Neulich in der Lüneburger Heide: A Summer's Tale, Tag 1

U.

Als mein Freund im Frühjahr mit der Idee ankam, man könne doch einen Teil des Sommerurlaubs beim viertägigen A Summer’s Tale Festival in der Lüneburger Heide verbringen, hatte ich bereits den Mund geöffnet, um „Auf keinen Fall, ich gehe dieses Jahr bereits auf zwei Festivals und damit doppelt so viele wie geplant“ zu sagen, als er mir erläuterte, dass dieses Festival „anders“ sei.

Das stimmte auch. Die Lektüre der attraktiv gestalteten, aber leider unfassbar lahmen Website brachte zu Tage, dass sich die Veranstaltung an „Ältere“ sowie Familien wandte. Das Musik-Line-Up weniger dicht getaktet als anderswo, dafür sollte es zusätzlich Freizeitangebote geben: Kanufahren, Holzarbeiten, Yoga, Kinderbespaßung, Zirkusschule, Vorträge, Filme… hinzu kamen spezielle, natürlich teurere „Komfort“-Angebote für fast jeden Festivalbereich: Komfortparken (näher am Gelände), Komfortcamping (bereits aufgebautes Zelt inklusive Frühstück oder auch ein Hotelarrangement) und ein buchbares dreigängiges Menü für die Abende.

Das alles sollte auch seinen Preis haben. Die Tickets an sich kosteten ohne Camping 132 Euro, je nach Komfortklasse konnte da noch einiges dazu kommen. Unmut erzeugte der zunächst verlangte Preis von zusätzlichen 35 Euro für vier Tage parken, der letztlich als Reaktion auf die Kritik auf 15 Euro gesenkt wurde.


Hinzu kam natürlich das Musik-Lineup, das durchaus Interessantes zu bieten hatte, beispielsweise Ride, Tori Amos, Damien Rice, Hundreds oder Get Well Soon.

Angesichts des neuartigen Konzepts und der vielen seitens der Festivalmacher zu betreuenden „Baustellen“ im Rahmen eines offenbar für eine große Zahl Gäste geplanten Festivals stellte sich für uns auch die Frage, wie man so etwas überhaupt stemmen kann. Die Antwort war schnell gefunden, denn das Festival war von FKP Scorpio, die mit der jahrelangen Ausrichtung von Hurricane und Southside über die notwendige Planungserfahrung verfügten. Blieb die Frage, wie gut das so ambitioniert geplante und nicht gerade günstige Festival aufgenommen werden würde.

Interessant erschien mir zusätzlich, dass FKP Scorpio via Facebook nach Bloggern mit Interesse daran, über das Festival zu berichten, suchte, im Gegenzug sollte es freien Eintritt und einige andere Vergünstigungen geben. Da ich ja bereits über das eine oder andere Festival berichtet habe, hielt ich mich geradezu für prädestiniert und schickte umwendend eine Bewerbung. Ich hörte… nichts. Als Wochen später  im Grunde klar war, dass die Entscheidung längst gefallen sein musste, fragte ich unter dem alten Facebook-Post nach, ob ich noch mit einer Antwort rechnen könnte, bekam versichert, dass ich in einigen Tagen etwas hören würde… und warte noch immer. Die Berichte der letztlich auserwählten Blogger befinden sich übrigens hier, ich finde sie allerdings ziemlich lahm – nicht nur aus gekränkter Eitelkeit.


Bei unserem Eintreffen am Mittwochnachmittag war noch alles recht leer. Scharen von Parkwächtern winkten uns auf den Parkplatz, das Festivalbändchen erhielten wie ohne anzustehen und das Gelände an sich war noch eher dünn besucht. Bei einem ersten Erkundungsgang erwies sich der Veranstaltungsort als recht weitläufig. Durch überall vorhandene Wiesen und Bäume gab es viele Stellen, an denen man sich niederlassen konnte, und vor allem auch schattige – bei angekündigten Temperaturen von bis zu 34 Grad und zahlreichen anwesenden Kleinkindern durchaus wichtig.

