Zweiter Aufguss: Beady Eye in Köln

U.

Einige leidenschaftliche Oasis-Fans erinnern mich daran, wie ich mir manche Fußballfans vorstelle: Statt des Fanschals trägt man ein Seidentuch, statt der Mannschaftsfahne einen Union Jack und statt Fangesängen grölt man „Wonderwall“ oder „Don’t look back in anger“ - selbstverständlich, nachdem man ausführlich vorgeglüht hat. Anders ist allein die England-Leidenschaft dieser Musik-Ultras (es gibt ja tatsächlich Oasis-Ultras): Sie tragen Fred Perry mit Parka oder irgendetwas Mod-mäßiges. Im Endeffekt sind sie aber meist nur dumme Deutsche, die lieber dumme Engländer wären.

So weit, so egal. Sollen sie doch ihren Spaß haben. Aber als wir uns anlässlich des Geburtstags meines Freundes (Oasis-Fan, Fußballfan, grölt trotzdem nur ganz selten) gestern Abend dem Kölner E-Werk näherten, wo ein Auftritt von Liam Gallaghers neuer Band Beady Eye stattfinden sollte, und wo bereits reichlich Fans nach dem Strickmuster des ersten Absatzes vorhanden waren, lag auch die Frage nahe: Sind diese Fans überhaupt am richtigen Ort? Wer weiß, vielleicht zieht der gute Liam ja gleich wieder ab, wenn er hört, wie hier die Songs seines verhassten Bruders gebrüllt werden?



Und wie ist das aus Fan-Sicht: Kann und darf man die aufgelöste Lieblingsband einfach so durch das Nachfolgeprojekt ersetzen? Obwohl das zunächst einzige Konzert der Band in Deutschland praktisch sofort ausverkauft war und Karten auf Ebay für bis zu 80 Euro die Besitzer wechselten, hatte es in den Tagen vor dem Auftritt einen rapiden Preisverfall gegeben, und wir hatten unsere Tickets eher zum „zwei für eins“-Tarif ergattert. Wollten die Deutschen nun Beady Eye unbedingt sehen oder nicht?

Los ging der Konzertabend aber mit jemand anderem, der mit einer anderen Band bekannt wurde: Die Vorband war Steve Cradock, Mitglied von Ocean Colour Scene und der Liveband von Paul Weller, außerdem Kumpel von Liam Gallagher (mit dem zusammen er „Carnation“ auf The Jam-Tribute Sampler aufgenommen hat).  Er spielte Songs aus seinem demnächst erscheinenden zweiten Soloalbum sowie seiner ersten Platte „The Kundalini Target“ und zeigte, warum er als einer der besten Gitarristen Englands gilt, aber in einer solchen Liste über Sänger absolut fehl am Platze wäre. Gesanglich eher noch schwächer zeigte sich seine Frau an den Keyboards.



Dann war Herr Cradock auch schon wieder weg, und wir konnten durchaus angenehme „Wartemusik“ von den Beatles, The Who, The La’s und so weiter genießen. Sicher nicht zufällig kamen Beady Eye dann nach den letzten Tönen von „I am the Resurrection“ von den Stone Roses auf die Bühne, und das Konzert begann – wie früher auch bei Oasis üblich – mit einem Instrumentalstück.

Neben Liam Gallagher besteht Beady Eye aus den Oasis-Veteranen Gem Archer (Gitarre) und Andy Bell (Bass, Gitarre). Ergänzt wurden sie durch Chris Sharrock am Schlagzeug, live werden sie von Jeff Wootton und Matt Jones an Bass und Keyboards unterstützt.



Wie alle relativ neuen Bands haben Beady Eye bei ihrem Liveset nicht die Qual der Titelauswahl: Bis auf „Wigwam“ spielen sie einfach alle 13 Titel ihres Albums, dazu die beiden iTunes-Bonus Tracks („Man of Misery“und “Sons of the Stage“). Hinter der Band werden teils Bilder und Textauasschnitte aus dem schön gestalteten CD-Booklet, teils Lavalampenmuster an die Wand projiziert. Das Konzert dauert alles in allem etwa eine Stunde, und als Zugabe gibt es die Coverversion „Sons of the Stage“ von World of Twist - wer auch immer das sein mag.



Die Lieder klingen allesamt wie nicht wirklich schlechte, aber auch nicht sonderlich tolle Oasis- beziehungsweise auch gleich Beatles-Songs, und die Aufmerksamkeit des Publikums konzentriert sich auch wie früher – neue Band hin oder her – komplett auf Liam. Dieser verhält sich etwas freundlicher, aber grundsätzlich nicht wesentlich anders als zu Oasis-Zeiten: Die Helmfrisur sitzt, ebenso der Parka, den man aus Coolnessgründen natürlich nicht ablegen kann, auch wenn sich bereits außen die Schweißflecken absetzen - im Gegenteil setzt man in so einer Situation auch noch die Kapuze auf. Die Posen, nämlich das Singen in gebückter Haltung mit auf dem Rücken verschränkten Händen, das Ablaufen der Bühne und das regungslose am-Bühnenrand-stehen: Im Grunde könnten wir auch bei Oasis sein, nur wäre dann ein weiterer Gallagher auf der Bühne und die Songs besser.

Und das Publikum wäre enthusiastischer, denn irgendwie lässt die Begeisterung um uns herum im Laufe des Abends stark nach. Es gibt zwar Grölgesänge mit „Beady Fucking Eye“, aber der allgemeine Applaus wird von Lied zu Lied leiser, und das Zugabengebrüll ist schließlich so zaghaft, dass wir uns über die Rückkehr der Band regelrecht wundern. Letztlich bleibt als Nachgeschmack, dass eine Band mit nur einem Gallagher eben auch nur halb so gut ist. Maximal.




Setliste:

Four Letter Word
Beatles and Stones
Millionaire
For Anyone
The Roller
Wind Up Dream
Bring the Light
Standing on the Edge of the Noise
Kill for a Dream
Three Ring Circus
Man of Misery
The Beat Goes On
The Morning Son

Sons of the Stage (World of Twist Cover)

1 Kommentare:

  1. Passender Bericht. Denn obwohl mir das Konzert gefallen hat... mir fehlt Noel einfach. Seufz.

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