Relativ ausgeruht, den Headliner des Vorabends hatten wir uns ja einfach gespart, erschienen wir am Samstag erneut auf dem Festivalgeländ...

Neulich als Wiederholungstäterin: Best Kept Secret Festival 2017, Tag 2


Relativ ausgeruht, den Headliner des Vorabends hatten wir uns ja einfach gespart, erschienen wir am Samstag erneut auf dem Festivalgelände. Ein heißer Tag kündigte sich an, und während wir uns im vergangenen Jahr über Matsch beklagt hatten, war der Wiesenboden und der Seestrand an den Stellen, wo er durch die vielen Festivalbesucher abgetragen wurde, so staubig, dass er permanent aufgewirbelt wurde. So bekamen Kleidung und Haut im Laufe des Tages eine feine Staubschicht - auch die Innenseite meiner Nase.

Der Samstag stand für uns unter dem Motto zeitlicher Überschneidungen: Viele der von meinem Freund vorgemerkten Bands spielten parallel oder mit so geringem zeitlichen Abstand, dass es nicht sinnvoll erschien, ständig von Bühne zu Bühne zu hetzen. Also strichen wir die Bandliste kurzerhand ein wenig zusammen. Bei Band Nummer 1 hatten wir uns zudem bezüglich des Zeitplans vertan, so dass wir erst zum letzten Lied eintrafen. Die Sängerin Wildes klang ziemlich genau wie Daughter, was nur einen von uns erfreute.


Unser erster „richtiger“ Auftritt war dann anschließend von The Courtneys. Das Trio wirkte unglaublich hip und muss somit einfach aus Brooklyn stammen - stimmt aber nicht, die Band wohnt in Vancouver. Ungewöhnlich bei der Band ist, dass die Schlagzeugerin Jen Twynn Payne auch gleichzeitig die Hauptsängerin darstellt. Die Kommunikation mit dem Publikum übernahm dagegen weitestgehend Bassistin Sydney Koke.

Der Auftritt auf Bühne 3 war für 13 Uhr angesetzt gewesen, und die Band drückte mehrfach ihre Freude darüber aus, dass das Zelt um diese Uhrzeit relativ voll geworden war. Musikalisch setzte man auf geradlinige, einfache Songstrukturen – die Courtneys mögen sicher die Ramones. Der Gesang von Payne konnte mich dabei leider nicht wirklich überzeugen, auch ihr Schlagzeugspiel wirkte etwas simpel – wobei Letzteres natürlich eigentlich egal ist. Payne spielte übrigens in Socken Schlagzeug, und zog eine davon, wohl wegen der aufkommenden Hitze des Tages, im Laufe des Sets aus.


Ein wenig stolz war ich, als ich angesichts meines Alters bei der Ankündigung „The next song is about vampires“ sofort wusste, dass es sich wohl um „Lost Boys“ handeln musste, das ich bereits in älteren Setlisten erspäht hatte. Der längste Song war auch der beste des Konzerts.

Insgesamt ein netter Auftritt, der unterhaltsam war, aber auch keine große Wiedersehens-Sehnsucht auslöste.

Setliste:

Silver Velvet
Country Song
Minnesota
Lost Boys
Virgo
25
Social Anxiety
Manion
Tour
Frankie


Für uns ging es weiter zu Bühne 1, wo nun The Amazons auftreten sollten. Die Sonne erreichte am mittlerweile frühen Nachmittag gewaltige Stärke, was vor der schattenlosen Hauptbühne für die Zuschauer eine ziemliche Qual war.

Sänger Matt Thomson widmete „Raindrops“ Arcade Fire (dem Headliner des aktuellen Festival-Tags) und erklärte, die Kanadier seien seine Lieblingsband. Diese Aussage überraschte etwas, denn musikalische Gemeinsamkeiten ließen sich so gar nicht entdecken. Die Amazons sind eine klassische Rockband.

Diese Band mochte auch die dem Genre entsprechenden Gesten und Posen, so legte der Gitarrist auch erst seine Jeansjacke ab, als es hitzetechnisch sicher bereits unbedingt erforderlich war.


Gegen Ende des Sets stellte sich eine junge, rothaarige Frau neben uns und hielt ein Pappschild hoch Richtung Bühne. Die Botschaft richtete sich an den ebenfalls rothaarigen Sänger Thomson: „Will you take a ginger pic with me?“. Ob es zu dem Foto gekommen ist oder nicht, weiß ich nicht, aber die Bitte entlockte dem Frontmann zumindest ein Lächeln.


„Little Something“ war der beste gespielte Song, bei den darauf folgenden letzten beiden wurden dann auch die Mikrophone der anderen Bandmitglieder zum Mitsingen genutzt – vorher hatte man sich schon gefragt, warum sie überhaupt welche hatten.

