Reach out and touch Dave: Depeche Mode in der Düsseldorfer Esprit Arena

U.

1987: Mit 15 Jahren besuche ich mein allererstes Konzert: meine absolute Lieblingsband Depeche Mode in der Kölner Sporthalle. Mit dabei meine beste Freundin und ein Bekannter, dessen Vater die leidige Pflicht hat, auf uns aufzupassen. Die Vorband heißt Front 242, das aktuelle Album ist "Music for the Masses", Dave trägt weiß und ich kann nach dem Konzert die Setliste komplett aus dem Kopf niederschreiben. Hinterher bin ich etwas enttäuscht, was aber höchstwahrscheinlich an übersteigerten Erwartungen liegt.

2001: Mit ein paar mehr Jahren auf dem Buckel sehe ich die Band meiner Jugend in der Frankfurter Festhalle. Leider muss ich dieses Mal allein hingehen, die Vorband ist Fad Gadget, das aktuelle Album heißt "Exciter". Engagiertere Fans als ich verteilen Handzettel mit Strichmännchengrafiken, die man hochhalten soll, wenn das Lied mit der entsprechenden Grafik kommt. Ich kann nicht wirklich viel von der Bühne sehen, schaffe es nicht weiter nach vorne und bin insgesamt frustriert.


2006: Schon wieder sind die Band und ich älter geworden, ich habe einige Konzerttermine ausgelassen, nun sind Depeche Mode Headliner bei "Rock im Park". Ich bin mit Freunden da, die Vorband ist Placebo (irgendwie), das aktuelle Album heißt "Playing The Angel". Dieses Mal läuft vieles besser, da wir zwar großen Abstand zur Bühne haben, aber zumindest gut sehen können. Außerdem spielt die Band meinen alten Favoriten "Photographic".

2012: Depeche Mode und ich sind mittlerweile so alt geworden, dass es schon nicht mehr schön ist. Dave ist bereits mehrfach verstorben, glücklicherweise nie dauerhaft. Mein Freund überrascht mich zu Weihnachten mit Tickets für das Zusatzkonzert in Düsseldorf im Juli 2013. Wir fahren also zusammen hin, die Vorband ist Matthew Dear, das aktuelle Album heißt "Delta Machine". Und hier kommt der Bericht.


Als Exkölnerin hält man ja bekanntermaßen nicht viel von Düsseldorf, wobei ich das aus Verjährungsgründen schon fast vergessen habe. Aber diese Esprit Arena! Eine Fußballmannschaft, die ihren Gästen (beziehungsweise ihren Fans) ein derartiges Park-Chaos zumutet, hat ihren Abstieg so was von verdient! Nicht nur hatten wir dank Staus für eine Strecke, die regulär etwa 1,5 Stunden benötigt, das Doppelte gebraucht, nun standen wir am Ende unserer Nerven im Parkstau. Das Parkplatzkonzept scheint auf maximalem Personalaufwand zu basieren (was auch die unverschämten 7 Euro Gebühren erklärt). Reihe für Reihe müssen die Autos "eingewunken" werden, der Rest drängelt und kreist in der Zwischenzeit, was auch den Rückstau bis weit vor der Ausfahrt erklärt. Wirklich toll gelöst, Esprit Arena!


So kann ich zu Matthew Dear genau überhaupt nichts sagen, denn als wir die Halle mit hängenden Zungen erreichten, standen Depeche Mode bereits auf der Bühne. Es erweist sich als großer Vorteil, dass wir unheimlich teure "front of stage" Tickets besitzen, die es ermöglichen, auch jetzt noch den Zuschauerbereich direkt vor der Bühne zu betreten, sonst stünden wir wahrscheinlich einen Kilometer von der Band entfernt. "Direkt vor der Bühne" entspricht in diesen Dimensionen zwar auch eher "Jahrhunderthalle, ganz hinten", aber immerhin: Mit etwas Mühe kann ich die drei Bandmitglieder mit ihrem Extrapersonal an Schlagzeug und Keyboard tatsächlich sehen, für den Rest müssen es die LED Wände (eine große hinter der Bühne für Projektionen, zwei daneben zeigen die Band) tun. Das Dach der Esprit Arena bleibt an diesem Abend übrigens geschlossen.

