Neulich am Polarkreis: Norður Og Niður (Tag 2)


Tag 2 des Norður Og Niður Festivals verbrachten wir zum Großteil damit, den bei Touristen sehr beliebten "Golden Circle" zu besichtigen, sahen Geysire, Islandpferde, Wasserfälle und den Ort, wo zwei Kontinentalplatten aneinander stoßen. Erst nach 17 Uhr waren wir zurück in Reykjavik, gerade rechtzeitig, um die isländische Band Mammút zu sehen.

Wie am Vortag hatten wir damit gerechnet, in einen bestuhlten Raum zu kommen, die von Mammút bespielte Halle ("Silfurberg") ähnelte aber eher einem "normalen" Konzertraum, der noch dazu riesig war. Ein großer, leerer Kasten mit einer Bühne an einem Ende.


Mammút kannte ich vorab gar nicht, mein Freund hatte mir aber erklärt, die Stimme der Sängerin  Katrína Kata Mogensen erinnere ihn an Björk, als diese noch bei den Sugarcubes war. Das hätte ich sonst (obwohl es stimmt) sicherlich nicht bemerkt, denn die Band gefiel sich derart in Rockerposen, dass die optischen Assoziationen die akustischen überdeckten.


Das Quintett umfasste neben der Sängerin die uns bereits vom Vortag bei Arní bekannte Bassistin Vilborg Ása Dýradóttir, die anscheinend grundsätzlich ohne Schuhe spielt. Dazu kamen, neben einem Schlagzeuger, ein Gitarrist und eine Gitarristin - wobei ich die Geräusche, die aus der Gitarre der linken, sehr jungen Alexandra Baldursdóttir kamen, gar nicht wahrnehmen konnte. Mammút war allerdings ursprünglich, genauer gesagt seit 2003, ein Frauentrio und hat die beiden Männer an Gitarre und Schlagzeug erst nachträglich rekrutiert - insofern täuschte der jugendliche Eindruck vielleicht auch.

Setliste:

Breathe into me
Walls
Secret
Pray for air
Bye Bye
The moon will never
We tried love
Kinder Version


Auf dem Weg zurück in die Ferienwohnung, um schnell etwas zu essen, kamen wir an einer Band vorbei, die in einem Foyer auftrat. Von hinten sah ich eine Frau, die sich ein Cello umgehängt hatte, wie ich es zum ersten Mal bei Kristín Annas Schwester am Vortag gesehen hatte. Richtig, es handelte sich um das Duo R-0-R mit Gyða Valtýsdóttir, die kurz danach auch bei Kórus aktiv war. Beide Konzerte mussten wir leider sausen lassen, da unser Magenknurren die anderen Zuhörer massiv gestört hätte.


Wir kehrten frisch gestärkt gegen 21:00 Uhr für Mary Lattimore in den kleinen Raum "Kaldalón" zurück, wo dieses Mal kein Platz frei blieb. Vorne sah man an Stelle des Flügels dieses Mal eine Harfe stehen, wenig später betrat die Künstlerin die Bühne. Sie begann, Melodien auf der Harfe zu spielen, nahm diese auf, loopte Passage nach Passage und kreierte so recht komplexe und immer lauter werdende Stücke, die sie dann im umgekehrten Prozess wieder ausklingen ließ. Das war faszinierend zu sehen und wirkte auf mich spontan ausgedacht, war es aber mit Sicherheit nicht - zu einem Stück erwähnte Mary nämlich, es sei von ihrem letzten Album und hieße nach ihrem Lieblingswitz (What did the cannibal's wife give her husband when he came home late for dinner? The cold shoulder.) "Warm Shoulder".


Die sehr sympathische Musikerin erzählte außerdem, dass sie die für den Auftritt benutzte Harfe bei einer Freundin ausgeliehen habe, die regulär im Orchester der Harpa spielt, und berichtete, dass das mitgebrachte Loop-Maschinchen kaputt gegangen sei und sie sich deshalb ein anderes habe borgen müssen und es erst während des Auftritts hatte ausprobieren können - dem Set merkte man eventuelle Unsicherheiten gegenüber dem neuen Gerät aber nicht an.

