Neulich beim Tagesausflug: Das Best Kept Secret Festival 2016 (nur Tag 2)

U.

Letztes Jahr besuchte ich zum ersten Mal das Best Kept Secret Festival in Holland und war positiv angetan über viele Details, die diese Veranstaltung angenehm machten: Es gab einen See direkt neben der Hauptbühne, Zelte im Wald, Schaukeln an Bäumen, ein weitläufiges Gelände mit einer Fülle an interessanten Fressständen und nicht zuletzt ein ansprechendes musikalisches Lineup. Diese Details in Verbindung zum kleineren Publikum und dem Verzicht auf aggressive Sponsorenwerbung machte das Best Kept Secret zu einer attraktiven Alternative zu Hurricane und Southside – die letztes Jahr gleichzeitig stattfanden und deren Line-up sich erheblich mit dem des vom selben Veranstalter organisierten Best Kept Secret überlappte.

Dieses Jahr fand das Best Kept Secret nicht mehr parallel zu Hurricane und Southside statt, und vielleicht deshalb war das Lineup dieses Mal nicht ganz so stark (das der deutschen „Konkurrenz“ allerdings ebenfalls nicht). Nach langem Überlegen entschieden wir letztlich, statt diesem ein anderes Festival in den Niederlanden zu besuchen, nämlich das „Down The Rabbit Hole“ am kommenden Wochenende, bei dem unter anderem Suede und The National auftreten.

So ganz konnten wir die Best Kept Secret-Geschichte dann aber dennoch nicht ad acta legen, erwarben noch am Freitagabend, nachdem wir zunächst auf Facebook erfolglos mit einer Niederländerin verhandelt hatten,  die unbedingt wollte, dass wir ihre Tickets mit an der Tankstelle käuflichen Gutscheinen bezahlten, fix via eBay Tageskarten zum Schnäppchenpreis für den Samstag und machten uns auf zu einer Tages(tor)tour nach Holland – sechs Stunden Auto fahren für vier Bands, nämlich Bloc Party, Dinosaur Jr., Air und Editors.


Ein Freund hatte dasselbe verrückte Vorhaben „Tagesausflug in die Niederlande“ bereits einen Tag früher umgesetzt und warnte uns, dass wir in jedem Fall Gummistiefel benötigen würden. Diese packten wir dann auch brav ins Auto, denn natürlich war uns klar, dass mit instabilen Wetterbedingungen zu rechnen war. Momentan regnet es in Holland genau wie hier sicher an den meisten Tagen dreimal, und wenn das Festivalgelände erst einmal matschig ist, bleibt es das auch für lange Zeit.

Spontan und völlig unvernünftig entschlossen wir uns aber bei unserer Ankunft auf dem Festivalparkplatz, doch einfach die bequemeren Turnschuhe anzulassen. Die Festivalbesucher, die wir sehen konnten, trugen zum Großteil keine Regenstiefel, und mussten es ja eigentlich wissen. Also fällten wir eine ziemlich dumme Entscheidung, denn selbstverständlich war überall auf dem Gelände Matsch, in dem man auch manchmal tiefer einsank, als ein Turnschuh hoch ist. Von den nassen Socken ganz abgesehen. Tatsächlich kamen wir bereits beim Anstehen für unsere Tagesbändchen in den Genuss unseres ersten Schauers.

Leicht durchweicht – Regenjacken hatten wir immerhin mitgenommen – erreichten wir nach einem längeren Fußmarsch das eigentliche Festival. Eine Weile lang wunderte ich mich, dass so viele der uns entgegen kommenden Fußballfans mit den deutschen Farben geschmückt waren, denn schließlich waren wir in Holland, und Deutschland spielte am Samstag auch überhaupt nicht. Ein etwas genauerer Blick ließ mich dann erkennen, dass die umgehängten Girlanden nicht etwa schwarz-rot-gold, sondern schwarz-gelb-rot waren – natürlich handelte es sich um belgische Fans, für die extra direkt vor dem eigentlichen Festivalgelände eine Leinwand aufgebaut worden war, denn Belgien spielte an diesem Nachmittag gegen Irland. Nett von den niederländischen Veranstaltern, dass die trotz der Nichtteilnahme Hollands an der aktuellen Europameisterschaft für die belgischen Fans sorgten.


Wir interessierten uns weniger für den belgischen Fußball und analysierten stattdessen das Angebot der Fressstände, die wie im vorherigen Jahr viel zu bieten hatten – wenn man sich nicht scheute, für kleine Portionen teuer zu bezahlen. Aber dazu berichte ich noch separat.

