Neulich nach der Auszeit: Maifeld Derby 2021, Tag 2


Vom Derby-Freitag auf den Derby-Samstag übernachteten wir in Mannheim - und stellten bei einem Minibesuch in der Innenstadt am Samstagvormittag fest, dass wir nach all den früheren Besuchen beim Maifeld Derby und zusätzlichen Konzertbesuchen in der Feuerwache und dem Rosengarten immer noch keinerlei Gefühl für die Stadt entwickelt hatten und uns auch nie die Zeit genommen hatten, sie zu besichtigen. Auch dieses Mal reichte es nur für einen Kurzbesuch, aber immerhin kennen wir jetzt den Wasserturm und die Fußgängerzone...

Im Vorfeld des September-Maifeld-Derbys war meine geringste Sorge gewesen, dass es zu heiß sein könnte. Doch tatsächlich brannte die Sonne, als wir am Samstagnachmittag zum Festivalgelände zurückkehrten, erbarmungslos auf den weitgehend schattenlosen Biergarten d'Amour. Um uns herum entwickelten viele Festivalbesucher, die hier schon den ganzen Tag verbracht hatten, ansehnliche Sonnenbrände, so dass ich hektisch meine - immerhin eingepackte - Sonnencreme hervorholte und zum Einsatz brachte.



Auf der Biergartenbühne spielte gerade Licia, eine 22jährige Singer-Songwriterin aus Karlsruhe. Die Musikerin begleitete sich selbst an Keyboard und Laptop und machte durchaus angenehme, ruhige Musik... die aber leider so gar nicht zu diesem knallheißen Nachmittag passen wollte. Hinzu kamen Ansagen, die in die Kategorie "im Corona-Kontext gar nicht mal so unproblematisch" fielen - schön und gut, wenn man den Zuschauern sagt, sie sollen ruhig ihr eigenes Ding machen und man müsse nicht immer mit der Masse schwimmen. Aber im Kontext von Querdenkern und so weiter denkt man unweigerlich, dass Individualismus eben leider auch nicht in allen Situationen eine gute Lösung darstellt. Andere Lieder drehten sich um versteckte Gefühle und Trauer. Unter anderen Umständen hätten wir ihr Set sicher mehr genossen, bei gefühlt 50 Grad war ich aber schlicht unfähig, mich zu konzentrieren. Wir wanderten ab zur schattigen Tribüne an der Palastbühne, wo Schmyt auftrat - dessen Musik uns allerdings so wenig gefiel, dass ich nichts weiter dazu schreiben werde.



Für den Schweden Plàsi wollte mein Freund ein weiteres Mal in den Biergarten umziehen, aber ich wusste ja bereits, dass ich die Sonne direkt vor der Bühne nicht aushalten würde und ließ mich deshalb im Schatten eines Baumes nieder - was sich leider zu Ungunsten meiner Bühnensicht auswirkte. Nur von meinem Freund, der sich anders als ich vor die Bühne bewegte, erfuhr ich, dass der Künstler einen zweiten Musiker dabei hatte und selbst Gitarre spielte - was angesichts der Tatsache, dass die Musik, die mein Freund im Vorfeld angehört hatte, eher elektronisch geklungen hatte, eine Überraschung war. Plàsi hat noch kein Album veröffentlicht, insofern wird sich wohl zeigen müssen, in welche Richtung dieses dann tendieren wird. Wirklich gesehen habe ich den Sänger also nicht, kann aber bestätigen, dass auch er ruhige, angenehme Musik macht. Dennoch erwies es sich auch für meinen interessierteren Freund als nicht umsetzbar, länger in der prallen Sonne zu verweilen.



Wir gingen also recht schnell zurück zur Palastbühne, die einfach mehr Schattenplätze zu bieten hatte. Hier trat nun Anika auf, der - nach der kurzfristigen Absage von The Howl and The Hum - einzige britische Musikact des Festivals (allerdings ist es gut möglich, dass sie in Deutschland lebt). Die Musikerin aus dem Umfeld von Geoff Barrow (Portishead) trat mit einer komplett weiblichen Band auf und präsentierte ihr neues Album "Change", das erste seit zehn Jahren. 



Das sicherlich absichtlich unpersönlich wirkende Set beeindruckte hauptsächlich dadurch, dass die Musikerin zwar vor so gut wie jedem Lied eine Ansage machte, diese aber zumindest weiter hinten, wo wir saßen, nicht zu verstehen waren. Die Abfolge war also eintöniger Song - unverständliche Ansage - eintöniger Song. 

Man müsste testen, ob die Musik in einem dunklen Club besser gewirkt hätte als an diesem strahlenden Spätsommernachmittag. Ambiente und Künstlerin passten für uns in jedem Fall nicht zusammen.



Wir verharrten dennoch bis zum Ende und sahen uns hinterher noch die in Deutschland lebende Amerikanerin Sophia Kennedy an (ihre Zwischenansagen machte sie in perfektem Deutsch), die gemeinsam mit Mense Reents von den Goldenen Zitronen auftrat. Mit ihm zusammen hat sie auch ihr Album "Monsters" aufgenommen. 



Auffällig war ihre Hose, deren eines Bein von einer Kobra, das andere von einer Art Frosch geziert wurde. Auch Sophia Kennedy macht Musik mit elektronischen Klängen, sie gefiel mir aber etwas besser als bei Anika.



