Eine Leiche zum Dessert: "Hannibal" als Fernsehserie

U.
Das Schweigen der Lämmer ist sicherlich einer der bekanntesten Filme, die es gibt. Diese Tatsache, verbunden mit dem Umstand, dass sich der Autor der Romanvorlage Thomas Harris für seine Hauptfigur Hannibal Lecter jede Menge Vorgeschichte ausgedacht hat, lässt die Idee eine Prequel-Fernsehserie recht interessant erscheinen.


Die Fernsehserie, die zur Abwechslung einmal nicht auf einem coolen Sender wie HBO oder Showtime, sondern bei der althergebrachten NBC läuft, spielt in der Zeit vor Harris’ ersten Lecter-Roman Red Dragon (mittlerweile wurde Hannibals Kindheit in einem letzten Roman, Hannibal Rising, verwurstet, aber das tut bislang nichts zur Sache). Das bedeutet, dass Hannibal noch als hochrespektierter Psychologe arbeitet und lange vor sich hin mordet, ohne dass es jemand auffällt.

Die eigentliche Hauptfigur der Serie ist aber nicht Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) sondern Will Graham (Hugh Dancy), der spätere Protagonist von Red Dragon, von dem der Zuschauer bereits weiß, dass er es ist, der Lecter irgendwann ins Gefängnis bringen wird. Graham ist in der Serie selbst Psychologe und arbeitet für das FBI als Profiler. Er besitzt die unheimliche Gabe, anhand von Tatorten die Motivation und den Charakter des Täters erschließen zu können. Diese Einfühlen in Psychopathen fordert seinen Tribut: Grahams eigene Psyche wird immer labiler.

Sein Vorgesetzter Jack Crawford (man kennt ihn aus dem Schweigen der Lämmer, allerdings sieht er in Hannibal aus wie Laurence Fishburne) sucht einen weiteren Psychologen, der Will Stabilität geben kann – und engagiert hierfür ausgerechnet Hannibal Lecter.


Die Serie lebt davon, dass der Zuschauer schon beim Namen Hannibal Lecter erschaudert und zudem auch - anders als die handelnden Figuren - genau über dessen Morde und Manipulationen informiert wird. In jeder Folge lädt Hannibal jemand zum Essen ein, stets sind die Gäste über das Aufgetischte begeistert, nur der Zuschauer kann sich aber sicher sein, dass die Fleischgerichte meistens aus Hannibals Opfern bestehen. Der arme Will Graham wird gleichzeitig in Hannibals keineswegs heilsamer Obhut immer kränker und kränker, dennoch schöpft niemand Verdacht, was aus Zuschauersicht häufig ans Unerträgliche grenzt.

Ein weiterer Reiz der Serie besteht im Aufgreifen von Details, die der Zuschauer bereits kannte. So wird Graham in seinen Träumen von einem Serienmörder namens Hobbs verfolgt, den er erschossen hatte – dieser Name wird ohne weitere Details in Red Dragon genannt. Ebenso taucht eine weitere Psychologin namens Bloom im Roman auf, in der Serie ist sie eine Nebenfigur. Der Journalist Freddie Lounds, der in Red Dragon vom Serienkiller „Tooth Fairy“ ermordet wird, ist in Hannibal noch lebendig – und eine Frau.


Andere Handlungselemente spiegeln Ereignisse, die der Zuschauer bereits aus den Filmen kennt: Jack Crawfords Gespräch mit einer jungen Studentin erinnert stark an sein erstes mit Clarice Starling im Schweigen der Lämmer, auch das "Baltimore State Hospital for the Criminally Insane" ist dem Zuschauer bereits wohlbekannt, und viele der dort stattfindenden Szenen kommen ihm vertraut vor, denn wer könnte je den unheimlichen Gang entlang der Schwerverbrecherzellen vergessen, der in Zukunft zu Lecters Zelle führen wird?

Die ständige Erinnerung an die bekannte Filmreihe wirft natürlich auch die Frage auf, inwieweit man sich als Zuschauer an einen Schauspieler in der Rolle des Hannibal Lecter gewöhnen kann, der weder Anthony Hopkins ist, noch einer jüngeren Version des Darstellers ähnelt. Mads Mikkelsen ist Däne und spricht in der Originalversion mit dem entsprechenden Akzent, was an und für sich in Ordnung ist, denn der Lecter der Buchversion stammt aus Europa – und ob Hopkins als Lecter sonderlich britisch klang, weiß ich ehrlich gesagt nicht.


Tatsächlich macht Mikkelsen seine Sache ganz großartig. Bei Wikipedia kann man lesen, er habe beim Casting erklärt, er wolle seinen Lecter nicht an Anthony Hopkins Vorbild ausrichten, sondern lieber eine Art Verkörperung des Teufels versuchen. Und so ist sein Lecter/Satan stets an allem interessiert und begeht unglaubliche Grausamkeiten, ohne dabei selbst emotional involviert zu sein – einfach, weil er eben faszinierend findet, was als nächstes passieren könnte. Er manipuliert, tötet, verzehrt, fälscht Beweise, dennoch wirkt all sein Tun auf den ersten Blick -  vielleicht wegen der Abwesenheit von Freude, Hass oder Wut - nicht sonderlich böse. Und so erscheint es auch als plausibel, dass Lecter allen anderen Figuren der Serie als absolut seriös und vertrauenswürdig erscheint.

Hannibal ist nichts für schwache Mägen, in beinahe jeder Folge sieht man, abgesehen von Lecters gruseligen Dinnereinladungen, die Opfer besonders grausamer Serienmörder, und die Tatsache, dass es Will Graham immer schlechter geht, er aber weiterhin Hannibal vertraut, nimmt den Zuschauer ebenfalls sehr mit. Ich habe viele Folgen beim Abendessen gesehen und würde diese Vorgehensweise nicht weiterempfehlen – da die Serie aber grundsätzlich sehr fesselnd ist, erwies es sich dennoch als schwierig, mit der nächsten Folge bis nach dem Essen zu warten.


Bryan Fuller, der Entwickler der Serie, hat übrigens erklärt, er wolle insgesamt sieben Staffeln machen, wobei die Handlung ab Staffel vier mit Red Dragon und dem Schweigen der Lämmer weitergehen würde. Ob es so weit kommt, ist ungewiss, aber eine zweite Staffel wird es definitiv geben.

In Deutschland läuft Hannibal ab dem 10. Oktober aus Sat 1.


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