Neulich im Oktober besuchten mein Freund und ich Prag. Im Vorfeld kaufte ich einen Reiseführer und erwischte dabei einen, der sich - zumindest für Prag-Anfänger - als nicht sonderlich hilfreich erwies. Er war nämlich Teil einer Reihe, die sich darauf spezialisiert hat, Sehens- und Besuchenswertes weitab von typischen Touristenzielen vorzustellen. Nachdem ich aber noch nie in Prag gewesen war, wäre ich durchaus damit einverstanden gewesen, zunächst einfach die bekanntesten Sehenswürdigkeiten kennenzulernen.
In einem Kapitel wurde allerdings der lokale Künstler David Černý vorgestellt. Der 1967 in Prag geborene Bildhauer wurde zunächst mit einem vandalistischen Akt bekannt: Er malte einen sowjetischen Panzer rosa an. Mit Ende des kalten Krieges wurde Černý allerdings immer beliebter, und während es mittlerweile auf der ganzen Welt Werke von ihm zu sehen gibt, ist das heutige Prag geradezu damit gespickt.
Es gibt viele seiner Werke, an denen man als Besucher im heutigen Prag kaum vorbei kommt. Ganz weit vorne liegt sicher der hängende Sigmund Freud, "Man Hanging Out". Das Werk stammt von 1996 und befindet sich hoch über der Straße Husova, nicht weit von der Karlsbrücke entfernt. An einer Stange hält sich die annähernd lebensgroße Figur mit einer Hand fest. Von weitem sieht das Ganze so echt aus, dass anscheinend schon mehr als einmal die Polizei darüber unterrichtet wurde, dass ein Mann Hilfe benötigt.
Ebenso bekannt und noch auffälliger dürfte die Skulptur "K." von 2014 sein. Der zehn Meter hohe Kopf des wohl berühmtesten Tschechen Franz Kafka befindet sich direkt hinter einem Einkaufszentrum. Die Skulptur besteht aus 42 aufeinander gestapelten Eisenplatten. Jeweils zur vollen Stunde rotieren die Platten für 15 Minuten, so dass sich Kafkas Gesicht immer wieder auflöst und neu zusammensetzt. Bei unserem Besuch erwischten wir zufällig genau den richtigen Zeitpunkt. Viele Touristen hatten sich um den Kopf versammelt und beobachteten das Schauspiel.
Černý selbst gefällt diese Technologie offenbar sehr, denn er hat nach demselben Prinzip auch eine Skulptur von David Lynch gestaltet, die sich in Santa Monica befindet. Auch in Charlotte kann man einen ähnlichen Kopf besichtigen, der zusätzlich Wasser spuckt.
Bei unserem Besuch hatte ich den Eindruck, dass diese Skulptur ein wenig Liebe gebrauchen könnte: Nur einer der beiden Männer konnte noch pinkeln, zudem konnten beide nicht ihr volles Bewegungsspektrum ausführen - und der kleine See war völlig veralgt.
Wenn man sich schon einmal auf der Prager Kleinseite befindet, kann man in wenigen Minuten zu einem weiteren Markenzeichen Černýs spazieren, den krabbelnden Babies (tschechich. Miminka). Die erstaunlich großen Skulpturen (sie sind dreieinhalb Meter lang) krabbeln durch eine Grünanlage. Statt Gesichtern haben sie Strichcodes. In der Grünanlage kann man auf ihnen herumklettern - oder wird zumindest nicht daran gehindert.
Von weitem sichtbar sind weitere Babies (zehn an der Zahl), die seit dem Jahr 2000 am Prager Fernsehturm herumklettern. Um diesen von Nahem zu sehen, muss man allerdings in die U-Bahn steigen. Die kletternden Babies wurden zuerst als temporäre Installation angebracht, als Prag europäische Kulturhauptstadt wurde. Mittlerweile sind sie dauerhaft zu sehen, wurden aber 2019 durch besser haltbare Versionen ersetzt - von denen jede 250 Kilo wiegt.
Stichwort Baby: Unweit der "Man Hanging Out"-Skulptur, aber schwerer zu erkennen befindet sich an einer Hausecke in der Altstadt ein Embryo, das auf den ersten Blick aussieht, als hätte jemand einen formlosen Plastikklumpen an einem Regenrohr befestigt. Die Installation stammt von 2008 und entstand zum 50. Jubiläum des Na zábradlí Theatre. Das Besondere an der Skulptur ist, dass sie nachts leuchtet. In einem Fernsehbeitrag habe ich gesehen, wie Černý beklagte, die im Haus ansässige Kneipe habe die Stromzufuhr gekappt. Ob das Embryo aktuell leuchtet, weiß ich nicht, weil wir es tagsüber besucht haben - in jedem Fall wirkt es unbeleuchtet leider wenig aufregend.
Der eingangs erwähnte rosa Panzer ist nicht in Prag zu sehen (er befindet sich in einem Militärmuseum außerhalb der Stadt). Seit 2018 gibt es einen kleineren Ersatz, die Skulptur "Tank Torso", die aussehen soll, als sei ein Panzer in einer öffentlichen Anlage vergraben worden. Auch dieser Panzer ist mittlerweile pink, ich bin mir aber unsicher, ob die Farbe vom Künstler stammt (auf Bildern im Internet ist er "panzerfarben"). Leider sieht man dem Werk auch recht deutlich an, dass es sich eben nicht um einen Teil eines viel größeren, weitestgehend vergrabenen Fahrzeugs handelt. Da wäre das Original sicher beeindruckender.
Mehr Černý-Skulpturen folgen in zweiten Teil.
.jpeg)
.jpeg)
.jpeg)
.jpeg)
.jpeg)

.jpeg)
.jpeg)


.jpeg)



0 Kommentare