Neulich in der Lüneburger Heide: A Summer's Tale, Tag 3

U.

Am Freitag, dem dritten und damit vorletzten Tag des A Summer’s Tale, war das Festivalgelände bei unserem Eintreffen plötzlich viel voller.  Im Vorverkauf hatte man auch Zwei-Tages-Tickets für Mittwoch und Donnerstag beziehungsweise Freitag und Samstag bestellen können, und die letztgenannten hatten sich offenbar besser verkauft. Für diejenigen, die in den vorangegangenen Tagen die relative Ruhe und Entspanntheit genossen hatten, schien das Areal nun beinahe überfüllt zu sein, aber das lag sicherlich nur am Vergleich, es gab immer noch genug Platz für alle.

Allein die Fressstände und Food Trucks stießen wirklich an ihre Grenzen. Ohne lange Wartezeit konnte man nun praktisch nirgendwo etwas zu Essen kaufen, und wenn man dann endlich an der Reihe war, entpuppten sich die attraktiveren Speisen häufig als längst ausverkauft. Bei den Workshops wurde noch ein wenig mit neuen Terminen nachgelegt, damit auch die Neuankömmlinge zumindest eine Chance auf Teilnahme hatten. Für die Kanutouren teilte die Festival-App aber bereits am Freitagmorgen mit, sie seien nun für den Rest des Festivals ausgebucht.

Musikalisch begann der Tag für meinen Freund mit Die höchste Eisenbahn, einem Zusammenschluss des Singer/Songwriters Moritz Krämer mit Francesco Wilking, ehemals Tele, ergänzt von Felix Weigt und Max Schröder (Der Hund Marie).


Die Band eröffnete mit „Jan ist unzufrieden“ und ließ „Vergangenheit“ folgen, in einer sicherlich zehnminütigen Version, an deren Ende textlich improvisiert und phantasiert wurde: übers Festival, eine riesige, nahe der Bühne stehende Bienen-Installation, sie selbst („vier Schluffis auf der Hauptbühne“) und die später anstehenden Auftritte von Patti Smith und Zaz. Sehr amüsant.

Bis auf den Schlagzeuger wechselten alle von Lied zu Lied munter ihre Instrumente durch, bei den ersten sieben Songs musste immer der singen, der am E-Piano saß. Eine feste Setliste gab es offenbar nicht, denn zwischen den Liedern fanden immer wieder Absprachen zwischen den Bandmitgliedern statt.


Das Festival blieb auch in den Songansagen Thema, vor „Isi“ wurde etwa über die Yogakurse gewitzelt, was Francesco zur Aussage verleitete "Ich habe doch gar kein Yoga genommen". Das 9. Lied, „Mira“, wurde zu einem Mash-Up mit Kelis‘ „Milkshake“. Für „Was machst du dann“ kamen schließlich noch zwei Kinder mit auf die Bühne, Max und Martha, die dem Publikum die Zeilen demonstrierten, die mitgesungen werden sollten. Offensichtlich hatte man viel Spaß auf der Bühne, und das übertrug sich natürlich auf das Publikum.

Setliste:

Jan ist unzufrieden
Vergangenheit
Pullover
Raus aufs Land
Egal wohin
Allen gefallen
Isi
Aliens
Mira
Was machst du dann
Schau in den Lauf Hase


Ich dagegen hatte an diesem Nachmittag beschlossen, nun selbst einmal das Kinderprogramm zu erkunden, und sah mit einen Teil des Auftritts von Deine Freunde auf der Waldbühne an. Das Trio bestand – was deutlich durch die Beschriftung seiner T-Shirts erkennbar war – aus DJ, Sänger und Rapper. Die drei machten Hip Hop zu kindernahen Themen, etwa Schummelstrategien gegenüber den Eltern, was zu tun ist, wenn man etwas Ekliges essen soll, wie das ist, wenn man zum Reden keine Lust hat, aber ausgefragt wird und so weiter.

