Alles neu macht der Mai: Maifeld Derby 2014, Tag 2

U.

Was für ein Tag! Irgendwie hatten es die Maifeld Derby-Organisatoren versäumt, sich nach meinen persönlichen Präferenzen zu richten, als sie den konkreten Zeitplan des Drei-Tages-Festivals zusammenstellten. Schon bald wurde klar, dass der Samstag ein langer und harter Tag werden würde. Und dabei musste ich nicht einmal mit den jungen Leuten zelten, sondern mich nach der überstandenen Dauerbeschallung nur in das am Rande des Maimarkts gelegene Billighotel schleppen. Was schwierig genug war, aber genug gejammert. Die Veranstalter haben mich ja nicht gezwungen, neun Bands anzusehen! Aber da war ja noch mein Freund...


Los ging der Festivalsamstag für mich am Nachmittag mit Moscow Metro. Die junge irische Band trat im Palastzelt auf, was auch besser zu den schwarz gekleideten Musikern passte als der an diesem Tag gleißende Sonnenschein draußen. Einige der relativ zahlreichen Zuschauer waren sicher erschienen, weil die Musik der Band einen der Derby-Trailer musikalisch untermalt hatte. Die Band hat erst eine EP veröffentlicht, und so kannten wir die meisten der gespielten Songs noch nicht. Bezüglich des Gesangs wechselten sich der Gitarrist und der Bassist ab. Der Auftritt litt ein wenig darunter, dass die Gitarre irgendwann nicht mehr funktionierte und sich nur nach längeren Bemühungen wieder in Gang bringen ließ. „Where It All Ends“ wurde deshalb auch nur angespielt und dann schlussendlich zum nächsten Song übergegangen.


Die Band war sichtlich frustriert über die eigenen technischen Probleme, die das ohnehin kurze Set weiter zusammenschrumpfen ließen. Für einen ersten Eindruck vom Joy Division-Sound der Iren hat es bei mir dennoch gereicht.

Setliste:

Headlights
Future Fades
Cosmos
Where It All Ends (entfallen)
King Of The Knives
Spirit Of A City
Stranger In My Blood
Resurrect Yourself
Revelation Nightdrive


Nach diesen düsteren Klängen traten wir blinzelnd ins Sonnenlicht und wanderten herüber zum Parcours d’Amour, wo als nächstes die Band Solander - bei der es sich streng genommen um ein Soloprojekt mit Zusatzmusikern handelt - aufspielen sollte. Die Schweden spielten ein stimmungsvolles Set, das beim Publikum hervorragend ankam, nur nicht bei den Schwätzern vor uns… An und für sich herrschte im Parcours um mich herum stets gespannte Aufmerksamkeit, nur bei diesem Konzert hatte ich Pech mit der Nachbarschaft. Sänger Fredrik Karlsson bedauerte, dass die Band direkt nach ihrem Auftritt zu einem anderen Festival nach Esslingen weiter reisen musste, weil man gerne geblieben wäre, um sich Warpaint und The National anzusehen. So konnte er nur anbieten, uns quasi im Wegfahren noch CDs zu verkaufen.


Den Countrysong „Black Rug“ spielte er exklusiv für einen Freund, der diese Art Musik besonders mag. Ein toller Auftritt, der viele Zuschauer begeisterte, insbesondere der Harmoniegesang beim älteren Song „Flight“ wusste zu gefallen.

Setliste:

The Woods Are Gone  
Monday Afternoon
Flight
Black Rug
All Opportunities
Huckleberry Finn
Social Scene
Monochromatic Memories
Lighthouse


Nach Solander blieben wir einfach sitzen für das Berliner Duo Charity Children, bei dem es sich eigentlich um Straßenmusiker aus Neuseeland handelt. Für den Auftritt hatten die beiden Verstärkung von vier weiteren Musikern, das Paar stand vorne an einem Doppelmikro und sang sich gegenseitig an, wobei sie selbst auch verschiedene Instrumente, beispielsweise ein Miniakkordeon, ein Banjo und eine Mundharmonika bedienten.


Ich fand das Ganze zweifellos inbrünstig, aber so richtig mein Fall war es nicht. Im Publikum vor uns wurde immer wieder begeistert aufgesprungen und mitgetanzt, aber mir ging das gegenseitige Angesinge innerhalb kurzer Zeit auf die Nerven. Interessant war allerdings, dass die mit einer Art Samtzelt bekleidete Sängerin aussah, als sei sie Natalie Portmans Schwester.


