An Autumn's Tale: A Summer's Tale 2016, Tag 4

U.

Der letzte Tag des A Summer’s Tale Festivals begann für uns mit einem weiteren Workshop, für den wir uns vorab angemeldet hatten: dem Cake Pop Workshop. Dieser Kurs entpuppte sich als deutlich interaktiver als der Cocktail-Workshop des Vortags: Nur in den ersten Minuten saßen wir an der langen Tafel, anschließend bereitete jeder Teilnehmer unter Instruktion der Kursleiterin, die parallel auch das Café-Zelt des Festivals betrieb, seinen eigenen Cakepop zu. Das geht so:


Zunächst braucht man einen trockenen Kuchen, zerbröselt diesen und mischt ihn mit einer Mischung aus Butter, Frischkäse und eventuell Nutella (Frosting) zu einem recht festen Teig. Aus diesem formt man die Kugeln. Die Enden der Cakepop-Stiele werden in flüssige Kuvertüre getaucht und dann auf die Kugeln gesteckt, dann müssen diese erst einmal gekühlt werden. Dann wird die ganze Kugel mit Kuvertüre bestrichen und beliebig mit Zuckerherzen, Krokant oder anderen Dekomaterialien verziert. Der fertige Cakepop wird dann nochmals gekühlt und ist dann fertig.


Im Rahmen des Workshops stand für den Kühlprozess nur ein Getränkekühlschrank zur Verfügung, Zuhause wäre es einfacher, mit dem Gefrierschrank zu arbeiten. Da unser Workshop der letzte des Festivals zu diesem Thema war, hatte die Leiterin sich bereit erklärt, mehr Teilnehmer als sonst aufzunehmen. Das war natürlich nett von ihr, machte das Arbeiten aber auch etwas eng. Dennoch, alles wurde gut erklärt und jeder konnte seinen Cakepop vollenden.


Am Ende des Workshops aßen wir unsere Werke auf und gingen über das wir am Vortag sehr gut gefüllte Gelände zum Zeltraum, wo als nächstes The Slow Show auf dem Programm standen. Die britische Band hat ihr zweites Album bereits vollendet, aber noch nicht veröffentlicht, weshalb klar war, dass wir einige Songs der Setliste nicht kennen würden.


Es war erst 3 Uhr nachmittags, wir hätten der Band einen späteren Slot gegönnt. Tatsächlich meinte Sänger Rob Goodwin gleich zweimal, die Band hätte zu dieser Zeit gar nicht mit viel Publikum gerechnet – es gab kein Gedrängel, aber das Zelt war doch gut gefüllt.  Der Sound des Auftritts war, insbesondere zu Beginn, suboptimal – während mir das Schlagzeug durch sämtliche Knochen wummerte, konnte ich die Trompeterin zwar sehen, aber nicht hören. Immerhin konnte man die wunderbare Stimme von Goodwin gut hören.

Manche Songs wurden als neu und mit Titel angekündigt, andere ließen sich aufgrund von Textzeilen identifizieren, so dass wir letztlich doch eine Setliste zusammen bekamen. Die neue Platte „Dream Darling“, die im September erscheint, klingt vielversprechend und wird wie die erste Fans von The National gefallen. Das fanden offenbar viele im Publikum, denn die Begeisterung war spürbar und es gab viel Applaus. Goodwin, der barfuß herumlief, kommentierte das erst mit „What a lovely way to wake up“ (Um halb vier? Musiker!), später sagte er noch „We didn't expect this it's been beautiful“.


Setliste:

Long Way Home
Dresden
Augustine
Breaks Today
Hurts
Ordinary Lives
Paint You Like a Rose
Strangers Now
Dry My Bones
Flowers to Burn
Bloodline

Während „Bloodline“ noch ausklang, sprintete ich schon zum Wissenszelt, das ich bislang nur von außen kannte. Dort fand als nächstes der Workshop „Matcha Tea Tasting“ statt, aber anders als bei den anderen besuchten Workshops hatte ich es hier nicht auf die Online-Anmeldeliste geschafft. Also musste ich per Anstehen versuchen, an einen der Restplätze zu kommen.