Hinterher hatte es etwas abgekühlt und wir schauten für ein paar Minuten bei der Belgierin Luwten auf der Biergartenbühne vorbei. Wir hörten den gemeinsamen Motivationsschrei der Band hinter der Bühne und die Ansage der Sängerin, die erklärte, dieser Auftritt sei der "dreite" der Band in Deutschland, und mit dieser Ansage sei auch ihr komplettes Deutsch verbraucht.

Wir hörten einige Songs, die durchaus vielversprechend klangen... doch nach dem dreiten "mussten" wir zurück zur Palastbühne, wo die heimlichen Tages-Headliner Efterklang an der Reihe waren.



Die dänische Band hatte ich schon bei zwei Festivals - und einmal am Hotel-Frühstücksbuffet - erlebt, und sie besticht nicht nur durch schöne Melodien, sondern auch durch den Live-Charme der Musiker, insbesondere den des Sängers Casper Clausen. 



Obwohl auch die dreiköpfige Kernmannschaft von Efterklang laut Wikipedia aktuell in Berlin residiert, sind hier offenbar keine Deutschkenntnisse vorhanden. Casper hatte offenbar irgendwo im Backstagebereich eine Pferde-Tournierschleife gemopst und trug diese stolz auf seinem T-Shirt. 

Das Set begann mit dem neuen "Monument" und ging dann sofort über in zwei dänischsprachige Lieder, "I Dine Øjne" und "Uden Ansigt" - letzteres wurde humorvoll mit "more Danish nonsense" angekündigt. Bei "Dragonfly" wurden wir erst zum Mitklatschen aufgefordert, hinterher erklärte Casper jedoch, das Lied sei noch brandneu, und er sei sich gar nicht sicher, ob es schon in Ordnung sei, dazu mitzuklatschen.



Dennoch blieb das Set sehr interaktiv, mal beschäftigte man sich mit der linken, dann wieder der rechten Seite des Publikums, es sollte mal geklatscht, mal mitgesungen werden. Eine Sprachbarriere gab es dabei auch nicht: Bei "Hold Mine Hænder", einem weiteren dänischen Song, bekamen wir Zeile für Zeile vorgesungen, um sie dann so gut wie möglich nachzusingen. Für dänische Ohren hat das sicher sehr lustig geklungen.



Das Set endete mit dem wunderbaren "Modern Drift", und wir dachten einmal mehr, dass Efterklang eine unheimlich sympathische Band sind, die noch dazu gute Musik macht. Ein Rätsel blieb mir ein Instrument, das gelegentlich zum Einsatz kam und aussah, als habe jemand per 3D-Drucker ein sehr kleines, eckiges Saxophon hergestellt.



Setliste:

Monument
I Dine Øjne 
Uden Ansigt
Alien Arms 
Dragonfly 
Living Other Lives 
Hold Me Close When You Can
Tripping me over
Hold Mine Hænder
Cutting Ice to Snow 
The Ghost
Modern Drift




Leider verpassten wir, da wir unsere guten Sitzplätze nicht aufgeben wollten, den Auftritt von Shelter Boy, der bereits auf den Nebenbühne lief. Der offizielle Headliner des Tages war Sophie Hunger. Die vielseitige Musikerin aus der Schweiz hatte neben vielen anderen Musikern einen fünfköpfigen Chor dabei, dessen Mitglieder sie mal gemeinsam und mal einzeln unterstützten. Das Set enthielt viele Songs aus ihrem 2020er-Album "Halluzination", aber auch ältere, deutsch-, französisch- und englischsprachige Titel sowie Coverversionen.

Das Lied "Ich liebe Dich" hatte sie gemeinsam mit Faber und Dino Brandão (den man am Sonntag ebenfalls beim Derby hätte hören können) geschrieben und trug es in einer hochdeutschen Übersetzung vor. Gesprochen wurde - abgesehen von den ausführlichen und wertschätzenden Vorstellungen der Bandmitglieder - eher wenig, allerdings zeigte sich Frau Hunger verwundert, wie schwierig die Anreise mit der Bahn gewesen sei - was ihr einen Lacher einbrachte, denn der Tag fiel in die Mitte eines sechstägigen Lokführerstreiks in Deutschland.




Mein Freund fühlte sich durch die relative Geplantheit des Auftritts an die Festival-Performances von PJ Harvey 2016 erinnert - Harvey hatte damals schon in einer Art Prozession aller Musiker die Bühne betreten. Auch bei Sophie Hunger gab es für die Songs offenbar vorab festgelegte Choreographien, bei denen die Chormitglieder (deren Kleidung aufeinander abgestimmt war) beispielsweise die Köpfe bis zum Ende des Songs ("Alpha Venom") gesenkt hielten, sich im Halbkreis um die Sängerin aufstellten ("Ich liebe dich") oder einheitliche Tanzbewegungen andeuteten.

Bezüglich der Setliste besteht bei aktuellen regulären Sophie Hunger-Konzerten die Ordnung, dass nach einigen älteren Songs das Album "Halluzination" annähernd komplett gespielt wird, dann folgen zum Schluss weitere Songs und Coverversionen. An diesem Abend wurde, sicherlich wegen der reduzierten Auftrittszeit, etwas mehr gemischt.



Setliste:

There Is Still Pain Left 
Supermoon 
I Opened a Bar 
Ich Liebe Dich
Liquid Air 
Finde Mich 
Halluzinationen 
Bad Medication 
Everything is Good 
Alpha Venom 
Le vent nous portera (Noir Désir cover) 
Voyage Sans Bouger (Olicia Song) 
Sliver Lane 
Maria Magdalena 
Security Check 


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