Man hatte sich auch viel Mühe mit der Detailausführung gegeben. So gab es zahlreiche, individuell gestaltete Wegweiserbäume, die gleichzeitig als Mülleimer fungierten, in den Bäumen hing eine Installation aus riesigen silbernen Vögeln, es gab bunt angestrahlte Säulen aus Palletten und die einzelnen Bühnen waren mit riesigen Holzbuchstaben gekennzeichnet. Einzig das Essensangebot erschien, insbesondere im Vergleich zum noch frisch im Gedächtnis haftenden Best Kept Secret Festival, etwas mager. Das Angebot war zwar relativ breit gefächert, aber die Zahl der Stände und Food Trucks und insbesondere das vegetarische Angebot hatte ich mir nach den Ankündigungen auf der Website großzügiger erhofft.


Nach unserem Rundgang war es schon Zeit, die erste Band zu besuchen. Der „Zeltraum“ befand sich wenig überraschend in einem Zelt, das uns irgendwie bekannt vorkam – es erinnerte stark an frühe Versionen des Palastzelts beim Maifeld Derby (in den letzten Jahren ist es größer geworden).


Die Bühne gehörte hier nun To Kill A King, die zunächst ausgiebig ihren Monitor-Sound checkten und ihren Auftritt dann ziemlich verspätet begannen – ein Umstand, der sich durch den gesamten Mittwoch zog. Vor einem Plakat, das von einer umgefallenen Schachfigur geziert wurde, bot die Band angenehmen Indie-Folk,  sollte aber über eine Stilberatung nachdenken: Der Sänger Ralph Pelleymounter, der gerne auf die Monitorboxen kletterte, trug eine Jeansweste, ein anderes Bandmitglied ein Achselshirt und ein weiters ein FC Bayern München Trikot aus dem Jahr 2007.

Beim Publikum kam die Band im Verlauf des Sets immer besser an, es gab sogar nach diesem ersten musikalischen Auftritt des Festivals „Zugabe“-Rufe. Zuvor hatte Sänger Pelleymounter das letzte Lied „Choices“ allein mit der Gitarre dargeboten, während die restliche Band am Bühnenrand stand und mitsang. Ein guter Festival-Auftakt!


Setliste:

Grace At A Party
Funeral
Compare Scars
Friends
Love Is Coal
Good Times (A Rake's Progress)
World Of Joy (A List Of Things To Do)
Family
Choices

Ich weiß das meiste soeben Geschriebene nur aus zweiter Hand, denn ich wanderte beim zweiten Lied von To Kill A King ab zur Nebenbühne „Grüner Salon“. Dort trafen sich Interessenten für eine Führung mit dem Titel „Die Wahrheit über die Lüneburger Heide“. Gemeinsam mit den Führern Lars Dahms und Sven Amtsberg verließen um die vierzig Festivalbesucher das Gelände Richtung Naturschutzgebiet.


Die Beschreibung in der (übrigens ausgesprochen gut gelungenen) Festival-App hatte erahnen lassen, dass die beim etwa einstündigen Rundgang übermittelten Informationen eher scherzhafter Natur sein würden, und so kam es dann auch. Abwechselnd verlassen die beiden Hamburger (die sonst ähnliche Events in ihrer Heimatstadt anbieten) Nonsenstexte, die angeblich auf die soeben erreichte Station Bezug nahmen. So hörten wir Erstaunliches über selbstmordgefährdete Birken, per Post in die Welt verschickte Bieber, alkoholsüchtige Architekten und natürliche Bierquellen. Die Texte waren durchaus unterhaltsam und boten genau wie das Konzert einen schönen Festivalauftakt.

Mein Freund nutzte den Leerlauf bis zum nächsten Konzert für einen Spaziergang zur Waldbühne, auf der Comedian Achim Knorr vor etwa 20 Besuchern Sketche von 3 bis 30 Sekunden Länge absolvierte und dabei ausgesprochen schlecht gelaunt wirkte. Ob es an der geringen Besucherzahl oder seinem iPad, das sich weigerte, Sounds abzuspielen, lag, ist nicht bekannt, Spaß hatte an diesem Auftritt aber wohl niemand.


