Play it again, Philip: Hundreds im Frankfurter St. Stefan

U.
Mein letzter Bericht zum Thema Hundreds begann mit der Feststellung, dass ich es langsam satt habe, ständig dieselben vier Bands live zu sehen. Dann geschahen jedoch zwei Dinge, die meine Meinung änderten. Zum einen sind Hundreds in letzter Zeit dazu übergegangen, ihre Songs in akustischen Versionen zu spielen - "Tame the noise" heißt das bei ihnen, nach der ersten Zeile ihres Songs "Circus". Die neu arrangierten Lieder sollen nun sogar als EP veröffentlich werden, wofür aktuell eine Crowfunding-Kampagne läuft (mein vinylbegeisterter Haushalt ist natürlich längst dabei).


Zweitens findet in Frankfurt seit einigen Jahren das Women of the World-Festival statt, eine Konzertreihe, die - man ahnt es - Musikerinnen und Bands mit Sängerinnen in den Vordergrund rückt. Offensichtlich lief der Vorverkauf dieses Jahr sehr schlecht, denn letzte Woche landete ein Kartenkontingent zum halben Preis bei der Online-Resterampe Vente Privée. Die Hundreds-Tickets kosteten damit nur noch 13 Euro, und was das für die Einnahmen des Veranstalters (der Vente Privée ja sicher auch bezahlen muss) bedeutet, mag man sich lieber nicht vorstellen. Gekauft habe ich die Schnäppchen-Tickets aber trotzdem.

Am Mittwochabend ging es dann also in die umgebaute Kirche Sankt Peter, die mir im Vorfeld als Veranstaltungsort zwar bekannt war, die ich aber selbst noch nie von innen gesehen hatte. Anders als etwa die Kulturkirche in Köln ist Sankt Peter zwar noch im Besitz der evangelischen Kirche, aber ein reiner Veranstaltungsort - Kirchenbänke und Gottesdienste gibt es hier nicht mehr, nur Konzerte und Parties.


Als wir an der Kirche eintrafen, schien es zunächst so, als habe der reduzierte Eintrittspreis den Vorverkauf nicht retten können. Lange nach Einlassbeginn schlenderten wir mühelos in die erste Reihe, und als eine der Organisatorinnen des Women of the World-Festivals die Bühne bestieg, das Festival eröffnete und sich freute, dass so viele gekommen seien, erschien das angesichts der Besucherzahl geradezu absurd. Tatsächlich füllte der Zuschauerbereich aber beim Beginn des Konzertes und dann nochmals vor dem Hauptact immer weiter, so dass die Gästezahl am Ende zumindest nicht peinlich niedrig war.

Der Abend begann mit einem kurzen Konzert der Sängerin Adna, einer in Berlin lebenden, schwedischen Singer-Songwriterin. Die sehr junge Musikerin verblüffte mit dem gewaltigen Unterschied zwischen getragener, trauriger, tiefer Gesangsstimme und junger, unsicherer, heller Sprechstimme. Ihre Musik geht eher in die deprimierende Richtung, ist aber definitiv schön anzuhören. Ob die Tatsache, dass sie zum schwarzen Overall nur Socken trug, der Hauptband (deren Sängerin Eva ja nur barfuß singt) geschuldet war?


Sie eröffnete ihr Set passend mit "Night" aus ihrem Debütalbum mit demselben Titel, es folgten fünf weitere Songs von ihrer dieses Jahr veröffentlichten, zweiten Platte "Run, Lucifer". Ihren Song "The Prettiest" kündigte sie mit der Erklärung an, ein Lehrere von ihr habe einst gesagt, ein Lied sei das schönste geschenk, deshalb sei ihre immer klar gewesen, dass sie einen Song mit diesem Titel schreiben müsse.

Ganz geheuer schien Adna der Auftritt in der Kirche zunächst nicht zu sein, was auch am etwas spärlichen Publikum gelegen haben mag, aber zum Ende hin wirkte sie gelöster und konnte sich auch ein Lächeln abringen.


Setliste:

Night
Berlin
The Prettiest
Shiver
Lonesome
Run, Lucifer


Nach Adnas Set ging es nach einer Pause weiter mit Hundreds, wobei man bereits der Bühnengestaltung ansehen konnte, dass dieses Konzert anders werden würde als sonst: Philips Synthesizertürme auf der linken Bühnenseite fielen deutlich reduziert aus, dafür gab es ein echtes Klavier und ein Xylophon. Auf der rechten Bühnenseite befand sich für Hundreds namenlosen Schlagzeuger an Stelle elektrischer Apparate ein traditionelles Schlagzeug.


Los ging das Konzert dann auch anders als sonst, Philip betrat zunächst allein die Bühne und spielte auf dem Klavier ein instrumentales Intro, danach kam Eva dazu und sang "Ten Headed Beast" nur vom Piano begleitet. Erst nach "Fighter" begab sich auch der Zusatzmusiker auf die Bühne und wurde erstmalig in meiner Hundreds-Konzertgeschichte namentlich vorgestellt: Er heißt Florian und spielt, wenn Google nicht lügt, außerdem auch bei A Forest und Yesterday Shop Schlagzeug.


"Solace" war dann das erste Lied, zu dem getrommelt wurde. Insgesamt sind die akustischen Versionen der Hundreds-Lieder meistens nicht wirklich"unplugged", der Synthesizer kommt durchaus noch hörbar zum Einsatz. Dennoch wirken die Lieder, eine Auswahl aus Songs von beiden Alben plus zwei Coverversionen, in den reduzierten Arrangements anders, und es zeigt sich, dass sie auch in diesem etwas ruhigeren Kontext und ohne die gewohnte Licht- und Bühnenshow ausgesprochen gut funktionieren. Zu "Happy Virus" wechselte Florian ans Piano, wodurch es in dieser Ecke recht eng wurde.

Vielleicht, weil sie bei diesen Songversionen weniger tanzen musste, war Eva an diesem Abend auch viel gesprächiger und persönlicher als gewohnt. So erfuhren wir vor der Björk-Coverversion "Who is it?", dass sich Eva in jüngeren Jahren per Brief bei Björk als Au Pair-Mädchen beworben hat, als sie erfuhr, dass diese schwanger sei. Eine Antwort steht noch aus. Zu "Our Past" berichtete sie von der die Tour begleitende Crowdfunding-Kampagne und noch rund 50 Restexemplaren. Beim letzten Zugabelied, "Little Heart" erklärte sie, sie habe den Song vor sechs oder sieben Jahren geschrieben, als sie großen Liebeskummer hatte, habe aber die Botschaft an alle Leidenden, dass so etwas vorbei ginge.


Vorher hatten wir als erste Zugabe noch eine Coverversion von Blacks "Wonderful Life" (mit Florian dieses Mal am Xylophon) gehört, das als "Lieblingslider der 80er Jahre" angekündigt worden war.

Wieder einmal ein schöner Abend mit Hundreds, und die anderen Arrangements haben dazu geführt, dass auch dieses insgesamt sechste Konzert für mich ein tolles Erlebnis war.



Setliste:

(Intro)
Ten Headed Beast
Fighter
Solace
Let's write the Streets
Machine
Rabbits on the Roof
Who is it?
Circus
Wait for my Raccoon
Grab the Sunset
Stones
Please Rewind
Beehive
Our Past
Happy Virus

Wonderful Life
Little Heart

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