K(l)eine Überraschungen: Editors in der Offenbacher Stadthalle

U.

Wie oft hatte ich vor dem letzten Dienstag wohl die Editors live gesehen? Mindestens sechsmal denke ich, vielleicht sogar öfter. Dabei bin ich bezüglich meiner Zuneigung zu dieser Band in den letzten Jahren zunehmend gespalten gewesen: Nach zwei brillianten Alben kam erst ein komisches mit 80er Jahre-Synthie-Klängen, anschließend hielt man sich plötzlich für U2. Live wurde die Band, nachdem sie 2006 im Frankfurter Mousonturm eines der besten Konzerte meines Lebens gespielt hatte, zwar keineswegs schlecht, aber doch sehr berechenbar.

Andererseits klingt das neue Album "In Dream" zumindest wieder nach Editors und hat auch den einen oder anderen tollen Song zu bieten. Dass Tom Smith ein großartiger Sänger ist, steht sowieso fest. Also ließ ich mich letztlich überzeugen, die triste Offenbacher Stadthalle für mein mindestens siebtes Konzert der Band aufzusuchen.


Ich weiß nicht, wie es um den allgemeinen Erfolg der Editors bestellt ist - ich vermute eigentlich, gut - zumindest in Offenbach hatte man aber anscheinend wenig Tickets verkauft, denn die Schwarzhändler vor der Halle waren gar nicht erst erschienen und innen hatte man den Tribünenbereich abgehangen und so den Zuschauerraum künstlich verkleinert. Allzu voll war es dennoch nicht, so konnten wir auch noch in die vierte Reihe spazieren, obwohl wir erst ankamen, als die Vorband quasi bereits auf der Bühne stand.

Beim Support handelte es sich um die Schotten The Twilight Sad, eine Band, die ich sogar schon einmal freiwillig live gesehen hatte. Ihre Musik gefällt mir durchaus, allerdings fällt es mir schwer, den ungewöhnlich strukturierten Songs zu folgen. Sänger James Graham machte auf der Bühne einen durchaus gestörten Eindruck, mein Freund raunte mir zu, er mache sich um Graham annähernd so viele Sorgen wie einst um Matt Berninger von The National. Die Band, die bereits vier Alben veröffentlicht hat, spielte in etwa 40 Minuten dieselbe Setliste, die sie vor allen anderen Editors-Konzerten der aktuellen Tour ebenfalls dargeboten hatte. James Graham durchlebte dabei sichtlich aufgewühlt seine Songtexte (und auch die Instrumentalteile), die restliche Band verhielt sich eher stoisch.


Beim letzten Song "And She Would Darken the Memory" schrie Graham gar, warf sich auf den Boden und ballte die Fäuste. Das Ganze war verstörend, aber auch faszinierend und musikalisch sowieso gut. Das Publikum reagierte ausgesprochen positiv auf die Band, was diese wiederum sichtlich genoss.

Setliste:

There's a Girl in the Corner
Last January
I Became a Prostitute
It Never Was the Same
Nil
Cold Days From the Birdhouse
And She Would Darken the Memory


In der nun folgenden Umbaupause wurden die üblichen Editors-Utensilien, also insbesondere ein Klavier, auf die Bühne geschafft. Als irgendwann nach Bier- und Wasserflaschen auch ein heißer Tee gebracht wurde, waren wir uns sicher, dass der Beginn unmittelbar bevor stand, es dauerte aber noch ein paar Minuten, bis die Band nach und nach die Bühne betrat und den ersten Song des aktuellen Albums, "No Harm" darbot - mit einer Beleuchtung, die sehr an das aktuelle Plattencover erinnerte. Erstaunlicherweise ließ sich hierfür nicht Tom Smith, sondern der Ersatzgitarrist Nic Willes (der aktuell Justin Lockey während dessen Vaterschaftsurlaub vertritt) am Klavier nieder. Nic war bereits 2014 kurz ein Editor.


Es folgte ein recht ausgewogener Mix aus allen vier Alben, wobei der Schwerpunkt (sieben Songs) natürlich auf der aktuellen Veröffentlichung lag, alle anderen wurden mit drei beziehungsweise vier Liedern berücksichtigt. Dabei hatten wir uns bereits darauf eingestellt, genau dieselbe Setliste zu hören, die die Band bereits die gesamte Tour dargeboten hatte, was ich nie so recht verstehen kann: Wenn man über einen Schatz guter Lieder verfügt, kann es doch keinen Spaß machen, Abend für Abend genau dasselbe Programm durchzuleiern?