Wie schon Sundara Karma am Vortag kommen die Amazons übrigens aus Reading – Thomson erklärte, in der Stadt sei nicht viel los, und man sei sehr froh, dass die Musik die Band bis hierher (also auf ein holländisches Festival) gebracht habe. Vielleicht sollten die Amazons und Sundara Karma Telefonnummern austauschen und in Reading gemeinsam im Pub über Rockmusik reden. Eventuell tun sie das ja auch bereits. Readings bekannteste Band, Ride, ist mir jedenfalls nach wie vor auch die liebste.

Setliste:

Stay With Me
Ultraviolet
Black Magic
Raindrops
Little Something
In My Mind
Junk Food Forever


Uns zog es anschließend zu Bühne 5, wo nun Honeyblood auftreten sollten (zu ihren Gunsten verzichteten wir auf den Auftritt Circa Waves) – eine weitere Band, die bereits einmal in meinem hochwichtigen Sendeschluss vorgestellt wurde. Auch die „Vorbereitungsmusik“, die ich von meinem Freund erhalten hatte, hatte mir gut gefallen.

Die Band ist ein Duo, das nur aus der Sängerin / Gitarristin Stina Tweedale sowie der Schlagzeugerin Cat Myers besteht. Die beiden stammen aus Glasgow, Myers ist erst seit dem 2. Album dabei und auch bereits die dritte Duopartnerin von Tweedale.


Stina Myers genießt ihre ungewöhnliche Rolle als weibliche Schlagzeugerin (und Mit-Sängerin) in einem Duo sichtlich. Sie drosch mit großem Enthusiasmus auf ihr Drumkit ein, redete mit dem Publikum und schaffte es auch nebenbei, beim Spielen für Fotografen zu posieren. Ohne große Schlagzeugkenntnisse würde ich auch behaupten, dass sie Jen Twynn Payne von den Courtneys das eine oder andere beibringen könnte.

Während Myers eine zerrissene Jeans trug, die beinahe schon von ihr abfiel, hatte Tweedale eine Streifenhose an, die, wenn man auf Facebook nachsieht, wohl eines ihrer aktuellen Lieblingskleidungsstücke ist.


Die beiden hatten bei ihrem Auftritt sichtlichen Spaß, stellten sich mehrfach vor (für den Fall, dass noch Zuschauer dazu gekommen waren oder das Zelt nur auf dem Weg zu den Toiletten durchquerten) und nahmen am Ende Selfies vor dem jubelnden Publikum auf.

Auch auf der Publikumsseite ließ man sich von so viel Enthusiasmus anstecken. Honeyblood machen Spaß, und Stina Tweedale kann wirklich gut singen.

Setliste:

Justine, Misery Queen
Choker
Love Is A Disease
Sister Wolf
Walking at Midnight
?
Sea Hearts
Babes Never Die
Super Rat
?
Killer Bangs


Wenig später sahen wir, ebenfalls auf Bühne 5 und ebenfalls bereits im Sendeschluss gesehen, Mitski. Parallel hätte man auch The Boxer Rebellion sehen können, aber wir mussten ja priorisieren. Rein launetechnisch hätte sich das Set der amerikanisch-japanischen Singer-Songwriterin kaum stärker von dem der Honeyblood-Kolleginnen unterscheiden können: Mitski war offensichtlich eine Laus über die Leber gelaufen. Definitiv unzufrieden war sie mit dem Sound: Sie begann, auf ihrer Gitarre zu spielen, hörte sofort wieder auf, sprach mit dem Soundmann, setzte wieder an, sprach wieder mit ihm… aber ändern ließ sich offenbar nicht viel.


Mit dabei hatte die Sängerin zwei Männer, die Bass und Schlagzeug bedienten. Ihre Lieder gefielen mir eigentlich ebenfalls sehr gut, nur war es schwer, Enthusiasmus zu entwickeln, wenn die Künstlerin selbst offenbar so gar keinen hatte. Erst beim Applaus zu ihrem "Hit" "Your Best American Girl" ließ sie sich ein Lächeln entlocken.

Wir sahen das Set dann auch nicht zu Ende, sondern liefen los, um uns gute Plätze beim nächsten Auftritt zu sichern.

Setliste:

Dan the Dancer
Francis Forever
I Don't Smoke
First Love / Late Spring
I Bet on Losing Dogs
Townie
Thursday Girl
Your Best American Girl
I Want You
...


Einmal mehr wanderten wir zum stets vollen Zelt der Bühne 2. Wir wollten extra früh dran sein, denn das Ganze sollte eine Art Probelauf für das Arcade Fire-Konzert sein. Mehr dazu später. Wir fanden dann auch einen guten Platz direkt vor der Bühne, in deren Hintergrund man das Cover des aktuellen Albums "Boy King" sehen konnte. Von diesem stammten dann auch sechs der zehn gespielten Lieder.