Humorbeispiel: Knorr schrieb ein Lied mit dem Titel "Empörung in der Pore" über Mitesser, weil diese „Probleme haben, sich auszudrücken“. Text (vollständig): „Was ich nicht begreife, Seife“. Ein Knaller, oder?

Gut, dass es schon bald an der Zeit war, zum Zeltraum zurück zu kehren, wo nun die Norwegerin Susanne Sundfør an der Reihe war. Ich hatte die Sängerin vor einigen Jahren bereits beim Maifeld Derby gesehen, wo sie ich in weitgehender Dunkelheit hinter Synthesizern verschanzt hatte – wir waren damals ziemlich schnell wieder abgezogen. Heute war alles anders, Susanne trug eine Paillettenhose, ein tief ausgeschnittenes Top und darüber zu Beginn einen Fransenponcho. Am auffälligsten waren neben der Hose ihre Schuhe im Leopardenmuster.


Auch Susanne war zu Beginn ihres Auftritts noch mit dem Soundcheck und ihrer zweiköpfigen Band beschäftigt. Ein vorwitziger Fotograf, der bereits Bilder von der Künstlerin machte, wurde dafür ausgeschimpft – zunächst dachten wir, die Künstlerin wolle nicht in dem ausgeschnittenen Oberteil abgelichtet werden, aber später war genau das offenbar in Ordnung, denn der Poncho wurde nach wenigen Liedern ausgezogen.

Der Auftritt begann ohne Begrüßung und Frau Sundfør wirkte eher abwesend oder gar schlecht gelaunt. Dann aber, vor „Slowly“, erfolgte eine sehr freundliche Begrüßung, sie erklärte, sie wolle mit uns eine Party feiern. Der Begriff Partymusik stimmte auch, viele ihrer Lieder klangen nach Discopop, „Rome“ erinnerte gar an „Brother Louie“


Aber es gab auch ernstere Töne, „Trust Me“ wurde auf Knien dargeboten, zu „Memorial“ sagte sie, es sei über gebrochene Herzen, und forderte diejenigen ohne aktuellen Liebeskummer auf, sich daran zu erinnern: „If you are not heartbroken I want you to remember the feeling of not having skin at all“.

Das Konzert wies also etliche Stimmungswechsel auf, ein Lied wurde allein zur Gitarre vorgetragen, zu einem anderen wieder wild umher gehüpft. Die im Bühnenhintergrund bereit gestellte Sektflasche wurde allerdings während des Auftritts nicht geköpft.


Susanne Sundførs Auftritt an diesem Tag gefiel mir deutlich besser als der vor einigen Jahren. Klar, Eurodisco ist sonst nicht meine bevorzugte Musikrichtung, aber das Dargebotene war unterhaltsam und wirkte „echt“.

Setliste:

It's All Gone Tomorrow
Kamikaze
Trust Me
Rome
Slowly
Accelerate
Fade Away
Memorial
Insects
White Foxes
Delirious
Your Prelude


Direkt anschließend wanderten wir nach nebenan zur Open Air-Konzertbühne. Vor der Bühne war Sand ausgestreut und schaffte Strandatmosphäre – wozu auch die anwesenden Kleinkinder beitrugen, die hier fleißig buddelten. Auf der Bühne stand bereits der Niederländer Dotan, ein Singer / Songwriter, der in seiner Heimat anscheinend schon ein ganz Großer ist.

Gemeinsam mit seiner wie er komplett schwarz gekleideten Band präsentierte Dotan sehr eingängige Songs mit viel Getrommel und viel „Ohohoho“ (das Mitschreibenvon Textzeilen für die Setliste wurde einem sehr schwer gemacht!). Das sorgte für gute Stimmung im Publikum, aber so richtig riss es zumindest mich nicht vom Hocker – dafür waren die Lieder einander zu ähnlich und allzusehr auf Mitsingbarkeit getrimmt.