Dank akribischer Vorbereitung ist uns die Setliste des Abends bereits weitestgehend bekannt, was zu der beruhigenden Erkenntnis führt, dass wir nur ein Lied verpasst haben, den Opener "Welcome to my World". Bei "Angel" (ebenfalls von "Delta Machine") akklimatisieren wir uns noch. Ich stelle fest, dass ich das Publikum um uns herum optisch so gar nicht zuordnen kann. Wüsste ich nicht, dass wir bei Depeche Mode sind, könnte das hier auch ein Rolling Stones-Konzert sein. Oder einfach ein Zufallstreffen von Tausenden Mittvierzigern.


Auf der Bühne trägt Dave Anzughose und Weste, sieht wie immer überraschend jung, schlank und fit aus und führt zusätzlich zum Gesang seine altbekannten Anheizertänze auf - mit Hinternwackeln, häufigem Griff in den Schritt und suggestiven Gesten mit dem Mikrofonständer. Ein Laufsteg ermöglicht ihm, manchmal weit ins Publikum hinein zu tänzeln. Martin Gore ist ebenfalls nur in Hose und Weste, nur glitzert sein Outfit - dafür bedeckt es auch mehr. Von hinten sieht es aus, als hätte er einen Rock an, dazu trägt er wie fast immer Lidschatten und Nagellack. Und Fletch steht weit weniger glamourös in Jeans und Polohemd bei seinen Synthesizern.

Meine Überlegungen muss ich kurz unterbrechen, denn mit "Walking in my Shoes" kommt nun das erste Highlight - es zeigt sich, dass die Zuschauer wohl allesamt die früheren Albenveröffentlichungen der Band bevorzugen  und wer könnte es ihnen verdenken. Auf jeden Fall verbessert sich die Publikumsstimmung unvermittelt um hundert Prozent, was auch beim (relativ neuen) darauf folgenden "Precious" erhalten bleibt.


An und für sich gibt es auf der Bühne relativ wenig Technik und zum Beispiel keine ausufernde Lichtshow, dafür wird annähernd jeder Song von einem eigenen Hintergrundbild oder -video begleitet. Bei "Precious" sieht man zum Beispiel riesige Hundebilder, die (zumindest für mich) die traurige Grundstimmung des Lieder gut widerspiegeln. Je nachdem, was sonst noch so los ist, achte ich mal mehr und mal weniger auf die Animationen, die wohl einmal mehr von Anton Corbijn realisiert wurden, zu sehen gibt es aber beinahe immer etwas.

Nach "Behind the Wheel" und "World in my Eyes" flacht die Stimmung zu "Should be Higher" und "John the Revelator" wieder merklich ab, vielleicht kennen einige der Anwesenden die letzten beiden Alben auch gar nicht? Dann verlässt Dave mit Fletch sowie Christian Eigner (Schlagzeug) zum ersten Mal die Bühne, was einen Solosong für Martin mit Peter Gordeno (Keyboard) bedeutet. Zu meiner Überraschung hat er sich "Only when I lose myself" ausgesucht, ein Lied, das normalerweise von Dave gesungen wird. Die Martin-Version ist aber selbstverständlich hervorragend und wie noch einige Male an diesem Abend wird mir auch wieder einmal klar, was für tolle Texte diese Band zu bieten hat.

Im Anschluss folgt mit "Home" ein klassischer Martin-Titel, der in der Liveversion zu meiner Überraschung "Fangesänge" nach sich zog: Martin Gore dirigierte, während das Publikum die Gitarrenpassage nachsang. Nachdem ich ja einige Stationen der Depeche Mode-Tourneegeschichte ausgelassen hatte, konnte ich nicht einordnen, ob es sich hier um eine Tradition handelte. Martin wirkte in jedem Fall aufrichtig erfreut über die Publikumsteilnahme.


Nun durfte Dave wieder auf die Bühne zurück, lobte Martins Soloauftritte (was mir etwas albern erschien, aber möglicherweise ist man nur um einen netten Umgang miteinander bemüht) und sang mit frischer Weste die vorletzte Single "Heaven", die sich in meinem Gehirn leider untrennbar mit "Wetten, dass...?" (wo Depeche Mode mit ihr aufgetreten sind) verknüpft hat. Na ja, so gut ist der Song wohl einfach nicht, sonst könnte er meine Schreckenserinnerungen an diese Sendung wohl überstrahlen. Mit "Soothe My Soul" folgte darauf auch gleich die aktuelle Singleveröffentlichung, die mir etwas besser gefällt.

