Tag drei des Festivals wurde unser längster, schließlich muss man am Abreisetag irgendwann aus dem Hotel auschecken... Unter anderem desh...

Im psychedelischen Kaninchenbau: Down The Rabbit Hole Festival 2016, Tag 3


Tag drei des Festivals wurde unser längster, schließlich muss man am Abreisetag irgendwann aus dem Hotel auschecken... Unter anderem deshalb sahen wir an diesem Tag die mit Abstand größte Zahl Bands und entdeckten auch am dritten Tag noch Winkel des Geländes, zu denen wir vorher überhaupt nicht vorgedrungen waren.

Empfangen wurden wir aber erst einmal von einem Gewitter, vor dem wir mit vielen anderen ins kleinste Zelt Fuzzy Lop flohen, in dem das Quartett Howard auftrat. Die Amerikaner freuten sich über den (sicherlich auch regenbedingt) großen Andrang, und wir stellten fest, dass das Festival auch den weniger bekannten Bands volle 60 Minuten Spielzeit gönnt.


Die Band scheint ihren eigenen Stil noch nicht ganz gefunden zu haben: Während einige Songs nach Radiohead klangen, erinnerten andere an Pink Floyd, hinzu kam ein Beatles-Cover („Happiness is a warm Gun“). Am interessantesten klangen die Lieder, die laut Erklärung des Sängers Neuarrangements bereits veröffentlichter Lieder darstellten, und die sehr elektronisch anmuteten.

Setliste (Auszug):

Happiness is a warm gun (Beatles Cover)
Please be mine
When it goes my way
Religion


Anschließend blieben wir gleich im Zelt, das übrigens trotz seiner geringen Größe im Vergleich über die meisten Videoleinwände verfügte. Als nächstes sollten die Schotten Frightened Rabbit auftreten, die aktuell auch als Vorband der Editors unterwegs sind.

Beim Down The Rabbit Hole Festival verfügt jede Bühne über einen Conferencier, der die Bands brav (und natürlich auf Niederländisch) an- und absagt. Die Moderatorin des Zeltes konnte bei Frightened Rabbit natürlich nicht vermeiden, anzumerken, dass rein namenstechnisch wohl kaum eine Band so gut zu diesem Festival passt (so viel verstanden wir auch ohne Sprachkenntnisse) – immerhin heißen hier alle Zelte nach Kaninchenrassen, und am Eingang steht eine riesige, leuchtende Skulptur des Kinderbuchkaninchens Ninje / Miffy.


Frightened Rabbit waren anscheinend direkt vom parallel stattfindenden Glastonbury-Festival angereist und Sänger Scott Hutchinson erklärte, sie hätten seit zwei Nächten nicht geschlafen und seit drei Tagen nicht geduscht, und würden wahrscheinlich stinken. Nach kurzem Nachdenken fügte er hinzu, dass wir sicher nicht besser röchen, um dann zu rufen: „Who’s proud to smell like shit?“

Den Auftritt des Schotten habe ich in durchaus angenehmer Erinnerung, muss aber gestehen, dass ich mich an weitere Details so gut wie nicht erinnern kann. Ob das am dritten Tag Passivkiffen in Folge liegt?

Setliste:

Get Out
Holy
The Modern Leper
Woke Up Hurting
I Wish I Was Sober
Living In Colour
Head Rolls Off
Old Old Fashioned
Lump Street
The Woodpile (?)
Keep Yourself Warm
The Loneliness And The Scream (?)


Nach Frightened Rabbit hatten wir eigentlich „frei“, das nächste fest eingeplante Konzert von Daughter lag noch mehrere Stunden in der Zukunft. Als wir uns ohne festes Ziel zum ersten Mal in den Bereich des Areals begaben, der am weitesten weg vom Eingang lag, entdeckten wir dort zu unserer Überraschung eine weitere kleine Bühne. Hier gab es kein Zelt, lediglich planenartige Überdachungen über der Bühne selbst und mehreren kleinen Zuschauertribünen. Alles war als Kreis angeordnet, auf dem Gras in der Mitte war Platz für weitere Besucher. Der Bereich war dicht gefüllt mit gespannt wartenden Zuschauern, und nachdem wir nichts anderes zu tun hatten, warteten wir eben mit.