Setliste:

Sound Of Love
Home II
Hungry
Diamonds In Our Bones
Tonight
Dark Of The Morning
Fall
Home


Zurück im Zeltraum war nun der amerikanische Sänger und Psychotherapeut William Fitzsimmons an der Reihe. Zunächst wunderten wir uns, denn während auf der Bühne der endloseste Soundcheck des gesamten Festivals stattfand, kamen trotz fortschreitender Zeit einfach keine weiteren Zuschauer – bis uns klar wurde, dass der Künstler darum gebeten haben musste, niemand mehr einzulassen, bevor die Vorbereitungen vollendet seien. Schließlich musste noch ein Mikrophon ausgetauscht werden, bevor der Auftritt mit 15 Minuten Verspätung beginnen konnte.

Das erste Lied seines Sets bot Fitzsimmons allein an der Gitarre dar, dann kamen ein Schlagzeuger / Synthesizerspieler und ein Bassist dazu. Das Set bliebt sehr ruhig, weshalb der Sänger nach den ersten drei Songs witzelte: „That concludes the rock part of the show, I hope it wasn't too aggressive.“ Später macht er eine ähnliche Bemerkung zu seiner gehauchten und von vielen weiblichen Zuschauern mitgesungenen Coverversion von “I Want It That Way” von den Backstreet Boys: „I wrote this, it’s a little known fact that I was in the Backstreet Boys. They kicked me out because I was too loud on stage.“


Leider war der Sound im Zelt bei diesem Konzert nicht ideal: Während Fitzsimmons’ Stimme so leise war, dass sein Gesang kaum zu verstehen war (was sich auch in meinem Mitschreibeversuch der Setliste niederschlug), dröhnten die Instrumente, wenn sie zum Einsatz kamen, um so lauter.

Das waren natürlich keine idealen Konzertbedingungen, aber letztlich wäre das Konzert wohl so oder so nicht ganz mein Fall gewesen.


Setliste:

Centralia
Josie’s Song
Beautiful Girl
Falling On My Sword
?
?
?
Ghosts of Penn Hills
Fade and Then Return
Passion Play
I Want It That Way
Goodmorning
?
After After All


Auf der Konzertbühne hatte der Auftritt des Tages-Headliners Róisín Murphy bereits begonnen. Wie bereits vor einigen Monaten in Mannheim trat die ehemalige Moloko-Sängerin mit einer großen Band auf, man konnte auf der Bühne viele elektronische Instrumente samt Kabelsalat erkennen. Auch die große Faschingskiste schien wieder hinter der Bühne parat zu stehen, so dass Murphy ein weiteres Mal eine Auswahl verrückter Verkleidungen anlegen konnte.


Einige kannte ich dabei bereits von dem früheren Konzert, etwa die schwarze Fellhose, die wie das Unterteil eines Gorillakostüms wirkte, das Rosenkostüm und die Stoffpuppe, die bei „Jealousy“ herumgewirbelt wurde. Andere Verkleidungen schienen neu zu sein, so verschwand Murphy lange hinter der Bühne, kehrte mit einem langen weißen Kleid und einer Einhornmaske zurück und verschwand dann für einen weiteren Kostümwechsel, ohne auch nur eine Note gesungen zu haben. Den Vogel schoss allerdings ein mir ebenfalls neues Zottelkostüm ab, das wirkte, als sei Murphy im Team der Muppet Show und dessen Wollfäden sich herrlich umherwirbeln ließen.


Die Sängerin schien großen Spaß an ihrem Auftritt zu haben und nannte den Abend „legendary“, aber als nach dem Konzert nach einer Zugabe gerufen wurde, kehrte sie nur kurz auf die Bühne zurück, um bedauernd mitzuteilen, dass ein weiteres Lied heute nicht möglich sei. Die Darbietung des italienischen Liedes, das in Mannheim das Konzert beendet hatte, fiel aus.

Der Auftritt war mit seinem Reichtum an kuriosen Einfällen durchaus unterhaltsam, war aber musikalisch auch beim zweiten Versuch so gar nicht mein Fall. Aber es war schon im Vorfeld klar gewesen, dass der Mittwoch musikalisch gesehen für mich der schwächste Tag werden würde, also war das nicht weiter dramatisch.


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