Mach uns den Mikrophon-Propeller: Suede im Hamburger CCH

U.

Bei manchen Konzertbesuchen jammere ich ja ein bisschen, dass ich die besagte Band nun eigentlich oft genug gesehen hätte. Bei Suede kann man das wirklich nicht behaupten, denn bis Freitag hatte ich die Band genau zweimal gesehen: 1993 in London und, wenn ich Google glauben kann, 1994 in München. Höchste Zeit also für ein Wiedersehen nach über 20 Jahren, was auch eine Hamburgreise für das einzige Deutschlandkonzert der aktuellen Tour rechtfertigte. Dass sowohl mein Freund als auch ich im Grunde zu krank für die Fahrt sein würden, konnten wir ja beim Planen nicht wissen...

Nichtsdestotrotz flogen wir also am Freitagmorgen mit Halsschmerzen, Husten und verstopften Nasen nach Hamburg, um uns recht zeitig zum mir vorher nicht bekannten CCH Kongresszentrum zu begeben. Die Veranstaltungshalle ist normalerweise eher für Kongresse gedacht, liegt aber gut erreichbar direkt am Bahnhof Dammtor. Innen hatte man den seltenen Luxus, per Rolltreppe zum korrekten Inneneingang gefahren zu werden. Das Ambiente lässt sich wohl am besten mit „Retro-Charme“ beschreiben, eine Renovierung steht wohl bevor. Es gab ausschließlich Sitzplätze.


Sehr früh saßen wir bereits auf unseren Plätzen und konnten so in Ruhe die anderen Konzertbesucher beobachten. Zu etwa 100 Prozent hatten sie wohl auch in den 90ern bereits Suede-Konzerte gesehen, es handelte sich alterstechnisch um eine recht homogene Gruppe.

Das aktuelle Suede-Tourset ist zweiteilig. Zunächst spielt die Band ihr komplettes aktuelles Album „Night Thoughts“, wozu ein extra produzierter Film gezeigt wird. Im Internet hatte man unterschiedliche Versionen lesen können, wie die Film-Konzert-Kombination funktionieren sollte: Band vor oder hinter der Leinwand. In Hamburg war letzteres der Fall, man sah also im Wesentlichen den Film und hörte dessen Musikbegleitung. Hin und wieder erkannte man jedoch auch die Band, insbesondere Brett Anderson, wenn ein Scheinwerfer auf sie gerichtet wurde.


Bei dem Film handelt es sich eher um eine Aneinanderreihung von Musikvideos zum aktuellen Album als um eine kontinuierliche Geschichte, zwei der Clips (die zu „Like Kids“ und „No Tomorow“) hatte ich auch – eben als Musikvideos – bereits gesehen. In den meisten Videos kamen aber dieselben Schauspieler vor, und grob ging es um eine gescheiterte Beziehung, Tod, Verlust und das generelle Vor-die-Hunde-gehen des männlichen Protagonisten.


Die Entscheidung, einfach mal das neue Album komplett zu spielen, konnte ich so gut nachvollziehen, dass ich mich wunderte, warum das nicht mehr Bands so machen. Schließlich tourt man ja, um neues Material zu spielen, also warum nicht, wenn man denn vom aktuellen Werk überzeugt ist, gleich alles? Sich dabei hinter einer Leinwand zu verstecken, fand ich viel weniger verständlich, denn vom Liveerlebnis blieb so natürlich fast nichts übrig. Beinahe vergaß man manchmal, dass die Band ja auch anwesend war, und durch die fließenden Übergänge zwischen den Songs gab es wenig Zeit, zu applaudieren. Wenn man dann aber einmal einen Blick auf Brett erhaschen konnte, war er genauso theatralisch wie immer.


Zum Glück folgte anschließend aber eine Pause und dann ein weiterer Konzertteil. Die recht lange Unterbrechung nutzten viele Publikumsmitglieder, um den eigenen Sitzplatz zu verlassen und sich einen Stehplatz direkt vor der Bühne zu sichern. Dort wurden sie von den Ordnern prompt auf ihre Plätze zurückgeschickt. Doch als das Licht ausging und Suede, nun ohne Sicht versperrende Leinwand, wieder auf die Bühne gingen, rannten wiederum alle nach vorne, und die Ordner konnten nichts mehr ausrichten.


Er zweite Teil des Sets hieß „Hits & Treats“, und speist sich aus einem Pool von ca. 25 Songs, die Suede all abendlich variieren. Nachdem der erste Song „Painted People“ gleich einmal eine obskure B-Seite war, scheint es sich wohl um ein „Treat“ gehandelt zu haben. Die Hits kamen aber auch noch, und ich, die ich nach dem zweiten Suede-Album die Band kaum noch verfolgt hatte, war angenehm darüber überrascht, wie viele Lieder ich kannte und mochte.


Brett stand natürlich klar im Mittelpunkt, während Keyboarder Neil Codling gelegentlich wirkte, als könne er sich kaum etwas Langweiligeres vorstellen als dieses Konzert. Die anderen Bandmitglieder wirkten zumindest auf eine neutrale Art freundlich. Herr Anderson sprach nun auch erstmalig mit dem Publikum, sprang immer wieder mit Anlauf auf die Monitorboxen, hielt von diesen aus das Mikrophon in die Menge, ging auch mehrmals ins Publikum und zeigte einmal die Choreographie „Mikrophonkabelpropeller“.


Besonders freute mich, dass auch die B-Seite „My Dark Star“ gespielt wurde, und zwar von Brett allein, nur vom Gitarristen Richard Oakes (der seit 1994 bei der Band ist und dennoch für mich und viele andere nach wie vor „der neue Gitarrist“ ist) begleitet. Andere besonders geliebte Hits waren für mich natürlich „Animal Nitrate“ und „Metal Mickey“, aber eigentlich fand ich in diesem Konzertteil alles toll – aber er ging auch recht schnell, nach nur 10 Songs, vorbei.

Eine Zugabe bekamen wir dann auch noch – Brett kehrte auf die Bühne zurück, kündigte „Everything Will Flow“ als „one of our good songs from one of our disliked albums“ an und trug es nur zur Gitarrenbegleitung vor. Es gab auch einen Singalong des Publikums, der ihn ausgesprochen erfreute und ihm Entzückensschreie entlockte. Mit „Hit Me“ waren wir dann bereits beim Rausschmeißer des Abends angelangt, was durchaus schade war. Aber bei 24 gespielten Liedern darf man wahrscheinlich nicht meckern.


Setliste:

Night Thoughts
When You Are Young
Outsiders
No Tomorrow
Pale Snow
I Don't Know How to Reach You
What I'm Trying to Tell You
Tightrope
Learning to Be
Like Kids
I Can't Give Her What She Wants
When You Were Young
The Fur and the Feathers

Hits & Treats
Painted People
Trash
Animal Nitrate
Killing of a flashboy
Heroine
Sleeping pills
My dark star
So Young
Metal Mickey
Beautiful ones

Everything will flow
Hit me

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