Grundsätzlich finde ich das Vorgehen der Festivalmacher, nicht alle Plätze für Voranmeldungen zur Verfügung zu stellen, vernünftig, denn sonst könnte man sich vor Ort und spontan für gar nichts mehr entscheiden. Das lange Schlangestehen ohne Gewissheit, noch einen der verbleibenden Workshop-Plätze ergattern zu können, machte aber natürlich wenig Spaß – insbesondere, wenn es nicht von Erfolg gekrönt wurde. Eine bessere Lösung dafür fällt mir aber auch nicht ein.


Ich hatte Erfolg: Als eine der letzten Teilnehmerinnen durfte ich das Workshop-Zelt betreten und mitmachen. Die anderen Teilnehmer saßen bereits in Fünfergruppen an Tischen. Die Workshopleiterin, die selbst Tee-Sommelier ist und einen Onlineshop betreibt, erklärte zunächst Allgemeines zum Thema Matcha und dazu, was beim Kauf zu beachten ist. Dann durften die Gruppen nacheinander vier verschiedene Sorten zubereiten und probieren. Qualität und Preis steigerten sich dabei von Sorte zu Sorte.

Auch dieser Workshop war interessant und lehrreich. Ich denke auch, dass nun viele Teilnehmer (ich eingeschlossen) im Shop der Leiterin einkaufen werden.


Mein Freund besuchte parallel den Auftritt von Adam Green auf der Konzertbühne. Er hatte folgendes zu berichten:

Die Macher des A Summer's Tale Festivals hatten nicht richtig aufgepasst, denn sie hatten zwar Adam Green gebucht, zeigten im Rahmen ihrer Filmvorführungen aber nicht dessen aktuelles Werk "Aladdin". Also stellte der Singer/Songwriter gleich zu Beginn seines Auftritts fest, dass er Aladdin sei, was auch seine Verkleidung erklärte, und eröffnete sein Set mit "Fix My Blues", einem von drei Songs aus dem Soundtrack. Später erfuhren wir noch, dass der Film das Beste sei, was Green in seinem bisherigen Leben geschaffen habe und dass man sich "Aladdin" auf seiner Homepage ansehen könne. Wer weiß, wie oft Green noch begeistert "Summer's Tale! Summer's Tale! Summer's Tale!" skandiert hätte, wenn auch noch sein Film auf dem Festival gezeigt worden wäre?


Im Flugzeug habe  er, so berichtete Adam Green weiter, ein Bier getrunken, was seinem Sitznachbar offenkundig missfallen habe. Seine Ansagen, sein Herumgehampel, -gehopse und -gelaufe auf der Bühne lassen vermuten, dass es nicht bei einem alkoholischen Getränk geblieben ist. Der Flug von New York nach Hamburg währt schließlich auch seine Zeit und diese will überbrückt werden. Seine Lieder dauern nie besonders lang, so dass ein Song den anderen jagte: "Bluebirds", "Novotel", "Gemstones" - es ging quer durch Adam Greens Diskographie. Alles weltweite Hits, wenn Green oder ich eine Wunderlampe besitzen würden.