Hier traten nun die Wild Beasts auf. Die Band aus Nordengland macht laut Wikipedia Indie Pop, angesichts der Falsettstimme von Sänger Hayden Thorpe musste ich aber des öfteren an Discomusik denken. Seit ich einst ein Fernsehinterview mit Jimmy Somerville sah, weiß ich, dass eine hohe Singstimme nicht einer hohen Sprechstimme gleichzusetzen ist, so auch hier: Thorpe kann im übrigen auch tiefer singen, ansonsten steht ihm sein Kollege Ben Little zur Seite, der meist mit tieferer Stimme sang. "Ponytail" war hierbei ein richtiges Duett der beiden.


Auf der Bühne herrschten übrigens die 80er Jahre: Alles wurde eifrig umnebelt, und während Thorpe ein klassisches ordentliches Popper-Outfit trug, hatte Little einen schwarzen Trenchcoat mit hochgekrempelten Ärmeln an, in dem ihm sicher sehr warm war, den er aber erst gegen Ende ablegte. So 80er-mäßig sah kaum jemand in den 80ern aus...

Die tanzbaren Lieder der Band rissen das Publikum mit und bekamen viel Applaus, so dass Thorpe beim letzte Lied von der Bühne kam. Vorher hatte er am Ende von "Wanderlust" "Fuck Brexit" gesagt und damit eines der wenigen politischen Statements des Festivals abgegeben.


Setliste:

Big Cat
A Simple Beautiful Truth
We still got the taste dancing on our tongue
He the Colossus
Hooting & Howling 
Mecca
Ponytail
Wanderlust
Alpha Female
Get My Bang
All the King's Men
Celestial Creatures 


Als nächstes folgte ein Dilemma: Cigarettes After Sex waren eine der Bands, die wir mit am liebsten beim Festival hatten sehen wollen. Leider sah der Zeitplan aber vor, dass sie direkt vor dem Headliner des Tages Arcade Fire auftrat - und zwar auf einer anderen Bühne. Beide Auftritte zu sehen und bei Arcade Fire einen zumindest halbwegs guten Stehplatz zu ergattern, erschien unmöglich.

Zunächst war der Plan deshalb, Cigarettes After Sex ganz auszulassen (immerhin haben wir beim A Summer's Tale im August eine weitere Chance). Dann beschlossen wir aber doch, das Risiko einzugehen, und zumindest den halben Auftritt anzusehen. Deshalb hatten wir dieses System auch bei Mitski und den Wild Beasts getestet - erfolgreich.


Wenn wir schon früher weg mussten, wollten wir zumindest gut sehen, also warteten wir schon etwas früher ganz vorne im Zelt - wo eine Band auf der Bühne stand, bei der ich mir so gar nicht vorstellen konnte, dass ein Mitglied die androgyne Stimme von Cigarettes After Sex haben könnte. Es sah eher nach toughen Kerlen und Rock'n Roll aus. Aber tatsächlich: Der harte Kerl mit der Sonnenbrille begann, für den Soundcheck "Starry Eyes" zu singen und hatte diese ganz sanfte Stimme...


Wenig später ging der eigentliche Auftritt los. Obwohl sicherlich viele Besucher dasselbe Dilemma wie wir hatten, war das Zelt richtig voll - offenbar spricht dieses Musik viele an, was ja auch völlig verständlich ist. Anscheinend begründet sich der bisherige Erfolg der Musiker um Greg Gonzales hauptsächlich auf Empfehlungen von Youtube-Nutzern - ist doch schön, wenn das auch einmal jemand anderes als Justin Bieber schafft.

Wenn man neben den gefälligen, an Mazzy Star erinnernden Klängen auch einmal auf die Texte hört, drehen sich diese um teils erfüllte, teils unerfüllter Liebe, teils auch mit etwas plastischerer Wortwahl ("patron saint of sucking cock"). Eine Lightshow (nur weißes Licht von hinten) gab es genauso wenig wie eine Bühnenshow - die Musik sollte wohl für sich sprechen. Nach "Young & Dumb" mussten wir uns leider auf den Weg Richtung Hauptbühne machen, während hinter uns "John Wayne" anfing. Wir werden wohl nie erfahren, ob "Affection" und "Apocalypse" von unsere Setlisten-Wunschliste noch gespielt wurden.


Hoffentlich wird der Slot beim A Summer's Tale zeitlich günstiger liegen, denn das, was wir sahen, gefiel uns sehr gut.

Setliste:

Sweet
Each Time You Fall In Love
I'm a Firefighter
Sunsetz
K.
Dreaming of You
Young & Dumb
John Wayne
...