Am Ende von Charity Childrens Set zeigte sich ein Trend des Festival-Samstags, denn hatte man am Vortag noch recht streng auf Einhaltung des Zeitplans bestanden, durfte nun so gut wie jede Band ein Extralied spielen – im Falle von Charity Children den neuen Song „Anthem For All The Dead Dogs“.

Setliste:

You Want Me
Butterflies
To See You Smile
Empty Vicious Nights
Till The Day I Die
Holy War
Killing Time
Elizabeth
Everything You Wanna Give
Whispering Still

Anthem For All The Dead Dogs


Wiederum blieben wir einfach sitzen, und als nächstes kam mit Spaceman Spiff ein einzelner junger Mann mit Gitarre auf die Bühne, der als erstes einen Tischtennisschläger an den Mikrophonständer klebte. Nach einigen seiner textlastigen, melancholischen Songs bekamen wir auch erklärt, was es mit der Dekoration auf sich hatte: Am Vorabend hatte Spaceman Spiff in Bremen gespielt, es war irgendein Missgeschick passiert und er hatte sich beklagt, dass er kein Tischtennisspieler sei, denn diese würden, wenn etwas schief ginge, immer irritiert ihren Schläger ansehen. Innerhalb von Sekunden sei daraufhin der Tischtennisschläger auf die Bühne geflogen, und er habe beschlossen, diesen zukünftig als Talisman einzusetzen.


Leider war ihm aber bereits zu Beginn der Geschichte beim Gestikulieren die Gitarre herunter gefallen, so dass sich der Tischtennisschläger bereits bei seinem ersten Einsatz als komplett nutzlos in seiner Rolle als Unglücksvermeider erwiesen hatte und in die Ecke gepfeffert wurde.

Spaceman Spiffs Musik erinnerte mich frappierend an Enno Bunger, was jetzt gar nicht negativ gemeint ist. Wo Enno kalauert und mit seinem Liebeskummer kokettiert, wirkt Spaceman Spiff aber authentisch-sympathisch ungeschickt. So erzählte er etwa, dass er normalerweise mit Band auf Tour sei, diese heute aber anderweitig beschäftigt sei, beziehungsweise in einem Fall auch gerade im Publikum sitze: „Es ist heutzutage so schwierig, gutes Personal zu finden!“ Außerdem konnte er seine Setliste nicht mehr lesen, nachdem er darauf getreten war, und überließ die weitere Songauswahl dann vertrauensvoll einem Publikumsmitglied.


Er wirkte auch ehrlich überrascht und gerührt über die große Aufmerksamkeit , die ihm und seiner Musik entgegen gebracht wurde – sogar seitens der Stage Crew, die nach einer Zugabe ("Straßen") noch auf einen weiteren, akustisch im Publikum dargebotenen Song ("Gedankenstriche") drängte. Dazu wurde Hannes nahezu von der Crew auf die Tribüne geschoben.

Setliste:

Milchglas
Hier und der Wahnsinn
Zeit zu bleiben
Oh Bartleby      
Der Tag, an dem ich nicht verrückt wurde
100.000 Kilometer
Han Solo
Egal
Mit Scherenhänden
Hamburg
Teesatz

Straßen

Gedankenstriche (akustisch)


Weiter ging es nun, nach kurzer Essenspause und einer noch kürzeren Stippvisite bei dem Musiker Sohn, für uns im Palastzelt, wo Get Well Soon ihren ersten Derby-Auftritt seit der Premiere des Festivals vor der Jahren absolvieren sollten, dieses Mal mit klassischem Orchester, bestehend aus 4 Streichern und 4 Bläsern.

Nachdem wir uns relativ früh eingefunden hatten, um Plätze vor der Bühne zu ergattern, konnten wir vorab noch den recht aufwändigen Soundcheck sämtlicher Instrumente beobachten. Konstantin Gropper, den man tagsüber bereits als Festivalgast hatte beobachten können, hatte sich in einem schwarzen Anzug geworfen, seine Schwester Verena trug ein kleines Schwarzes, die restliche Band erschien ebenfalls in schwarz und grau.


