Und das ging so: Kettcar im Kölner Palladium


Das Palladium weckt als Veranstaltungsort bei Menschen durchaus unterschiedliche Gefühlsregungen. Als mein Freund und ich entdeckten, dass Kettcars Konzert im für uns etwa gleich gut erreichbaren Wiesbaden bereits ausverkauft war, für das Palladium aber (noch) Tickets zu haben waren, kauften wir diese eher mit zusammengebissenen Zähnen: Wer will schon ins Palladium, wo der Sound meist schlecht ist, man dafür das Publikum gut beim Reden hören kann, wo das Parken eine Qual ist, man von weiter hinten die Bühne nicht sehen kann und das Garderobensystem eine Zumutung darstellt?

Ganz anders dürfte die Reaktion bei Kettcar ausgefallen sein, denn wie die Band gestern Abend von der Bühne aus erzählte, hatte man ursprünglich ins E-Werk (gleich gegenüber) gewollt, das sei aber bereits mit einer Karnevalsveranstaltung belegt gewesen. Im größeren Palladium hatte man ursprünglich geplant, den Stehbereich auf der Galerie zu sperren und auchden hinteren Teil der riesigen Halle abzuhängen, um den Raum voller erscheinen zu lassen - aber dann wurden alle Tickets verkauft. Das Palladium mit seiner Kapazität von 4000 Personen ausverkauft zu haben schmeichelte der Band sichtlich - es war ihr größtes Innenraumkonzert aller Zeiten, weder Berlin noch Hamburg hatte mehr Publikum.


Der Abend begann aber natürlich mit der Vorband, das heißt, eigentlich mit Marcus Wiebusch, der es sich nicht nehmen ließ, diese persönlich anzukündigen. Er erklärte, Fortuna Ehrenfeld hätten Kettcar nun schon bei der gesamten Tournee begleitet und man sei ganz begeistert von dem Kölner Trio - und bitte das Publikum deshalb darum, ihm Aufmerksamkeit zu schenken.

Das taten wir dann natürlich auch, wobei ich soeben per Internet feststellte, dass Fortuna Ehrenfeld streng genommen nur aus dem Sänger und Songschreiber Martin Bechler besteht, der für seine Albenveröffentlichungen (es gibt zwei) sämtliche Instrumente selbst einspielt. Bechler stammt aus Köln Mülheim, hatte es also nicht weit zum Palladium. Dieser Umstand erklärte vielleicht sein Outfit:  Er trug einen Schlafanzug und passend dazu Bärenpfoten-Hausschuhe. Seine Mitmusiker - eine Keyboarderin und ein Schlagzeuger - hielten es da eher mit Kleidung, die generell als öffentlichkeitstauglich akzeptiert wird.


Fortuna Ehrenfeld passt gut zum Label Grand Hotel van Cleef und auch als Vorband zu Kettcar, mit deutschen Texten und einer gewissen Intellektualität. So richtig packen konnte mich die Musik dennoch nicht. Als Vorband hat man es im übrigens auch bei ausdrücklicher Empfehlung durch den Hauptact im Palladium nicht leicht: Das Reden der Zuschauer führte dank der Hallenakustik zu einem ungewöhnlich hohen Geräuschpegel.

Setliste:

Gegen die Vernunft
Analoges Mädchen
Rakete
Nach Diktat verreist
Das letzte Kommando
Penn’ könn’
Glitzerschwein
Hundeherz
Der Puff von Barcelona


Weiter ging es dann recht schnell mit Kettcar selbst, die an diesem Abend komplett in schwarz gekleidet waren. Die Band hat im Oktober ihr neuestes Album "Ich vs. Wir" veröffentlicht, das auch den Anlass der Tour bot. Vorher war es länger eher still um die Hamburger Band gewesen. Das 2012er Album "Zwischen den Runden" gilt in Fankreisen als eher mau, und anschließend kam 2014 Marcus Wiebuschs Soloalbum "Konfetti" heraus, so dass man sich fragen konnte, ob es mit Kettcar vorbei sei - von der "verwandten" Band Tomte ist schließlich seit den Soloalben von Thees Uhlmann nichts mehr erschienen.