Schon nach wenigen Minuten betrat ein verlegen lächelnder junger Mann mit Gitarre die Bühne und sagte, er sei Daniel Docherty. Er erklärte sogleich, er stamme aus Schottland und habe einen besonders starken Akzent, hinzu käme, dass er bei Aufregung immer besonders schnell spreche, also würden wir vermutlich nichts von dem verstehen, was er sagte. Tatsächlich klang er noch ein bisschen schottischer als die eben erst gesehenen Frightened Rabbit, aber verstehen konnte man ihn mit etwas Mühe durchaus.


Das war auch gut, denn viele der Lieder, die er auf seiner Gitarre vorspielte, wobei er seine Gesang auch mit ausgesprochen komplizierten Klopfrhythmen auf dem Gitarrenkörper begleitete, erklärte er recht ausführlich. So erfuhren wir, dass er sich als Kind wegen eines Missverständnisses für krankhaft übergewichtig gehalten hatte („Overweight“), dass man als Straßenmusikant in Glagow viele skurrile Begegnungen macht („Busking“) und dass eine von ihm gespielte Coverversion von „Tears In Heaven“ eine Zuschauerin dazu motivierte, ihm ihre eigene traurige Geschichte zu erzählen, worauf wiederum der Song „Garden In The Snow“ basiert.


Docherty machte mit seinem emotionalen, aber nicht kitschigen Gesang, seinen Geschichten und seiner sichtlichen Freude über das gleichermaßen große wie aufmerksame Publikum (es waren sicherlich 1000 Leute gekommen, die bei „Busking“ auf Aufforderung auch kräftig mitsangen) einen unglaublich sympathischen Eindruck. So ist das eben manchmal bei Festivals: Man plant vorab genau, wen man sehen möchtet, und dann stolpert man per Zufall über eines der besten Konzerte.

Setliste (Auszug):

Overweight
Busking
Garden in the snow
Hold me



Weiter ging es nun mit unserem geplanten Tagesprogramm, in dem als nächstes Daughter angesetzt waren. Als wir uns dem Zelt Teddy Widder näherten, war hier allerdings noch die davor spielende Band, Dubioza Kolektiv, zu hören, obwohl deren Auftrittszeit eigentlich bereits beendet war. Von draußen hörte sich das Konzert stark nach Hermes House Band oder einem ähnlichen Partykracher an – ein stärkerer Gegensatz zu den verhaltenden, ehrlich gesagt meist deprimierenden Daughter war kaum vorstellbar.


Auch Daughter kamen den eigenen Angaben nach direkt aus Glastonbury, sahen aber etwas weniger vom Leben gezeichnet aus als Frightened Rabbit (Wie muss man sich das eigentlich vorstellen? Stand in Glastonbury irgendwo eine Reihe Pendelbusse, die Bands direkt von dort nach Holland schafften??). Allerdings war gerade Sängerin Elena Tonra ausgesprochen wortkarg, vielleicht was das ja eine Auswirkung der schlaflosen Nacht. Sie lächelte zum Ausgleich aber viel.


Für den Liveauftritt hatten Daughter zusätzlich eine Keyboarderin mitgebracht. Im Hintergrund der Bühne hing das Cover des aktuellen Albums „Not To Disappear“. Das Lied „Smother“ kündigte Igor Haefeli entschuldigend als trauriges Lied an, das „not festival-ly“ sei – eine lustige Bemerkung, da sich Daughters Musik ja an sich nicht gerade durch Frohsinn auszeichnet. Immerhin führten sich manche Zuschauer aber bei „No Care“ zum Mitklatschen angeregt – was Tonra gleich wieder ein Lächeln entlockte. Vor „New Ways“ musste sie dann doch einmal etwas sagen, ihr war nämlich ein Fingernagel eingerissen, an dem sie nun herumknabberte, weil sie so nicht weiter Gitarre spielen konnte – wie sie selbst zugab, ein „weird intro“.

Bei „Youth“ schließlich wurde vom Publikum so ausgiebig mitgesungen, als hätten Daughter ihren eigenen Mädchenchor dabei. Ich war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits unterwegs zu Suede, denn angesichts des dichten Zeitplans musste man Prioritäten setzen.


Setliste:

How
Tomorrow
Numbers
Alone / With You
Human
Doing The Right Thing
No Care
Smother
New Ways
Youth
Fossa


Der Sonntag war ja der letzte Festivaltag, und bereits bei unserer Ankunft am Mittag hatten wir gesehen, dass viele Zelte auf dem Campingplatz bereits abgebaut wurden. Nachdem auch die Camper ja auf Pendelbusse zu ihren jeweiligen Autos angewiesen waren, brachten viele sicherlich nur bereits ihr Gepäck zum Auto, um dann nochmals zum Festival zurück zu kehren. Einige werden aber auch einfach nach Hause gefahren sein: Sowohl bei Suede als auch beim Tages-Hauptact Anohni hatte man im Publikum deutlich mehr Platz um sich herum, als das am Freitag- und Samstagabend der Fall gewesen war.

