Prominenter Geburtstagsgast: Noel Gallagher in der Mailänder Fabrique

U.

Als Noel Gallagher anlässlich seines neuen Albums eine kleine Europatournee ankündigte, gab es in meinem Haushalt unterschiedliche Vorstellungen hinsichtlich der Anzahl der von uns zu planenden Konzertbesuche (Ich: "Der spielt sowieso immer dieselbe Setliste und sagt auch nicht viel, da sollte ja wohl ein Konzert ausreichen!" Mein Freund: (Sagt nichts, analysiert schweigend Google Maps hinsichtlich Fahrstrecken nach Brüssel, Berlin, Düsseldorf, Mailand und Paris und schaut in den Kalender). Letztlich entschied ich, dass ich tatsächlich nur ein Konzert der Tour besuchen würde, übertrug aber meinem Freund die Entscheidung, welches. Und er beschloss, dass wir beide seinen Geburtstag mit einer Mailandreise und einem Noel-Konzert feiern würden.


Die Fabrique, wo das Konzert stattfinden sollte, erwies sich als Mailänder Variante des Kölner Palladiums, was bedeutete, das wir aus der Innenstadt längere Zeit mit Bus und Bahn in ein Gewerbegebiet anreisten, um uns anschließend in die längste Schlange einzureihen, die ich je vor einer Konzerthalle gesehen hatte. Es waren massenweisen Verkaufsständen mit gefälschtem Merchandise aufgebaut, die sich sogar je nach aktueller Länge der Schlange flexibel verschieben ließen. Immerhin bot niemand Selfie-Sticks an - deren penetranten Verkäufern war im Stadtzentrum nämlich kaum zu entgehen gewesen.

In der Halle war es dann bei unserem Eintreten weniger voll als die Schlange hatte vermuten lassen, so dass wir noch Stehplätze in relativer Bühnennähe ergattern konnten. Schon bald begann die Vorband, Black Rivers, ein Nebenprojekt der Doves, mit ihrem Set. Ich kannte die Doves ehrlich gesagt vorher nicht, es wurden aber zwei ihrer Lieder gespielt, was diese Neuauflage mit teilweise altem Songmaterial zumindest zu einem sehr passenden Support für Noel Gallagher machte. Musikalisch beeindruckt war ich nicht.


Setliste:

Rise
Age Of Innocence
Diamond Days
Forest
The Ship
Black And White Town
Voyager 1


Bei meinem letzten Noel-Konzert in Köln war der Künstler exakt um 21 Uhr auf der Bühne gewesen, und so fühlten wir uns amüsiert in unseren Erwartungen bestätigt, als mein Freund irgendwann in der Umbaupause sagte "So, 9 Uhr, es geht los" und im selben Moment das Licht ausging. Herr Gallagher mag es definitiv gerne pünktlich.

Dass wir uns in beträchtlichem Abstand zum Mailänder Dom befanden, war ihm auch schon aufgefallen, denn seine ersten Worte an das Publikum (nach "Hello Milan, it's good to be back!") waren "This is a strange area, where the fuck are we??" Vorher hatten die Mailänder Fans bereits das vom Band kommende "Eingangslied" "Shoot a Hole Into the Sun" und die B-Seite "Do the Damage" so abgefeiert, als seien es seine größten Hits. Kein Wunder, dass sich Noel angesichts solcher Begeisterungsstürme freute, bei uns zu sein. Wenig später wurde "Everybody's on the run" mitgesungen, als sei es ein Oasis-Klassiker. Der kam dann mit "Fade Away" anschließend, wobei Noel bei seiner aktuellen Setlist die absoluten Superhits wie "Wonderwall" oder "Supersonic" zugunsten obskurerer Titel auslässt.


