Bei den von uns im Laufe von etwa 20 Jahren besuchten Get Well Soon-Konzerten war wirklich viel Abwechslung dabei: Es begann mit selbst gebrannten CDs als Merch im Frankfurter Bett, ging weiter mit beispielsweise einer live gespielten Konzept-EP als Begleitung zur passenden Autorenlesung, einem Konzert mit Symphonieorchester oder auch einem Auftritt im italienischen Rovereto. Unvergessen auch die Tour, bei der Konstantin Gropper ein Publikumsmitglied einen Song vortragen ließ.

Wir waren also gespannt, was es mit der aktuellen Tour zum neuesten Album "Minus the Magic" auf sich haben würde. Sowohl das Cover - eine Marienstatue mit einer Haube aus Wurtsscheiben - als auch das Marketing in den sozialen Medien versprach viel Selbstironie und ein reduziertes Setup - mit einem Symphonieorchester rechnete ich im Gebäude 9 also eher nicht. Dazu passte insbesondere, dass "Minus The Magic" ziemlich rockig ausgefallen ist.



Änderungen im Setup hatte ich also im Vorfeld erwartet, aber nicht gleich radikale - bei Ankunft im Gebäude 9 erkannten wir nämlich schnell, dass die Bühne für fünf Personen vorbereitet worden war, von denen offensichtlich drei Gitarren und Bässe verwenden würden, eine Schlagzeug und eine Keyboard spielen würde. Für Get Well Soon erschien uns diese Personenzahl niedrig, und während sich auf der Bühne bereits eine Trompete befand, war weit und breit nichts von einer Geige zu sehen - würde etwa weder Verena Gropper (die normalerweise Geige spielt) noch Alex Mayr (für die kein Platz vorgesehen zu sein schien) noch sonst eine mitsingende (und gegebenenfalls Geige spielende) Frau anwesend sein?

Ich hatte für solche Überlegungen auch noch reichlich Zeit, denn der Auftrittsbeginn um 20 Uhr verschob sich um eine knappe halbe Stunde, während das Publikum - allesamt im eher fortgeschrittenen Alter - langsam unruhig wurde und der Zuschauerraum sich bereits vor dem Konzert unangenehm aufheizte.



Dann war es endlich so weit, fünf Männer erklommen die Bühne, wie befürchtet war dieses Mal erstmals keine weibliche Unterstützung mit von der Partie. Bei dem  Konzert in Köln handelte es sich bereits um das letzte der kurzen Tour zum Album, und später sollte der Gitarrist und Trompeter Maximilian Schenkel noch erwähnen, dass es bereits ein Nachfolgealbum gäbe, und dass man im Anschluss an den Auftritt für den nächsten Tourstopp im Januar auch schon Tickets kaufen könnte.

Die Setliste des Abends stand im Rahmen der Tour relativ fest - was für mich als Dokumentatorin auch gut war, denn die meisten der gespielten Songs waren neu, ergänzt durch weniger bekannte aus der Vergangenheit, die mehrheitlich vom 2016er-Album "Love" stammten. Für "Hits" (Gropper selbst sagte im Laufe des Sets, Get Well Soon habe gar keine richtigen) hatte man dieses Mal offenbar keine Kapazität.



Dafür ebenfalls ungewöhnlich: Gropper & Co. hatten an diesem Abend relativ viel zu erzählen, unter anderem zu Köln: Nostalgisch dachte Konsti daran zurück, wie man 2008 ebenfalls schon im Gebäude 9 aufgetreten sei, im Künstlerbereich kann man anscheinend davon noch Fotos sehen - und von anderen Bands aus der Zeit, die es schon gar nicht mehr gibt. Scherzhaft meinte er, Schenkel, der Bassist Sebastian Brödner und er selbst hätten sich zu Ehren des Tages als ihre 17jährigen Ichs verkleidet - die Herren trugen alle weite Jeans und grüne Hemden, wobei die von Schenkel und Brödner auch noch annähernd gleich aussahen. Ein wenig später erinnerte Gropper sich außerdem daran, dass auch die ersten Tonstudio-Aufnahmen von Get Well Soon in Köln stattgefunden hatten.



