Schon verrückt, dass man heutzutage einfach per Bahn von Frankfurt innerhalb einer Stunde nach Köln düsen kann. In meiner Jug...

Neulich bei der Christmette: Erdmöbel in der Kölner Kulturkirche


Schon verrückt, dass man heutzutage einfach per Bahn von Frankfurt innerhalb einer Stunde nach Köln düsen kann. In meiner Jugend wäre das nicht möglich gewesen, aber nun kann ich um 18 Uhr das Büro verlassen und bereits gegen halb 8 durch Nippes irren und diese Kulturkirche, von der immer alle reden (in ihr finden durchaus öfter einmal poppige Konzerte statt), suchen.

Als die Kirche schließlich gefunden war, bot sich mir ein Bild, das ich sonst nur von der Christmette kenne: Noch keine Veranstaltung im Gange, aber alle Bänke in der weihnachtlich mit glitzernden Kugeln und Lichterketten geschmückten Kirche dicht besetzt von gut gelaunten Besuchern in allen Altersklassen. Lediglich der ausgiebig genutzte Kölschverkauf im Eingangsbereich ließ erahnen, dass die Leute nicht zum Gottesdienst erschienen waren.


In dem ganzen Gewühl noch einen Sitzplatz zu finden, erwies sich als schwierig, von diesem aus letztendlich die Bühne zu erspähen, als unmöglich. Die ergatterte Sitzbank befand sich nämlich nicht im Mittelschiff, sondern lief parallel zur Wand, was zu dem Problem führte, dass sich noch später kommende Zuschauer einfach davor und damit direkt in die Sicht zur Bühne stellten. Immer mehr Gäste drängten sich in den Gängen, beziehungsweise quetschten sich auf Biermission an einem vorbei, und meine Stimmung sank bereits kontinuierlich, als auch noch der ansässige Pfarrer verkündete, dass nun als Support erst einmal Friedemann Weise auftreten werde - den kannte ich bereits von einem früheren Erdmöbel-Konzert und hatte keine sonderlich positiven Erinnerungen.


Herr Weise war ebenfalls nicht allerbester Laune und sagte sich, nachdem er die Ankündigung durch den Pfarrer als zu unenthusiastisch zurückgewiesen hatte, gleich noch einmal selbst gebührend an. Zunächst hatte ich den Eindruck, der Sänger habe bei seiner Anreise aus Köln Ehrenfeld an einem Glühweinstand vorgeglüht und sei somit angetrunken, nachdem er aber bei seinem verdächtig schleppendem Tonfall wohlartikuliert war und blieb, litt er wohl nur unter der Erkältung, die ihn nach eigenen Angaben quälte.

Ich weiß nicht, ob es meinen niedrigen Erwartungen oder der bessere Songauswahl lag, aber an diesem Abend überzeugte mich Weise viel mehr als bei der früheren Gelegenheit. Der Versuch, den Ausdruck "Narzißtische Persönlichkeitsstörung" singbar zu machen, ist immerhin beeindruckend, ein Popsong über Abmahnanwälte originell und einige der Zwischengags (etwa, während niemand mitsang, den letzten Refrain eines Lieds mit "und jetzt ich alleine!" anzusagen, später folgte noch "und jetzt die Verrückte da vorne!") waren tatsächlich ziemlich lustig, unterhaltsam und kurzweilig.

Ein noch unvollendeter Song, der eine Aufzählung zahlreicher Tourauftrittsorte nebst der Erlebnisse des Sängers dort beinhaltet, wurde anscheinend von Ekki Maas mit Insterburg & Co. verglichen, was Weise mit "Wenn dich das an die erinnert, bist du zu alt" kommentiert wurde. Ob die kirchenkritischen Kommentare des Sängers zu Heiligenbildern oder auch missbrauchten Messdienern beim Pfarrer sonderlich gut ankamen, ist nicht bekannt - immerhin wurde nur über die katholische Kirche gelästert.