Beim A Summer's Tale Festival passt eigentlich alles, selbst die Ordner sind unglaublich nett. Und so hob einer von ihnen zahlreiche jüngere Kinder über die Absperrung, so dass sie auf dieser sitzen und sich das Konzert des wunderlichen Mannes in seiner seltsamen Aufmachung ansehen konnten. Gut, dass die Kleinen noch kein Englisch verstehen, denn als nächstes folgte der Moldy Peaches Song "Who's Got The Crack?", den Green allein mit seinem Gitarristen, der bei einem bandinternen Wettbewerb gewonnen haben musste, denn als einziger musste er keine lustige Kopfbedeckung tragen, vortrug. Anschließend wurde ein Publikumswunsch erfüllt - und auch "No Legs" war nichts für Kinderohren: "There's no wrong way to fuck a girl with no legs, just tell her you love her as she's crawlin' away. There's no wrong way to fuck a bitch with no faith, now you'll never be sad again." Nur bei diesem Lied griff der Sänger selbst zur Gitarre, zweifelnd, ob er es mit seiner gebrochenen Hand spielen könne. Vermutlich waren dies die einzigen zwei Minuten des Auftritts, bei denen er ruhig auf einer Stelle stand.


Selbstverständlich durften weder "Friends Of Mine" noch "Emily" in der auf einen Festivalauftritt gekürzten Setliste fehlen. Am meisten Begeisterung erntete jedoch "Jessica", in das Adam Green noch "Kokomo" von den Beach Boys und sein "Never Lift A Finger" einflocht. Das letzte Lied des Konzertes, "Dance With Me", sollte für Adam Green und seine Band auch das letzte des Sommers sein, denn nach Film, Album und Festivalauftritten stehen nun erst einmal Ferien auf dem Programm. Aber für Ende des Jahres kündigte der Singer/Songwriter bereits neue Konzerte in Deutschland an.


Setliste:

Fix My Blues
Bluebirds
Chubby Princess
Novotel
Me From Far Away
Buddy Bradley
Gemstones
Who's Got The Crack? (The Moldy Peaches Song)
No Legs
Friends Of Mine
Never Lift A Finger
Emily
Jessica
Dance With Me


Nach kurzer Pause auf der Tribüne und einem Hanuta zur Stärkung fanden wir uns gleich wieder vor der Konzertbühne ein, wo nun Olli Schulz auftreten sollte. Man sah verschiedene Musiker auf der Bühne herumschrauben und –werkeln, eine davon offenbar Kat Frankie. Ein Mann mit Krücken erinnerte mich an Gisbert zu Knyphausen und war es dann auch – offenbar hatte Olli außer Joko, Klaas und Jan Böhmermann alle seine Promifreunde dabei.

Tatsächlich betrat Olli die Bühne und erklärte erst einmal, er wolle die Dinge heute umdrehen und die Bandmitglieder zu Beginn des Auftritts vorstellen. Es kamen Ben Lauber (Schlagzeug), Arne Augustin (Keyboard), Dennis Becker (Gitarre, von Tomte, mit frotzliger Bemerkung Ollis zu Thees Uhlmann), dann Gisbert von Knyphausen und Kat Frankie, die beide ebenfalls Gitarre spielten – Gisbert im Sitzen.


Der Auftritt lässt sich im Nachhinein nur schwer wiedergeben, weil Schulz unglaublich viel, meist sehr Lustiges, redete, aber alles ging sehr schnell und hatte auch selten eine klare Struktur. Gleich eingangs machte er sich über das Festival als „Festival für Ältere“ lustig, kam darüber aufs Hurricane und darauf, dass man als Musiker bei solchen Festivals immer fälschlicherweise davon ausgehe, dass die Menge völlig begeistert vom eigenen Auftritt sei. In Wahrheit seien die jungen Leute aber nur so von dem Festival und dessen diversen Möglichkeiten, Spaß zu haben, beeindruckt, dass sie jedem zujubeln würden.


Für uns als die gesetzte Generation bot Olli dagegen zu „So lange einsam“ eine Rückenübung als Publikumstanz an. Zu „Phase“, das er mit denselben Tönen eröffnen ließ, die auch wahlweise „Die Reklamation“, „Fred vom Jupiter“ und „Ça Plane Pour Moi“ einleiten können (Schulz erklärte, er habe auch mal einen solchen Song machen wollen), folgte dann ein Sprung ins Publikum, ein lange Spaziergang und eine Kletterübung am Mischpult. „Phase“ wurde dabei unterbrochen durch ein U2-Medley und schließlich diverse andere Hits der 80er. Den amüsiert-ratlosen Musikern auf der Bühne merkte man dabei an, dass sie auch keine Ahnung hatten, was als nächstes kommen würde.

