Jung in Altenkirchen: A.S. Fanning in der Altenkirchener Stadthalle


Mein Freund ist dieses Jahr wirklich nicht zu stoppen! Ich fand es schon einigermaßen tapfer von mir, dass ich am Freitagabend das Konzert der Jeremy Days in Köln besuchte und gleich am nächsten Morgen übers Wochenende wegfuhr. Er dagegen fuhr am Samstag gleich wieder zu einem Konzert, und zwar zu A.S. Fanning, den wir im April auch in unserem Wohnzimmer begrüßen dürfen. Damit hat er im März auch schlappe sechs Konzerte besucht.


Gestern Abend hast Du mir überraschend Fotos von einem abenteuerlichen Veranstaltungsort - Typ Gemeindesaal - geschickt. Wo hatte es dich hin verschlagen?

Ich bin relativ spontan ins ca. 40 Minuten entfernte Altenkirchen gefahren und konnte mit Christoph sogar noch einen musikbegeisterten Mitreisenden gewinnen. Ziel war die dortige Stadthalle. Für Christoph haben - nach den beiden Konzerten von Belle & Sebastian in Mühlheim - alle bisherigen Konzerte des Jahres in einer Stadthalle stattgefunden. Dort spielte, aus London kommend, A.S. Fanning, den wir Ende April bei uns zu einem Wohnzimmerkonzert begrüßen dürfen.  




War das ein neuer Ground für dich?

Nicht nur für mich, sondern auch für Christoph. Ich hatte ja schon einmal Erdmöbel in der Stadthalle Hachenburg gesehen, aber in Altenkirchen war ich tatsächlich zuvor noch nie gewesen.  Die Fotos liefern vielleicht einen kleinen Einblick und ich vermute, dass dies einer der ungewöhnlichsten Konzertorte im Jahr 2026 für mich bleiben wird.


Den Fotos nach warst Du der jüngste Anwesende, war das wirklich so? War das Konzert gut besucht?

Wir hatten schon im Vorfeld überlegt, wer denn dort hingehen würde und ob jemand die Musik von A.S. Fanning kennen würde. Vermutlich waren es viele ältere Menschen aus Altenkirchen oder der näheren Umgebung, die das Kulturangebot dankend in Form eines Abos annehmen, egal wer oder was da kommt. Wir gehörten tatsächlich zu den jüngeren Besuchern. Irgendwann schaute ich verwundert auf, weil doch noch eine Gruppe von jüngeren, hippen Menschen durch den Saal ging - sie stellten sich aber als A.S. Fanning und seine Band heraus.

Um halb acht betraten wir den riesigen bestuhlten aber äußerst spärlich gefüllten Saal, der zusätzlich mit einer Bar und diversen Sitzgruppen ausgestattet war. Die Bühne, die den Musikern sicherlich mehr Platz bot als unser Wohn-und Esszimmer dies der Band und dem Publikum beim Wohnzimmerkonzert in vier Wochen. Etwas ungläubig schauten wir noch durch den Raum und überlegten, ob so vielleicht der Veranstaltungsraum eines Kreuzfahrtschiffes aussieht, als wir vom Veranstalter angesprochen und gebeten wurden, uns vorne in die Mitte zu setzen, um den freien Raum dort etwas aufzufüllen. Er fungierte wenig später noch als Ansager und berichtete stolz, dass am Abend zuvor in London 80 Zuschauer gewesen seien, davor in Brüssel 70 und nun in Hachenburg tatsächlich 60. Ich glaube, er hat großzügig aufgerundet. 



Gab es eine Vorband?

Das nicht, aber nach der Begrüßung durch den Veranstalter, Helmut, erzählte dieser, dass für eine Veranstaltung ein Boxring in der Stadthalle aufgebaut würde und dass es eine Tattoo Convention geben wird. Kurz hatte ich Angst, dass wir an diesem Abend noch alle tätowiert werden würden.

Danach wurde eine Leinwand herunter gelassen und wir bekamen eine Vorschau über weitere Veranstaltungspunkte in der Altenkirchener Stadthalle als Video zu sehen: So wird es Konzerte einer Amy Winehouse Tribute Band oder ein komödiantisches Lesetheater (Don Camillo und Peppone) geben. Eine norwegische Folk-Band namens Ljodahått wurde uns vom Veranstalter besonders ans Herz gelegt. Extrem stolz war man wohl auf die Buchung der vielköpfigen Flamenco Suite, die nach ihrem Auftritt in Altenkirchen in der Alten Oper in Frankfurt gastieren wird. Hätte es geklappt, dass A.S. Fanning direkt nach seinem Konzert in Altenkirchen zu uns gekommen wäre, hätte der Veranstalter bestimmt an dieser Stelle auf die berühmten Wohnzimmerkonzerte in Montabaur verwiesen.

Außerdem erfuhren wir noch, dass das Kultur-/Jugendkulturbüro Haus Felsenkeller die brach liegende Stadthalle selbst renoviert hatte - und zwar nicht in den 80er Jahren, wie es aussah, sondern erst vor wenigen Jahren. 



Wie viele Musiker hatte A.S. Fanning dabei?

Mit dem Sänger waren vier weitere Musiker an Keyboard, Gitarre, Bass und Schlagzeug angereist. Und vermutlich lässt sich eine Band, die aus einem Iren, zwei Portugiesen, einem Dänen und einem Australier besteht, nur in Berlin gründen.