Setliste:

Narzißtische Persönlichkeitsstörung
Ein Hundejahr
Abmahnanwalt
Toursong (unvollendet)
Keine Songwriter
Weißt du noch
Tina, geh' nicht in die Sekte

Nun war es Zeit für den Hauptact, Erdmöbel betraten mit dem Bekleidungsmotto "rosa" und weiteren Christbaumkugeln an den Gitarren- und Basshälsen die Kirchenbühne, nur Christian Wübben war zunächst als Nikolaus verkleidet, legte sein Outfit aber schnell wieder ab. Markus Berges hat sich von dem Vollbart, den er Ende Oktober in Frankfurt trug, zwischenzeitlich getrennt, allerdings wäre der zurückgebliebene Clark Gable-Schnurrbart auch überdenkenswert. Nach dem Opener "Cardiff" erfuhren wir die Abendplanung: Es sollte bei "Kung Fu Christmas" zwei Konzertteile geben, nämlich zunächst "Kung Fu" und dann "Christmas".

Konzertteil eins konzentrierte sich dann auch hauptsächlich auf Songs aus dem aktuellen Album "Kung Fu Fighting" und sparte ältere Lieder wie "Wurzelseliger" oder "Dreierbahn", die sonst im Programm stehen, aus. Zunächst ging es aber weiter mit dem älteren "Ausstellung über das Glück" und dem Hinweis auf ein am Schlagzeug installiertes Instrument (Chimes), mit dem man durch Entlangstreichen ein zartes, weihnachtliches Klimpern erzeugen konnte und das an diesem Abend reichlichen Einsatz finden sollte. Wir erfuhren auch, dass Sting dieses Teil angeblich in jedem seiner Songs verwendet. Wolfgang Proppe behauptete darüber hinaus, entdeckt zu haben, dass sich Tonleitern besondern weihnachtlich anhören, weshalb es diese äußerst freigiebig einsetzte und in zahlreiche Songs einbaute.


Als nächstes folgte das von eifrigem Mitgesang unterstützte "Club der senkrecht Begrabenen", sowie "Vivian Meier". Zum "Kung Fu Fighting"-Titelsong wurde im Hintergrund der Bühne das mich etwas verstörende zugehörige Kuss-Video gezeigt. Nach "Gefäße", ebenfalls vom neuen Album, folgte mit "Wort ist das falsche Wort" laut Ekki Maas das traurigste Lied des Vorgängeralbums "Krokus" - beim Konzert im Frankfurter Nachtleben hatte er behauptet, es sei sein Lieblingslied dieses Albums, aber das eine schließt das andere ja auch nicht aus. Mit "In den Schuhen von Audrey Hepburn" spielte die Band danach einen der sehr wenigen älteren Songs, um dann mit "Blinker" wieder in die Gegenwart zurückzukehren und den "Kung Fu-Teil" des Abends abzuschließen.


Konzertteil zwei bestand, da Erdmöbel seit geraumer Zeit jedes Jahr eine Weihnachtssingle veröffentlichen, hauptsächlich aus diesem Repertoire, auf das nur im Rahmen der Weihnachtskonzerte in der Kulturkirche zurückgegriffen wird. Los ging es hier mit der Aufforderung an das Publikum, man solle möglichst schnell alle deutschen Bundeskanzler aufsagen. Die Liste ("Merkel Schröder Kohl Schmidt Brandt Kiesinger Erhard Adenauer") gehört zu "Muss der heilige Nikolaus sein", zu dem Wolfgang Proppe ans Akkordeon wechselte und bei dem, wie auch zu allen folgenden Weihnachtsliedern, wiederum das Video eingespielt wurde.