Auch zu den anderen Liedern wurde viel erzählt, teils mit mehr und teils mit weniger Zusammenhang zum Song. Zu „Spielerfrau“ verzettelte sich Schulz in einer langen Geschichte über besagte Figur, bevor er schließlich wieder in den Refrain zurück fand.


Ein wenig ernst wurde es dann bei „Als Musik noch richtig groß war“, als Schulz erzählte, dass ihn bei solchen Auftritten viele nur aus dem Fernsehen kennen würden und gar nicht wüssten, wie lange er schon Musik mache – und dass diese ihm von allen Projekten am wichtigsten sei. Dann ging es aber gleich wieder ins Unernste, und er wünschte uns viel Spaß mit der ihm auf der Bühne nachfolgenden „Andie MacDowell“ (statt Amy MacDonald).


Genen Ende verpasste dann Kat Frankie beim ersten Versuch ihren Einsatz zu  „So muss es beginnen“ und „musste“ zur Strafe für Olli „die Tina Turner machen“ – was bedeutete, dass Schulz vorne die Lippen bewegte und Kat Frankie hinten ein paar Takte aus „What’s Love got to do with it“ sang. Sie war es auch, die das Konzert als letzte Musikerin auf der Bühne beendete, indem sie, wie es auch auf der Platte ist, die letzten Zeilen von „Feelings aus der Asche“ sang. Olli Schulz rauchte zu diesem Zeitpunkt bereits seine Nach-Auftritts-Zigarette, die ihm die Bühnenhelferin Sabine bereits vorsorglich angezündet hatte.

Olli Schulz ist zweifellos ein großartiger Entertainer und ein spontaner und sympathischer Mensch. Nur schade, dass es alte Songfavoriten wie „Nimm mein Mixtape Babe“ oder „Dann schlägt dein Herz“ nicht mehr in seine Setlisten schaffen.

Setliste:

Ab jetzt tut's nur noch weh
So lange einsam
Passt schon
Ich kenn da ein
Phase
Wenn es gut ist
Old Dirty Man
Spielerfrau
Als Musik noch richtig groß war
So muss es beginnen
Feelings aus der Asche


Weiter ging es für uns mit Boy im Zeltraum. Das Hamburg-Züricher Duo ist normalerweise, wie das Wort „Duo“ nahe legt, zu zweit. Beim Festival hatten sie aber eine männliche Band dabei. Während Valeska Steiner den Haupt-Gesangspart übernahm, manchmal den Tamburin schwang und gelegentlich zur Gitarre griff, spielte Sonja Glass meistens Bass, seltener Gitarre und sang bei den Refrains mit. Die beiden waren wohl schon eine Weile vor Ort, denn Valeska erwähnte, sie seien morgens Kanufahren gewesen.


Dem normalerweise recht harmlosen Radiopop der Band tat die musikalische Live-Verstärkung durchaus gut, alles klang viel kräftiger, insbesondere bei "Boris" und "This Is The Beginning". Auch dass sich im Zelt viele junge, weibliche und textsichere Fans eingefunden hatten, die für extrem gute Stimmung sorgten, ließ das Konzert zu einer angenehmen Überraschung werden.


Die beiden Lieder „This is the Beginning“ und „Little Numbers“ kamen am besten an und lösten regelrechte Mitsingchöre aus – offenbar sind Boy um einiges bekannter als ich dachte. Per Google habe ich mittlerweile erfahren, dass ihre Lieder bereits sowohl als Fernsehsendungs-Musik als auch als in einem Lufthansa-Werbespot zum Einsatz gekommen sind.

