Neulich ohne Musical: The Divine Comedy in der Luxemburger Philharmonie


Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, meinen Freund am letzten Wochenende zum Konzert von Divine Comedy zu begleiten, entschied mich aber im letzten Moment um. Das Schreiben des Berichtes habe ich dieses Mal aber dennoch ihm überlassen.

Mein Ticket in der dritten Reihe für das Konzert von The Divine Comedy in Luxemburg hatte ich bereits zum Start des Vorverkaufs gekauft und mich darauf eingestellt, allein fahren zu müssen. Grund war, dass der Auftritt von Neil Hannon im wesentlich näher gelegenen Köln zeitlich sehr nah an den Konzerte von Maximo Park, Jens Lekman, Sprints und Belle & Sebastian (an zwei Tagen in Folge) lag und ich nicht ständig in die Domstadt pendeln wollte.



Rein zufällig waren am Laptop meiner Freundin einige Tage zuvor die Internetseiten einiger in Luxemburg ansässiger Pralinen- und Bean-to-bar-Hersteller geöffnet, so dass ein samstäglicher Ausflug ins Nachbarland doch plötzlich noch interessant für sie wurde. Spontan wurde noch eines der letzten verfügbaren Tickets gekauft, auch wenn wir nicht nebeneinander sitzen konnten und Hannons Musik hier immer als Musical verspottet wird.

Auf dem Weg nach Luxemburg (und vor dem großen Pralinen- und Schokoladeneinkauf) wurde ich gefragt, ob ich The Divine Comedy schon einmal live gesehen hätte - dabei hatte ich doch von dem Konzert bei Neulich als ich dachte berichtet! Immerhin fanden wir heraus, dass dies 2017 mein erster Konzertbesuch in Luxemburg gewesen war. Im Den Atelier hatte ich seitdem außerdem Suede und Tori Amos, im Conservatoire Amanda Palmer und in der Rockhal Arcade Fire und Björk gesehen. Mit der Philharmonie würden wir an diesem Abend einen weiteren „Ground machen“. 



Die 2002 erbaute Philharmonie erwies sich als äußerst beeindruckendes Gebäude, dessen Fassade aus mehr als 800 weißen Säulen besteht und dessen Grundriss die Form eines Auges hat. Der Hauptsaal fasst bis zu 1500 Personen. Das Veranstaltungsprogramm ist durchaus abwechslungsreich - hier gastieren nicht nur klassische Orchester, es gibt auch Veranstaltungen für Kinder oder auch mal einen Stummfilm mit Musik.

In Luxemburg kann man nicht nur umsonst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, sondern auch preisgünstig parken (3,- €). In unserem Fall in einem Parkhaus, das unterirdisch mit dem Konzertort verbunden war. Wir nahmen passend zum frühen Konzertbeginn um 19:30 Uhr - es gab keine Vorband - auf unseren Sitzen Platz und hörten gerade noch die Durchsage, dass das Filmen und Fotografieren strengstens untersagt sei. Zumindest anfangs hielten sich alle Besucher daran. 



The Divine Comedy betraten insgesamt zu siebt ziemlich pünktlich die Bühne, Neil Hannon hatte sich zur Unterstützung Rosie Tompsett (Violine), Andrew Skeet (Keyboards), Ian Watson (Keyboards und Akkordeon), Tosh Flood (Gitarre), Simon Little (Bass), und Tim Weller (Schlagzeug) mitgebracht.

Anders als vor einigen Jahren kam Neil Hannon dieses Mal ohne Verkleidung - vielleicht weil das Konzert diesmal nach Abschluss der fünften Jahreszeit stattfand. Den Auftakt bildeten mit „ Achilles“, „The Last Time I Saw the Old Man“ und „Rainy Sunday Afternoon“ gleich drei Songs des aktuellen Albums, das in der Setliste mit insgesamt 7 Liedern berücksichtigt wurde.



