Neulich im Schattentheater: Dillon in der Frankfurter Alten Oper

U.

Da habe ich dreizehn Jahre in Frankfurt gelebt und hatte bis letzte Woche keine Ahnung, dass die Alte Oper über mehr als einen Saal verfügt! Nun kenne ich also auch den gar nicht einmal so kleinen Mozartsaal, der immerhin 700 Gäste fasst und leider dasselbe 70er Jahre-Ambiente aufweist wie der gesamte Innenbereich des von außen so imposanten Gebäudes.

Anlass für den Besuch war ein weiteres Mal das Women of the World Festival, bei dessen Karten"schlussverkauf" via vente privée ich nicht nur Karten für Hundreds, sondern auch für die deutsch-brasilianische Sängerin Dillon erworben hatte. Ich muss zugeben, dass wir ohne die drastische Preisreduktion wohl eher nicht erschienen wären, so riesig ist die Dillon-Begeisterung in meinem Haushalt einfach nicht. Aber bei 19 Euro pro Ticket siegte dann doch die Neugier.


Die vente privée-Eintrittskarten wiesen ein auffällig buntes Design auf, weshalb ich zunächst nach neugierigen Blicken auf die Eintrittskarten anderer Gäste den Eindruck hatte, wir wären die einzigen Billigheimer im Publikum. Dem war dann doch nicht so, denn wie schon bei Hundreds füllte sich der zunächst ausgesprochen spärlich besetzte Saal zu Beginn des Konzerts noch ganz ordentlich, und man konnte in unserer direkten Umgebung plötzlich etliche bunte Tickets sehen. Alles ab Reihe 10 scheint wohl in den Abverkauf gegangen zu sein. Um so überraschender, dass die Ansagerin (es war dieselbe Dame wie bei Hundreds) in ihren Begrüßungsrede gleich den Termin des Women of the World-Festivals 2016 bekannt gab. Die Veranstaltung scheint allem Anschein nach nicht auf Einnahmen aus dem Kartenverkauf angewiesen zu sein.

Ein Hinweis, der auf unseren Tickets anscheinend vergessen worden war, ist "eingeschränkte Sicht". Die Warnung hätte auf jedes Ticket gehört, denn als Dillon die Bühne betrat, wurde schnell klar, dass der Liveauftritt nicht bedeutete, dass das Publikum viel von der Künstlerin zu sehen bekommen würde. Dillon war ein eine Art Tüllumhang gehüllt und stand konsequent im Gegenlicht und im Nebel, wobei sie abwechselnd von hinten unten und hinten oben angeleuchtet wurde. Sie blieb den ganzen Abend lang eine Silhouette.


Im Hintergrund der Bühne befand sich ein riesiges, silbernes Etwas, das an eine Mischung aus Wok und Satellitenschüssel erinnerte und Lichtstrahlen reflektieren und zerstreuen sollte. Vor diesem gab Dillon den ersten Song, "Nowhere", zum besten, während rechts von ihr ein einzelner, männlicher Musiker, Tamer Fahri, an einem Podest stand, auf dem sich ein Keyboard, ein Laptop und weitere Gerätschaften befanden. Dillon begab sich anschließend an ein Keyboard auf der linken Bühnenseite, von dem aus sie die meisten anderen Songs vortragen würde.

Über einen längeren Zeitraum hofften wir, dass sich die Beleuchtungsverhältnisse mit der Zeit ändern würden - es ist bei Konzerten ja nicht ganz unüblich, dass die Künstler zunächst hinter einem Vorhang oder im Dunkeln zu spielen anfangen (Maximilian Hecker auch mit Maske), sich das aber im Verlauf des Konzertes ändert. Bei Dillon blieb es aber beim Schattenspiel, was es für das Publikum natürlich schwierig machte, den sonst bei Liveauftritten vorhandenen direkten Kontakt zum Künstler aufzunehmen. Es handelte sich also eher um eine akustische Darbietung zu einem Schattentheater. Viel Theater gab es allerdings auch nicht, denn Dillon verharrte meist reglos hinter ihrem Keyboard. Erst beim elften Song des Abends, "The Unknown", tanzte sie dezent hinter ihrem Instrument.


Es folgten schon bald nach Beginn die Lieder der Künstlerin, die ich am besten kenne und am liebsten mag, nämlich "A Matter of Time" und das Jens Lekman-Cover "Thirteen Thirtyfive", die auch live wunderschön klangen. Bei "Your Flesh Against Mine" war anschließend ein Pfeifen zu hören, bei dem wir aber wegen der Lichtverhältnisse nicht sicher sein konnten, ob es live von Dillon kam.

Bei "Tip Tapping" folgte der "menschlichste" Moment des Konzertes: Dillon wechselte vom Keyboard (das für diesen Song ihr Mitmusiker übernahm) wieder auf die Bühnenmitte und bat das Publikum, die Zeilen "Tip tapping / I was tip tapping / in the dark" mitzusingen. Unter ständigen "Singt weiter!"-Ermutigungen behielt das Publikum diesen Chor das ganze Lied lang bei. Ansonsten beschränkten sich Dillons Wortbeiträge auf "Danke" und "Vielen Dank", wenn das Publikum applaudierte.

Die letzten beiden Stücke, "Contact Us" (von der 2008er Single Ludwig) und "Abrupt Clarity" sang Dillon wiederum in der Bühnenmitte vor dem Trichter, wobei diese Songs stilistisch schon fast ein bisschen nach Techno klangen. Beim anschließenden Verbeugen waren die Künstler für einige Sekunden im Scheinwerferlicht zu sehen, so dass ich nun weiß, dass Dillon silbernen Lidschatten trug. Für ein Foto reichte der kurze Augenblick nicht.


Nach anhaltendem Applaus kehrte Dillon nochmals auf die Bühne zurück, wir hörten nun noch zwei Coverversionen, nämlich "Willem" von Bodi Bill und "Wicked Games" von The Weeknd, beide sind schon länger Teil von Dillons Live-Repertoire und gefielen mir sehr gut. Es folgte eine weitere Verbeugung in kurzem Bühnenlicht, Dillon bekam einen Blumenstrauß überreicht und warf diesen prompt ins Publikum.

Insgesamt ein zwiespältiger Abend, bei dem mir einige Lieder richtig gut gefielen, die distanziert-exzentrische Performance aber den Gesamteindruck stark abschwächte.

Setliste:

Nowhere
From One To Six Hundred Kilometers
A Matter Of Time
You Cover Me
You Are My Winter
Thirteen Thirtyfive 
In Silence 
Your Flesh Against Mine
Tip Tapping 
Gumache  
The Unknown 
This Silence Kills
Don’t Go
Lightning Sparked
Contact Us 
Abrupt Clarity 

Willem
Wicked Games

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