Lost in Gießen: Honig und Hello Piedpiper in der Gießener Alten Kupferschmiede

U.

An Ostern neigt man bekanntlich zu Ausflügen, folglich machten mein Freund und ich uns am Nachmittag des Ostermontags Richtung Gießen auf. Gießen war mir nicht als klassisches Ausflugsziel geläufig, und als wir es erreichten, zeigte sich, dass es dafür Gründe gibt: Es handelt sich um eine ausgesprochen hässliche Stadt mit dem gewissen Nichts.


In Wirklichkeit waren wir aber gar nicht angereist, um die wenigen unzerstörten Fachwerkhäuser der Stadt zu bewundern, sondern um ein Konzert von Honig zu besuchen. Stichwort Honig, kam der nicht aus Düsseldorf? Und fuhr direkt vor uns nicht gerade ein Auto mit Düsseldorfer Kennzeichen, dessen Fahrer ebenso ratlos wie wir zu sein schien, als die laut Google Maps richtige Abfahrt zum Konzertraum sich als doch falsch entpuppte? Und gab es nicht auch einen Beifahrer, und waren das auf der Rückbank vielleicht Musikinstrumente? Als das Auto vor uns schließlich abrupt bremste, wendete und wir die Insassen sehen konnten, waren alle Zweifel beseitigt, wir waren hinter Honig her- und fast in sie hinein gefahren.


Das bedeutete aber nicht, dass es nun leicht gewesen wäre, die Konzerthalle zu finden. Nach einem Besuch in einer Pizzeria versuchten wir erneut, uns mit Google Maps dem Veranstaltungsort, der Alten Kupferschmiede, zu nähern. Das kleine Haus, das wir schließlich erreichten, schien auch tatsächlich eine ehemalige Schmiede zu sein, und aus dem Inneren erklang Musik. Aber wo sollte der Eingang sein, und warum schien es keine weiteren Konzertgäste zu geben?

Die anderen Gäste kannten sich wohl einfach besser als wir mit den örtlichen Gepflogenheiten aus, denn während wir, die nicht wussten, ob 19 Uhr 30 die Einlass- oder Anfangszeit sein sollte, extra früh erschienen waren, wussten alle anderen wohl, dass hier vor 20 Uhr ohnehin nichts passieren würde - es verging noch eine ganze Weile, bis wir schließlich in den winzigen Konzertsaal eintreten durften, bis dahin waren aber auch weitere 30 Konzertbesucher erschienen. Beim Eintritt hatte man die Wahl, wie viel Geld (zwischen 5 und 8 €) man bezahlen wollte. Im Inneren gab es zwei Sofas, eine selbst gebastelte Theke mit Getränken nahe dem Selbstkostenpreis, einen vor sich hin bollernden Ofen und Pappkisten, auf die man sich setzen konnte.


Als dann schließlich sowohl Stefan Honig als auch Fabio Bachhet die Bühne einnahmen, dachte ich zuerst, es werde gar keine Einzelauftritte geben. Tatsächlich gab es aber die traditionelle Aufteilung in Vor- und Hauptact, nur, dass die beiden sich gegenseitig bei ihren Auftritten unterstützten.

Zuerst war also Hello Piedpiper an der Reihe, der neben der gelegentlichen Mithilfe von Stefan Honig auch ausgiebig auf die Technik des Loopens zurückgriff: Mal spielte die Gitarre ohne ihn weiter, mal kam ein geklopfter Rhythmus mit hinzu, dann war es seine Stimme, die eine Textzeile wiederholte und mit sich selbst ein Duett bildete. Die Musik des Solokünstlers ist insgesamt getragen und traurig, dabei wirkt er selbst eher ausgeglichen bis fröhlich - er versicherte auch, dass er beim Musikmachen zwar manchmal böse aussehe, das aber nichts zu bedeuten habe und er gerne hier sei.


"Of People and land theft" war der einzige Songs, dessen Text ich über weitere Strecken folgen konnte, und ich fand das Thema (eben Landdiebstahl und Vertreibung) einigermaßen überraschend, Protestmusik ist ja heutzutage eher seltener zu hören. "Not waving but drowning" widmete Fabio Stefan Honig und erklärte, er werde es ihm voraussichtlich die ganze Woche lang widmen. Honig berichtete im Gegenzug, die beiden hätten heute auf Facebook ein Selfie gepostet, worauf Fabio fragte, was das denn sei und Stefan ganz gerührt darüber war, dass das jemand nicht weiß.

Setliste Hello Piedpiper:

The darkness is so close. NOT.
The fear
The Pawn That Beats The Drake
Of people and land theft
War
Not waving but drowning

The taciturn fool


Nach kurzer Pause begann das Honig-Set mit "Leave me now". Vor "Hometowns", das Fabio spontan rhythmisch begleitete, erklärte Stefan, er habe den Song im Turnraum geschrieben, als er noch im Kindergarten arbeitete, und der ursprüngliche Text habe "Ohoho wir rennen wie ein Löwe durch den Turnraum" gelautet - mit wechselnden Tierarten. Überhaupt scheinen Honigs Songs gerne einmal längere Entwicklungsprozesse zu durchlaufen, denn zu "Burning down bookshops" erklärte er später, das Lied habe ursprünglich nur "Bookshops" geheißen, er habe aber so lange umarrangiert, das der Titel das reflektieren musste.


Das folgende "Look what the tide brought" kündigte Honig als einen rockigen Song an, nach dem es eher ruhig weitergehen würde. Zu diesem Lied existiert auch ein Video, für das sich Stefan extra einen Bart wachsen ließ (der dann abrasiert wurde so dass der Bart beim Rückwärtsabspielen zu wachsen schien), das aber bislang nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken durfte.

Zuvor folgten aber noch andere Titel, die praktischerweise (für mich als Setlistenmitschreiberin) meist mit ihrem Titel angekündigt wurden. Bei "For those lost at sea", als "größter Hit" der Band angekündigt, wurden wir aufgefordert, am Ende mitzusingen, zu "Song for Julie" erfuhren wir, dass er mittlerweile eine andere Freundin habe, das für Julie aber in Ordnung sei - und die neue Freundin auch nichts gegen das Lied habe. Stefan Honig wechselte an diesem Abend ständig zwischen akustischer Gitarre und Ukulele, bediente ein Tambourin mit dem Fuß und stellte auch einige Titel aus dem im August erscheinenden neuen Album vor. Da dieses mit einer Band eingespielt wurde, werden auf dieser Tour zunächst umarrangierte, spärliche Versionen dargeboten.


Nach "Burning down bookshops" kam es dann zu einer echten Überraschung, als wir plötzlich mit einem Hiphop-Teil konfrontiert wurden - nach all dem Gesang zur Gitarre ein echte Stilbruch, der jedoch mit großem Applaus belohnt wurde. Stefan erklärte, er habe mit 15 zahlreiche Beastie Boys-Hits auswendig gelernt und nie wieder vergessen, selbst wenn er mitten in der Nacht geweckt würde, könne er sie noch fehlerfrei vortragen.

Mittlerweile war es nach 22 Uhr, weshalb die letzten Darbietungen aus Rücksicht auf die Anwohner akustisch erfolgen mussten - die Künstler baten uns zunächst, um sie herum einen Kreis zu bilden, wurden damit aber nicht so recht glücklich und kehrten bald doch wieder Richtung Bühne zurück. Nach "Lemon law" und "Golden Circle" hätte das Set eigentlich beendet sein sollen, aber nachdem das Publikum nach Zugaben verlangte, einigte man sich darauf, dass zunächst eine Zugabe von Hello Piedpiper kommen solle, so dass Honig sich ein wenig ausruhen und an seinem Bier trinken konnte. Anschließend hörten wir leider nicht etwa "Brand new bike", obwohl wir den Song vorab auf der Setliste erspäht hatten, oder "The last of the polar bears", welches wir uns gewünscht hätten, sondern mit "John Wayne Gacy, Jr." ein nicht weniger tolles Cover von Sufjan Stevens.


Der Abend in der Alten Kupferschmiede machte den deprimierenden Eindruck, den ich sonst von Gießen hatte, mehr als wett: Die Betreiber des Auftrittsorts sind offensichtlich musikinteressierte Idealisten, die beiden Musiker schienen sich blendend zu verstehen und das Publikum hörte aufmerksam zu. Ich bin schon gespannt, wie das neue Honig-Album klingen wird.



Setliste Honig:

Leave me now
Hometowns
Look what the tide brought
Swimming lessons
Overboard
For those lost at sea
Song for Julie
Burning down bookshops
In my drunken head
This old house
Homesick (Radical Face Cover)

Lemon law
Golden circle

John Wayne Gacy, jr. (Sufjan Stevens Cover)

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