Adäquat gestärkt fanden wir uns dann vor der Hauptbühne ein, wo wir endgültig erkannten, dass dieser Festivalbesuch ohne Gummistiefel eine Herausforderung werden würde: Vor der Bühne befand sich ein riesiges, übel riechendes Matschfeld. Offenbar zeigt sich bei Nässe, dass der festgetretene Boden, der bei Trockenheit nicht sonderlich auffällt, zu einem Großteil aus Kuhfladen besteht. Bei Feuchtigkeit entfalten sie dann ihr volles Aroma. Wenn man wie wir keine Lust hatte, nach und nach im Kuhfladenmatsch zu versinken, blieb die Möglichkeit, sich auf einen leicht erhöhten Kabeltunnel zu flüchten, der von der Bühne aus durchs Publikum nach hinten verlief. Ansonsten lagen auch noch vereinzelte Holzplatten herum, auf denen man stehen konnte.


Bloc Party also. Ich mag die Musik von Kele Okereke und seinen Kollegen sehr gerne, insbesondere das zweite Album „A Weekend in the City“ hat es mir angetan, wobei ich, wie wohl viele, den Indie Pop-Songs positiver gegenüber stehe als den Elektroversuchen. Ein Konzertbesuch in Mannheim vor einigen Jahren entpuppte sich aber als kleine Enttäuschung, an diesem Abend war Kele offenbar schlecht gelaunt und beklagte sich über das „faule“ Publikum.


Am Samstag war das anders, am Publikum war offenbar nichts auszusetzen. Kele hat in den letzten Jahren offensichtlich viel Zeit im Fitness Studio verbracht und ist geradezu aufgepumpt. Vielleicht hat er in der Muckibude auch den aktuellen Bassisten von Bloc Party, Justin Harris, kennen gelernt, denn auch dieser wirkte sehr muskulös. Neben Bass spielte er auch Keyboard und - bei "Mercury" - Saxophon. Am Schlagzeug saß die sehr jung wirkende Louise Bartle, Bloc Partys einziges noch vorhandenes Gründungsmitglied neben Kele, Russell Lissack, spielte Gitarre.

Die Setliste berücksichtigte sämtliche Bloc Party Alben, wobei wir (und möglicherweise auch andere Indie-Fans) stets erleichtert waren, wenn Kele zur Gitarre griff, denn das versprach einen Song nach unserem Geschmack. Insgesamt schienen die elektronischeren Lieder generell etwas schlechter beim Publikum anzukommen, allerdings mit Ausnahme von „One More Chance“.


Aus unserer Sicht hätte die Setliste durchaus noch mehr Knaller wie „Like Eating Glass“ oder auch „I still remember“ sowie meinen persönlichen Favoriten „Waiting for the 7:18“ vertragen können, aber immerhin war es toll, die älteren Songs live zu hören. Bei einem Lied versagte übrigens das Keyboard, weshalb wir eine „special version“ zu hören bekamen, mit der die Band offensichtlich unzufrieden war. Aus Publikumssicht klang diese aber gar nicht so schlecht. Kele teilte uns gegen Ende mit, er reise am liebsten in die Niederlande, um high zu werden, ohne, dass diese Bemerkung bejubelt worden wäre. Vielleicht hätte ein freundlicher Kommentar zur belgischen Nationalmannschaft mehr Begeisterung hervorgerufen, denn ein Großteil des Publikums trug schwarz-gelb-rot.


Schade war, dass die Band nur 50 Minuten ihres einstündigen Slots nutzte. Aber es war schön, sie gesehen zu haben. Gerade die nahtlos ineinander übergehenden "Song for Clay" und "Banquet" rechtfertigte (fast) die lange Anreise.

Setliste:

Virtue
Hunting For Witches
Positive Tension
Mercury
Song For Clay
Banquet
One More Chance
Different Drugs
Octopus
The Love Within
Helicopter
Ratchet

Dinosaur Jr. kenne ich irgendwie aus meiner Jugend, ich weiß nur nicht genau, warum und inwiefern. Nachdem ich die Stimme von J Mascis durchaus erkenne, muss ich zu irgendeinem Zeitpunkt auch Musik der Band gehört haben. Aber wann und welche?


