Ich habe meinen Freund einmal mehr schnöde im Stich gelassen: Im Gegensatz zu mir ist er ein großer Belle & Sebastian-Fan und natürlich begeistert, als die Band eine Tour ankündigte, bei der ihre beiden ersten Alben an zwei Abenden in Folge komplett gespielt werden sollten. Zwei Abende hintereinander - und unter der Woche - im dann doch nicht so nahen Köln sind ein echter Liebesbeweis an die Band, würde ich sagen.
Du warst ja am Dienstag bei einem Konzert in der Stadthalle in Mülheim - kanntest Du diesen Veranstaltungsort eigentlich vorher?
Nächstes Jahr feiere ich am 17. Juni tatsächlich meinen 40. Konzertgeburtstag (U2 mit Lou Reed und The Pretenders im Müngersdorfer Stadion), aber in all den Jahren war ich nur ein einziges Mal in der Stadthalle in Köln-Mühlheim, und zwar 1990 bei den Pixies mit der Vorband Pale Saints.
Schon erstaunlich, dass jetzt innerhalb von wenigen Tagen dort The Divine Comedy und Belle & Sebastian (gleich zwei Mal) auftraten.
Und wie ist es vor Ort so?
Die Stadthalle bietet ein extrem enges Parkhaus, in dem es keine Schranke gibt, und in dem alle Parkscheinautomaten defekt sind. Diesen etwas heruntergekommenen Eindruck spiegelt auch die Halle an sich. Als eine der Kuriositäten habe ich dir einige der Retro-Werbetafeln über dem Merchandise-Stand von Belle & Sebastian fotografisch festgehalten:
Wie schön, 5 Köln 41 war vor vielen Jahren auch mal meine Postleitzahl! Die Tour dreht sich ja um ein Album - bringt man zu einem solchen Anlass eine Vorband mit?
Ja, Stuart Murdoch & Co. hatten auch eine Vorband dabei. Music For Your Heart ist das Soloprojekt von Sandra Zettpunkt, die bei byte.fm die Sendung Golden Glades betreibt und an diesem Abend auch schottische Unterstützung dabei hatte. Sie wurde nämlich von Raymond McGinley von Teenage Fanclub begleitet, der aus Glasgow angereist war und schon früher ein Album mit ihr aufgenommen hatte.
Das klingt ja vielversprechend, oder...?
Die Musik war leider etwas monoton und konnte mein Herz nicht so richtig erwärmen. Interessanter waren fast schon die Dinge, die sie zwischen den Songs erzählte. Beispielsweise wollte sie einen früheren Wegbegleiter grüßen und ihm versichern, dass ihre heutige Darbietung nicht so katastrophal werden würde wie ihr allererster Auftritt, dem er wohl vor vielen Jahren beiwohnte. Es stellte sich aber heraus, dass er mindestens den Anfang des Konzertes noch an der Bar verbrachte. Oder sie erzählte, dass sie früher als Schlagzeugerin in vielen Bands war, aber eine beim Fußball zugezogene Knieverletzung dafür sorgte, dass sie dies nicht mehr ausüben konnte. Erst durch den Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, der ihr eine Gitarre und einen Verstärker geliehen (und nie zurück erhalten) habe, sei sie zur Singer/Songwriterin geworden.
Wir kennen schon verschiedene Möglichkeiten, ein Album komplett zu spielen, beispielsweise rückwärts, (Bloc Party) oder auch in ein Set mit anderen Songs integriert (Maxïmo Park). Wie sind Belle & Sebastian das angegangen?
Belle & Sebastian spielten ihr Debütalbum „Tigermilk“ in voller Länge und der richtigen Reihenfolge. Vor dem Konzert hörten wir zunächst die Stimme von Stuart David, dem Bassisten der Anfangszeiten, der von den ersten gemeinsamen Aufnahmen erzählte, die wohl alle schrecklich geklungen haben sollen, und wie der Band erst nach und nach zusammen und zu „Tigermilk“ gefunden hat. Dazu wurden nostalgische Videos aus den jungen Jahren der Band gezeigt, die mittlerweile auch über 30 Jahre zurück liegen.
Gab es auch eine Begrüßung darüber hinaus?
Als die neunköpfige Band auf die Bühne kam, wurde im Hintergrund ein Studio eingeblendet und Stuart Murdoch begrüßte uns zu den „first recording sessions for this band“. Dann ging es mit „The State I Am In“ auch schon direkt los.
Gab es zum Anlass besondere Visuals?
Besonders liebevoll gestaltet war, dass zu jedem Song des Albums passende Videoanimationen gezeigt wurden. Besonders sind mir die zu „My Wondering Days Are Over“ in Erinnerung geblieben. Man sah Menschen Schallplatten in einem Plattenladen durchblättern und passend zu den Textzeilen wurden imaginäre Plattenhüllen mit diesen im typischen Stil von Belle & Sebastian in die Kamera gehalten. Da schlugen sicherlich alle Nerd-Herzen schneller! Meins auf jeden Fall.
Was hat dir am besten gefallen?
