Ich erwähnte es ja bereits im Monatsrückblick vom Juli: Bei der aktuellen Europatournee von Tori Amos entschlossen wir uns, sie nicht in ...

Neulich im Ausland: Tori Amos im Luxemburger den Atelier


Ich erwähnte es ja bereits im Monatsrückblick vom Juli: Bei der aktuellen Europatournee von Tori Amos entschlossen wir uns, sie nicht in der Kilometer-technisch näher gelegenen Frankfurter Jahrhunderthalle, sondern stattdessen im zwei Stunden entfernten Luxemburg aufzusuchen - mit deutlich niedrigeren Ticketpreisen und vor allem einer sehr viel kleineren Halle, die ein intimeres Konzerterlebnis versprach.

Tatsächlich erinnerte mich das Luxemburger den Atelier ans Kölner Luxor: Klein, nicht sonderlich schön (immerhin gibt es noch einen kleinen Zuschauerbalkon) und man kann sich vorstellen, dass sich Frau Amos verwundert am Kopf kratzte, als sie mit zwei Nightlinern und einem Lastwagen bei der Location eintraf und sich fragen musste, wie ihr Equipment, allem voran ein Flügel, auf diese Minibühne passen sollte. Nachdem der Flügel nämlich jeden Abend neu gestimmt werden musste, war dessen Anwesenheit auch während der Spielzeit der Vorgruppe erforderlich - die sich tatsächlich nur gerade so vor den Flügel an den vorderen Bühnenrand quetschen konnte. Zum Glück handelte es sich um drei Herren mit Gitarren, einem Bass und einem kleinen Keyboard - für ein Schlagzeug wäre auch wirklich kein Platz gewesen!


Bei der irischen Vorgruppe handelte es sich um Bell X1, bei denen einst Damian Rice Mitglied war. Laut Wikipedia wird diese Band in Irland nach U2 am häufigsten im Radio gespielt. Zuhause müsste man sich also sicherlich nicht an den Bühnenrand quetschen (und hätte, was ich ebenfalls Wikipedia entnehme, wohl weitere Musiker dabei), aber es ist natürlich in jedem Fall eine Ehre, vor Tori Amos (die übrigens auch in Irland lebt) zu spielen, was Frontmann Paul Noonan auch anmerkte. In Irland ist die Band übrigens so erfolgreich, dass sie dort nicht den Support-Slot für Amos füllte.

Die sympathische Band machte angenehme Popmusik. Das Lied "Build to last", das der andere Gitarrist David Geraghty sang, handelt anscheinend von einem Mann, dem das Herz gebrochen wurde, "In My Secret Life" war eine Leonard Cohen-Coverversion - es sollte nicht die einzige des Abends bleiben. Nach nur sechs Songs war das Set schon wieder zu Ende.

Setliste:

The Upswing
Velcro
Rocky Took A Lover
Built to Last
In My Secret Life (Leonard Cohen Cover)
The End Is Nigh


Zeit für... den Klavierstimmer, der nochmals zur Feinabstimmung antrat und seine Sache sehr sorgfältig machte. Anschließend wurden dann noch die Tasten sowohl des Flügels als auch des gegenüber stehenden Keyboards sorgfältig abgewischt - immerhin hatte Tori nicht wie The xx in Rom ein Dutzend Spiegel dabei, die noch schnell der Reinigung bedurften. Überhaupt ging die Umbaupause mangels Umbaugelegenheiten erfreulich schnell vorbei.

Dass keine weiteren Mitmusiker dabei sein würden, hatten wir bereits vor unserer Anreise vermutet. Sah man sich die Setlisten der bisherigen drei Konzerte der Tour an, variierten diese nämlich von Abend zu Abend enorm, was man einer mitreisenden Band kaum antun könnte. Obwohl die aktuelle Tournee zumindest theoretisch als Werbung für das neue Album "Native Invader" gedacht ist, spielt Tori aus diesem Album nur ein Lied, nämlich"Reindeer King". Die restliche Konzert-Strategie weist gewisse Regelmäßigkeiten auf, so werden grundsätzlich zwei Lieder ihres Debütalbums vorgetragen - wir bekamen "Crucify" und "Tear In Your Hand" - sowie auch jedes Mal zwei Coverversionen, aber eben immer verschiedene.