In einer vorab gelesenen Konzertkritik hatte ich viel über angebliche Statements, die Noel auf der aktuellen Tour symbolisch gegenüber seiner Exband Oasis und seinem Bruder Liam abgibt, gelesen und mich gefragt, ob hier nicht eher Zuschauererwartungen reflektiert wurden. Aber als bei "Fade Away" hinter der Bühne alte Familenaufnahmen aus den 70ern eingeblendet wurden (sicher nicht von den Gallaghers, zumindest sah man keine Kinder mit dicken Augebrauen), lag der Gedanke an den Bruder dann doch sehr nahe.

Weiter ging es mit "In the Heat of the Moment", dessen "Nanana"s von der Band nicht, dafür vom Publikum um so lieber gesungen wurden. Für "Riverman" kamen drei Bläser auf die Bühne, die vorher nur den ersten Song unterstützt hatten und auch danach nicht mehr gesehen wurden.


Zwei Lieder bekamen eine Widmung: "You Know We Can't Go Back" sang Noel "für seine wunderbare Frau", die wohl auch in Mailand dabei war. Vor "Dream On" hatte Noel einen kurzen Dialog mit jemand, der direkt vor der Bühne stand und angeblich Geburtstag hatte. Noel versuchte, seinen Namen zu erraten, und schwankte zwischen "Vincenzo" und "Dave". Weiter hinten beschlossen wir selbstverständlich, dass die Widmung für alle Geburtstagskinder im Raum galt.

Eine seltsame Diskussion, von der wir nur Noels Mikrophon-verstärkte Seite hören konnten, gab es noch, weil in den vordersten Reihen offenbar ein Bild von sich und dem Künstler hochhielt und Noel verstehen wollte, was er sich davon versprach. So richtig klar wurde das im Diskussionsverlauf ("I don't owe you any drugs, do I??") nicht, aber Noel schloss das Gespräch mit der Bemerkung ab, dass ihm zwar der Bild-Hochhalter egal sei, das aber ein richtig gutes Foto von ihm selbst sei.


Vor einem weiteren Oasis-Song, "Champagne Supernova" hatte sich offenbar jemand nahe der Bühne "Live Forever" gewünscht, was Noels Antwort "I won't sing it, but you can" auslöste - und tatsächlich sang daraufhin das Publikum einige Takte des Songs. Gegen Ende des Hauptteils hatte die Setliste gewisse Längen, was aber das Publikum um uns herum kein bisschen beeindruckte. Auf das ziemlich unbekannte Oasis-Lied "Digsy's Dinner", das in einer rockigen Variante dargeboten wurde, wurde sogar Pogo getanzt.

Vor dem Zugabeteil herrschte dagegen italienische Ruhe - bereits bei vergangenen Konzertbesuchen in diesem Land hatten wir gelernt, dass Italiener einfach still auf den Zugabenteil warten, statt sich brüllend zu verausgaben. Noel kehrte dennoch zurück und spielte neben der einzigen Oasis-Single des Abends "Don't Look Back in Anger" noch "AKA ... What a Life!" und - wieder von Oasis und erneut eine B-Seite - "The Masterplan".


Dass Noel Musik machen kann steht außer Frage, das Konzert war wirklich gelungen und das Mailänder Publikum beeindruckend textsicher. Dennoch bin ich ganz froh, dass ich diese Woche nicht mit nach Düsseldorf und Brüssel fahre, um mir genau dieselbe Setliste noch einmal anzuhören. Als Geburtstagsgast hat sich Noel aber ganz hervorragend gemacht.


Setliste:

Intro: Shoot a Hole Into the Sun

Do the Damage
(Stranded On) The Wrong Beach
Everybody's on the Run
Fade Away
In the Heat of the Moment
Lock All the Doors
Riverman
The Death of You and Me
You Know We Can't Go Back
Champagne Supernova
Ballad of the Mighty I
Dream On
The Dying of the Light
The Mexican
AKA... Broken Arrow
Digsy's Dinner
If I Had a Gun...

Don't Look Back in Anger
AKA... What a Life!
The Masterplan


0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Coprights @ 2016, Blogger Templates Designed By Templateism | Templatelib