Der Auftritt von Dinosaur Jr. beim Best Kept Secret wird dieses Rätsel nicht lösen, denn er stand unter keinem guten Stern: Obwohl Bloc Party ihre Spielzeit nicht voll ausgenutzt hatten, blieben uns nur zehn Minuten, um von der Hauptbühne zum Zelt zu laufen, wo das Konzert stattfand. Dieses war schon mehr als gut gefüllt, weshalb wir uns nur außerhalb hinstellen konnten (dankenswerterweise waren die Außenwände geöffnet). Als Neuerung gegenüber dem Vorjahr hatten die Veranstalter links und rechts der Bühne Videoleinwände aufgestellt, so dass man theoretisch auch aus der Entfernung etwas sehen hätte können – wären die Leinwände denn etwas höher gehängt worden.

Bereits im vergangenen Jahr hatten wir die Erfahrung gemacht, dass es im Zelt, wenn man nicht sehr früh vor Ort war, schwierig werden konnte, einen Stehplatz mit Sicht auf die Bühne zu ergattern. Das erlebten wir auch jetzt.


So hörten wir uns nach der Ankündigung J Masics, es gehe ihm gesundheitlich schlecht und er werde, statt ganz abzusagen, im Sitzen spielen, einige Songs an, aber ohne viel zu sehen. Immerhin konnte man erkennen, dass Mascis auf einem Stuhl saß und ihm nach Bedarf Gitarren gereicht und wieder weggenomen wurden. Den Gegenpol zum sitzenden Sänger einerseits und dem glatzköpfigen Drummer andererseits bildete der einen Bassist Lou Barlow, der seine Haarmähne wild schüttelte. So richtig befriedigend war dieses weitgehend unsichtbare Konzert aber nicht, und so wanderte wir nach einigen Liedern ab.

Zeit für Air auf der Hauptbühne, vor der wir dieses Mal kein Plätzchen auf dem Kabelschacht mehr ergattern konnten und stattdessen rechts vor der Bühne in einem etwas weniger matschigen Bereich standen.


Air als Festivalband hatte ich mir im Vorfeld gar nicht so recht vorstellen können, ich weiß aber auch denkbar wenig über das französische Duo und kenne nur seine großen Hits. Es erschienen dann auf der Bühne nicht zwei, sondern vier ganz in weiß gekleidete, mittelalte Männer, die Synthesizer jeder Marke und jeder Epoche dabei zu haben schienen. Die beiden Zusatzmusiker waren für das Schlagzeug und weitere Keyboards zuständig, während die Stammbesetzung natürlich ebenfalls Keyboard (Jean-Benoît Dunckel) und Akustikgitarre (Nicolas Godin) spielte und gelegentlich sang.

Obwohl ich mehr Songs kannte als vorab befürchtet (viele der gespielten Titel stammten vom bekanntesten Album „Moon Safari“, „Playground Love“ kannte ich vom Soundtrack zu The Virgin Suicides), mochte der Funke bei mir nicht so richtig überspringen. Bei Tageslicht und auf einer Freilichtbühne wirkten Air einfach leicht deplatziert. Vielleicht wäre eine späterer Slot ihrer Musik eher gerecht geworden.


Viel gesprochen wurde auch nicht, lediglich vor und nach „Remember“ nutzte Nicolas die im Song eingesetzte Computerstimme, um sich auch gleich beim Publikum zu bedanken - woran er sichtlich Spaß hatte. Bei „Alpha Beta Gaga“ pfiff er dafür und spielte Banjo.

Bei den letzten drei Liedern, „Kelly Watch the Stars“, „Sexy Boy“ und „La Femme d’Argent“ lebte das Publikum dann noch sichtbar auf, und es wurde doch noch etwas wie Festivalatmosphäre spürbar.

Setliste: 

Venus
Don't Be Light
Cherry Blossom Girl
J'ai dormi sous l'eau
People in the City
Talisman
Remember
Playground Love
Alpha Beta Gaga
Radian
How Does It Make You Feel?
Kelly Watch the Stars
Sexy Boy
La Femme d'Argent


Nach Air blieben wir einfach vor der Bühne stehen, denn leider war der Fanandrang bereits so groß, dass man fürchten musste, als Spätkommer bei den Editors im tiefsten Matsch stehen zu müssen. Bereits in der Stunde Wartezeit begann es zu regnen, und eigentlich hörte es den gesamten Auftritt lang nicht mehr damit auf.