Mein liebstes Stück des Albums, „Electronic Renaissance“, wurde durch einen Zusammenschnitt aus vielen Retro-Videospielen visuell untermalt. Stevie Jackson griff zu diesem elektronischen Song zur Keytar und Stuart spielte Melodica, um am Ende festzustellen, dass er wohl zur falschen, der „broken one“, gegriffen hatte, wie er uns noch trötend im direkten Vergleich mit einer funktionierenden demonstrierte.
Wie ging es weiter?
Nach dem Song sah man die sich drehende Schallplatte von „Tigermilk“ und Stuart begrüßte uns zu „side two“. Bei deren Opener „I Could Be Dreaming“ war aus dem Off die Stimme von Isobel Campbell zu hören, die früher Cello spielte und mitsang. Die früheren Bandmitglieder Campbell und David wurden zum 30. Jubiläum des Albums ausdrücklich noch einmal von Murdoch erwähnt.
Ich habe Stuart Murdoch zuletzt beim Cologne Popfest gesehen, er ist ja insgesamt ein sehr kommunikativer Mensch und hatte sicher wieder viel zu erzählen, oder?
Zwischendurch führte der Sänger wie gewohnt charmant durch den Abend, zeigte beispielsweise die „Travel sweets“, die es am Merch-Stand zu kaufen gab und verteilte Kostproben im Publikum. Er wies darauf hin, dass man sie lutschen und nicht direkt schlucken solle. Als ihm ein Zuschauer mitteilte, dass er zur Not mit dem Heimlich-Manöver aushelfen könne, behauptete Murdoch frech, dass Heimlich ja auch aus Köln stamme. Später verabredete er sich noch mit einem englischen Zuschauer, dem er zum 60. Geburtstag gratulieren sollte, um über seine Lieblingsband Felt zu sprechen, die aus der gleichen Stadt wie das Geburtstagskind komme. Zu „I Don’t Love Anyone“ erklärte er, dass sie dies 1996 sangen, heute aber jeden lieben würden und dass man seine Meinung auch ändern dürfe. Die geänderte Textzeile „I don’t love Brexit“ sang er aber besonders ausdrucksstark. Leider waren die 10 Songs des Albums sehr schnell vorbei, und die Band verließ die Bühne.
Aber danach kamen sicher noch andere Songs, oder?
Zurück auf der Bühne erklärte Stuart Murdoch, dass er nun relaxen könne, da die Pflichtaufgabe erfüllt sei und er diese ja auch, bis auf ein paar vergessene Wörter, gut bewältigt habe. Im Zugabenteil variieren Belle & Sebastian auf dieser Tour ziemlich stark, auch wenn es natürlich Traditionen zu pflegen gilt: Sarah Martin darf einen Song singen (diesmal „Give A Little Time“), Stevie Jackson auch (an diesem Abend „Seymour Stein“), und „The Boy With The Arab Strap“ muss gespielt werden, und dazu dürfen Fans auf der Bühne tanzen. Ich persönlich könnte aber auch mit einem Konzert von Belle & Sebastian gut leben, bei dem auf alle diese Traditionen verzichtet würde.
Wurden auch wieder Bilder davon gezeigt, wie die Bandmitglieder den Tag verbracht hatten?
Ja, natürlich zeigten Belle & Sebastian auch wieder Fotos aus Köln. Wir sahen Stuart in einem Waschsalon und erfuhren, dass „doing the laundry the big thrill on tour“ ist. Es gab ein Bild des Ladens Woolworth, dessen Vorhandensein in Deutschland die Band sehr überrascht hatte, und Fotos aus dem Backstagebereich der Stadthalle, dessen 60er Jahre-Charme der Band wohl gefallen hat.
Gab es noch eine Zugabe zur Zugabe?
Belle & Sebastian kamen noch zu zwei weiteren Zugaben auf die Bühne zurück. Zuerst spielten sie den Fan-Wunsch „Dirty Dream Number two“, das Stuart als Lied vom „green album“ ankündigte, woraus sich auf der Bühne eine Frotzelei entwickelte, da damit nicht etwa ein R.E.M. Cover gemeint sei. Da wir alle wegen des Streiks im öffentlichen Personennahverkehr sowieso nicht wegkommen würden, ließen sie noch einen weiteren Wunsch aus dem Publikum „Piazza, New York Catcher“ folgen. Stuart erklärte, dass sie alle ihre Familien schon vermissten und ihnen diesen Song, den sie wohl noch nie als letzte Zugabe gespielt hätten, widmen würden.
Und warum musstest Du am nächsten Abend gleich wieder nach Köln?
Belle & Sebastian haben 1996 nicht nur „Tigermilk“ sondern auch „If You’re Feeling Sinister“ veröffentlicht, so dass eine weitere Reise nach Köln ansteht. Ich hoffe, dass nach meinem Lieblingsalbum auch noch mehr meiner Wunsch-Lieder, zum Beispiel aus den frühen EPs, gespielt werden.
Setliste:
Expectations
She's Losing It
You're Just a Baby
Electronic Renaissance
I Could Be Dreaming
We Rule the School
My Wandering Days Are Over
I Don't Love Anyone
Mary Jo
Nobody's Empire
Give a Little Time
Seymour Stein
If She Wants Me
Lord Anthony
The Boy With the Arab Strap
Dear Catastrophe Waitress
Dirty Dream Number Two
Piazza, New York Catcher
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