Das Publikum bestand natürlich zu etwa hundert Prozent aus Eltern und Kindern, die viel Spaß an dem Auftritt hatten. Aber auch ich, die ja nun nicht gerade die Zielgruppe repräsentierte, musste dem zustimmen, was im Festivalprogramm zu Deine Freunde gestanden hatte: „… eine Musikmischung (…), bei der sich auch musikaffine Eltern nicht schämen müssen, wenn sie im Auto bei runtergekurbelter Fensterscheibe läuft“.


Noch vor Ende des Auftritts wanderte ich zum Zeltraum ab, wo nun Niels Freverts Auftritt begann. Im Rahmen einer ähnlich kuriosen Entscheidung wie der, die Auftritte von Belle & Sebastian und Ride teils parallel stattfinden zu lassen, hatte die Festivalleitung auch beschlossen, dass sich die Konzerte der einzigen deutschsprachigen Künstler, Die höchste Eisenbahn und Niels Frevert, überschneiden sollten.

Frevert, der ehemalige Sänger der Band Nationalgalerie, merkte diesen Missstand auch gleich nach dem ersten Lied an – und entschuldigte sich dann ein Lied später, er sei immer zu negativ, und natürlich sei es toll, dass sowohl die Eisenbahn als auch er selbst hier überhaupt spielen könnten. Außerdem sei es nett von uns Zuschauern, dass wir trotz der warmen Temperaturen ins Zelt gekommen seien.


Frevert war mit Band erschienen und präsentierte ein Set, dass sich hauptsächlich aus Songs der letzten drei Alben zusammensetzte. Nur das abschließenden "Wann kommst du vorbei" war bereits wesentlich ältere. Beim Lied „Niendorfer Gehege“ erklärte Frevert, er werde dort sicherlich eines Tages ein Denkmal bekommen  - aber das sähe dann sicher Scheiße aus, wie das von Willy Brandt.

Es waren keine Massen von Fans erschienen, die Anwesenden spendeten aber viel Applaus, und der eine oder andere wird sicher bei den angekündigten Konzertterminen in Hamburg und Hannover vorbei schauen.

Setliste:

Nadel im Heuhaufen
Speisewagen
Zürich
Du kannst mich an der Ecke rauslassen
Blinken am Horizont
1qm Regenwald
Das mit dem Glücklichsein ist relativ
Morgen ist egal
Niendorfer Gehege
Der Typ, der nie übt (Worum es eigentlich geht)
Ich würde dir helfen, eine Leiche zu verscharren, wenn’s nicht meine ist
Wann kommst du vorbei



Nun standen auf der Festivalbühne die Mighty Oaks in den Startlöchern, ein Trio, das aus einem US-Amerikaner, einem Briten und einem Italiener besteht, die wohl allesamt in Berlin leben.

Der amerikanische Sänger Ian Hooper sprach beeindruckend gut Deutsch und übernahm folglich die Kommunikation mit dem Publikum. Lediglich in seinem regionalen Verständnis macht er den Eindruck eines Klischee-Amerikaners, denn die beiden anwesenden Zusatzmusiker (einer von ihnen spielte Geige) stellte er als aus dem Allgäu und „irgendwie auch aus dem Allgäu“ vor – was ein wenig den Eindruck erweckte, dass er Deutschland in „Berlin“ und „Allgäu“ einteilt.

Die folkige, an Mumford & Sons erinnernde Musik, kam vor allem beim jüngeren Publikum (ich meine jetzt Festivalgäste um die 20, nicht die vielen Kleinkinder!) super an. Beim Lied „Brother“ wurden alle aufgefordert, jemand anderen auf die Schultern zu nehmen, worauf wir aber verzichteten. Ich selbst konnte mich weniger begeistern, zumal ich ja nicht einmal Mumford & Sons sonderlich mag…


Lustig war der Abschiedsgruß, ebenfalls von Harris, der angesichts des gigantischen Mighty Oaks-Banners im Bühnenhintergrund sagte: „Falls jemand nicht lesen kann, wir heißen Mighty Oaks!“


Setliste:

Horsehead Bay
Seven Days
The Sun
You Saved My Soul
The Sun
The Great Northwest
?
Brother
Just One Day
?
?
Driftwood Seat


Nach einer Pause war es, wieder auf der Festivalbühne, Zeit für die 60er Jahre Ikone Patti Smith. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, mir freiwillig ein Konzert der Dame anzusehen, aber da wir schon einmal da waren, sprach auch nichts dagegen.

