Manchmal ist es schon praktisch, einen Blog zu haben. Während ich ohne dessen Unterstützung nur hätte sagen können, dass ich vor vielen J...

Eine Hundertschaft auf der Bühne: Hundreds in der Frankfurter Jahrhunderthalle


Manchmal ist es schon praktisch, einen Blog zu haben. Während ich ohne dessen Unterstützung nur hätte sagen können, dass ich vor vielen Jahren bereits einmal ein Konzert der Reihe "Music Discovery Project" besucht habe, dass dieses mit der Band 2raumwohnung war und das zugehörige Sinfonieorchester Musik von Mahler spielte, zeigt ein Blick auf den zugehörigen Blogeintrag, dass dieses Ereignis 2011 stattfand und bringt einiges zu Tage, an das ich mich überhaupt nicht mehr erinnern konnte. Vieles davon wiederholte sich dieses Wochenende. Doch beginnen wir am Anfang.

Als ich letztes Jahr in Frankfurt ein Plakat erspähte, laut dem die Band Hundreds im Rahmen des Music Discovery Projects, das seit 2007 jährlich Künstler mit den unterschiedlichsten Stilausrichtungen gemeinsam mit dem hr-Sinfonierorchester auftreten lässt, zwei Abende in der Jahrhunderthalle spielen würden, war ich sofort sehr interessiert. Ich war relativ spät dran mit meinem Kartenkauf, nur an einem der beiden Abende ließen sich noch Tickets für zwei Plätze nebeneinander ergattern, und diese waren nicht in der besten Kategorie. Kurz danach waren beide Konzerte komplett ausverkauft.


Was erhoffte ich mir von einem Auftritt der elektronischen Band Hundreds mit einem Sinfonierorchester? Idealerweise deren wunderschöne Lieder ein einem neuen Arrangement, das die Möglichkeiten nutzte, die die Anwesenheit von knapp 100 professionellen Musikern auf der Bühne bot. Im Idealfall also eine ähnliche Erfahrung wie der Auftritt von Get Well Soon im Mannheimer Nationaltheater.

Gleichzeitig war klar, dass es nicht ganz genauso werden würde. Von meinem Besuch bei 2raumwohnung vor vielen Jahren erinnerte ich mich noch daran, dass die unterschiedlichen Interpreten häufiger abwechselnd als miteinander musiziert hatten. Und auch, wenn im Vorfeld dieses Mal keine spezifischen klassischen Stücke bekannt gemacht worden waren, zweifelte ich nicht daran, dass diese gespielt werden würden.


Unsere Plätze in der Jahrhunderthalle entpuppten sich am Abend selbst wirklich als ziemlich schlecht - zwar saßen wir in der ersten Reihe, aber so weit links, dass wir die "Bandbühne", die vor die reguläre Bühne gebaut worden war (auf dieser befand sich das Orchester) nur von der Seite erspähen konnten. Direkt vor uns befand sich eine Videoleinwand, die man aus größerem Abstand aber leichter hätte betrachten können.

Der Konzertabend begann mit einer kurzen Ansprache des youFM Moderators Johannes Sassenroth, der das Motto "BeziehungsKiste" erläuterte - unterschiedliche Musikstücke gingen das Thema aus verschiedenen Perspektiven an, beispielsweise begann der Abend mit zwei Stücken aus "Romeo und Julia" von Sergej Prokofjew, wobei sich im ersten die Protagonisten begegnen und im zweiten Romeo an Julias Grab steht - also der Kiste, wie Sassenroth kalauerte.


Dem Programmheft hatten wir bereits entnommen, dass außer Prokofjew und natürlich Hundreds auch Tan Dun und Leonard Bernstein sowie Astor Piazzolla gespielt werden würden - eine wirklich sehr bunte Auswahl. Neben Hundreds war als weiterer "Fremdmusiker" auch der Percussionist Simone Rubino eingeladen. Die Dirigentin Elim Chan überraschte mich durch ihr Geschlecht - aus Ignoranzgründen hatte ich gedacht, dass sämtliche Dirigenten männlich wären.