Wie viel Songmaterial hat er überhaupt?

A.S. Fanning hat bisher vier Alben veröffentlicht und das gespielte Programm wurde annähernd gleich über diese Platten verteilt, auch wenn sein neustes Werk, „Take Me Back To Nowhere“, mit 5 Songs überdurchschnittlich repräsentiert war. Mein Lieblingslied, „Mushroom Cloud“, hatte ich auf einer vorherigen Setliste im Internet gesehen, wurde in Altenkirchen aber nicht gespielt. Das muss sich in Montabaur unbedingt ändern!

Es gab einen Hauptteil mit 13 Songs, von denen du dich beim Wohnzimmerkonzert besoonders auf „Haunted“, „Carmelita“, „Today Is For Forgetting“ und „You Should Go Mad“ (um alle vier Alben zu berücksichtigen) freuen darfst. Am Ende von „Abandoned“, das die Banken Krise von 2008 thematisiert, wurde noch „The Winner Takes It All“ von ABBA eingeflochten - zumindest das Lied kannten sicherlich alle Anwesenden.

Den Zugabenteil bestritt der Sänger zunächst solo, da ihn seine Mitmusiker wohl aufgefordert hatten irische Folklore darzubieten („Bonnie Ship The Diamond“). Er vermutete aber, dass sie nur eine längere Pause haben wollten. Nach dieser kehrten sie für „Louis Armstrong“ zurück - der einzige Song, auf den Christoph und ich hätten verzichten können.



Wie war der Sound und die Stimmung?

Der Sound war gut, Ohrenstöpsel hättest du, anders als bei den irischen Post-Punkern von Sprints vor zwei Wochen, diesmal nicht benötigt. Aber zwischendurch wurde es, beispielsweise  bei „Worms“ schon etwas lauter und krachiger, so dass ich mich besorgt fragte, wie das wohl in unserem Wohnzimmer sein wird…

Es gab sehr höflichen Applaus, der sich in der riesigen Stadthalle aber etwas verlor. Das klingt n unserem Wohnzimmer bestimmt nach mehr, auch wenn wir nicht diese Massen an Zuschauern bieten können. Nach dem Konzert wurden auch tatsächlich einige CDs am Merch-Stand gekauft. Es scheint dem ein oder anderen Konzertbesucher (und nicht nur uns) also wirklich gefallen zu haben.


Wie hat ihm denn dieser Saal und Altenkirchen gefallen? Und wurde insgesamt viel gesprochen?

Die Veranstalter und die Location wurden mehrmals von Fanning glaubhaft gelobt („Amazing venue, amazing place“). Erzählt wurde wenig, wobei natürlich die schwere Musik und die düsteren Texte, zum Beispiel über Depressionen, nicht zu dem passten, was die Band auf Deutsch als „Samstag Abend Spaß machen“ ankündigte. Das Deutsche scheint insgesamt ein Thema unter den Musikern zu sein, denn Fanning kündigte an, dass er später deutsch sprechen werde, wenn er noch ein weiteres Bier trinken würde oder man überlegte gemeinsam belustigt, was Mental illness in unserer Sprache heißen würde: Kopfschmerzen? Kopf kaputt? 




Hast Du wie geplant mit dem Künstler gesprochen?

Es ist ja immer gut, vor einem Wohnzimmerkonzert schon ein Konzert des Künstlers zu besuchen, die Schüchternheit zu überwinden, sich vorzustellen und mit ihm zu sprechen. Diesmal war es besonders leicht, da die Promoterin Hanna, mit der ich per Email Kontakt hatte, die Band als Fahrerin zwei Wochen lang begleitete und auch vor Ort war. Und (auch) zu deiner Beruhigung kann ich sagen, dass sie wusste wer ich war und sich auch für das Angebot des Wohnzimmerkonzertes bedankte. Als Steve zum Gespräch dazu stieß, wurde ich auch gefragt, ob das Konzert, wegen der Lautstärke und der Nachbarn, bei uns auch so und in voller Besetzung stattfinden solle oder ob es eine „Strip Down“ Variante sein solle. Nachdem ich erzählt hatte, dass wir zwei Wochen nach dem Konzert umziehen würden und unsere jetzigen Nachbarn nicht mehr unsere zukünftigen Nachbarn sein würden, wurde beschlossen, dass alles in Schutt und Asche gelegt und das Ganze bis 3 Uhr morgens dauern würde.

Apropos gesprochen: Als wir die Stadthalle verlassen wollten, rief der Veranstalter noch hinter uns her: „Wer seid ihr beiden eigentlich, wo kommt ihr denn her?“ Nachdem wir auch das geklärt und von der Existenz der Montabaurer Wohnzimmerkonzerte berichtet hatten - was sich wohl doch noch nicht bis nach Altenkirchen herumgesprochen hatte - ging es vorfreudig auf den 27. April zurück nach Hause. 



Setliste:

Save Us
Stay Alive
Romance
Haunted
Conman
Worms
Abandoned
You Should Go Mad
Carmelita
Today Is For Forgetting
Now I’m In Love
I Feel Bad
All Time

Bonnie Ship the Diamond
Louis Armstrong



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