parkhaus und machten uns im Laufschritt auf den Rückweg zum Veranstaltungsgelände. Der Einlass mit den nur auf meinem Telefon zugänglichen Tickets klappte zum Glück problemlos, und es erwies sich als Segen, dass wir uns für die teure Front of Stage-Variante entschieden hatten - so konnten wir immerhin überhaupt etwas sehen, auch wenn es hier sehr voll war.

Und man glaubt es kaum: Um 19:25 Uhr erreichten wir den Zuschauerraum, quasi gleichzeitig betraten die ersten Bandmitglieder die Bühne - und ganze zwei Minuten später begann der erste Song! Wir sicherten uns erträglich gute Stehplätze - das Konzert an sich war nicht ausverkauft, der Front of Stage-Bereich vielleicht aber schon - und begannen, uns auf den ersten Song einzustellen. Mein Freund hatte wie eigentlich immer seine kleine, aber gute Kamera dabei, die ich in meiner Tasche transportiert hatte und ihm nun reichte. Er schaltete sie an und zeigte mir dann entgeistert das Display: Er hatte vergessen, die Speicherkarte nach Übertragung von Bildern auf seinen Computer wieder einzusetzen! Die Kamera war also nutzlos. Für die Dokumentation blieb uns also nur mein iPhone - da ich mit dieser Anforderung nicht gerechnet hatte, war dessen Akku allerdings nur noch halbvoll.



Über diese Verkettung unglücklicher Umstände konnten wir dann nur noch lachen und fokussierten uns endlich auf die Bühne. Mein Freund hatte vorab eine Setliste besorgt, die - leider mit einigen Abzügen - eingehalten wurde, und wir hörten als erstes "Get Ready For Love". Cave, wie quasi immer im dunklen Anzug inklusive Weste, gab von der ersten Minute an alles und beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Publikum auf der linken Bühnenseite (leider weit weg von uns), wo er Hände schüttelte und abklatschte. Beim zweiten Lied, "From Her To Eternity", gab es ganz vorne offenbar Unstimmigkeiten beim Bad im Publikum, denn Cave beendete seine Tätigkeiten am Bühnenrand mit einem "What the fuck is wrong with you people?" und lobte einen eizelnen: "You did good." Er erwähnte außerdem, dass er den Song in Berlin geschrieben habe, und überlegte laut, ob es ratsam sei, das hier in Bonn, oder, wie er es immer wieder nannte, "fucking Bonn" zu erwähnen.

Zu "Oh Children" wurden wir aufgefordert, mitzusingen. Zum anschließenden "Tupelo" nahm Cave dann ein erstes Bad in der Menge. Bei seiner Rückkehr putzte er sich erst einmal die Nase mit einem Papiertaschentuch, dass ihm jemand aus dem Publikum gereicht hatte. Später bekam er bei anderer Gelegenheit nochmals eines geschenkt - offenbar war er etwas erkältet.

 "Carnage", das ja streng genommen gar kein Nick Cave & The Bad Seeds-Song ist, widmete Cave einem Ben, der anscheinend Schriftsteller werden möchte. Er schlug ihm vor, einfach diesen Song zu kopieren, der sei nämlich sehr gut geschrieben. Anschließend gab es noch eine kleine Unterbrechung, weil Colin Greenwood, der immer noch Mitglied der Bad Seeds ist, seinen Bass stimmen musste. Cave witzelte, das sei nun wirklich ein Radiohead-Ding, bei den Bad Seeds seien solche Dinge nicht üblich - Warren Ellis habe seine Geige in den letzten 42 Jahren nicht gestimmt.



Wir hatten vorab auf der Setliste gesehen, dass "Henry Lee" enthalten war, was zu Überlegungen geführt hatte: Im Original handelt es sich um ein Duett mit PJ Harvey. Während bei Caves Auftritt in Brighton vor einigen Wochen plötzlich und überaschend Kylie Minogue mit auf der Bühne erschienen war, um mit ihm "Where the Wild Roses Grow" zu singen, rechneten wir nicht mit einem Erscheinen von Harvey. Würde es also eine andere Gesangspartnerin geben, oder würde Cave den Song allein darbieten, wie er es gewohnheitsmäßig bei "The Wheeping Song" tut - im Original ein Duett mit Blixa Bargeld?

