Gelesen: Juli 2022



Basierend auf einer Blogempfehlung, die aber nichts über den Buchinhalt verriet, hörte ich mir im Juli Die Anomalie von Hervé Le Tellier an (wieder über Spotify). Der Roman beginnt damit, dass er einen französischen Auftragskiller namens Blake sehr ausführlich vorstellt, so dass ich zunächst annahm, er sei die Hauptfigur. Bis im nächsten Kapitel eine andere Person eingeführt wurde, danach wieder eine und so weiter... ohne, dass zunächst klar gewesen wäre, warum, und worauf die Geschichte hinaus laufen könnte. Irgendwann fiel mir dann auf, dass in der Beschreibung jeder der Figuren vorkommt, dass sie an einem von starken Turbulenzen geschüttelten Flug von Paris nach New York teilgenommen hat.

Und tatsächlich - was jetzt kommt, ist ein Spoiler, der allerdings in Rezensionen des Romans ebenfalls meist erwähnt wird - ist das die Gemeinsamkeit der Protagonisten: Sie alle sind im März in New York gelandet und hatten dabei das Gefühl, nur knapp dem Tod entronnen zu sein. Doch sie waren nicht nur Turbulenzen ausgesetzt, ihr Flugzeug mit allen Insassen hat sich in dem Prozess auch mysteriöserweise verdoppelt und landet im Juni als Duplikat noch einmal, was zunächst die US-Behörden mit dem großen Problem konfrontiert, zu entscheiden, was jetzt zu tun ist. Im Anschluss werden die Figuren mit ihren Duplikaten in Kontakt gebracht, was zu sehr unterschiedlichen Reaktionen führt.

Beispielsweise war in dem Flugzeug ein Pärchen gereist, das sich in den drei Monaten seit der Landung des ersten Flugzeugs bereits getrennt hatte - nun können die Getrennten den noch Verliebten Ratschläge geben, wie die Beziehung zu retten wäre. Ein nigerianischer Musiker war im März noch komplett unbekannt, hat aber seitdem einen Welthit gelandet und ist berühmt - wovon sein Duplikat natürlich nichts weiß. Eine junge Anwältin hat sich soeben mit der Liebe ihres Lebens verlobt - nun gibt es selbigen Verlobten nur einmal, die Frau aber doppelt. 

Der Roman beschreibt anhand dieser und vieler weiterer Szenarien, was alles passieren könnte, wenn es einen plötzlich zweimal gäbe, hinzu kommen Diskussionen darüber, wie eine solche Anomalie überhaupt möglich sein kann, und was das hinsichtlich der Existenz oder Nichtexistenz Gottes bedeuten könnte.

Der Autor jongliert dabei - wenn man erst einmal die ganzen Figurenvorstellungen geschafft hat - sehr gekonnt zwischen Komödie, Tragödie und Philosophie und findet dann noch zu einem überraschenden Ende. Ein in meinen Augen sehr gutes Buch.

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