Zu "The Pope Washed My Feet in Prison" erzählte Gropper dann auch noch, er habe die erste Gitarre, die in dem Song erwähnt wird ("1999 I bought this guitar") dabei, und dass er und Maxi bereits miteinader musizierten, seit sie 17 waren. Später, zu "The Golden Toilet Heist" fiel ihm zum Thema Gebäude 9 noch - zurecht - ein, dass die Luft in den letzten 20 Jahren ja nicht unbedingt besser geworden sei. Anlässlich einer kurzen Stimmpause fragte er eher im Witz, ob es denn Fragen gebe, und tatsächlich wurden seitens des Publikums einige gestellt: Drummer Paul wurde gefragt, warum Schlagzeuger immer "solche Macher" seien - er wusste es nicht, freute sich aber, dass die Frage Respekt für seinen Berufsstand implizierte, über den sonst viele Witze gemacht werden. Dann erfuhren wir noch, dass der Aufkleber auf Groppers Gitarre die "Log Lady" aus Twin Peaks zeigt (in der Vergangenheit hatten wir auf anderen Instrumenten bereits Romy Schneider und Ludwig II. von Bayern gesehen), und die Fragerunde war auch schon wieder beendet.



Die Band rockte sich recht schnell durch die Setliste, bei "Mantra" kam dann auch die Trompete zu ihrem Einsatz. Das nachfolgende Lied "The World's Worst Shrink" kündigte Gropper als Gedankenspiel darüber an, was er statt Musik noch mit seinem Leben anstellen könnte. Der Song entpuppte sich als Bossanova, und Maxi Schenkel griff zur einem weiteren, größeren Blasinstrument.

Es folgte die bereits erwähnte Tourwerbung für den Januar, zu der es sogar eine Art "special Deal" gab - wer an diesem Abend Tickets kaufte, würde kostenlos eine Kerze dazu bekommen. Gropper gab zu, diese hätten sich schlechter verkauft als erwartet - und, dass er sie gemeinsam mit seinem Sohn gestaltet hätte. Auch ich musste zugeben, dass das Konzept einer Grabkerze, deren Abziehdeckel eine Bärchenwurstscheibe darstellte, zwar ziemlich witzig war - besitzen wollte ich dennoch keine.



Mit dem aus meiner Sicht mitreißendsten Lied von "Minus The Magic, "The 4:3 Days", endete der Konzertabend vorübergehend. Der recht zügig folgende Zugabenteil begann mit "33", für das Gropper nur mit Sebastian Brödner und dem Keyboarder Marcus Wuest auf die Bühne trat - Brödner hatte sich eine Rose mitgebracht und klemmte diese an seinen Mikrophonständer. Mit voller Bandbesetzung folgte ein Cover, "Johnny and Mary" von Robert Palmer, zu dem Gropper ironisch meinte, es sei ans Alter des Publikums angepasst (der Song stammt von 1980). 

Danach spielte das Quintett noch "Angry Young Man", das älteste eigene Lied des Abends, das heute noch am ehesten fehlende Evergreens wie "Tick Tack! Goes My Automatic Heart" ersetzte. Zum Abschluss hörten wir anschließend noch "It's A Fog", und alle Bandmitglieder umarmten einander - wegen der vielen Erinnerungen, des Tourabschlusses - oder einfach so. 



Man merkte dem Auftritt an, dass alle Beteiligten einander sehr mochten und viel Spaß miteinander hatten, was sich auch aufs Publikum übertrug.  Etwas widersprüchlich war, dass an diesem Abend voller Nostalgie die älteren Lieder, unter denen es ja ebenfalls durchaus krachige gibt, fehlten, etwa "Marienbad", I Sold My Hands For Food, So Please Feed Me" oder "You Cannot Cast out the Demons (You Might as Well Dance)". Außerdem hoffe ich, dass bei der bevorstehenden nächsten Tour auch wieder Alex Mayr oder Verena Gropper dabei ist - und dass dann auch wieder mehr Zeit für die durchaus vorhandenen Hits eingeplant wird.


Setliste:

Staying Home
OK
Eulogy
A Night at the Rififi-Bar
The Pope Washed My Feet in Prison
It's an Airlift
It's a Catalogue
The Golden Toilet Heist
Sci-Fi Gulag
There's Waldo
When They Cheer You're Wrong
Mantra
The World's Worst Shrink
One for the Workout
It's a Mess
That's Not Me
The 4:3 Days

33
Johnny and Mary (Robert Palmer cover)
Angry Young Man
It's a Fog