Das Ende neu schreiben: Adorable in der Londoner Bush Hall



Hätte mir jemand vor zehn Jahren gesagt, dass ich in meinem Leben noch einmal Adorable live sehen würde, hätte ich das stark angezweifelt. Zwar gab es vermutlich damals schon die ersten Kurzzeit-Wiedervereinigungen von Bands meiner Jugend zwecks Liveauftritten, aber Adorable waren nie so erfolgreich gewesen wie beispielsweise Blur. Außerdem hatte Pete Fij damals noch eine Website mit FAQs, und auf die Frage, ob es jemals eine Adorable-Reunion geben würde, stand dort ein klares Nein: Die Bandmitglieder (Gitarrist Robert Dillam, Bassist Stephen Williams und Schlagzeuger Kevin Gritton) hätten mittlerweile alle andere Berufe, folglich sei das quasi unmöglich.

Dann kam aber das Wohnzimmerkonzert mit Pete Fij im März dieses Jahres, und kurz vor dem Abschied verriet er uns, dass es im Herbst doch ein paar Adorable-Konzerte geben würde - in London, als einmalige Angelegenheit. Wir konnte uns sogar "Vorzugskarten" für den Termin unserer Wahl sichern. Die ursprünglich angekündigten zwei Auftritte waren sehr schnell ausverkauft, letztlich wurde noch ein dritter und vierter bekannt gegeben. Als kleiner Wermutstropfen bedeutete das auch, dass wir anders als gedacht nicht beim allerletzten Adorable-Konzert sein würden, denn das folgte dann erst einen Tag später.


Herr Fij hatte dabei ein unheimliches Talent dafür, Aktivitäten rund um mögliche Brexit-Termine zu arrangieren: Die Tour im Frühjahr war absichtlich eine Art Abschiedsrunde vor dem damals für März angekündigten Brexit gewesen, die nun angekündigten Adorable-Termine fielen hinsichtlich der Anreisetermine für EU-Ausländer genau auf das neue Austrittsdatum. Wie wir mittlerweile wissen, ist auch aus diesem Brexit zum Glück nichts geworden, aber im Vorfeld der Reise machten wir uns durchaus Sorgen, ob wir denn überhaupt ein- und ausreisen würden können.

Der Auftrittsort für die Konzerte am Freitag und Samstag war die mir vorab unbekannte Bush Hall in Shepherd's Bush. Die von außen eher unscheinbare Halle entpuppte sich innen als wahres Schmuckstück, die ehemalige "Dance Hall" war mit Stuck und Kronleuchtern geschmückt.


Beim Hineinkommen passierten wir den Merchandise-Stand - wohl ein weniger gut geplantes Detail der Wiedervereinigung, denn erstens war noch am Vortag via Facebook Verkaufspersonal gesucht worden, zweitens gab es bei unserer Ankunft neben ein paar Vinylplatten des Debütalbums nur Stofftaschen und den Hinweis, dass die T-Shirts noch gedruckt würden und bald verfügbar seien.

Vorab hatten wir darüber gerätselt, ob es eine Vorband geben würde (in der Konzertankündigung war von "special guests" die Rede gewesen), dem war dann nicht so, stattdessen wurde ein halbstündiger Film gezeigt. Während ich vorab auf Facebook in den Kommentaren zum Vorabendkonzert von einem anderen Film gelesen hatte, sagten meine Nachbarn zueinander "It's the same one!" und klangen dabei nicht allzu erfreut... ich weiß also nun nicht, ob es bei jedem Auftritt denselben Film gab. Es handelte sich in jedem Fall um einen Klassiker der Filmgeschichte, La Jetée, 30 Minuten lang, schwarzweiß, weitestgehend aus Standbildern bestehend, auf Französisch mit englischen Untertiteln und ganz ohne Dialoge. Genau das Richtige also, um es Bier trinkend und mit lauter Geräuschkulisse mit halber Aufmerksamkeit vor einem Konzert zu sehen.