"A Pain that I'm Used To", das danach kam, ist dagegen eines der wenigen Lieder von "Playing the Angel", die sich mir eingeprägt haben, einigen anderen im Publikum schien es ebenfalls zu gefallen. Auf das anschließende "Soft Touch / Raw Nerve" hätte ich wieder ganz gut verzichten können (zumal auf einer "Alternativ-Setliste" wohl an diesem Platz schon "A Question of Time" gespielt wurde!), anschließend wurde ich mit "In Your Room" (in einer langsameren Remix-Version dargeboten), "Enjoy the Silence" und "Personal Jesus" wieder versöhnt. "Goodbye" hieß dann genau das, wobei es schon sehr überraschend gewesen wäre, wenn keine Zugaben mehr gekommen wären.


Diesen Block eröffnete dann Martin allein und bereitete uns mit "Somebody" eine echte und freudige Überraschung - diesen Uralt-Song hatte die Band bei der aktuellen Tournee überhaupt noch nicht gespielt! "Halo", das danach von Dave (der die Bühne wiederum mit einem Lob für Martin betrat) in der auf einem der Remix-Alben veröffentlichten Goldfrapp-Version (aber natürlich ohne Alison Goldfrapp im Refrain) dargeboten wurde, gehört dagegen zum Standardset der Tournee, was ja auch nicht schlimm ist. Doof, wenn auch nicht unerwartet, fand ich dagegen das darauf folgende "Just Can't Get Enough", weil ich mit diesem Song noch nie viel anfangen konnte, er überhaupt nicht in seine musikalische "Umgebung" passte und mir spontan fünf alte Songs eingefallen wären, die ich lieber gehört hätte.


Den anderen im Publikum gefiel das antike Feierlied aber - so sehr, dass nach seinem Ende noch weiter gesungen wurde, bis der nächste Song anfing - und nach "I Feel You" und dem traditionell fast immer am Schluss kommenden "Never Let Me Down Again" ging der Konzertabend mit einem mittlerweile halbnackten Dave und einem aus Tausenden im Publikum schwingenden Armen gebildeten Meer - nun endgültig - zu Ende. Zuletzt verbeugte sich die Band und Dave umarmte jedes Mitglied einzeln.


Bei der im Vergleich zur Anreise erfreulich zügigen Autosuche und Rückfahrt war es dann Zeit für ein Fazit, das sich als gar nicht so einfach erwies. Die Band hatte ihr aktuelles Tourneeprogramm perfekt, und sogar zumindest mit einer Überraschung, abgeliefert. Soundtechnisch gab es nichts zu meckern, die Stimmen waren gut, die Publikumsstimmung, zumindest in meiner direkten Umgebung, allerdings etwas behäbig. Im Interesse der Fans, die beide Düsseldorfer Konzerte besucht hatten, musste man auch positiv zur Kenntnis nehmen, dass die Setliste zwischen beiden Auftritten variiert worden war.

Ein viel größeres Problem war für mich dagegen die Größe des Events an sich, denn ich finde es schon recht seltsam, ein Konzert zu sehen, die so oder zumindest sehr ähnlich ein paar hundert Mal aufgeführt wird. Es fällt mir einfach schwer, zu glauben, dass man als Künstler bei so etwas dann beim hundertsten Mal noch mit dem Herzen dabei sein kann. Aber dass es sich um diese Art Show handeln würde, wusste ich natürlich bereits vorher, und es wäre albern, sich im Nachhinein darüber zu beklagen.


Setliste:

Welcome to My World
Angel
Walking in My Shoes
Precious
Behind the Wheel
World in My Eyes
Should Be Higher
John the Revelator
Only When I Lose Myself
Home
Heaven
Soothe My Soul
A Pain That I'm Used To
Soft Touch/Raw Nerve
In Your Room
Enjoy the Silence
Personal Jesus
Goodbye

Somebody
Halo
Just Can't Get Enough
I Feel You
Never Let Me Down Again



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