Südafrikanische Charmeoffensive: Dear Reader in der Brotfabrik

U.
Dear Reader ist eine dieser Bands, die ich bislang eigentlich völlig verpasst hatte. Das erste Album lag mir kaum gehört vor, das zweite kannte ich gar nicht - weniger, weil mir die Musik nicht gefallen hätte, als weil ich irgendwie nie das rechte Interesse daran entwickelt hatte.


Im Vorfeld zum Konzert gestern Abend in der Frankfurter Brotfabrik machte ich deshalb noch schnell einen Crashkurs zur Band. Oder halt, ist es überhaupt eine? Die südafrikanische Formation, die als Dear Reader schon einige Male in Deutschland auf Tournee war, besteht nämlich nicht mehr. Übrig blieb nur Sängerin Cherilyn McNeil, die mittlerweile in Berlin lebt, ein neues Album aufgenommen hat und aktuell mit zwei Schweden (Schlagzeug und Gitarre), einem Deutschen (Martin Wenk von Calexico, so ziemlich jedes Instrument) und einer Südafrikanerin (Bratsche und Keyboard, war wohl schon mit der ersten Bandinkarnation auf Tour) auftritt. Abgesehen vom Namen hat sich also fast alles verändert.

Los ging der Abend aber mit dem in meinen Augen vorherrschenden Konzerttrend 2011: der zum Hauptact identischen Vorband. In diesem Fall waren es die beiden Schweden Jacob Lind und Erik Sunbring, die unter dem Namen Marching Band den Abend eröffneten. Zu ihnen stießen dann nach und nach die Bratschistin Jean-Louise und schließlich auch Cherilyn selbst, so dass man beim Erscheinen der Hauptband eigentlich jeden schon gesehen hatte und nur noch Instrumente getauscht und andere Lieder gespielt werden mussten. Musikalisch konnten mich Marching Band nicht sonderlich begeistern, für mich klangen sie nach Simon & Garfunkel, und deren Musik kennt man ja nun bereits.


Bei Konzerten von mir unbekannten und mich wenig beeindruckenden Bands muss ich manchmal an eine Szene aus dem Film Walk The Line denken, in der Johnny Cash erstmalig im Plattenstudio ist und zuerst gefällige Schlagersongs einspielen möchte. Der Studiobesitzer sagt dann sinngemäß zu ihm, dass er doch einfach die Musik machen soll, die ihm am Herzen liegt und fordert ihn auf, das aufzunehmen, was er singen würde, wenn er nur ein einziges Lied aufnehmen könnte. Cash spielt darauf "Folsom Prison Blues" ein, bekommt seinen ersten Plattenvertrag und der Rest ist Geschichte.

Zurück zum Konzert: Marching Band gehört zu den vielen Bands, bei denen mich wundert, dass das, was sie machen, offenbar die Art Musik ist, für die sie brennen. Aber letztlich ist das natürlich reine Geschmackssache. An diesem Abend fand ich den Kontrast aber besonders auffällig, denn später zeigte sich: Cherilyn McNeil macht definitiv genau die Musik, die ihr am meisten am Herzen liegt, das merkt man ihr bei jedem Lied an.


Sie und ihre neue (Live-)Band bestritten in der Brotfabrik ihren gerade einmal vierten gemeinsamen Auftritt, man verstand sich aber untereinander offenbar bereits blendend. Cherilyn hat schon ganz gut Deutsch gelernt und machte die ersten Ansagen in dieser Sprache, während die Band (ausgenommen natürlich Martin Wenk) sichtlich nichts verstand - vielleicht deshalb ging sie später wieder ins Englische über. Beinahe jedes Bandmitglied wechselte während des Auftritts gelegentlich das Instrument, was ein recht unterhaltsames Bühnengeschehen ergab, meine beiden Begleiter vermissten aber dennoch die alten Dear Reader-Tage. In diesen gab es nämlich weniger Musiker auf der Bühne, weshalb vor den einzelnen Liedern Passagen eingespielt oder -gesungen werden mussten, um sie dann während der eigentlichen Darbietung zu loopen.

Die Musik war einfach schön, wie bereits erwähnt auf eine angenehme Art "inbrünstig" und wurde von ein gut gelaunten, unterhaltsamen und überaus freundlichen Sängerin dargeboten (oder aber, wir waren wirklich so ein tolles Publikum, wie sie mehrmals versicherte ...). Das Lied "Great White Bear" wurde, erfuhren wir zwischendurch, von der Erkenntnis inspiriert, dass Eisbären für Infrarotgeräte wegen ihrer dicken Fettschicht unsichtbar seien, und vor "Traditional white" bekamen wir erzählt, dass Cherilyn nach Meinung ihrer Mutter langsam mal ans Heiraten denken sollte.

Meine Wahrnehmung krankte erwartungsgemäß an dem Umstand, dass ich die Lieder von den CDs nicht gut genug kannte, und es scheint wohl auch so, als wäre Album Nummer zwei, "Idealistic Animals" weniger eingängig als sein Vorgänger. Insgesamt aber ein durchaus schönes Konzert.




Setliste (geklaut bei Christoph):

01. Kite (Soon we'll light up)
02. Bear (Young's done in)
03. Dearheart
04. Earthworm (All hail our ailing mother)
05. Elephant (Hearter)
06. Whale (Boohoo)
07. Heavy
08. Release me
09. Great white bear
10. She's hers, he's his, I'm mine
11. Fox (Take your chances)
12. Man (Idealistic animals)
13. Mole (Mole)
14. Camel (Mot black or white but camel)
15. Monkey (Go home now)

16. Bend
17. Traditional white

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