Als wir eine Dreiviertelstunde vor Konzertbeginn vor der Hauptbühne ankamen, wurde klar, dass wir eigentlich genauso gut Cigarettes After Sex bis zum Ende hätten ansehen können: Die Massen waren bereits da. Wir quetschten uns zwischen den beiden Wellenbrechern ins Getümmel, aber wir kamen nicht so weit nach vorne, dass mit einer guten Bühnensicht zu rechnen war - meine Hoffnung auf eine solche starb dann endgültig, als einer der Wartenden vor uns, der zunächst auf dem Boden gesessen hatte, aufstand und gefühlt drei Meter groß war.

Arcade Fire konnte ich dann, als sie kurze Zeit später zu einer eingespielten langsamen Version von "Everything Now" die Bühne betraten, auch eher erahnen als tatsächlich sehen. Natürlich wurde das Konzert auch wieder von Kameras verfolgt und auf die LED-Wände an den Bühnenseiten übertragen - dort sah man aber eher Nahaufnahmen. Nachdem Arcade Fire insgesamt zu acht auf der Bühne standen, hätte ich schon sehr gerne einen Überblick über das große Ganze gehabt, aber da war eben nichts zu machen. Mist.


Die kanadische Band ist grundsätzlich sicherlich eine, auf die sich Menschen mit unterschiedlichen Musikgeschmäckern einigen können: Einerseits sind die Lieder komplex genug, um beispielsweise einen David Bowie zum Fan zu machen, andererseits sind sie Gassenhauer, die man leicht mitsingen oder gar -grölen kann. Ich kenne die Band seit der tollen Serie Six Feet Under, in deren Soundtrack mehrmals ihre Lieder verwendet wurden.

Speziell der Gassenhauer-Aspekt scheint den Musikern durchaus wichtig zu sein, denn sie animierten viel zum Mitklatschen und Mitsingen, was vom Publikum auch freudig aufgegriffen wurde, gerade auch bei den ersten Liedern ("Wake Up", "Everything Now"). Bei den ersten fünf Liedern fühlte man sich wie im Fußballstadion oder auch wie bei einem Konzert der Hermes House Band. Ab "Windowsill" begann dann ein etwas ruhigerer Teil, wobei wir für "Neon Bible" aufgefordert wurden, die leuchtenden Handys in die Luft zu halten.


Arcade Fire haben eine interessante Methode, sich als Band zu präsentieren: Die Mitglieder kleiden sich zwar alle individuell, aber alle tragen "gebrandete" Kleidungsstücke, auf denen der Bandname zu sehen ist. Es sieht aus, als würden sie Werbung für ihre riesige Fankollektion machen. Im Hintergrund der Bühne konnte man vereinzelt Videoanimationen sehen, etwa bei "Everything Now" oder auch "Neon Bible", das geschah aber eher selten.


Wie gesagt, meine Sicht auf die Bühne war durchaus verbesserungswürdig, und so konnte ich nur auf den Videoleinwänden verfolgen, dass es offenbar öfter Instrumentewechsel gab. Bei zwei Liedern, "Haïti" und "Sprawl II (Mountains Beyond Mountains) übernahm Régine Chassagne die Rolle der Frontfrau. Win Butler kletterte mehrmals auf die Monitorboxen, war damit aber bei weitem nicht der größte Kletterer in seiner Band: Zu "Rebellion (Lies)" stieg der Schlagzeuger Jeremy Gara hoch auf ein seitliches Bühnengerüst hinauf und konnte dabei noch trommeln.

Nach dem Ende des offiziellen Auftritts bekamen wir noch zwei Zugaben, was damit endete, dass Arcade Fire an diesem Abend insgesamt 20 Lieder spielten - und damit mehr als am Vorabend in Köln, als sie ein "echtes" Konzert gegeben hatten. Neben "Everything Now" stammten auch "Creature Comfort" und "Signs of Life" vom neuen, noch unveröffentlichten Album. Mein eigenes Konzerterlebnis wurde durch die Situation der arg eingeschränkten Sicht auf die Bühne doch ziemlich geschmälert, was auch die hochmotivierte Band nicht ganz wettmachen konnte. Wir merken uns also: Bei Konzerten mit viel Zuschauerandrang unbedingt früh da sein.


Setliste:

Wake Up
Everything Now
Haïti
Here Comes the Night Time
No Cars Go
Windowsill
Neon Bible
The Suburbs
The Suburbs (Continued)
Ready to Start
Neighborhood #1 (Tunnels)
Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)
Reflektor
Afterlife
Signs of Life
We Exist
Creature Comfort

Neighborhood #3 (Power Out)
Rebellion (Lies)

Intervention

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