Auch Mary Latimore sahen wir im Verlauf des Festivals sowohl auf der Bühne als auch im Zuschauerbereich mehrmals wieder. In einem Interview, das man im gedruckten Festivalprogramm lesen konnte, nannte Jónsi von Sigur Rós die Amerikanerin als eine seiner Freundinnen aus Los Angeles (wo er mit seinem Partner Alex Somers anscheinend viel Zeit verbringt).


Mittlerweile waren wir im (Spät-)Abendprogramm angekommen. Die Bühne in "Silfurberg" gehörte nun dem Künstlerkollektiv GusGus, bestehend aus zwei Herren, von denen einer mixte (Birgir Þórarinsson) und der andere (Daníel Ágúst Haraldsson) sang, sprach und viel mit den Armen wedelte.

Am Saaleingang war eine Warnhinweis für Epileptiker zu sehen, für die grelle Lichtblitze überaus schädlich sein können. Was für Epileptiker ungeeignet ist, liegt mir im Allgemeinen auch nicht, und tatsächlich schafften es GusGus, mich innerhalb weniger Songs dank penetranter Stroboeffekte aus dem Saal zu vertreiben.

Mit ihrer Mischung aus Techno, House und Elektro konnte man das Duo auch außerhalb des Saales noch gut hören, ein echtes Vergnügen war dies für uns aber nicht. Wir stehen ja eher auf Gitarrenmusik... Gut, dass da noch etwas folgen sollte.

Setliste:

Arabian Horse
Crossfade
Don't Know How To Love
Featherlight
Over
Lifetime
Deep Inside


Zuletzt stand nun ein Festival-Höhepunkt auf dem Programm, einer der äußerst raren Auftritte von Kevin Shields. Der ist eigentlich als Mitglied von My Bloody Valentine bekannt, insofern war die spannende Frage, was er als Solist auf der Bühne darbieten würde: My Bloody Valentine-Songs? Eigene, unveröffentlichte Lieder? Einen Vortrag? Bandgymnastik?

Ein Blick auf die Bühne nach der Umbaupause verriet, dass definitiv ein musikalischer Auftritt geplant war, und zwar einer in My Bloody Valentine-Lautstärke: Im Hintergrund der Bühne stapelten sich quasi als Rückwand die Verstärker. Als Shields dann - mit Gitarre - die Bühne betrat, war er gar nicht allein, ihn begleitete ein Schlagzeuger (Tim Herzog).


Bezeichnend war der Anfang des Auftritts: Shields erzeugte einen Gitarrenton, hörte nichts, drückte auf ein Pedal und ohrenbetäubender Krach brach über uns hinein. In Windeseile kramte ich nach meinen eigenen Ohrenstöpseln, die meines Freundes hatte ich aber vergessen, so dass wir uns letztlich das eine Paar teilten (somit konnte jeder zumindest nur einseitig ertauben). In mein anderes Ohr stopfte ich dann sehr bald ein Papiertaschentuch.

My Bloody Valentine-Lieder hörten wir an diesem Abend nicht, zumindest nicht bewusst, denn erst kürzlich kündigte Shields ein neues Album der Band an: Vielleicht finden sich darauf ja einige der vielversprechenden Songs. Eine Setliste lag nicht aus, Textzeilen waren unter dem ohrenbetäubenden Gitarrenlärm kaum zu verstehen. Mehrmals ließ Shields einen Bühnentechniker kommen, und wir glaubten, "It's not loud enough" von seinen Lippen ablesen zu können. Tatsächlich war es aber laut genug, um den Großteil des Publikums aus der Halle flüchten zu lassen. Immerhin Teile von Sigur Rós blieben - wie wir - bis zum Ende.




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