Gemeinsam mit zwei Original-Mitgliedern der Patti Smith Group - und zwei weiteren Musikern - trug die 68jährige zunächst ihr komplettes Album „Horses“ von 1975 vor. Da ich die Platte nicht einmal kannte, war das emotionale Erlebnis für mich eher nicht vorhanden, wohl aber der Respekt für die ältere Dame, die dort ganz selbstverständlich auf der Bühne performte und dabei offenbar unter keinerlei Zipperlein litt – und auch nicht mit ihrem Alter kokettierte.


Um uns herum standen ebenfalls etliche Mitglieder der älteren Generation – also noch älter als ich, denn ich war beim Erscheinen von „Horses“ zwei Jahre alt – und feierten jeden Song ab, tanzten und freuten sich aber der ersten Zeile von „Gloria“, die spontanen Applaus erntete.

Für das textlatige "Birdland" bekam Smith ein Textblatt gereicht, das vom zuständigen Bühnentechniker auch wieder abgeholt wurde. Lustig und charmant war auch, dass Smith nach „Free Money“ das nun notwendige Umdrehen der Platte imitierte und kommentierte. Als sie das letzte Lied „Elegie“ ankündigte und das mit allgemeinen Enttäuschungsrufen bedacht wurde, ergänze sie schnell: „Von „Horses“ ist das das letzte Lied! Wir spielen noch mehr!“


"Elegie" wurde vor 40 Jahren für Jimi Hendrix geschrieben, ist aber mittlerweile ein Gedenklied für alle Verstorbenen, bekamen wir erklärt. Unter den Namen, die Smith aufzählte, erkannten wir sämtliche Ramones, Lou Reed, Amy Winehouse und ihren eigenen Ehemann Fred „Sonic“ Smith. Während Smith die vorausgegangenen Titel durchaus dynamisch präsentiert hatte, stand sie bei "Elegie" völlig still.

Nach diesem emotionalen Moment überließ Smith - mit der Erklärung, „Horses“ feiere dieses Jahr seinen 40. Geburtstag, The Velvet Underground, eine der wichtigsten amerikanischen Band, aber den 50. - die Bühne zunächst ihrer Band, die nun ein Medley von drei Velvet Underground-Covern spielte. Jeder außer dem Schlagzeuger fungierte dabei einmal als Sänger. Smith hielt sich in der Zwischenzeit in dem Bereich zwischen Publikum und Bühne auf, sah zur Bühne und klatschte mit.


Anschließend wurde es noch einmal emotional, denn Smith erklärte vor „Because the Night“, sie habe den Song 1977 für ihren Freund geschrieben – und er sei immer noch ihr Freund. Dass er bereits seit 1994 nicht mehr lebt, ließ sich auch für uns Laien durch seine Nennung in „Elegie“ erahnen. Nach „Preople have the Power“ und dem The Who-Cover „My Generation“ war das Konzert dann vorbei, wobei wir bereits während des vorletzten Songs zu Get Well Soon in den Zeltraum abwanderten. Dennoch, Patti Smiths Auftritt hatte Spaß gemacht, zumal die Sängerin selbst ausgesprochen erfreut gewirkt hatte.

Setliste:

„Horses“:
Gloria
Redondo Beach
Birdland
Free Money
Kimberly
Break It Up
Land / Gloria
Elegie

Rock and Roll / I’m Waiting for my Man / White Light White Heat
Because The Night
People Have The Power
My Generation


Get Well Soon habe ich gefühlt schon eine Million Mal gesehen, dennoch stellten sich vor diesem Konzert einige Fragen bezüglich Inhalt und Ablauf: Unser vorletztes Konzert war eine Darbietung der drei EPs gewesen, die Konstantin Gropper Anfang des Jahres veröffentlicht hatte, mit ein paar Extra-Gimmicks, etwa einer von einem Fan gesungenen Coverversion. Beim Maifeld Derby wiederum war es um die EP „Henry - The Infinite Desire of Heinrich Zeppelin Alfred von Nullmeyer“ gegangen, die auf einem Roman basiert, dessen Autor Arnold Stadler parallel aus seinem Buch las. Würde es heute vielleicht wieder irgendein „Sonder-“Konzert geben?