Nachdem im Bühnenhintergrund auf alt gemachte Ventilatoren aufgebaut worden waren, die sicherlich Fabrikatmosphäre schaffen sollten, wurde meine Geduld dadurch strapaziert, dass einer unserer wartenden Mit-Konzertbesucher, der für die gute Stimmung sichtbar nicht nur Bier konsumiert hatte, alle zwei Minuten „all sparks will burn out“ - und zwar nur diese eine Zeile - gröhlte. Immerhin scheint Tom Smith aber meine telepathische Botschaft erhalten zu haben, diesen Song aus Bestrafungsgründen an diesem Abend keinesfalls zu spielen.


Viele Lieder scheinen, anders als "All Sparks", auf der aktuellen Editors-Setliste feste Plätze zu haben, so erschien es unvorstellbar, dass nicht „No Harm“ das erste, „Papillon“ das vorletzte und „Marching Orders“ das letzte Lied sein könnten, und so war es dann auch. Gestrichen war dagegen der Akustikteil, in dessen Rahmen Tom Smith beim Konzert in Offenbach ausgerechnet „Smokers Outside The Hospital Doors“ dargeboten hatte. Dieses Lied hat zum Glück nun seine normale Instrumentierung zurückbekommen, die ihm viel besser steht.


Im übrigen hatte die Setliste auch Überraschungen parat, so spielten die Editors den neuen Song „The Pulse“, dessen Anfang Tom beim ersten Versuch am Klavier verpatzte. „Open Your Arms“ wurde als Lied angekündigt, das nur selten live gespielt werde, aber soeben den Weg zurück ins Bandgedächtnis gefunden habe. In Zeiten des Internets kann man solche Aussagen natürlich zeitnahe überprüfen, und tatsächlich wurde der Song in über 50 Konzerten der aktuellen Tournee erst dreimal gespielt - ebenso wie „No Sound But the Wind“, den uns Tom Smith gegen Ende allein am Piano vorspielte, und das nur in Belgien ein Nummer-1-Hit war. Kein Wunder, dass es beim Publikum so gut ankam!


Überraschend waren auch verschiedene Feuereffekte, die die Band in Hilvarenbeek dabei hatten, und die bei verschiedenen Liedern zum Einsatz kamen – teils als vier vom Bühnenrand emporschießende Flammen, teils als Feuerregen und am Schluss sogar als kleines Feuerwerk. Die Bühnenflammen gaben selbst auf 20 Meter Entfernung ein bisschen Wärme ans Publikum ab, so dass man sie ruhig häufiger hätte einsetzen hätte dürfen.

Gleich mehrmals erwähnte Tom, es sei nett, dass wir uns bei „miserable weather“ zu „miserable music“ eingefunden hätten, erwähnte im Verlauf der Show aber auch, dass der Auftritt ihn dennoch glücklich mache.


Uns eigentlich auch, es war trotz Dauerregen und Kälte ein schönes Konzert. Nur schade, dass Rachel Goswell, die am Vorabend mit Minor Victories (einer Band, bei der auch Editor Justin Lockey Mitglied ist) beim selben Festival aufgetreten war, nicht geblieben war, um bei den Stücken des aktuellen Albums „In Dream“, an denen sie mitgewirkt hat, live mitzusingen.

Setliste: 

No Harm
Sugar
Smokers Outside the Hospital Doors
Life Is a Fear
An End Has a Start
Formaldehyde
The Pulse
Eat Raw Meat = Blood Drool
The Racing Rats
Forgiveness
Munich
Open Your Arms
All the Kings
Ocean of Night
A Ton of Love
No Sound but the Wind
Papillon
Marching Orders

Es fehlt noch ein Fazit. Zweifellos macht jedes Festival bei Sonne mehr Spaß, und das gilt auch für dieses. Außerdem bedeutete der Tagesausflug auch, dass wir wenig Zeit hatten, um das Gelände zu erforschen und dabei vielleicht Neues zu entdecken. Und als ich um vier Uhr morgens im Bett lag und später am Sonntag halb komatös auf der Couch saß, konnte ich den Gedanken, dass die Reise eine ziemliche Schnapsidee war, nicht von der Hand weisen. Aber immerhin haben wir ein sehr gutes Editors- und ein gutes Bloc Party-Konzert gesehen und können Air unter "live gesehen" verbuchen. Dinosaur Jr. wohl nur unter "live gehört".


Außerdem habe ich dazu gelernt: Das Festival am nächsten Wochenende geht wieder über drei Tage, wir sind am Ende voraussichtlich schon um DREI Uhr morgens im Bett und den Montagvormittag habe ich vorsorglich frei genommen.

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