Kettcar gibt es aber noch, und sie sind, so formulierte Wiebusch es ironisch, "nun eine politische Band". Offenbar haben die aktuellen Lieder "Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)", "Ankunftshalle" und "Mannschaftsaufstellung" größere Diskussionen ausgelöst, oder, wie Wiebusch zu "Sommer '89" sagte: "Wir haben uns über dieses Lied so dermaßen viel Scheiße anhören müssen".

Tatsächlich sieht die Band sich selbst offenkundig nicht als großartig anders als früher, und so wurden alte und neue Songs auch fröhlich durcheinander gewürfelt - etwa in einem "Emo Block" mit Liebesliedern von 2012 ("Rettung") und 2005 ("48 Stunden" und das nur zu zweit vorgetragene "Balu"). Viele Lieder wurden übrigens per LED-Wand mit Videos untermalt, bei "Sommer '89" oder "Ankunftshalle" etwa mit dem veröffentlichten.


Immer wieder kam man zwischen den Songs auf das Thema Köln, und das nicht nur, als im Text zum Song "Im Taxi weinen" der Verkehrsverbund Hamburgs HVV spontan zur Kölner KVB geändert wurde. Für Heiterkeit sorgte eine Geschichte, dass die Band 2001 ein Konzert im Luxor gespielt habe. Damals war man auf der Suche nach einem Label, das ihr Debütalbum "Du und wieviel von deinen Freunden" veröffentlichen sollte, und hatte mehrere Repräsentanten des Labels Zomba eingeladen. Das Konzert lief dann auch großartig, nur waren die Label-Repräsentanten gar nicht erst erschienen und teilten per E-Mail mit, Kettcar seien ihnen in jedem Fall zu alt. Im Nachhinein ein Glücksfall, denn die Absage führte letztlich zur Gründung des eigenen Labels Grand Hotel van Cleef. So kann es gehen: 2001 zu alt für einen Plattenvertrag, 2018 das Palladium ausverkaufen.


Mit "Deiche" fand das Konzert der ausgesprochen gut aufgelegten Band zunächst ein fulminantes Ende, man ließ sich aber bereitwillig für eine ausgiebige Zugabe zurück auf die Bühne klatschen. Zu dieser zählte auch, quasi als Coverversion, Wiebuschs Solosong "Der Tag wird kommen", zu dem das Publikum nachdrücklich aufgefordert wurde, die Hände in die Luft zu heben, zur Not auch ironisch. Eine schnelle und rockige Version von "Ich danke der Academy" führte dann zu Pogo unter den meist mittelalten Zuschauern um uns herum. Ein zweites Ende fand das Konzert dann mit "Landungsbrücken raus", doch Kettcar ließen sich ein letztes Mal zurück bitten und spielten aus Rausschmeißer noch den neuen Song "Den Revolver entsichern". Dieser stellt den Versuch der Band dar, einmal ein positives und ermutigendes Lied zu schreiben, was mit dem Refrain "Von den verbitterten Idioten nicht verbittern lassen" halbwegs gelungen ist.


Damit was das Konzert dann wirklich beendet. Dass Kettcar wieder toll waren, ist nicht weiter unerwartet. Ungewöhnlicher war da schon der Mann im Schlafanzug mit Federboa und seine Bärenpfoten, aber auch er war nicht das Überraschendste, das wir an diesem Konzertabend sahen:  Über uns auf der Galerie konnten wir nämlich gut sehen, dass ein Mann auf diversen Papierbögen das gesamte Konzert mitmalte - zu gerne wüsste ich, ob es nun eine ganze Reihe Live-Porträts gibt oder ob er sich wie Sara Riel beim Norður Og Niður Festival nur von der Musik zu abstrakten Linien inspirieren ließ.

Setliste:

Trostbrücke Süd
Balkon gegenüber
Graceland
Money Left to Burn
Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
Wagenburg
Rettung
48 Stunden
Balu
Benzin und Kartoffelchips
Tränengas im High-End-Leben
Kein Außen mehr
Im Taxi weinen
Mannschaftsaufstellung
Ankunftshalle
Deiche

Auf den billigen Plätzen
Der Tag wird kommen
Ich danke der Academy
Landungsbrücken raus

Den Revolver entsichern

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