Setliste:

We Were Here
Waitress
Hit My Heart
Drive Darling
New York
Boris
Oh Boy
Hotel Room
This Is The Beginning
Little Numbers
No Sleep


Bei uns ging es gleich weiter mit Radiopop, denn auf der Festivalbühne stand nun eine Sängerin, bei der ich ebenfalls ihre Bekanntheit im deutschsprachigen Raum völlig falsch eingeschätzt hatte: Amy MacDonald. Die junge Schottin sieht, wenn man ihre Musik nicht kennt, aus wie eine Rockerin, mit schwarz gefärbten Haaren, schwarzer, enger Kleidung und einem komplett tätowierten linken Arm. Dazu im starken Kontrast steht ihre Musik, die noch poppiger daherkommt als die direkt davor gesehenen Boy: Ich musste manchmal an Schlager denken, selten gar an Volksmusik, öfter auch an Country.


Dabei ist Amy an sich höchst sympathisch, fragte zunächst besorgt, ob wir ihren schottischen Akzent überhaupt verstehen könnten und reagierte äußerst mitleidig, als nach nur einigen Songs völlig unerwartet ein gewaltiger Regenschauer aufs Publikum niederprasselte – wobei sie auch meinte, dass dieser in ihrer Heimat kaum auffallen würde, weil dort das Wetter im Grunde immer so sei. Zu „Slow It Down“ übte sie zunächst mit dem Publikum einen Mitsingchor ein und stachelte uns dann an, die Mitsinger vom Vorabend in Frankreich zu übertrumpfen.

Wie viele Künstler vor ihr sprach auch Amy die politische Situation an, in ihrem Fall das Thema Brexit – sie erwähnte, dass Schottland anders als England für „Remain“ abgestimmt habe und sie hoffe, dass es einen Weg für ihr Land geben würde, Mitglied der EU zu bleiben – was zu viel Applaus führte. Das Lied „The Rise and Fall“ von ihrem neuen Album wurde eigentlich schon vor Jahren geschrieben, Amy meinte aber, dass nun fast so klänge, als habe sie es speziell zum Thema Brexit verfasst.


Auch wenn uns Amys Musik nicht wirklich packen konnte und außerdem das Wasser auf uns niederprasselte, weshalb wir noch vor dem Ende beschlossen, Richtung Zelt abzuwandern, muss man doch zugeben, dass viele Erwachsene und Kinder ausgelassen in den Pfützen tanzten, natürlich am meisten zum Hit „This is the Life“.

Setliste:

Next Big Thing
Spark
Dream On
Mr. Rock & Roll
Slow It Down
Pride
Love Love
Don't Tell Me That It's Over
The Rise and Fall 
This Is the Life
Life in a Beautiful Light
Prepare to Fall
Let's Start a Band

Damit waren wir beim letzten Konzert des Festivals angekommen. Nun gut, Headliner des Abends waren eigentlich natürlich Parov Stelar, aber wegen akutem Desinteresse an Electroswing sparten wir uns diesen Auftritt.


Im Zeltraum spielte somit unser Headliner des Abends, der englische Protestsänger Billy Bragg. Mit „How are you, Scheiße Wetter“, begrüßte Bragg ein von Beginn an begeistertes Publikum, hielt einen gespielt wütenden Monolog drüber, dass Deutschland bei den olympischen Spielen soeben Großbritannien in der Disziplin "dancing horses" geschlagen hätte (inklusive Dressurpferdimitation)und hatte zunächst die Bühne allein für sich und seine Gitarre. Zunächst gab Billy Bragg den wütend-schrammelnden Protestsänger, der nahezu jedes seiner Lieder mit mahnenden Worten einleitete. Nach drei Liedern betrat jedoch für „Nobody Knows Nothing Anymore“ ein junger Mann, der uns als CJ vorgestellt wurde, die Bühne, und begleitete Bragg an der Pedal Steel-Gitarre in ruhigere Gefilde.