Hannon zeigte sich selbst etwas über den frühen Beginn des Konzertabends verwundert und wandte sich gleich an die Besucher, die links und rechts von der Bühne auf den steilen Rängen saßen: „I can’t see you but I feel your presence“. Danach gab es noch scherzhafte Wortspiele bezüglich der „presents“, die wir sicherlich mitgebracht hatten. Statt dessen beschenkte er uns mit älteren Stücken wie „Norman and Norma“, „Bang Goes The Knighthood“ und meinen Lieblingslied „Our Mutual Friend“. 

Er erklärte allen, die nie zuvor auf einem Konzert von The Divine Comedy gewesen waren, dass er immer reichlich Quatsch bei Konzerten rede, wollte sich aber einschränken - und sagte letztlich tatsächlich nicht mehr allzu viel und ließ die Musik sprechen. Beim folgenden „Bad Ambassador“ sprangen die ersten Zuschauer auf und fingen, wie auch später bei „At the Indie Disco“, an zu tanzen, und bei dieser etwas gelösteren Stimmung zückten auch die ersten Besucher heimlich ihre Handys für Fotos. Da ich mein Lieblingslied gehört hatte, beteiligte ich mich daran, da die Gefahr, aufgrund des verbotenen Fotografierens des Saals verwiesen zu werden nun nicht mehr so abschreckend war.



Bei „Mar-a-Lago by the Sea“ wurde ein kleiner Wagen mit Getränken auf die Bühne geschoben und Hannon nutzte die Gelegenheit, um seine Mitmusiker*innen vorzustellen und ihnen ihr Wunschgetränk zu mixen und zu servieren. Während die schwangere Violinistin bei einem Softdrink blieb, wählten die männlichen Musiker Bier oder Bloody Mary, die Hannon mit Eiswürfeln im Cocktailglas anrichtete. Er selbst wählte ein Guinness.



Freudig registrierte er den lauten Applaus zu Beginn von „The Heart is a lonely Hunter“, dem vielleicht besten Lied des neuen Albums: „Oh, you like this one - I Hope I don’t fuck it up.“ Machte er nicht. Besonders euphorisch wurde die Stimmung am Ende des Hauptteils, das nach „Absent Friends“ mit „Generation Sex“, „Becoming More Like Alfie“ und „National Express“ mehrere alte und temporeiche Lieder bot. Neil Hannons Wunsch, dass wir ihn glücklich machen würden, wenn wir von unseren Stühlen aufstehen würden, erfüllten wir da gern.



Meine Freundin hatte auf der Hinfahrt behauptet, sie würde schon vor ihrem inneren Auge sehen, wie am Ende von „National Express“ ein Bus mit winkenden Musiker*innen von der Bühne fahren würde, aber einzig einige pantomimische Untermalungen, wie beispielsweise ein auf die Knie sinken oder ein In-Ohnmacht-fallen ließen an ein Musical denken. Denn ansonsten gab es in einem optisch eher spärlichen Konzert keine Showeinlagen, Kostüme, Requisiten oder Kulissen.

Selbstverständlich kam die Band noch für drei Songs als Zugaben zurück und schloss das Set traditionell mit „Tonight we Fly“.



So endete also mein erstes Divine Comedy-Konzert, und abgesehen von der Cocktail-Sache gab es in der Tat quasi keine (Musik-)theatralischen Einlagen - ich wusste gar nicht, ob ich darüber erleichtert oder doch enttäuscht sein sollte. Das Konzert gefiel mir insgesamt gut, woran neben den versierten Musikern sicherlich auch der beeindruckende Veranstaltungsort und das äußerst begeisterte Publikum einen Anteil hatten.


Setliste:

Achilles
The Last Time I Saw the Old Man
Rainy Sunday Afternoon
Assume the Perpendicular
Norman and Norma
Bang Goes the Knighthood
I Want You
Our Mutual Friend
Bad Ambassador
Songs of Love
At the Indie Disco
Neapolitan Girl
Mar-a-Lago by the Sea
A Lady of a Certain Age
The Heart Is a Lonely Hunter
Other People
Absent Friends
Generation Sex
Becoming More Like Alfie
National Express

In Pursuit of Happiness
Invisible Thread
Tonight We Fly

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