Mein letztes Suede-Konzert hatte ich im Januar in Hamburg besucht. Damals hatte die Band zunächst ihr komplettes Album „Night Thoughts“ hinter einem Vorhang gespielt, und ich war etwas in Sorge, dass sich das wiederholen würde. Tatsächlich hatten Suede für diesen Abend aber ein typisches Festival-Set mit vielen Hits dabei, bei denen die aktuelle Platte eine eher untergeordnete Rolle spielte.


Wie schon The National am Vorabend ließen Suede, bevor sie die Bühne betraten, eine Art Mottosong spielen, bei ihnen war das „Bodies“ von den Sex Pistols. Als die Band dann auf der Bühne stand, lag der Fokus wie gewöhnlich ganz klar auf Brett Anderson, der wie immer sein komplettes Bühnenprogramm als Beitrag zum fiktiven Wettbewerb „Wer ist die größte Rampensau der Welt?“ ausrichtete. Er hüpfte mit Anlauf auf Monitorboxen, schwang das Mikrophon um sich, um schließlich von ihm gefesselt zu werden, sang mehrfach direkt in die Fernsehkameras vor der Bühne (bei denen ich nicht weiß, für wen sie was aufnahmen), ließ sich einmal von einer der Kameras im Vorbühnenraum umherfahren, setzte sich auf die Brüstung, die ihn vom Publikum trennte, und ließ sich nach hinten sinken... es war wieder alles dabei.


Auf der Setliste befanden sich neben vielen Singles auch zwei B-Seiten, nämlich „Europe is a playground“ und „Killing Of A Flashboy“ – ersteres mag als Suedes Beitrag zu Großbritanniens EU-Referendum gemeint gewesen sein.


Um Bretts Laune war es nicht bestens bestellt – er schimpfte zu einem recht frühen Zeitpunkt mit dem Publikum, den genauen Kontext habe ich nicht verstanden. Vor „Sometimes I Feel I’ll Float Away“ sagte er nach meinem Verständnis etwas wie „I don't know if you know the next song but I really don't give a shit“. Später, etwas versöhnlicher, forderte er uns ausgerechnet bei „She’s In Fashion“, das ich nicht kannte, zum Mitsingen auf und erklärte in diesem Kontext, Talent sei beim Singen zweitrangig: „Some of the best singers in the world can't sing in tune, all they have is confidence. Confidence is all that matters.“ Nun wissen wir es – laut Glen Hansard braucht man Gefühl zum Singen, laut Brett Anderson Selbstbewusstsein.


Bei all der Singerei ging Bretts Hemd übrigens immer weiter auf, und auch, wenn er öfters Anstalten machte, sich wieder zuzuknöpfen, tat er es irgendwie nie... Stimmlich war Brett, wie auch schon in Hamburg, perfekt auf der Höhe (an Selbstbewusstsein mangelt es ihm ja nun auch wirklich nicht). Der Sound der Hauptbühne blieb allerdings mäßig. Dennoch bleiben Suede eine stets sehenswerte und mitreißende Band, deren Auftritt wieder einmal ein Vergnügen war.

Aus irgendwelchen Gründen fielen uns während des Konzertes übrigens mehrere Personen ein, denen der leicht gealterte Brett Anderson mittlerweile ähnelt. Die Top 4: Udo Jürgens, Jo Gerner aus GZSZ, Mads Mikkelsen als Hannibal Lecter und Bryan Ferry.


Setliste:

Europe is a playground
What I'm trying to tell you
Trash
Animal Nitrate
We Are The Pigs
Sometimes I Feel I’ll Float Away
Filmstar
Killing Of A Flashboy
Heroine
She’s In Fashion
So Young
Metal Mickey
Beautiful Ones


