Who Watches the Watchmen? I will.

U.
Neulich kam mal wieder eine relativ neue Simpsons-Folge im Fernsehen. Gegenüber dem altbekannten Comicladen eröffnete ein neuer, viel schönerer, der noch dazu einen freundlichen Geschäftsführer hatte. Zu allem Überfluss veranstaltete dieser auch noch eine Autogrammstunde mit den Größen des ernsthaften Comics – darunter auch Alan Moore. Dieser reagierte wenig begeistert, als Milhaus ihn darum bat, seine DVD von Watchmen Babies in V for Vacation zu signieren.


Mein bis dahin gesammeltes Wissen zum Thema Alan Moore reichte so gerade dafür aus, diesen einen Witz zu verstehen: Ich wusste, dass er der Autor mehrerer Comics ist, die zu bekannten Filmen gemacht wurden, und dass ihm diese Filme immer extrem missfielen – so sehr, dass er im Falle von V for Vendetta sogar darauf bestand, im Kontext des Projektes keinesfalls genannt zu werden – weder auf dem Plakat noch im Abspann.

Was ich nicht parat hatte, war, dass auch From Hell und The League of Extraordinary Gentlemen auf Moore-Comics basieren und vom Autor abgelehnt wurden (bei letzterem ist es an sich schon überraschend, dass es überhaupt eine Buchvorlage GAB, der Film wirkte auf mich immer eher so, als sei ohne Drehbuch einfach losgefilmt worden …). Als ich so im Internet vor mich hin las, fiel mir auf, dass Moores im allgemeinen als wichtigstes beurteiltes Werk noch nicht in Filmform vorlag: Watchmen.

Die zwölfteilige Serie hat nicht nur in der Comicwelt einiges an Preisen abgeräumt, sondern ist zum Beispiel auch der einzige Comic in der Zusammenstellung der 100 besten englischsprachigen Romane, die das Time Magazine 2005 veröffentlichte. Und mit diesen Informationen setzte ich dazu an, mit einer Tradition zu brechen und erstmalig den Comic vor der Filmversion zu lesen. Denn im März ist es zu spät und auch Watchmen kommt als Film (mit dem Alan Moore selbstredend nichts zu tun haben will) in die Kinos.

Worum geht es? Oberflächlich betrachtet mal wieder um eine Gruppe Außenseiter/Superhelden, wie es sie auch in X-Men und Heroes gibt. Wir schreiben das Jahr 1985. Die Realität der USA, inklusive Wettrüsten mit der Sowjetunion und Angst vor einem Atomkrieg, entspricht weitestgehend der unserigen, aber es gibt einige signifikante Unterschiede: Inspiriert durch die ersten Superman-Comics gibt es seit den 30er Jahren einige Menschen, die in der Realität als Superhelden auftreten und versuchen, in Selbstjustiz Verbrechen zu bekämpfen. Besondere Kräfte haben diese realen Comichelden und -heldinnen meist nicht zu bieten, sie sind allenfalls gut durchtrainiert und tragen zudem als Tarnung ihrer Alltagsidentitäten reichlich alberne Kostüme.


Die Gruppe löst sich nach einigen Jahren wieder auf, und nach einer längeren Pause formt sich kurzzeitig eine zweite Generation, in der es zumindest einen „echten“ Superhelden gibt: Dr. Manhattan hat sich nach einem Atomunfall, der ihn buchstäblich in seine Bestandteile zerlegte, selbst wieder zusammen gesetzt und ist seitdem nicht mehr den Gesetzen von Raum und Zeit unterworfen. Insbesondere Dr. Manhattans Existenz hat den Verlauf der neueren Geschichte maßgeblich verändert: Die USA haben dank seiner Hilfe den Vietnamkrieg gewonnen, was wiederum dazu geführt hat, dass Nixon bis in die Gegenwart Präsident geblieben ist. Auch den Watergate-Skandal gab es nie, weil ein anderer maskierter „Held“, der skrupellose Comedian, die Journalisten vor ihren Enthüllungen ermordet hat. Möglicherweise hat er sogar Kennedy auf dem Gewissen – zumindest wurde dieser wie in unserer Realität erschossen. Elektroautos haben den Verbrennungsmotoren den Rang abgelaufen.