Nach "Der letzte deutsche Schnee" spielte man mit "Erster Erster" einen Song, der zwar thematisch in die Jahreszeit passte, aber gar keine Weihnachtssingle ist sondern vom Album "Krokus", bei "Fräulein Frost" konnte man im Video die ganze Band erfrieren sehen und bei "Lametta" kam als Gastsängerin nicht die eigentliche Co-Interpretin Maren Eggert sondern Suzie Kerstgens von Klee mit auf die Bühne. Sie hatte sich passend zum Rosa-Bekleidungsmotto der Band ein pinkes Oberteil angezogen und trug ihren Christbaumschmuck in Form eines weihnachtlich goldenen Sterns im Ohr. Zum darauf folgenden "Last Christmas" wurde erklärt, dass es laut Wolfgang Proppe die Melodie des Todes enthalte. Begleitend zu dem Song wurden aus den Klingelbeuteln der Kirche ans Publikum Bonbons verteilt, was Markus Berges vor der aktuellen Weihnachtssingle "Ding Ding Dong (Jesus weint schon)", die vermutlich an diesem Abend ihre Live-Premiere feierte, zu der Frage veranlasste, ob wir denn auch mit vollem Mund mitsingen könnten.


Das klappt dann sehr gut, Friedemann Weise und Suzie Kerstgens kehrten auf die Bühne zurück und bildeten mit einigen Publikumsmitgliedern eine Background-Sing- und Tanzgruppe. Vorher hatte Ekki Maas das aus dem Video zum Lied bekannte "Bitte folgen!"-Schild gezückt und angedroht, dass wir nun gemeinsam zwar nicht bis zum Eigelstein, aber zumindest um die Kirche wandern würden. Nach unzähligen Wiederholungen des "Ding Ding Ding Dong"-Refrains erhielten die beiden Gaststars Geschenke (Whiskey für Suzie und Blumen für Friedemann) und das Konzert war offiziell beendet, doch das Publikum ließ sich nicht beirren und sang so lange allein den Refrain weiter, bis die Band zurückkehrte.


Durch die Anwesenheit von Suzie Kerstgens bot es sich für Erdmöbel natürlich an, den Song zu spielen, den sie mit der Band aufgenommen hatte, und so folgte nun "Vergnügungslokal mit Weinzwang". Nachdem sich Suzie mit Umarmungen von den Bandmitgliedern verabschiedet hatte, rief jemand aus dem Publikum "Das Leben ist schön!", was dann prompt anschließend gespielt wurde. Mit "Nah bei dir", einem Song, der fast schon traditionell Erdmöbel-Konzerte abschließt, endete der Konzertabend dann nach zwei Stunden wirklich, wobei die Band hinterher noch eifrig mit dem Signieren von allem möglichen beschäftigt war und dank des Heimatauftritts natürlich auch viele der Gäste persönlich kannte.

Auch wenn Erdmöbel sich nicht sicher waren, zum wievielten Mal sie ihren Weihnachtsauftritt in der Kulturkirche absolvierten, hatte uns der Pfarrer bereits in der Ankündigung mitgeteilt, dass es auch kommendes Jahr wieder einen geben wird. Wie versierte Christmettenbesucher wissen wir dann auch, dass man für die guten Plätze besonders früh erscheinen muss.


Setliste:

Cardiff
Ausstellung über das Glück
Club der senkrecht Begrabenen
Vivian Meier
Kung Fu Fighting
Gefäße
Wort ist das falsche Wort
In den Schuhen von Audrey Hepburn
Blinker
Muss der Heilige Nikolaus sein
Der letzte deutsche Schnee
Erster Erster
Fräulein Frost
Lametta (mit Suzie von Klee)
Last Christmas
Ding Ding Dong (Jesus weint schon)

Vergnügungslokal mit Weinzwang (mit Suzie von Klee)
Das Leben ist schön
Nah bei dir

1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für diesen wundervollen bericht und die schönen Bilder. Ich war auch bei dieser grossartigen Veranstaltung, jedoch auch ziemlich weit hinten bei den "Stehenden". Was aber weder dem Konzert, noch der Stimmung geschadet hat ;)

    Gruß - Sven

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