Als das Konzert dann begann, machten wir gleich mehrere positive Entdeckungen: Zum einen konnte man hier, anders als etwa bei Woodkid in Düsseldorf, den Effekt der Streicher und Bläser auf die Musik tatsächlich hören. Zum anderen hatte die Band sich – anders als bei der Derby-Premiere vor drei Jahren, für eine Festival-passende Auswahl ihrer schnelleren Songs entschieden. Und drittens war das Publikum um uns herum, wiederum anders als vor drei Jahren, aufmerksam und begeistert – damals hatten meine Begleiter und ich uns sehr über Schwätzer geärgert.

Nachdem jede Menge Streicher anwesend waren, verzichtete Verena bei diesem Auftritt auf ihre Geige, sie konnte sich auf ihren Gesang konzentrieren, sowie auf das gelegentliche Trommeln und Becken schlagen.


Gesprochen wurde bei diesem Auftritt nicht allzu viel. Einmal erwähnte Konstantin, er freue sich, dass es uns gefalle, wir hätten aber nicht wirklich eine Wahl, da durch den in der Nähe stattfindenden Marathon niemand das Gelände erreichen oder verlassen könne, wir säßen also alle in einem Boot. Ein andermal erklärte er, er freue sich, dass Bandmitglied Timo Kumpf das Festival ins Leben gerufen habe, und das auch noch in seiner Heimatstadt Mannheim und gab dem Publikum die Möglichkeit, dem Organisator zu applaudieren – die natürlich ausgiebig genutzt wurde.

Die Opulenz, die Get Well Soons Musik ohnehin auszeichnet, gewann durch die Anwesenheit der Zusatzmusiker nochmals dazu, insbesondere „Burial at sea“ klang in dieser Version ausgesprochen beeindruckend. Die regulären Get Well Soon-Musiker legten sich ebenfalls mächtig ins Zeug und die meisten Songs endeten in einem Instrumentefeuerwerk mit geradezu schreiendem Gesang.
Auch Get Well Soon durften nach diesem wirklich sehr beeindruckenden Set natürlich eine Zugabe spielen, bevor wir uns nach „We are Ghosts“ wieder zum Parcours d’Amour begaben.


Setliste:

?
Seneca's Silence
The Last Days Of Rome
5 Steps / 7 Swords
A Voice In The Louvre
Roland, I Feel You
Werner Herzog Gets Shot
Listen! Those Lost At Sea Sing A Song On Christmas Day
A Burial At Sea
Angry Young Man
You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)

We Are Ghosts


Dort saß bereits der skurrile Musiker Lambert am Klavier uns spielte mit einer Antilopenmaske seine selbst komponierten Klavierstücke, die irgendwo zwischen Klassik und Soundtrack lagen. Wie bereits Spaceman Spiff war auch dieser Musiker von der ihm im Parcours entgegen gebrachten Aufmerksamkeit beeindruckt und erzählte, er sei am Vorabend die Vorband für Bonaparte gewesen, deren Publikum auf Radau aus gewesen sei. Das Sprechen mit der Maske sowie das Lesen der Setliste fielen dem Künstler schwer, wobei diese Umständlichkeiten auch komödiantische Aspekte hatten.

Wenn Lambert mit seinem Antilopenkopf nickte, klackerten die Enden der Hörner teils rhythmisch zusammen, was das Publikum bei einem seiner Lieder als Aufforderung zum Mitklatschen annahm – laut dem Musiker eine Weltpremiere. Und auch er durfte selbstverständlich noch eine Zugabe geben. Bezüglich der Setliste kann ich nur berichten, dass einer seiner Songs „Slow slow“ hieß und von seinem alljährlichen Versuch, zu joggen, handelte.


Weiter ging es zurück ins Palastzelt zum Headliner Warpaint. Ich hatte das Damenquartett aus Los Angeles bereits vor einigen Jahren live gesehen und doof gefunden, nahm mir aber vor, den neuen Auftritt neutral anzugehen. Leider fand ich aber ein weiteres Mal keinerlei Zugang zu den Songs, konnte ihnen nicht folgen und verfiel schon bald in Langeweile. Übrigens schien auch das restliche Publikum nicht sonderlich begeistert zu sein.