All dies ist aber nur der sich nach und nach erschließende Hintergrund der eigentlichen Geschichte, die mit der Ermordung eben jenes umstrittenen Comedians beginnt. Rorschach, ein weiterer Held der zweiten Generation, der mittlerweile in der Illegalität (Superhelden mussten sich ab 1977 zur Ruhe setzen oder aber für die Regierung arbeiten) Verbrecher bekämpft, setzt sich in den Kopf, dieses Verbrechen aufzuklären und nimmt nach und nach Kontakt zu den ehemaligen Helden auf – die anders als er mittlerweile mehr oder weniger durchschnittliche bürgerliche Leben führen.


Schnell wird klar, dass der Comedian, der ein höchst unsympathischer und brutaler Sadist war, vor seinem Tod eine Entdeckung gemacht hatte, die selbst ihn moralisch erschütterte – und die ihn vermutlich das Leben gekostet hat. Gleichzeitig gibt es einen Anschlag auf Ozymandias, einen weiteren ehemaligen Maskenträger, der mittlerweile eine Kombination aus Superstar und Geschäftsmann ist. Und Dr. Manhattan wird mit einem gezielten Gerücht konfrontiert, laut dem jeder, der mit ihm zu tun hat, Krebs bekommt – was diesen so durcheinander bringt, dass er die Erde verlässt und so die USA vergleichsweise schutzlos der Sowjetunion aussetzt.

Hier zu erklären, was hinter diesen Vorgängen steckt, wäre gemein, selbst, wenn das Buch schon älter als zwanzig Jahre ist. Ich kann aber verraten, dass es in der Geschichte letztendlich nicht um Superhelden geht, sondern um höchst schwierige moralische Entscheidungen und unbequeme Antworten, auch für den Leser – die rein gar nichts mit der Frage zu tun haben, ob der Präsident der Gegenwart Nixon, Reagan oder Obama heißt. Und dass die Macher von Heroes höchstwahrscheinlich Watchmen gelesen haben …

Zu erwähnen wäre noch, dass das Medium Comic Moore und dem Zeichner Dave Gibbons ermöglicht, unzählige Details über die Realität der Geschichte einzuarbeiten, die ich beim gierigen Verfolgen der Handlung zum Großteil verpasst habe – und die man glücklicherweise nachlesen kann. So scheint es sich bei Mmeltdowns um eine beliebte Süßigkeit zu handeln, statt Superheldencomics (die mit dem Auftauchen der realen Maskenhelden verschwanden) gibt es Piratencomics, und Männer wie Frauen tragen gerne Haarknoten. Jedes Kapitel zeigt zudem am Ende einige Dokumente, die die Handlung vertiefen oder von einer anderen Seite beleuchten: Die Autobiographie eines der Helden, Ozymandias’ Geschäftsbriefe, Zeitungsartikel, Protokolle. Hinzu kommt eine Fülle literarischer Zitate.

Ich schätze, die Qualität des bevorstehenden Films steht und fällt mit seinem Vermögen, diese Detailmasse befriedigend umzusetzen. Immerhin scheint man sich – siehe Video – große Mühe zu geben.


2 Kommentare:

  1. klingt interessant! da bin ich mal gespannt drauf! v wie vendetta habe ich vor dem film gelesen und fand den comic (schwarz weiß version!) auch wesentlich besser, der handlungsstrand im film ist definitiv zu schnell und nicht komplett. ich weise noch auf den comic "from hell" hin, der seit kurzem wieder bei cross cult erschienen ist. ein dicker wälzer, rein schwarz weiße, grobe zeichnungen im strichstil und sehr düster. moore benötigte für dieses werk 10 jahre. ein muss!

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  2. Irgendwie tue ich mich mit Comics an sich eher schwer, ich tendiere immer dazu, den Text zu lesen und die Bilder bloß zu überfliegen. Aber ich muss wohl einfach üben ... folglich werde ich mir die anderen Moores dann wahrscheinlich auch antun.

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