Immerhin eine Konstante gibt es aber: Jedes der aktuellen Konzerte beginnt mit "i i e e e" vom Album "Choirgirl Hotel" So auch an diesem Abend: Tori kam auf gewaltigen Absätzen herein, erklomm die Bühne und nahm ihre charakteristische Sitzposition zwischen den beiden Tasteninstrumenten ein, aus der sie jederzeit von den Keyboards an den Flügel und zurück wechseln konnte, und legte los. Zu diesem Lied wurden auch Rhythmen vom Band eingespielt, was Befürchtungen hinsichtlich des restlichen Konzertes weckte - wir wollen eigentlich kein Konzert vom Band hören - die sich aber nicht bewahrheiteten.

Während ich "Little Earthquakes", das erwähnte Debütalbum, beinahe auswendig kann, bin ich sonst, was den gewaltigen Liederschatz von Tori Amos betrifft, eher schlecht informiert - sie hat auch seit 1992 schlappe fünfzehn Studioalben veröffentlicht, was es schwierig macht, sich mal eben einzuhören. Dennoch wusste ich bereits von meinem Konzertbesuch beim A Summer's Tale letztes Jahr, dass Amos es mühelos schafft, allein ein Publikum in ihren Bann zu ziehen - und auch ich war trotz der vielen mir dann doch nicht allzu präsenten Songs auf der Setliste meist extrem gefesselt.


Gesprochen wurde eigentlich nur einmal: Amos kostete den enormen Applaus nach "Crucify" sichtlich aus und bot dem Publikum dann scherzhaft an, sie zu weiteren Konzerten zu begleiten. Zum als nächstes anstehenden, als Wunsch angekündigten Lied "Fire on the Side", das von ihrer ehemaligen Band Y Kant Tori Read und aus dem Jahr 1989 stammt, erwähnte sie noch selbstironisch in Zetteln kramend, sie sei eben schon eine ältere Dame und müsse den Text deshalb ablesen.

Im als "Fake Muse Network" bezeichneten Cover-Block hörten wir zum zweiten Mal an diesem Abend ein Leonard Cohen-Cover ("Famous Blue Raincoat") sowie "A Case of You" von Joni Mitchell. Hier hätte sie mit anderen Coverversionen aus ihrem Portfolio unseren persönlichen Geschmack sicherlich besser treffen können.


Nach dem neuesten Lied "Reindeer King" folgte nun mit "Ruby Through the Looking-Glass" eine Rarität, denn dieses Lied stammt von einer EP und dürfte nur den engagiertesten Fans bekannt sein. Bei der aktuellen Tour wurde es schon mehrmals gespielt. Das Set endete mit den schnelleren "Blood Roses" und "Bliss", und einige der Zuschauer in der ersten Reihe bewiesen, dass man auch zu Tori Amos headbangen kann.


Nach sehr kurzer Pause bekamen wir noch zwei Zugaben, leider wieder mit eingespielten Rhythmen. "A Sorta Fairytale" wurde, wie zuvor bereits schon "Crucify", in einer variierten und längeren Version dargeboten, was dazu führte, dass das Set, obwohl nur 15 Lieder gespielt wurden, immerhin fast 100 Minuten dauerte.

Wieder ein sehr schöner Abend im wie erhofft sehr kleinen Rahmen, und nun kann ich auch "Luxemburg" von der Liste meiner besuchten Konzertländer abhaken. Ich persönlich hätte mich noch sehr über "Silent All These Years" gefreut, aber das spielte Tori leider erst am nächsten Abend in Paris.


Setliste:

i i e e e
Crucify
Fire on the Side (Y Kant Tori Read song)
Jackie's Strength
1000 Oceans
Tear in Your Hand
Famous Blue Raincoat (Leonard Cohen cover)
A Case of You (Joni Mitchell cover)
Reindeer King
Ruby Through the Looking-Glass
Cloud on My Tongue
Blood Roses
Bliss

Flavor
A Sorta Fairytale


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