Neulich auf Besichtigungstour: Woodpigeon in Montabaur

U.

Seit unserem letzten Wohnzimmerkonzert im Oktober ist ziemlich viel Zeit vergangen. Zunächst wollten wir sowohl uns als auch unseren Gästen eine Pause gönnen, dann erwies sich das "Booking" als etwas schwierig. Nachdem wir ja auch eher wählerisch in Bezug auf die Künstler sind, ergab sich eine gewisse Flaute, bis mein Freund den Tourneeplan von Woodpigeon (alias Mark Hamilton aus Kanada) durcharbeitete und eine vielversprechende Lücke nach einem Auftritt in Wiesbaden entdeckte. Also schrieben wir eine E-Mail und bekamen beinahe postwendend eine Antwort: Der Termin sei nicht mehr frei, ein Auftritt bei uns im Wohnzimmer aber absolut machbar. Wir sagten für den alternativen Termin zu und hatten - Zack! - innerhalb weniger Stunden ein Konzert gebucht. Im Tourplan landeten wir so letztlich zwischen Wuppertal und Chemnitz, was aus nordamerikanischer Sicht sicherlich völlig normale Distanzen sind.

Man sollte ja meinen, dass wir durch die ersten vier Konzerte ein wenig Routine aufgebaut hätten, leider hatten wir aber seit Oktober vieles vergessen, weshalb ich mich beispielsweise kaum daran erinnern konnte, wie viele Getränke man für etwa 20 Gäste braucht, oder welche Sorten in der Vergangenheit besonders beliebt gewesen waren. Die Beliebtheit von Radler habe ich dieses Mal wohl überschätzt, davon haben wir nun, nach dem Konzert, immer noch einen beachtlichenVorrat. Egal, Radler trinke ich selbst gerne.


Mark Hamilton sollte am Sonntag per Bahn anreisen, unser erster musikalischer Gast ohne Auto! Er traf nachmittags aus Wuppertal ein und forderte, ebenfalls als erster Künstler bei uns, eine Stadtführung. Auch unsere Versicherung, dass die Besichtigung in maximal 20 Minuten erledigt sein würde, entmutigte ihn nicht, und so zogen wir gemeinsam durch Montabaur, betrachteten Fachwerkhäuser, die Stadtmauer und das Schloss. Viel länger als eine halbe Stunde kann das aber wohl tatsächlich nicht gedauert haben.

Hamilton ist zur Hälfte Österreicher und hat auch einige Jahre in diesem Land gelebt. Nach eigener Aussage kann er Deutsch gut verstehen, bekommt aber bei seinen Sprechversuchen die Reihenfolge der Wörter durcheinander. Deshalb blieb er dann beim Sprechen doch lieber bei Englisch.

Nach unserem touristischen Ausflug war es schon Zeit für die letzten Konzertvorbereitungen, denn dieses Mal hatten wir die Gäste bereits für 18 Uhr eingeladen - was aber, wie sich später zeigte, kaum jemand ernst genommen hatte. Dennoch füllte sich unser Haus langsam mit Gästen, so dass wir unsere Stuhlreihen und unser Sofa annähernd füllen konnten.


Hamilton hatte im Vorfeld gefragt, wie lange er spielen solle, meine Antwort "6 Stunden, dann machen wir eine Pause" aber wohl nicht ernst genommen. Tatsächlich dauern seine Konzerte normalerweise nach seiner Aussage 45 Minuten (bei seinem Wiesbadener Auftritt hatte er acht Lieder gespielt), bei uns spielte er dann letztlich deutlich länger.

Er tritt allein mit seiner Gitarre (und bei uns auf Socken) auf und war somit ein idealer Wohnzimmerkandidat. Allerdings loopt er bei manchen Songs seine Stimme oder auch kurze Gitarrenpassagen, so dass der Eindruck entsteht, als seien mehr Musiker anwesend ("An Entanglement Of Weeds"). Häufig ist es faszinierend, welche Geräusche und Effekte sich so mit einfachen Mitteln erzielen lassen, etwa, wenn ein Song durch gelooptes Schnipsen und Klopfen plötzlich eine rhythmische Untermalung hat ("Don’t Fence Me In").


Zu den Liedern erzählte er meist, worum es in ihnen ging, wobei man nicht selten den Eindruck bekam, dass Hamilton nicht der fröhlichste Mensch der Welt ist. Bei "Home As A Romanticized Concept Where Everyone Loves You Always And Forever" erklärte er, der Titel enthalte mehr Worte als der Song an sich. "Death By Ninja" dreht sich darum, sich zunächst in einen Menschen zu verlieben, diesen dann aber, nachdem man enttäuscht wurde (als Ninja) töten zu wollen. "Canada" hat zum Inhalt sein Entsetzen über Kanadas Entschluss, in Alberta große Wälder zu roden und riesige offene Gruben zum Ölsandabbau zu nutzen. Auch Kanadas völkerrechtlich umstrittene Luftangriffe auf Syrien fanden Erwähnung. Immerhin die Tatsache, dass es in Schottland einen Fußballverein namens "Hamilton Academical" gibt, scheint ihn im gleichnamigen Song zu erfreuen. Der Club ist dank seines Namens sein Lieblingsverein.

Auch neue Lieder wurden an diesem Abend gespielt. Dass Woodpigeons größte musikalische Vorbilder Stevie Nicks und Kanye West sind, überraschte, seine Lieblingsalben sind entsprechend Fleetwood Macs "Tango in the Night" und Wests "Yeezus". Sie sind wohl insbesondere Vorbilder für seine neuesten Songs (wir wurden aufgefordert, uns Nicks und West an seiner Seite vorzustellen), wobei zumindest ich es ihnen nicht anhören konnte.


Noch erstaunter waren wir, dass er als Kanadier die italienische Sängerin Milva offenbar kennt und schätzt, denn auch von ihr gab er - auf Deutsch - einen Song zum Besten ("Zusammenleben"). Neben dieser ungewöhnlichen Coverversion spielte er auch einige Traditionals, etwa den Eröffnungssong "Silver Dagger" und das letzte Lied des Hauptteils "Don't Fence Me In", oder verschmolz einen eigenen Song mit einem von Sufjan Stevens.

Nach zwei Zugaben, darunter der erwähnte Milva-Song, war das Konzert dann vorbei. Gut gefiel mir, dass die Gäste dieses Mal, sicherlich bedingt durch den früheren Konzertanfang, größtenteils noch länger blieben und sich miteinander und mit dem Künstler unterhielten. So gab es - zu den Klängen des extra für Mark aufgelegten "Tango in the Night" - ein entspanntes Ende eines wieder einmal sehr schönen Konzertabends.



Setliste:

Silver Dagger
Knock Knock
Home As A Romanticized Concept Where Everyone Loves You Always And Forever
Canada
Devastating
Death By Ninja (A Love Song)
Rambler Gambler
The Falling Tide
Oberkampf
Picking Fights
An Entanglement Of Weeds
The Hamilton Academicals
Don’t Fence Me In

… And As The Ship Went Down, You’d Never Looked Finer
Zusammenleben

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