Coldplay und ich haben eine etwas holprige gemeinsame Vergangenheit. Erstmals aufmerksam wurde ich auf Band zu "Yellow"-Zeiten, un...

Alles so schön bunt hier: Coldplay in der Frankfurter Festhalle

Coldplay und ich haben eine etwas holprige gemeinsame Vergangenheit. Erstmals aufmerksam wurde ich auf Band zu "Yellow"-Zeiten, und damals hatte ich den Eindruck, dass man versuchte, die Lücke zu schließen, die Radiohead mit ihrer Abkehr von "einfacher" Musik hinterlassen hatten. Die ersten beiden Alben gefielen mir sehr gut, dann wurde ich mit dem dritten vergrault und legte die Band irgendwo unter "belangloser Stadionpop" ab. In den letzten Jahren kamen dann aber wieder ein gutes Album, außerdem überzeugte mich Chris Martins schmerzfreier Gastauftritt in der britischen Serie Extras davon, dass er wahrscheinlich ein Netter ist. Doch dann kam das aktuelle Album, mit dem ich ganz und gar nicht warm werden kann. Die im Fernsehen übertragene diesjährigen Glastonbury- und Rock-am-Ring-Auftritte war dann wiederum ganz schön.


Was konnte man also von einem Konzertbesuch erwarten? Ich war gespannt und suchte zum ersten Mal seit mindestens fünf Jahren die Frankfurter Festhalle auf. Dass sie an diesem Abend ausverkauft war, machte den Unterschied zu sonstigen Konzerten in diesem Jahr, die doch meistens in sehr kleinem Rahmen stattfanden, noch riesiger. Wann war ich überhaupt das letzte Mal bei etwas derart Überfülltem gewesen? Bei der Depeche Mode-Tournee 2001?

Bei der Festival-artigen Einlass- und Taschenkontrolle wurde mir ein Armband übergeben und lediglich gesagt, ich solle es anziehen. Ich sah, dass es verschiedene Farben gab, und vermutete, dass die Armbänder weitere Einlassstufen beschleunigen würden (also eine Farbe für den Innenraum, eine für den ersten Rang und so weiter). Erst etwas später sah ich mir das Ding etwas genauer an, stellte fest, dass es eine Batterie enthalten musste, und befand es für zu hochwertig, um ein einfaches Einlassbändchen zu sein. Das ganze Thema beschäftigte mich aber nicht weiter, denn zunächst galt es, unter 13499 Personen die drei zu finden, mit denen ich verabredet war (und die dank Parkplatzsuche über eine Stunde nach mir eintrafen). Während der Warterei verpasste ich den größten Teil von Emili Sandes Auftritt, aber die letzten drei Lieder machten nicht den Eindruck, als hätte man viel versäumt.


Dadurch, dass wir erst relativ spät in den Innenraum der Halle kamen, konnten wir leider nicht mehr allzu weit nach vorne. Immerhin fanden wir Seitenstehplätze, von denen aus wir, bevor Coldplay auf die Bühne kamen, noch das Szenario beobachten konnten: Auf der Bühne selbst befanden sich eine Art bunte Fahrrad-Traumfänger-Hybride vor einem Graffiti-besprühten Hintergrund, von ihr weg führte ein langer Steg auf eine "Nebenbühne" mitten im Zuschauerraum. Hinter der Bühne und in der Mitte der Halle waren insgesamt drei riesige, runde Projektionsflächen angebracht, so dass zumindest so jeder einen Blick auf die Band erhaschen konnte. Zudem waren die restlichen Bühnenaufbauten und Instrumente - bis hin zu Chris Martins Klavier! - mit neonfarbenen Anstrichen versehen.


Zum Intrumental-Opener "Mylo Xyloto" betrat die Band die Bühne, und beim nachfolgenden Lied "Hurts Like Heaven" wurde der Sinn der verteilten Armbändchen klar: Diese blinkten nun ferngesteuert, rhythmisch und in verschiedenen Farben in der ganzen Halle! Der Effekt war ebenso überraschend wie schön, zumal man als Zuschauer ja gewissermaßen aktiv an ihm teilhatte.*

Und kaum hatte man diesen einmaligen Eindruck verarbeitet, ging es sofort mit dem alten Hit "Yellow" weiter, und dieses Mal wurden vom Bühnenrand riesige bunte Luftballons von beiden Seiten ins Publikum geworfen. Während ich noch überlegte, was wohl nach dem Lied mit den Ballons passieren würde (man kann sie ja schlecht wieder einsammeln), begann schon als nächstes "In My Place", und nun wurden bei jedem Refrain, während Chris erstmalig den Steg Richtung Publikum ausprobierte, aus Kanonen Tausende und Abertausende Papierschmetterlingen in die Luft geschossen - und ich werde so nie erfahren, was mit den Ballons passiert ist.**


