Quentin Crisp

U.
Denis Charles Pratt (Crisps Geburtsname), Jahrgang 1908, erlangte im London um den zweiten Weltkrieg herum eine gewisse Bekanntheit, weil seine ganze Existenz von einem Lebensziel geprägt war: Die eigene Homosexualität unter gar keinen Umständen zu verstecken, sondern sie so offensichtlich zu machen, dass sie jedem Fremden auf der Straße ins Gesicht sprang – und dadurch langfristig Toleranz für seinesgleich zu erreichen. In Zeiten, zu denen Nagellack auch für Frauen als unschicklich galt, stolzierte Crisp geschminkt und mit rot gefärbten Haaren in viel zu kleinen Schuhen durch London. Dass das von vielen als Provokation empfunden wurde, war zu erwarten, und die Abschmetterung des ihm entgegen gebrachten Hasses, der durchaus auch in körperliche Gewalt ausartete, nahm fortan einen großen Teil von Crisps Leben ein. Er nahm aber alle möglichen Nachteile für seine Mission in Kauf – auch die Tatsache, dass es für ihn in einer ohnehin von Armut gezeichneten Zeit sehr schwer war, Arbeit zu finden.

Quentin Crisp in jungen Jahren

Als Konsequenz seines bedingungslosen Auftretens schlug sich Quentin Crisp für einen Großteil seines Lebens am Rande des Existenzminimums als Grafiker und Künstlermodell durch und verbrachte mit den Menschen Zeit, die seine Exzentrik ertragen konnten und sich nicht für seine Freundschaft schämten – häufig waren das Künstler. In der Nachkriegszeit wuchs die gesellschaftliche Toleranz für sein Aussehen und Auftreten nach und nach, wobei Crisp die wachsende Toleranz für seinesgleichen keineswegs als direkte Konsequenz seiner lebenslangen Bemühungen wahrnahm:
It is not the simple statement of facts that ushers in freedom; it is the constant repetition of them that has this liberating effect. Tolerance is the result not of enlightenment, but of boredom.
Faszinierend an Crisps Autobiographie The Naked Civil Servant, aus der dieses Zitat stammt, ist für mich vor allem die Intelligenz und Klarsichtigkeit des Autors, der in seiner ganzen, dem eigenen Selbst gegenüber recht schonungslos dargestellten Egozentrik (das Entdecken einer für ihn überraschenden Affäre zwischen zwei seiner Freunde kommentiert er mit "For the first time I was forced to admit that other people existed. It was not a discovery I welcomed.") ein überaus scharfer Beobachter ist. So ist ihm zum Beispiel durchaus bewusst, dass sein Lebenszweck, die aggressive Selbstdarstellung, im Grunde niemand nützt und ihm selbst auch über die offensichtlichen Nachteile hinaus schadet:
By constituting myself the one among the many I had provoked the worst behaviour in others. With this I felt compelled to deal politely. This wrought no change whatever in the character of my enemies but caused the total disintegration of my own. In the end the habit of taking no notice diminished my perception to the point where I became impervious to influence of any kind and therefore to all change except decay. I grew boring to my friends and, which was worse, even to myself.
Das Buch endet resigniert – Crisp war sich nicht sicher über den Sinn seiner lebenslangen Bemühungen um Anerkennung und hatte sich damit abgefunden, dass sein ebenfalls langjähriges Streben nach irgendeiner Form von Ruhm, die über seine Bekanntheit als Straßenbekanntheit hinausging, nicht stattfinden würde. In diesem Punkt irrte er sich aber gewaltig, denn im Jahr 1975, Crisp war bereits 67 Jahre alt, zeigte die BBC eine Verfilmung seiner zwar veröffentlichten, aber bis dahin nicht sonderlich bekannten Autobiographie mit John Hurt in der Hauptrolle (man kann den kompletten Film bei Youtube sehen). Plötzlich waren Crisp und Hurt berühmt.

Im Alter von 74 Jahren zog Crisp nach New York. Er war nun endlich in der Lage, seinen Talenten entsprechend (“If I have any talent at all, it is not for doing but for being.”) zu leben. Neben einigen Filmrollen (am bekanntesten dürfte seine Verkörperung von Königin Elizabeth in Orlando sein) trat er auch in einer Show namens „An Evening with Quentin Crisp“ auf , in der er schlicht amüsante Geschichten aus seinem Leben erzählte und Fragen aus dem Publikum beantwortete. Sowohl in seinem Londoner als auch seinem New Yorker Leben stand er darüber hinaus im Telefonbuch und fühlte sich verpflichtet, nicht nur mit jedem Anrufer zu sprechen, sondern sich auch bei Interesse mit ihm zu treffen.

In "Orlando"

Als Crisp im Alter von 91 Jahren starb, war er nicht nur berühmt, sondern hatte es nicht zuletzt dank seiner vielen Jahre als Künstlermodell auch zum Status einer kulturellen Ikone gebracht – kaum jemand kann im 20. Jahrhundert häufiger gemalt worden sein. Auch Sting war in den 80er Jahren von Crisp fasziniert, besuchte ihn in New York und widmete ihm die Single – ja, genau - "An Englishman in New York", in deren Video er abwechselnd mit Quentin Crisp die Straßen New Yorks durchwandert.

In New York

Quentin Crisps Bedeutsamkeit ist aber auch jetzt, zehn Jahre nach seinem Tod, keineswegs Geschichte: Bei der diesjährigen Berlinale wurde ein neuer biographischer Film über Quentin Crisps späte Lebensjahre (wiederum von John Hurt gespielt) gezeigt: An Englishman in New York.

Und weil sie so schön sind, hier noch einige mehr oder weniger bekannte Zitate von Herrn Crisp:
If at first you don't succeed, failure may be your style.
In an expanding universe, time is on the side of the outcast. Those who once inhabited the suburbs of human contempt find that without changing their address they eventually live in the metropolis.
The poverty from which I have suffered could be diagnosed as "Soho" poverty. It comes from having the airs and graces of a genius and no talent.
The very purpose of existence is to reconcile the glowing opinion we hold of ourselves with the appalling things that other people think about us.
To know all is not to forgive all. It is to despise everybody.
Though intelligence is powerless to modify character, it is a dab hand at finding euphemisms for its weaknesses.
The consuming desire of most human beings is deliberately to place their entire life in the hands of some other person. For this purpose they frequently choose someone who doesn’t even want the beastly thing.

Ausschnitt aus dem neuen Film


Der echte Mr. Crisp

1 Kommentare:

  1. Ich sah den Film ("Wie man sein Leben lebt", bzw "Naked Civil Servant") mit 17 im TV, habe in der Folgezeit alles gelesen, was er schrieb.
    Etwas seltsam muss er ja gewesen sein, besonders als älterer Herr, und "in der Szene", zumindest in NY, nicht unbedingt unumstritten.

    Nach seinem Tod stellte sich überraschenderweise heraus, dass er –trotz vorgeblicher und vorgelebter Armut– über ein erkleckliches Sümmchen auf seinem Konto verfügte; große Teile davon gingen per Testamentsverfügung an eine nicht genannte Familie.

    So ganz konsequent in der Ablehnung jeglicher Familienstrukturen war er dann doch nicht. Was einen aber auf der anderen Seite ein wenig beruhigt, oder?

    Frank.

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