Neulich bei den Geisterklavieren: Ólafur Arnalds im Wiesbadener Kurhaus


2013 sah ich Ólafur Arnalds zum ersten Mal live, damals ebenfalls in Wiesbaden, in der Ringkirche. Diese auch bereits ungewöhnliche und schöne Location wollte er beim zweiten Besuch wohl noch toppen und buchte sich ins Kurhaus ein, laut Wikipedia einen der prunkvollsten Festbauten Deutschlands. Ich war noch nie dort gewesen und war somit erleichtert, dass auf das beeindruckende Äußere nach dem Einlass ein vielleicht noch schöneres Inneres folgte - von der Alten Oper in Frankfurt war ich anderes gewöhnt.


Als wir unsere Sitzplätze relativ nahe der Bühne einnahmen, fiel sofort auf, dass auf der Bühne bereits etwas geschah: Die Klaviere, die links und rechts von einem Flügel mit Keyboards aufgebaut waren, wurden wie von Geisterhand gespielt. Als kurze Zeit später die Musiker die Bühne betraten, nahm niemand an den Geisterklavieren Platz. Zu Herrn Arnalds am Flügel gesellten sich vier Streicher - zwei Geigen, eine Bratsche und ein Cello - sowie bei manchen Liedern ein Schlagzeuger.


Nach "Intro" und dem Lied "Árbakkinn", das in der Albumversion mit einem Gedicht unterlegt ist, live aber rein instrumental vorgetragen wurde, fragte Herr Arnalds, ob wir singen könnten, was die Zuschauer erstaunlich selbstbewusst bejahten.Vielleicht erinnerten sich manche Anwesende an den Auftritt in der Ringkirche, wo dieselbe Frage gestellt worden war. Wir durften nun ein langes "A" einsingen, das aufgenommen wurde und dann den folgenden Song "brot" komplett unterlegte. Hätte Arnalds der Ton nicht gefallen, hätte er, so erklärte er scherzhaft, auch notfalls auf eine andere Aufnahme zurückgreifen können.


Das kurz darauf folgende Lied "Unfold" stammte vom neuen Album "re:member" und wird im Original mit Sohn vorgetragen (auch hier fiel die menschliche Stimme in der Liveversion weg), darauf folgte "Beth's Theme", das aus der britischen Serie Broadchurch bekannt ist. Wenig später entpuppte sich "3326" als ein Lied, das ausschließlich von einem der beiden Geiger als Solist vorgetragen wurde.


Wie ich es bereits in der Ringkirche erlebt hatte, gab es nicht nach jedem Lied eine Pause für Applaus, stattdessen wurden die Stücke oftmals in Zweiergruppen zusammengefasst und gingen ineinander über. Gut, dass meine Bildredaktion noch vor Beginn einen Schnappschuss von der Setliste ergattert hatte und ich folglich nicht in die Verlegenheit geriet, die Instrumentallieder identifizieren zu müssen.


Arnalds erzählte zwischendurch weniger als beim letzten Auftritt, aber eine längere Geschichte bekamen wir dann doch zu hören: Er erwähnte als erstes, dass die Musiker gerade gemeinsam etwa das zehnte von 160 Konzerten spielten, dass man auf Reisen aber immer sehr wenig von den Auftrittsorten zu sehen bekomme. Arnalds reist aber auch sehr gerne, wenn er nicht auf Tournee geht, insbesondere nach Indonesien. Das ebenfalls neue Lied "Nyepi" handelt vom gleichnamigen Fest, das in Indonesien das neue Jahr einleitet - mit einem Tag des Schweigens und der Meditation, an dem letztes Jahr auf einer Insel sogar das mobile Internet abgeschaltet wurde. Arnalds fand diese erzwungene Schweigepause angenehm, brach sie aber, indem er sie nutzte, um das Lied zu schreiben.


Direkt beim folgenden Lied, "Doria", lief irgendetwas schief. Die beiden Geisterklaviere, die während des Konzertes immer wieder mit musiziert hatten, taten irgendetwas, das Arnalds verwirrte. Er prüfte während des Liedes kritisch seinen Computer und erklärte entschuldigend, er habe zwei Jahre an der Software zur "Fernbedienung" der Klaviere geschrieben, aber sie habe immer noch Macken. Für den Zuschauer war das Problem nicht ganz ersichtlich, das Lied brach nicht ab und geriet auch nicht in eine ungewollte Wiederholungsschleife.


Nach dem eigentlichen Konzert bekamen wir, dank Setliste nicht völlig unerwartet, noch eine Solo-Zugabe. Arnalds erzählte dazu, seine Großmutter, die ihm sehr nahe stand, habe ihn, als er anfing, (Punk-)Musik zu machen, stets ermutigt, Chopin zu hören, und bei seinen ersten Klavierkonzerten habe sie, anders als bei den Punkkonzerten, stets in der ersten Reihe gesessen. Bei "Lag fyrir ömmu", das war beim ersten Wiesbadener Konzert auch schon so gewesen, hörte man irgendwann leise die Streicher, die die Bühne bereits verlassen hatten, mitspielen.


Arnalds erntete mit seinem Konzert stehende Ovationen. Wieder ein sehr schönes Konzert eines überaus sympathischen Künstlers, noch dazu in einem wunderschönen Saal.

Setliste:

Intro
Árbakkinn

brot
Only the Winds

re:member

Unfold
Beth's Theme

Verses
saman

Dalur
3326

Ypsilon
Undir

Ekki Hugsa

Nyepi
Doria

Near Light

Lag fyrir ömmu

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