Nach "Bright Horses", einem Lied, das laut Cave "encapsulates everything about everything", war es dann so weit - und die Antwort lage denkbar nahe. Wie schon in Paris und Prag gehörte zu den Bad Seeds auch ein vierköpfiger Gospelchor, und eine der Sängerinnen kam nun nach vorne und übernahm den weiblichen Part, während Cave sich zunächst an den Flügel setzte. Beim Singen fand er auch Zeit, eine auf dem Publikum hochgehaltene Platte zu signieren, war aber etwas genervt darüber - er beendete den Vorgang mit "Now put it down!".



Ebenfalls am Flügel begann das wie immer großartige "The Mercy Seat", von dem Cave anmerkte, es sei ebenfalls in Berlin geschrieben. Es folgten ab jetzt nur noch Hits, zunächst "Papa Won't Leave You Henry", und ein weiteres Bad Caves in der Menge. Er schaffte es, dass das Publikum ihn stehend hochhielt und stützte, während er den Song performte - ich an seiner Stelle hätte viel zu viel Angst gehabt, mir weh zu tun, als dass ich mich auf etwas anderes hätte konzentrieren können.

Zu meiner Erleichterung stellte sich der gleichermaßen betrunkene wie mitsingfreudige Mann hinter uns zeitnah etwas weiter weg, so dass ich wieder den Sound aus Bühnenrichtung hören konnte.



Es folgte "Red Right Hand" - bei diesem Song frage ich mich immer, ob Cave mittlerweile die Serie "Peaky Blinders" gesehen hat, die er früher angeblich nicht kannte, die das Lied aber zu großer Berühmtheit gebracht hat - und "The Weeping Song", wieder allein dargeboten. Zu Letzterem machte Cave eine Klatschchoreographie vor, auf die große Teiles des Publikums begeistert einstiegen - und Cave versicherte gerührt, er habe das auf dieser Tour mit jedem Publikum versucht, es habe aber heute zum ersten Mal geklappt, wir hätten einen "natural rhythm". Ein großes Lob für "fucking Bonn"!



Nach "Hollywood", dessen Text hinter der Bühne ins Deutsche übersetzt Zeile für Zeile eingeblendet wurde, und einer sehr liebevollen Vorstellung der Bad Seeds-Mitglieder war das Konzert erst einmal beendet.

Wir rechneten laut Setliste noch mit fünf Zugaben, bekamen aber, sicherlich aus Zeitgründen, nur drei. "Into My Arms" blieb aber als letzter Song bestehen, wurde von Cave allein dargeboten und einem Victor gewidmet. Das Konzert hatte insgesamt zweieinhalb Stunden gedauert, 10.000 Menschen waren im Publikum gewesen.

Bei unserer nervigen Anreise hatten mein Freund und ich noch darüber gesprochen, dass wir Nick Cave in den letzten Jahren wirklich oft gesehen haben und dass dieser Auftritt vielleicht gar nicht zwingend nötig gewesen wäre. Wir stellten allerdings zu unserer Erleichterung fest: Nein, Nick Cave kann man definitv jedes Jahr ansehen, neues Material hin oder her.



Ich hatte an dem Abend erstmalig wahrgenommen, dass auf dem Ortsschild Bonns heutzutage "Bundesstadt" steht, was ich ein bisschen traurig fand, da doch ziemlich bedeutungslos. Wie wäre es stattdessen mit "Fucking Bonn"?


Setliste:

Get Ready for Love
From Her to Eternity
Train Long-Suffering
O Children
Tupelo
Carnage (Nick Cave & Warren Ellis cover)
Joy
Rings of Saturn
Bright Horses
Henry Lee
The Mercy Seat
Papa Won't Leave You, Henry
Red Right Hand
The Weeping Song
Jubilee Street
Hollywood


City of Refuge
Cinnamon Horses
Into My Arms




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