Im starken Nebel, der die Bühne umwaberte, konnte ich die Musikerinnen kaum sehen und nur erkennen, dass Emily Kokals blaue Haare einen gewaltigen Ansatz aufwiesen und Jenny Lee Lindbergs Frisur pink war. Die schlechte Sicht verdarb mir dieses Mal sogar die Chance, über die Kleidung der Musikerinnen zu lästern. Schemenhaft konnte man im Hintergrund der Bühne das Cover des aktuellen Albums „Warpaint“ erkennen. Kurz nachdem Emily darum gebeten hatte, die an der Decke des Zelts befestigte Discokugel anzuschalten, sich über den Effekt gefreut und darum gebeten hatte, sie für den Rest des Sets anzulassen, beschlossen wir, das Konzert zu verlassen und brachen zum neuen Brückenaward-Zelt auf.

Setliste:

Intro
Keep It Healthy
Bees
Hi
Undertow
Feeling Alright
Biggy
Love Is to Die
No Way Out
Disco//Very
Drive
Ashes To Ashes (David Bowie cover)
Elephants

Diese Bühne hatte gegenüber früheren Jahren, in denen sie sich in einem schlichten Bierzelt befunden hatte, ein gewaltiges Upgrade erfahren und sah nun aus wie eine Miniaturversion des Palastzeltes. Für eine professionelle Lichtausstattung hatte das Budget dann aber doch nicht mehr gereicht, und so bot sich ein etwas kurioses Bild: Mehrere Overheadprojektoren warfen Bilder auf die Zeltdecke, auf die Bühne waren zwei Diaprojektoren gerichtet, vor denen der beschäftigte Lichtmann während des ganzen Konzertes (oder gar des gesamten Festivals?) mit der Hand bunt bemalte Drehscheiben bewegte.

Eigentlich waren wir aber nicht gekommen, um die Lichtausstattung zu bewundern, sondern um Motorama zu sehen. Die russische Band wird von allen Seiten hoch für ihre Liveauftritte gelobt, weshalb ich ziemlich gespannt war. Leider zog sich der Beginn des Auftritts aber ziemlich hin (wäre mir an dem Warpaint-Auftritt mehr gelegen, hätte es mich sicher geärgert, diesen umsonst früher verlassen zu haben), so dass ich letztlich nur ein paar Songs der Band hören konnte, bevor wieder der Aufbruch zum nächsten Konzert angesagt war, und auch keine Hinweise auf das anscheinend als exzentrisch bekannte Konzertverhalten des Sängers mitbekam.


Es war nämlich nun Zeit für das letzte Konzert des Abends, zur Abwechslung wieder im Palastzelt. Hundreds hatte ich beim ersten Maifeld Derby das erste Mal gesehen, und es ist eine der wenigen Bands, die mich ohne Vorkenntnisse ihrer Musik auf Anhieb mit einem Konzertauftritt schwer beeindruckt haben.


Meine letzte Begegnung mit der Band war erst einige Monate her, und das Setup der Bühne entsprach genau dem, was ich bereits in Köln gesehen hatte: Links ein Synthesizer“schrank“ für Philip, rechts Percussioninstrumente für den namentlich nicht bekannten Zusatzmusiker, als Dekoration aufrecht stehende Leuchtstoffröhren. Zuerst trat der Percussionist auf, dann kam Philip dazu, und erst nach einem Intro betrat auch Eva die Bühne. In Köln hatte sie ein schwarzes Kleid getragen, das beim Maifeld Derby war weiß, dazu hatte sie in der Garderobe offenbar den Glitzerlidschatten der Band Fenster vom Vortag vorgefunden.


Das Hundreds-Set dieses Abends enthielt im Gegensatz zum Kölner Konzert viele ältere Lieder, die tanzbarer als gewohnt umgesetzt waren. Obwohl der Abend mittlerweile weit fortgeschritten war, hatte sich das Zelt nochmals recht gut gefüllt, was Eva, ansonsten sehr wortkarg, erfreut anmerkte. Auch dieser Auftritt von Hundreds, mein insgesamt vierter, war wieder ein Vergnügen. Anschließend ging es nach schlappen acht Stunden Festival zurück ins Hotel.


Setliste:

Intro
Beehive
Rabbits On The Roof
Fighter
Aftermath
Happy Virus
Circus
Our Past
Let's Write The Streets
Grab The Sunset

Song For A Sailor

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