Los ging es also mit den Romeo und Julia-Stücken, dazwischen - die Musiker schlichen sich jeweils sehr diskret auf die und von der vorderen Bühne - hatte Simone Rubino seinen ersten Auftritt als Solist. Seine Trommelei gefiel mir in den ersten paar Minuten, langweilte mich jedoch leider schnell. Zum Glück boten als nächstes Intermezzo Hundreds ihren ersten Song dar, "Fighter". Zu unserer Überraschung war neben den Geschwistern Milner auch der Live-Schlagzeuger Florian Wienczny mit von der Partie - wir hatten gedacht, dass er anwesende Schlagzeug-Solist sämtliche Percussion-Einsätze übernehmen würde, wenn er schon einmal da war. Tatsächlich wurde der erste Hundreds-Song, das gehörte wohl zum Konzept, völlig normal dargeboten, also ohne Einbezug des Orchesters.


Zum ersten Zusammenspiel kam es dann hinterher, als Simone Rubino gemeinsam mit dem Orchester auftrat und "Autumn" von Tan Dun interpretierte. Und als Hundreds anschließend für "Wilderness" zurückkehrten, wurden sie sowohl vom Orchester als auch von Simone begleitet. Weiter ging es dann ohne Hundreds mit "Winter", dann wurden "Separate the Sea" und "Our Past" wiederum von allen gemeinsam dargeboten. Einen Bruch gab es dann bei "Rabbits on the Roof", das Hundreds gleich anschließend ohne orchestrale Begleitung spielten. Bei den recht lauten elektronischen Klängen am Ende des Songs konnte ich auch beobachten, wie sich einer der Geiger das rechte Ohr zuhielt...

Weiter ging es dann mit dem aus meiner Sicht überflüssigsten Teil des Abends: Das Orchester spielte Tänze aus "West Side Story", Simone trommelte und klopfte. Zum Glück durften Hundreds in der Mitte "Please Rewind" und "Aftermath" spielen, sonst hätte ich von den süßlichen Melodien vielleicht Diabetes bekommen. Nach einem weiteren Instrumentalteil, der sich um die West Side Story-Melodie zu "Maria" drehte, stand dann Eva allein auf der Bühne und sang, nachdem es keine Pause, sondern lediglich einen musikalischen Übergang gegeben hatte,  zur orchestralen Begleitung "Wind in the Pines".


Nachdem Hundreds wieder in gewohnter Formation, aber auch mit Orchester, "Stones" dargeboten hatten, war das Programmheft eigentlich durchgearbeitet. Für das begeistert applaudierende Publikum hatte man aber noch eine Zugabe in Reserve: Alle zusammen performten noch den Hundreds-Song "Beehive", wobei dieses Mal nicht "nur" Florian und Simone Rubino für Percussion sorgten, sondern noch zwei Schlagzeuger aus dem Orchester mit nach vorne kamen und dort mittrommelten.

Das Konzert ließ mich mit gemischten Gefühlen zurück. Hundreds mit einem Orchester zu hören, war zweifellos ein tolles Erlebnis, tatsächlich war die Band wohl bereits mehrere Jahre zuvor vom Hessischen Rundfunk angesprochen worden und nun froh, diesen Traum von orchestralen Arrangements ihrer Musik endlich umsetzen zu können.


Was nun das Motto BeziehungsKiste und das Drumherum anging: Na ja. Es hätte sicherlich geholfen, wenn ich mit Simone Rubinos Trommelei oder West Side Story mehr hätte anfangen können, aber auch die Nicht-Hundreds-Stücke, die mir gefielen, erschienen mir im Kontext recht beliebig. Man kann alles irgendwie zueinander in Beziehung setzen (im schlechtesten Fall ist es eben keine gute), ein Mehrwert oder eine neue Erkenntnis bot sich mir dadurch nicht. Mit Hundreds und großem Orchester ohne weiteres Drumherum, dafür ein paar Liedern mehr, wäre ich also noch zufriedener gewesen.

Das Konzert kann man sich übrigens hier in voller Länge ansehen und -hören.

Setliste:

Fighter
Wilderness
Separate the Sea
Our Past
Rabbits on the Roof
Please Rewind
Aftermath
Wind in the Pines
Stones

Beehive

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