Jónsi, der Großstadtindianer

U.

Gestern Abend lernten wir Bereiche von Wien kennen, die Touristen sonst eher selten erforschen: Zwischen Lagerverkaufshallen, fleischverarbeitenden Betrieben und Autobahnauffahrten suchten wir zunächst verzweifelt, doch schließlich erfolgreich die Arena, den Auftrittsort von Sigur Rós-Sänger Jónsi.



Unter einer "Arena" hatten wir uns einen größeren Veranstaltungsort vorgestellt, als tatsächlich vorhanden war. Die Halle machte einen  Eindruck, den man wohlwollend als alternativ, weniger positiv nur als heruntergekommen bezeichnen kann. Das Personal war durchwegs tätowiert, beschlagnahmte meinen Miniknirps aber als potenzielle Schlagwaffe, und das Publikum war ebenfalls seltsam: Mehrere unserer Mitgäste hatten Federschmuck im Haar, wie man ihn von Kinderfesten kannte. War so etwas etwa gerade Mode in Wien??



Es blieb noch etwas Zeit zum Nachdenken, denn zunächst trat als Vorband die junge Salzburgerin Mel auf. Die sehr emotionalen, ruhigen Lieder hinterließen leider keinen bleibenden Eindruck, irgendwie klang alles gleich. Und so kam ich nach dem Konzert, als ich versuchte, meinen gemeingefährlichen Schirm zurück zu bekommen, in die peinliche Lage, dass mit ein netter Mensch vom Merchandise-Stand eine beschädigte Mel-CD schenken wollte und ich dankend ablehnen musste ...



Aber kommen wir endlich zum Hauptact. Jónsi ist zurzeit mit seiner ersten Soloplatte unterwegs, und statt den Sigur Rós-Kollegen hat er eine andere Band dabei, die unter anderem seinen Lebensgefährten Alex Somers beinhaltet. Zunächst betrat er die Bühne jedoch nur mit dem Schlagzeuger Thorvaldur Thór Thorvaldsson, der ihm beim ersten Lied "Stars in still water" allein mit dem Geigenbogen am Xylophon zur Akustikgitarre begleitete. Und spätestens, als beim zweiten Lied "Hengilás" die anderen Bandmitglieder die Bühne betraten, wurde die Bedeutung der seltsamen Federmode einiger Publikumsmitglieder klar: Die Band trug nämlich eine Art Phantasieuniformen, deren Hauptmerkmale Fransen und eben Federn waren. Insidern war das offensichtlich bereits bekannt gewesen.



Die geschmückten Bandmitglieder tauschten bei praktisch jedem Lied die reichlich vorhandenen Instrumente - lustig wurde das, als alle bereits ihre neuen Plätze für das Lied "New piano song" eingenommen hatten und offenbar plötzlich einem von ihnen auffiel, dass man "Animal Arithmetic" vergessen hatte: Es kam zu einem hektischen Kurzmeeting am Keyboard und dann zu einem weiteren Platz- und Instrumentetausch.


Die Livedarbietung des Soloalbums war durchweg großartig. Band und Publikum waren gleichermaßen begeistert, und Jónsi schaffte es mit einem Sologesamtwerk, das auf CD nur 40 Minuten umfasst, eine Spieldauer von 90 Minuten zu erreichen. Am (aller)besten kamen dabei die schnellen Lieder wie "Go do",  "Boy lilikoi" und "Animal Arithmetic" an. Hinter der Band liefen auf einer Videoleinwand dazu passende Projektionen von zum Beispiel fliegenden Schmetterlingen oder einem dunklen Wald mit Glühwürmchen.


Es gab noch eine (von Jónsi mit voller Federkrone dargebotenen) Zugabe, wobei das letzte Lied "Grow till tall" in einem finale furioso endete, so, wie das, ließ ich mir erklären, Sigur Rós auch immer machen. Dann war aber doch Schluss, die Band kehrte aber noch einmal zurück, um sich gemeinsam vor dem jubelndem Publikum zu verneigen und zu verabschieden - ebenfalls eine Sigur Rós-Tradition. Und das sollten sich andere Bands ruhig auch angewöhnen.



Setliste:
  • Stars in still Water
  • Hengilás
  • Icicle Sleeves
  • Kolnidur
  • Tornado
  • Sinking friendships
  • Saint Naive
  • Go Do
  • Boy lilikoi 
  • Animal arithmetic
  • New Piano Song
  • Around Us
Zugaben
  • Sticks and Stones
  • Grow till tall
 (Man beachte die gelungenen österreichischen Übersetzungen ...)

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