Davon abgesehen ist Konstantin Gropper Schwester Verena, die bei Get Well Soon Konzerten viel mitsingt und zusätzlich geigt, trommelt und auch ansonsten musikalisch Entscheidendes beiträgt, aktuell in der Babypause. Würde es eine Vertreterin geben?


Als die Band – ohne weibliche Begleitung – die Bühne betrat, wurde die erste brennende Frage quasi sofort beantwortet: Man begann, „I Sold My Hands for Food So Please Feed Me“ zu spielen, wir rechneten also mit einem normalen Konzert – und wurden nicht enttäuscht. Erst vor Lied Nummer 2 betrat eine uns unbekannte junge Frau die Bühne und übernahm die weiblichen Gesangsparts. Sie wurde uns als Alex Meier vorgestellt. Außerdem sagte Gropper: „Nach Patti Smith fühlt sich alles, was man macht, sehr hemdsärmelig an, aber wir geben alles“.

Geredet wurde anschließend nicht mehr viel, aber wir erlebten ein sehr schönes Best-Of Set mit Schwerpunkt auf den rockigen Liedern, wie "Angry Young Men", "If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting" oder "You Cannot Cast out the Demons (You Might as Well Dance)". Das Lineup wurde ein weiteres Mal erweitert, als noch der Geiger hinzu stieß, den wir bereits mit den Mighty Oaks auf der Bühne gesehen hatten. Frau Gropper kann offensichtlich nicht durch eine Einzelperson ersetzt werden.


Einmal meldete sich Gropper doch noch zu Wort und berichtete, dass er soeben eine neue Platte aufgenommen habe (von der wir nichts zu hören bekamen) und dafür eine weibliche Gesangsstimme benötigt habe. Er habe dann geträumt, dass ihn Mariah Carey auf dem Handy angerufen und auf Deutsch „Ich mach’s“ gesagt habe – und er habe sich gefragt, warum sein Management so einfach seine Handynummer hergebe.

Es war sehr schön, wieder einmal ein „normales“ Get Well Soon-Set zu sehen, und ich bin gespannt aufs neue Album.



Setliste:

I Sold My Hands for Food So Please Feed Me
The Last Days of Rome
Roland, I Feel You
A Voice in the Louvre
Gallows
Angry Young Men
Mail From Heidegger
5 Steps / 7 Swords
Staying Home
Careless Whisper
If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting
A Burial At Sea
You Cannot Cast out the Demons (You Might as Well Dance)


Abschließend ließen wir uns noch ein wenig von Zaz auf der Festivalbühne überraschen. Mit hatte der Name der französischen Chanson-Sängerin im Vorfeld überhaupt nichts gesagt und ich war überrascht, dass sie in Deutschland recht bekannt zu sein scheint. Da hatte ich wohl etwas nicht mitbekommen.

Die junge Frau, die von einer riesigen Band inklusive Bläsern und Streichern in grauen Anzügen begleitet wurde, machte ihre Ansagen konsequent auf Französisch. Dass ihr neues Album der Stadt Paris gewidmet ist, verstanden wir aber auch so, denn sie zählte jede Menge Wahrzeichen auf (Champs Elysees, Tour Eiffel, Arc de Triomphe). Vor einem Lied sagte sie auch, nach dem längeren französischen Text, auf Deutsch „mitsingän“.

Die Mischung aus Chanson und Jazz mit viel Herumwirbeln im kurzen Kleid war sehr weit weg von dem, was mich musikalisch interessiert, und so verließen wir Zaz und das Festivalgeländer echt zügig, um schlafen zu gehen.



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