Im Nachhinein las ich bei Wikipedia nach und entdeckte, dass der Film das Vorbild von 12 Monkeys ist. Insofern war der Bildungsauftrag vielleicht doch nicht ganz verschwendet.

Unsere Freunde, die auch die obere Etage der Halle besichtigt hatten, berichteten inzwischen, dass in der einzigen Loge Plätze für die Eltern der Bandmitglieder reserviert waren.


Zum Glück ging es schnell und pünktlich weiter mit dem Hauptact. Irgendwie hatte ich unbewusst mit einem weiteren Pete Fij-Konzert (nur eben mit Band) gerechnet und war dann doch sehr erstaunt, dass erst einmal so gar nichts gesagt wurde. Dafür hörten wir aber natürlich wunderschöne Lieder, als erstes "I'll Be Your Saint", anschließend "Vendetta" - zum Glück wurde auch das von Kritik und Band ungeliebte zweite Album (das viele Fans und ich aber sehr mögen) ausreichend in der Songauswahl berücksichtigt. So freuten wir uns Lied um Lied, bekamen aber erst nach dem zehnten Song "Summerside" (einer B-Seite) ein "Hallo". Ein Lied später fragte Pete in die Runde, wer im Publikum aus London, Großbritannien oder aus dem Ausland angereist sei - der Ausländeranteil schien dem Applaus nach beträchtlich zu sein.


Ein weiterer Unterschied zu einem Pete Fij-Solokonzert war natürlich auch die Fähigkeit der Band, ordentlich Krach zu machen. Bei viel Bühnennebel rockte auch das Publikum engagiert mit. Die Band hatte vorab mehrere Tage lang proben müssen, was sich gelohnt hatte: Mir fielen, abgesehen von einem verpassten Gesangseinsatz bei "Submarine", keine Unsicherheiten auf, und es machte großen Spaß, die Songs, von denen ich die meisten Note für Note kenne, live zu hören.

Die Setliste ließ auch kaum Wünsche offen: Wir hörten sieben Lieder von "Againts Perfection", fünf von "Fake", die beiden separat veröffentlichten Singles und zwei B-Seiten. Vor dem Zugabenteil bekamen wir dann doch noch eine kleine Ansprache: Pete erklärte, der Abend und die Wiedervereinigung sei nicht als Neuanfang der Band gedacht. Ihr Ende habe unter sehr schlechten Bedingungen stattgefunden - Presse und Label hatten sie fallen gelassen - und nun gebe es die Möglichkeit, dieses Ende in einem schöneren Umfeld neu zu schreiben. Petes Mutter habe zu ihm gesagt, dass es im Leben immer die Dinge seien, die man nicht gemacht hat, die man letztlich bereut - und er forderte uns alle auf, etwas zu tun, dessen Versäumnis wir sonst später bereuen könnten.


Nach drei Zugaben war das Konzert vorbei, die Bandmitglieder kamen aber nach vorne und ließen sich bereitwillig ansprechen und fotografieren. Beim Herumstehen erkannten wir auch (angesichts der Tatsache, dass wir Pete ja allein dieses Jahr schon vorher zweimal live gesehen hatten) reichlich spät, dass Pete offensichtlich seit den 90ern bei allen seinen Konzerten dieselbe, mittlerweile recht antike weiße Lederjacke trägt - spätere Youtube-Recherchen bestätigten die Theorie.

Es war seher schön, dabei zu sein, wie diese unterschätze Band ein nachgeholtes Abschiedskonzert feierte, gemeinsam mit lauter Fans, denen die Musik genauso viel bedeutet.


Setliste:

I'll Be Your Saint
Vendetta
Favorite Fallen Idol
Glorious
Road Movie
Sunburnt
Kangaroo Court
Radio Days
Sunshine Smile
Summerside    
Submarine
Sistine Chapel Ceiling
Cut #2
Breathless

Crash Sight
Homeboy
A to Fade In


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