Nach Suede konnten wir gleich im Zelt Hotot bleiben und auf Anohni warten. Die Festival-App setzte uns darüber in Kenntnis, dass vor dem eigentlichen Auftritt ein Film mit Naomi Campbell gezeigt werden würde. So war das dann auch. Auf einer gigantischen Leinwand, auf der wir am Nachmittag bereits eine Probe gesehen hatten (wir hatten ein riesiges, stark geschminktes Frauengesicht gesehen, zu dem Anohni-Musik erklang, aber von der Künstlerin selbst war nichts zu sehen gewesen), sah man nun das Model mit der ewigen Karriere in knapper Kleidung tanzen. Abgesehen von der Erkenntnis, dass Frau Campbell so gut wie überhaupt nicht altert (vielleicht erledigt das ja ein Porträt auf ihrem Dachboden für sie?), hatte der Film mit seiner eintönigen, wabernden Musik und den ewig gleichen Tanzbewegungen wenig zu bieten. Außerdem zeigte sich, dass mit einem Teil der Videowand etwas nicht stimmte, er schimmerte stets lila. Besorgte Techniker sammelten sich hinter der Bühne, und man konnte ahnen, dass Bewegtbilder auch beim späteren Auftritt eine große Rolle spielen würden.


Tatsächlich begann Anohnis Auftritt so, wie wir es bei der Probe gesehen hatten, auf der Leinwand erschien ein gigantisches Frauengesicht, das das von Anohni gesungene Lied vorzutragen zu schien, quasi im Voll-Playback. Von der Künstlerin war zunächst nichts zu sehen. Ab Lied zwei erschien dann eine Figur auf der Bühne, die eine Mischung aus schwarz gefärbtem Imkeranzug und Burka trug: Das Gesicht und selbst die Hände waren verhüllt, es musste sich aber um Anohni handeln, die nun in der Mitte unter der Leinwand stand und sang, während zwei ebenfalls in schwarze Gewänder gehüllte (aber nicht verschleierte) DJs an den Bühnenrändern Knöpfchen drehten.


Offenbar sollte das Publikum seine Aufmerksamkeit den „singenden“ Frauen in den Videos widmen, die ihre Lieder tatsächlich sehr packend und emotional, teils auch mit Tränen darbrachten. Das Album „Hopelessness“ dreht sich thematisch um politische und gesellschaftliche Missstände, was durch die ernsten und emotional aufgewühlten Frauen gut vermittelt wurde – wobei die eigentlich anwesende Künstlerin im Vergleich beinahe verschwand. Aber es handelte sich eben mehr um eine Performance als ein Konzert.


Für das Publikum blieb von Lied zu Lied die Frage, ob das ganze Konzert in diesem Stil stattfinden würde. Das tat es, auch wenn Anohni irgendwann zumindest die Handschuhe ablegte und etwas ausfallendere Gesten machte, etwa wildes Armwedeln bei der Zeile „It’s the American dream“ in „Execution“. Später ging sie auch auf der Bühne umher.

Zum besonders traurigen Liebeslied „I Don’t Love You Anymore“ sah man auf der Leinwand Anohnis Augen, und links und rechts von mir liefen nun auch Zuschauerinnen Tränen über die Wangen. Bei „In My Dreams“ war die Künstlerin selbst erneut zumindest auf der Leinwand zu sehen.


Am Ende sah man wiederum Naomi Campbell, die, ebenfalls tränenüberströmt, „Drone Bomb Me“ „sang“, dieser Film war bereits als Video veröffentlicht worden. Zuletzt erschien noch eine letzte Frau auf der Leinwand, die als einzige nicht synchronisiert wurde: Die Künstlerin Ngalangka Nola Taylor erkundigte sich eindringlich nach dem Zustand der Welt (dieses Video kann man hier sehen). Es folgte ein Abspann mit den Namen der Darstellerinnen, dann war alles vorbei – keine Verbeugung, keine Zugabe.

Dieses Konzert war gerade für ein Festival extrem ungewöhnlich, aber auch wirklich beeindruckend und originell. Erstaunlich, dass man sich als Künstlerin selbst so zurücknehmen und dann doch so viel Gefühl vermitteln kann.


Setliste:

Hopelessness
4 Degrees
Watch Me
Paradise
Execution
Ricochet
I Don’t Love You Anymore
Obama
Violent Men
Why Did You Separate Me From The Earth?
Jesus Will Kill You
Crisis
Indian Girls
Marrow
In My Dreams
Drone Bomb Me


Anschließend wanderten wir ein letztes Mal über den Campingplatz zu den Pendelbussen. Für den letzten Abend hatte die Festivalleitung alles gegeben, es gab ein Fußgängerleitsystem, das einen zuverlässig zur richtigen Wartestelle führte – und man hatte offenbar jeden Bus in der ganzen Umgebung gemietet, denn es fuhren ständig neue vor. Uns stand dann noch eine lange Heimfahrt nach Hause bevor, aber insgesamt konnten wir unseren Besuch beim Down The Rabbit Hole dann trotz des misslungenen Anfangs nur positiv werten.


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