The Masked Singer: Jonathan Bree im Wiesbadener Kesselhaus


Jonathan Bree veröffentlichte letztes Jahr die tolle Single "You're So Cool", die bei mir sogar Single des Jahres wurde. Grund genug, sich den Künstler einmal live anzusehen, als er am Freitag in Wiesbaden vorbei schaute.

Im Video zu "You're So Cool" sieht man den Sänger mit Komplettmaskierung und Perücke, was bei mir die Frage aufwarf, was uns live erwarten würde. Mein Freund meinte, genau dasselbe. Ein Musiker mit Band, und man kann kein Gesicht sehen? Wie würde das wohl werden?

Bevor wir das erfuhren, trat im zum Schlachthof-Gelände gehörenden Kesselhaus, in das 50 bis 60 Interessierte gekommen waren, als Vorband Ryder The Eagle auf. Es handelte sich um einen einzelnen Musiker aus Frankreich, und man kann sich richtig vorstellen, wie die Booker sich dachten "Der Typ ist ganz schön strange, aber die Leute, die sich Jonathan Bree ansehen, halten das sicher auch aus".


Der Sänger hatte als einzige Begleitung einen MP3-Player dabei, den er "my Band" nannte und auf dem er die einzelnen Lieder abspielte und dazu sang. Der musikalische Stil bewegte sich dabei zwischen den frühen Pulp und dem Soundtrack zu den La Boum-Filmen. Dass er nicht sonderlich gut singen konnte, kompensierte er durch einen extrem emotionalen Auftritt, bei dem er sprang, hüpfte und sich in Posen warf. Nach zwei Liedern beschloss er, dass er das Publikum besser kennen lernen wollte, weshalb er mit dem Mikrophon in den Zuschauerraum ging und einige Besucher auf Englisch nach ihren Berufen fragte. Er selbst erzählte im Gegenzug, dass er schon diverse Jobs gehabt habe, aber alle nach kurzer Zeit verloren habe - aktuell sei er arbeitssuchend und bereit, eine ihm heute Abend angebotene Stelle sofort anzutreten. Das Ganze diente als Einleitung für den nun folgenden Song "Worker Of Love".


Auch Outfit-technisch war Ryder The Eagle bemerkenswert: Er trug Lederhose und-jacke sowie Stiefel, dazu ein Faschings-artig wirkendes Cowboyhemd mit Fransen sowie eine Achziger Jahre Löckchenfrisur. Bei einem späteren Song schwitzten sicherlich nicht nur wir Blut und Wasser, als er Sänger erst eine Zeile zum Mitsingen vorsang und das Lied dann im Publikum spazierend vortrug - wir rechneten jeden Moment, dass ein unglücklicher Besucher das Mikrophon vor die Nase gehalten bekommen würde - was dann letztlich nicht passierte. Stattdessen entledigte sich der Sänger nach und nach seiner Jacke, seines Hemdes und Unterhemdes und kletterte ein bisschen singend auf der Bar am hinteren Endes des Raumes herum. Sein Oberkörper sah dabei aus, als hätte zu seinen früheren Jobs vielleicht auch einer als Tattoo-Modell für Anfänger gehört.

Am Ende des Auftritts, der zu einem wesentlichen Teil im Publikum stattfand, war ich hauptsächlich erleichtert, dass wir ihn überstanden hatten, ohne Fragen gestellt zu bekommen, angetanzt oder zum Singen aufgefordert zu werden - und auch seine Performance und der Gesang konnten diesen Stress nicht lindern.

Ohne Musiker wirkte die Bühne merkwürdig leer. Wir hatten erwartet, dass Jonathan Bree eine ganze Band dabei haben würde, aber man konnte nur ein Schlagzeug und eine Gitarre sehen.


Als die Band schließlich die kleine Bühne betrat, waren es fünf Personen: Ein Schlagzeuger und ein Bassist/Gitarrist, beide ebenso maskiert und mit Perücken ausgestattet wie Jonathan Bree und darüber hinaus mit Kopfhörern versehen. Dann war da natürlich noch Herr Bree selbst, selbstverständlich ebenfalls maskiert, und zwei Tänzerinnen. Diese waren annähernd identisch und ganz in weiß gekleidet, an Stelle der dehnbaren Stoffmasken der Männer trugen sie harte mit Löchern für die Augen. Von keiner der Personen auf der Bühne war auch nur ein Millimeter Haut oder ein echtes Haar zu sehen.


Das musikalische Programm entpuppte sich dann als komplett durchchoreographiert: Vielfach wurden im Bühnenhintergrund Videos zu den Songs gezeigt, in denen man Jonathan Bree mit Tänzerinnen sag, während vorne auf der Bühne von den Live-Tänzerinnen dasselbe stets synchron nachgetanzt wurde.Den Gegenpart zu den sich ständig bewegenden Frauen bildeten der quasi bewegungslose Schlagzeuger und Gitarrist, und auch Jonathan Bree ging bei manchen tänzerischen Darbietungen in den Hintergrund und verharrte dort regungslos wie eine Schaufensterpuppe, die gerade nicht gebraucht wurde.


Zu diversen Liedern gab es spezielle Gags, so sang am Anfang von "Say You Love Me Too" eine der Sängerinnen offensichtlich echt mit (Bree und sie hielten sich hierbei gegenseitig die Mikrophone hin), später sangen die beiden aber Playback und nutzen etwa riesige Trommelklöppel als "Mikrophone". Zu "Valentine" zupfte Bree erst an einem Blumensträußchen herum und warf es dann ins Publikum, bei "Laptop" kamen bei den Tänzerinnen Fächer zum Einsatz, und bei "You're So Cool" spielten sie auf modifizierten Federballschlägern Gitarre.


Außer Schlagzeug, Gitarre und Brees Gesang kam sämtliche Musik vom Band, was natürlich ein bisschen schade war - gerade die in vielen Liedern eingesetzten Streicher hätten wir gerne live gehört. Die einzige Ausnahme bildete "There is Sadness", das Jonathan Bree a capella begann, anschloeßend griffen die beiden Tänzerinnen zu Gitarre und Tamburin und musizierten für diesen Song mit - wie viel davon tatsächlich live war, ließ sich aber nicht sagen.

Der quasi anonyme Auftritt endete konsequent: Nach dem letzten Lied "The Primrose Path" erschienen auf der Videoleinwand die Worte "Thank You" und "Fin", die Musiker verneigten sich und gingen. Das war's, kein gesprochenes Wort, keine Zugabe, kein Winken, nichts.


Einmal kann man sich ein solches Konzert sicherlich ansehen, zumal es in seiner Außergewöhnlichkeit natürlich sehr erinnerungswürdig ist. Mit einer regulären Livemusikerfahrung hat es aber natürlich herzlich wenig zu tun, wenn jede Spontaneität oder persönliche Geste von vorneherein ausgeschlossen ist. Also war es vielleicht auch weniger ein Konzert, sondern einfach eine Performance.

Setliste:

Sleepwalking
Weird Hardcore
Say You Love Me Too
Waiting On The Moment
?
Blur
Duckie's Lament
Valentine
There Is Sadness
Laptop
?
You're So Cool
Fuck It
The Primrose Path

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen