Alles neu macht der Mai: Maifeld Derby 2014, Tag 3

U.

Am letzten Tag des Maifeld Derbys war ich noch ziemlich geschafft vorm Band-Marathon des Vortags und auch schon ein bisschen Festival-müde. Gut, dass am Sonntag nicht mehr allzu viele Bands in mein persönliches Pflichtprogramm fielen. Stattdessen verbrachte ich ein wenig Zeit beim Steckenpferdwettbewerb, der an sich durchaus unterhaltsam war, mich aber doch nicht genug fesselte, um auch noch die Siegerehrung anzusehen.


Der Festival-Tag begann deshalb erst am frühen Nachmittag mit Girls in Hawaii - einer, man würde es angesichts des Namens nicht unbedingt vermuten, männlichen Band aus Belgien. Das Sextett besteht bereits seit 2001 und musste vor vier Jahren den Unfalltod seines Schlagzeugers (der gleichzeitig der Bruder von Sänger Antoine Wielemans war) verarbeiten.


Die Belgier, bei denen sich Lionel Vancauwenberghe und Antoine Wielemans den Gesang teilen, wobei Letzterer gelegentlich in einen alten Telefonhörer singt, eröffneten ihr Set mit "Sun Of The Suns" und "Not Dead" und ließen nichts unversucht, um das Publikum bereits am frühen Nachmittag zu begeistern: Der Keyboarder François Gustin stieg auf Boxentürme und animierte zum Mitklatschen und wurde bei seinen Kletterpartien nur noch von Antoine Wielemans' Ausflügen übertrumpft. Emotionaler Höhepunkt war aufgrund der Bandgeschichte der ruhigste Titel des zu kurzen Sets, "Misses".

Anschließend verfolgte ich, in Hörweite der Hauptbühne im strahlenden Sonnenschein sitzend, mit einem Auge und Ohr die The Elwins. Die kanadische Band überraschte mit ihrer Entscheidung, ein Beyoncé-Lied namens "Countdown" zu covern und hierfür mit dem Publikum einen (deutschsprachigen) Countdown einzuüben. Außerdem hatte ihr Bassist möglicherweise den auffälligsten Schnurrbart des Festivals (trotz starker Konkurrenz in Form eines Rah Rah-Mitglieds). Amüsant und zum guten Wetter passend war das Set allemal, aber ich muss zugeben, den Kanadiern sonst nicht die Aufmerksamkeit entgegen gebracht habe, die sie vielleicht verdient gehabt hätten.


Direkt nach dem Auftritt der Elwins und der Ehrung für den außergewöhnlichsten Bart konnte auch der Festivalpreis für die spektakulärste Frisur - trotz des noch folgenden Auftritts von St. Vincent - vergeben werden. Im Palastzelt traten Temples auf, und auch wenn in der Band noch drei weitere Preisanwärter gesichtet werden konnten, ging dieser doch klar an deren Sänger James Edward Bagshaw.


Optisch und musikalisch nahm uns das Quartett aus dem englischen Kettering mit auf einen unterhaltsamen und kurzweiligen Trip in die sechziger/siebziger Jahre und die Hochphase des Psychedelic / Glam Rock. Aus ihrem Debütalbum "Sun Structures" präsentierten sie 8 der 12 Songs, die noch um die ungewöhnliche, weil Keyboard-lastige B-Seite "Ankh" ergänzt wurde. Beim ausufernden und rockigen "Sand Dance" konnte man in etwa nachvollziehen, wie es früher wohl auf einem Konzert von Led Zeppelin gewesen ist. Für den Schluss hoben sich die Briten ihre beiden besten Songs auf: "Mesmerise", das durch das Anfügen eines langen instrumentalen Ausklangs bestimmt auf doppelte Spiellänge gezogen wurde, und "Shelter Song".

Setliste

Colours To Life
Sun Structures
A Question Isn't Answered
Ankh
Move With The Season
Keep In The Dark
Sand Dance
Mesmerise
Shelter Song
St. Vincent

Bekanntlich braucht ja jedes Festival seinen Regenschauer. Der des diesjährigen Maifeld Derbys fand direkt nach dem Temples-Auftritt statt und führte dazu, dass wir lieber eine Pause am überdachten Fressstand einlegten, als das Set von Hozier zu besuchen.


Bei St. Vincent hatte ich im Vorfeld den Verdacht gehabt, dass ihr Auftritt mir auf die Nerven gehen würde - möglicherweise hatte ich das Album einmal gehört und mir außer meinem Urteil sonst nichts davon gemerkt. Dennoch, wir wollten bei The National eine gute Sicht haben, und der wahrscheinlichste Weg dorthin war es, bereits bei St. Vincent vorne zu sein (und den Auftritt von Wye Oak auszulassen). Die Solokünstlerin war übrigens nicht nur beim Maifeld Derby der "Support" für The National, sondern ist auch sonst aktuell mit diesen auf Tour.


Annie Clark hatte im Hintergrund einen Keyboarder und einen Schlagzeuger dabei, vorne auf der Bühne leistete ihr eine weitere Keyboarderin / Gitarristin Gesellschaft. Der Auftritt der Musikerin war sehr künstlerisch durchgeplant. Sie selbst trug ein avantgardistisches Kostüm und machte beinahe ausschließlich roboterartige Bewegungen. Die Mitmusikerin gesellte sich zeitweise zu ihr und nahm an der Choreographie teil - so wurde symmetrisch auf der Bühne umher getrippelt oder auch einmal nach Art von ZZ Top synchron Gitarre gespielt. Das Set hatte auch eine Art "Handlung", so erklomm Annie zu "Cheerleader" ein sehr hohes Podest im Hintergrund der Bühne, sang von dieser erhobenen Position aus und kauerte schließlich, bevor sie am Ende von "Prince Johnny" scheinbar sterbend zusammenbrach und anschließend theatralisch Stufe um Stufe herunter rutschte.


Der Auftritt war auf seine Art also durchaus unterhaltsam und allemal interessanter als der von Warpaint, allerdings finde ich St. Vincents Elektromusik mit häufigem Gitarrengeschrammel in höheren Dosen schnell kopfschmerzauslösend.


Setliste:

Rattlesnake
Birth in Reverse
Regret
Cruel
Digital Witness
Every Tear Disappears
Surgeon
Cheerleader
Prince Johnny
Year of the Tiger
Marrow
Huey Newton
Bring Me Your Loves


Hinterher stellte sich heraus, dass für gute Plätze im The National-Publikum ein Besuch bei der Vorband nicht zwingend notwendig gewesen wäre - bis auf die ersten drei Reihen leerte sich das Zelt in der Pause vor dem Festival-Headliner fast komplett. Aber natürlich füllte es sich genauso schnell auch wieder, so dass man nicht bereuen musste, früh dort gewesen zu sein. Schließlich war dieser Bandname für ein Festival dieser Größe ein ungewöhnlich bekannter. Im Programmheft wurde erklärt, dass die Buchung von The National nur durch eine glückliche Terminlage möglich gewesen war (sprich: die Band war in Deutschland und hatte keinen anderen Termin). Man darf gespannt sein, wie die Festivalmacher diesen Headliner nächstes Jahr toppen wollen. Finanziell dürfte sich der Glücksfall in jedem Fall gelohnt haben: Die Tagestickets für den Sonntag waren zumindest ausverkauft.


The National hatte ich erst im letzten November live gesehen und ihr Konzert für durchaus gut befunden. Würde dieser Auftritt ohne neueres Material einfach dasselbe bieten, nur eben im Zelt? Wiederum war man zu siebt erschienen, zusätzlich zu den regulären Bandmitgliedern hatte man wieder zwei Trompeter dabei.

Nach dem ersten Lied "Don't Swallow the Cap" gab es eine kurze Pause, in der Matt Berninger erklärte, Bryan Devendorf könne nichts mehr hören, was entweder  an einem Aneurysma  liegen könne, oder es seien einfach die Batterien leer. Bryce Dessner entgegnete sofort, dass Matts Witze immer schlechter würden und dass Aneurysmen nicht witzig seien. Uns im Publikum war neu, dass Matt überhaupt Witze macht, es folgten sogar noch weitere - die Bryce allerdings auch nicht lustiger fand.


Weiter ging es mit einem Mix aus neuen und alten Songs, der dem in Düsseldorf ähnelte, auch optisch, denn erneut wurden auf der LED-Wand im Hintergrund passende Bilder zu einigen Songs gezeigt, etwa Regen bei "England" oder blutkörperartige Gebilde bei "Bloodbuzz Ohio". Es gab jedoch auch Unterschiede, denn wir bekamen an diesem Abend unter anderem auch "Hard To Find", "Ada" und "Abel" zu hören.

Matt Berninger war in Hochform, trank großzügig Weißwein, zunächst aus dem Becher, später direkt aus der Flasche, die er im Zugabenteil dramatisch auf einer Monitorbox zerschmetterte, und konnte der auf Facebook zirkulierten Materialzerstörungsliste der Band schon kurz nach Konzertbeginn einen Mikrophonständer hinzufügen, worauf er gleich einen neuen bekam und zunächst grinsend verhinderte, dass der überflüssige von einem Roadie wieder weggenommen wurde. Einer in Reserve ist eben immer gut...


Das Set von The National machte dem Publikum großen Spaß, bei beinahe jedem Song, der angespielt wurde, erklangen laute Jubelrufe. Mir war in der Vergangenheit nicht aufgefallen, dass die Band bei praktisch allen Textpassagen mitsingt - vielleicht hat sie es auch früher nicht getan. Selbst die Bläser sangen manchmal mit. Bei "Pink Rabbits" trat der Posaunist nach vorne an den Bühnenrand und damit ins Rampenlicht. Bryce Dessner hantierte bei "I Need My Girl" mit zwei Gitarren gleichzeitig, während er bei "Slow Show" die Gitarrensaiten mit einem Geigenbogen bearbeitete.

Herr Berninger hat in der Vergangenheit bereits zu Bühnenklettereien geneigt und enttäuschte auch an diesem Abend nicht: Erst sprang er in den Bereich zwischen Bühne und Publikum, später, als wir bereits im Zugabenteil waren, umrundete er in zwei Etappen quasi das Publikum - da wir vorne standen, konnte man nur an der Richtung, in die die Mikrophonschnur zeigte und an den besorgten Blicken der Security erkennen, wo er gerade singend unterwegs war - bis er, unglaubliche Freude und Bewegung im Publikum hervorrufend, direkt bei uns wieder auftauchte.


Matt Berningers emotionale Ausbrüche, beispielsweise bei "Squalor Victoria", waren wieder einmal prächtig, sein Spruch, als bei der Wiederkehr der Band für den Zugabenteil zunächst die Devendorf-Brüder fehlten, "We have lost the Devendorf brothers. Bryan and Scott, call your mother!" gefiel Bryce wiederum nicht. "You don't hear people laughing because you're wearing your earplugs!" war Matts Entgegnung.

Nach drei tollen Zugaben ("Ada", "Mr. November" und "Terrible Love") gab die Band als letztes Lied noch eine akustische Version von "Vanderlyle Crybaby Geeks" zum besten, wofür alle nach vorne an den Bühnenrand kamen und das Publikum in den Gesang mit einstimmte - wieder ein schöner und irgendwie persönlich wirkender Moment, der das Festival perfekt abschloss.


Setliste:

Don't Swallow the Cap
I Should Live in Salt
Mistaken for Strangers
Sorrow
Bloodbuzz Ohio
Sea of Love
Hard to Find
Afraid of Everyone
Conversation 16
Squalor Victoria
I Need My Girl
This Is the Last Time
Abel
Slow Show
Pink Rabbits
England
Graceless
About Today
Fake Empire

Ada
Mr. November
Terrible Love
Vanderlyle Crybaby Geeks 


Letztes Jahr hatte ich ein bisschen gezweifelt, ob das Maifeld Derby ein dauerhafter Eintrag in meinem Kalender bleibt, ließ mich dann letztlich doch wieder hinreißen, die spottbilligen Frühbucher-Scheuklappentickets zu kaufen und wurde nicht enttäuscht. Dieses Jahr gab es geradezu irritierend wenig zu meckern. Selbst die Leergutrückgabe nach dem The National-Set sowie der Rücktausch unserer letzten Getränkemarke waren rasend schnell erledigt.

Einzige Verbesserungsvorschläge, die mir für kommendes Jahr einfallen: Den Parcours d'Amour auch am Festivalsonntag öffnen. Er ist atmosphärisch einfach am schönsten und beinahe die einzige Möglichkeit, auf dem Festivalgelände ohne Wiese halbwegs bequem zu sitzen. Und natürlich der Streichelzoo.

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