Ein weiteres wichtiges Crew-Mitglied befand sich am Bühnenrand und bediente den Wasserkocher. Herr Bragg braucht beim Singen offenbar stets Zugriff auf heißen Tee. Als er den ersten Schluck davon nahm, behauptete er, es handele sich um ein spezielles Gebräu für Musiker namens „Throat Coat“: „It makes you think that you can sing in tune. It was recommended to me by Morrissey!“

„Nobody Knows Nothing Anymore” widmete Bragg passenderweise der politischen Situation in England, die nachfolgende Woody Guthrie-Coverversion „I Ain't Got No Home“ erinnerte ihn an seinen Glastonbury-Auftritt aus diesem Jahr, während dem das Brexit-Votum bekannt wurde. Laut Bragg habe sich dadurch die Stimmung in Glastonbury merklich verändert, als gäbe es nun tatsächlich kein Zuhause mehr.


Mit einem weiteren Cover, „Why We Build the Wall” von Anaïs Mitchell, deren Musik er ausdrücklich empfahl, nahm er Bezug auf Donald Trumps Pläne, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu errichten – und bedauerte, dass es den Briten nun nicht mehr möglich sei, auf die dummen Amerikaner herabzusehen, denn seien es dieselben Gefühle und der Wunsch nach Abschottung, die auch den Brexit möglich gemacht hätten. 

Bei „Handyman Blues“ gab es eines der wenigen unpolitischen Stamenents des Abends, Bragg forderte die Menschen nämlich dazu aus, sich den Dingen zu widmen, die sie gut könnten, und für andere jemand anderen zu finden, der sie schneller und besser erledigen könne. Nachdem anschließend alle bei „Shirley (Greetings To The New Brunette)” mitgesungen hatten, kam zu „I Keep Faith“ Braggs wichtigsten Anliegen zur Sprache: Er sei der Meinung, dass die aktuellen Probleme der Welt hauptsächlich dem Zynismus geschuldet seien. Menschen glaubten, sie könnten sowieso nichts ändern und würden passiv. Genau das müsse sich aber ändern und er sei deshalb hier, um uns aufzurütteln.


Nach „There Is Power in a Union” verließ Bragg die Bühne ziemlich sang- und klanglos, kehrte aber quasi aus einen halben Meter Entfernung schon wieder um und spielte die Zugabe „A New England“, die nun endgültig vom gesamten Zelt mitgesungen wurde.

Setliste:

Accident Waiting to Happen
To Have and to have not
The Milkman of Human Kindness
Nobody Knows Nothing Anymore
I Ain't Got No Home (Woody Guthrie cover)
Way over yonder in the minor key
Sexuality
Why We Build the Wall (Anaïs Mitchell cover)
Levi Stubbs' Tears
Handyman Blues
Shirley (Greetings To The New Brunette)
I Keep Faith
There Is Power in a Union

A New England

Es fehlt noch ein Fazit zum Festival als Ganzes: Leider war das Wetter beim A Summer’s Tale 2016 bei weitem nicht so gut wie im Vorjahr, das einem des öfteren sehnsüchtig ins Gedächtnis kam, wenn man mit kalten oder nassen Füßen frierend vor der Festivalbühne stand. Dennoch war die Veranstaltung auch in ihrer zweiten Auflage gelungen, zumal in vielen sinnvollen Bereichen nachgebessert worden war: Es gab viel mehr Workshops, ausreichend Fressstände und jede Menge interessante Programmpunkte. Das musikalische Lineup hätte noch einen Tick spannender sein können, wobei uns selbst beim gemeinsamen Nachdenken nur wenige Bands einfielen, die einerseits auf das Interesse der anvisierten Besuchergruppe stoßen würden, andererseits aber auch keine Hurricane-artigen Massen ins Naturschutzgebiet locken würden.


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