Während dieses gigantischen und auch wirklich schönen Special Effect-Feuerwerks dachte ich noch, dass man hier für den exorbitant teuren Kartenpreis von 75 Euro ja immerhin einiges geboten bekam. Aber leider schien es danach fast so, als sei das Pulver nun verschossen. Das klingt überaus gemein, denn ich denke, jedes weitere Lied hatte eine spezielle Lichtchoreographie, der Steg und die "Alternativbühne" im Publikum wurden ausgiebig genutzt und es wurde weiterhin kaum ein Aufwand gescheut - aber an die Effekte der ersten drei Lieder kam das alles leider nicht heran. Und das nur, weil man uns vorher so geflashed hatte.

Das Set setzte sich aus den Highlights der fünf veröffentlichten Alben zusammen, berücksichtigte "Parachutes" und "X and Y" aber nur mit jeweils einem Titel. Auf Single-Hits wie "Shiver", "Trouble" und "Speed of Sound" und Konzert-Standards wie "Everything's not lost" musste man dieses Mal verzichten. Die Songs des aktuellen Albums "Mylo Xyloto" klangen live gar nicht übel, was vielleicht daran lag, dass auf "Princess of China" und vier weitere verzichtet wurde.


"Up in Flames" und "Us against the World" waren die Lieder, die komplett auf der "Nebenbühne" im Publikum - die ich leider praktisch überhaupt nicht sehen konnte - annährend akustisch dargeboten wurden. Auch sonst war Chris viel läuferisch an den Bühnenrändern unterwegs, für langes Reden fehlte ihm dann wohl der Atem.

Grundsätzlich galt für dieses Konzert, wie schon für Noel Gallagher vor einigen Wochen, dass die genaue Planung wohl keinen Raum für Spontaneität ließ - schließlich muss die Konfettikanone ja zum richtigen Zeitpunkt losgehen, und so ist die Setliste auf dieser Tournee stets gleich. Wenn man der Band hier etwas vorwerfen kann, dann die kurze Spieldauer: Coldplay-Auftritte dauern wohl nie mehr als 90 Minuten, diesmal war es sogar etwas weniger. Was uns zusätzlich störte, war der sehr echo-haltige Klang in der Halle (zumindest an zwei von uns getesteten Standorten), der einem den Spaß ein wenig vermieste.


Zum letzten Titel des Hauptteils, "Paradise", blinkten noch einmal die Armbändchen, dann kamen nach kurzer Pause die Zugaben. Nach "Clocks" floss das aus meiner Sicht unnötige Cover von "White Christmas" in "Fix you" über, "Every Teardrop is a Waterfall" schloss das Konzert endgültig ab. Das Publikum griff das Konzert-Highlight "Viva la Vida" anschließend nochmals gesanglich auf, die Band ließ sich davon aber wohl nicht beeindrucken.


Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass beim Herausgehen die LED-Armbänder (ähnlich wie die 3-D-Brillen im Kino) wieder eingesammelt werden würden - schließlich enthalten die Dinger Knopfbatterien und stellen somit eine gewisse Umweltbelastung dar. Zumindest an dem von mit benutzten Ausgang war das aber nicht der Fall. Und so habe ich nun mein höchsteigenes Coldplay-LED-Bändchen. Gerade steht die Band in Berlin auf der Bühne, aber mein Bändchen blinkt nicht mit. Ob es vielleicht an Heiligabend angeht, wenn Chris und Gwyneth daheim den Weihnachtsbaum einschalten?



Setliste:

Mylo Xyloto
Hurts Like Heaven
Yellow
In My Place
Major Minus
Lost!
The Scientist
Violet Hill
God Put A Smile Upon Your Face
Up in Flames
Us Against the World
Politik
Viva La Vida
Charlie Brown
Paradise

Clocks
White Christmas
Fix You
Every Teardrop is a Waterfall


* Hier noch etwas zu Coldplays Interesse am LED-Bändchen-Hersteller
** Einen Riesenballon sah ich allerdings später auf dem Heimweg in den Händen einer glücklichen Konzertbesucherin.

1 Kommentar:

  1. Ich war auch dabei; Stehplatz erster Rang!
    Gut geschriebene Konzertkritik. Habe mich amüsiert
    Mir hat das Konzert eigentlich gut gefallen. War vor zwei Jahren schon in Düsseldorf dabei.

    Weiter so!

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