Tatsächlich gab es aber zumindest eine kleine Überraschung, denn als auf meiner mitgebrachten Setliste "Bullets" kam, sagte Smith "we don't play this song much", und während ich mir noch ironisch dachte "Na ja, außer aktuell jeden Abend eben", fing stattdessen "Fingers in the Factories" an. Der Rest der Setliste war zwar identisch zu den anderen Abenden, aber zumindest die Reihenfolge wurde leicht variiert.


Das Publikum um uns herum schien, anders als ich, keine Präferenz für die älteren Songs zu haben. Sowohl die neuen Songs als auch das in meinen Augen ziemlich furchtbare "Ton of Love" von "The Weight of your Love" wurden ausgesprochen freudig begrüßt - nicht weniger als der meiner Meinung nach beste Song des Abends, "Munich". "All Sparks", das ich ebenfalls für einen Publikumsfavoriten gehalten hätte, verpuffte dagegen ziemlich. Mein meist gehasster Editors-Song, "Eat Raw Meat = Blood Drool" scheint leider ebenfalls einen festen Platz in deren Liveprogramm zu haben, aber außer mir hat das vielleicht auch niemand gestört.


Mein anderes Editors-Lieblingslied ist "Smokers outside the hospital doors", welches glücklicherweise ebenfalls bei jedem Editors-Konzert gespielt wird. In der aktuellen Tour ist es leider der Song, den Tom Smith allein mit der Gitarre darbietet, aus meiner Sicht eine ziemlich unglückliche Entscheidung. Natürlich ist es auch eine Freude, Tom solo singen zu hören, aber gerade dieses Lied ist ohne seine bombastische Instrumentierung und den Chor am Ende für mich einfach nur halb so schön. Schade. Kurz vorher hatten beim aktuellen Song "Salvation" bereits die Streicher gefehlt (die ja auch vom Band hätten kommen können) was meinen Begleiter ebenfalls enttäuscht hatte.


Tom Smith scheint über die Jahre betrachtet auf der Bühne immer ruhiger zu werden. Während er bei den frühen Konzerten 2006 noch ähnlich besorgniserregend verhaltensauffällig agierte wie der Sänger von The Twilight Sad, kletterte er 2012 immerhin noch auf seinem Klavier herum. Dieses Mal ging er zwar durchaus in seinen Liedern auf, aber die richtig dramatischen Gesten scheinen der Vergangenheit anzugehören. Dafür hat sich die restliche Band nervige Mitmach-Gesten angewöhnt und forderte öfter zum Mitklatschen auf, was meines Erachtens außerhalb des Musikantenstadls unterlassen werden sollte.


Mit "Munich" war der Hauptteil des Konzertes beendet, die Band kehrte aber für drei Zugaben (hier wurde die Tour-Setliste nicht verändert) zurück. Neben zwei Songs vom neuen Album spielte man eine extralange Version des sehr Gothic-Disco-mäßig anmutenden "Papillon". Das Konzert endete mit dem letzten Song von "In Dream", "Marching Orders", welches langsam begann und immer lauter wurde. Der Schlagzeuger bekam zur optimalen Kracherzeugung sogar ein kleines Extra-Schlagzeug gebracht.


Die Beleuchtung orientierte sich nach dem nachgeahmten Plattencover des ersten Songs übrigens an den Liedinhalten - rotes Licht zu "Blood", blaues zu "Ocean of Light", Strobo zu "Salvation". Auf Fotos der Amsterdamer Konzerte letzte Woche kann man sehen, dass dort am Bühnenrand Feuerwerk abgebrannt wurde. Ob dies in Offenbach aus Feuerschutzgründen unmöglich war oder aber den Aufwand bei eher wenig Besuchern nicht wert war, weiß ich nicht.

All das klingt furchtbar nörgelig, was aber gar nicht meinem eigentlichen Urteil entspricht. Die Editors mögen routiniert sein und ein festes Programm bevorzugen (und im Falle von Tom Smith offenbar auch ein festes Outfit pro Tournee), aber es bleibt dabei, dass sie über ein sehr gutes Songportfolio sowie einen phantastischen Sänger mit viel Bühnenpräsenz verfügen - der für den Erhalt seiner Stimme offenbar nicht einmal Tee benötigte, denn dieser wurde zwar zwischendurch ausgewechselt, blieb aber unberührt.


Setliste:

No Harm
Sugar
Life Is a Fear
Blood
An End Has a Start
Forgiveness
All Sparks
Eat Raw Meat = Blood Drool
The Racing Rats
Formaldehyde
Salvation
Fingers in the Factories
Smokers Outside the Hospital Doors
Bricks and Mortar
All the Kings
A Ton of Love
Nothing
Munich

Ocean of Night
Papillon
Marching Orders



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