Pro Frauenquote: Noel Gallagher in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle


Ach, Noel Gallagher. Kaum einen Musiker sieht mein Freund lieber live, und zu kaum jemand ist es schwieriger, immer wieder Liveberichte zu schreiben - Noel ist, wenn es um die Organisation seiner Konzerte geht, viel eher Beamter als Punk und bleibt gerne bei bewährten Konzepten. Was soll man da immer Neues schreiben? Aber immerhin, er hat ein neues Album (sein drittes), und der Montagabend in Düsseldorf bot letztlich spannendere Neuerungen als nur die Wahl seiner Kleidung. Aber beginnen wir am Anfang:

Eigentlich hätten wir im März bereits einen Gallagher sehen sollen: Liam hätte im Kölner Palladium aufspielen sollen, und mein Freund hatte bei eBay günstig Karten ergattert. Liam sagte dann aber am Konzerttag wegen einer schweren Erkältung ab, die übrigens am nächsten Abend in Berlin bereits völlig überstanden war. Auch für Düsseldorf kamen unsere Karten vergünstigt von eBay - während Noel Gallagher in Paris mühelos zwei Abende hintereinander ausverkauft ist, gab es für die meisten deutschen Termine durchaus noch ausreichend Tickets. Aber immerhin die Sache mit der Absage wiederholte sich nicht, das Konzert fand statt.


Der Abend in der Mitsubishi Electric Halle, bei der größere Teile des Sitzplatzbereichs abgehängt waren, begann mit der jungen englischen Band Blossoms, die dem strengen Zeitregime folgend, das wir von Noel Gallagher-Konzerten gewöhnt sind, um Punkt 8 auf der Bühne standen. Die ehemalige Schülerband aus Stockport bei Manchester (als Musik zum Bühnebetreten lief eine Art Stockport-Hymne) wirkte auf uns unglaublich jung, außerdem stellte ich als modische Seitennotiz fest, dass englische Indiebands offenbar mittlerweile keine Skinny Jeans mehr tragen (sondern Beinkleider in einer eher „normalen“ Weite)


Insgesamt entpuppten sich Blossoms für mich als positive Überraschung, denn ihre Popmusik, die mich an eine Keyboard-lastigere Version der Kooks erinnerte, machte durchaus Spaß. Etwas unwürdig finde ich es ja immer, wenn die Vorband nicht allzu spontan fragt, ob sich denn auch alle auf den Hauptact freuen, aber so muss das wohl eben sein.

Blossoms haben übrigens bislang ein Album veröffentlicht, ein weiteres steht bevor.

Setliste:

I Just Imagined You
Blow
Getaway
I Can't Stand It
At Most a Kiss
Between The Eyes
Charlemagne


Nach kurzweiligen sieben Songs war das kurze Set schon vorbei und der Umbau begann. Schon jetzt gab es einige Neuerungen zu entdecken: beispielsweise war einer der Lautsprecher auf der Bühne mit einer Deutschlandfahne umhüllt. Später recherchierten wir nach und stellten fest, dass hier offensichtlich stets die Fahne des aktuellen Auftrittsorts gezeigt wird (und im englischen Fernsehen die von Manchester City). Im Hintergrund der Bühne hingen weiße Stoffstreifen, die recht unauffällig Motive in Anlehnung an das aktuelle Albumcover zeigten.

Noel bekam seine Setliste nicht etwa schnöde als Ausdruck mit Tesa auf die Bühne geklebt, sondern erhielt sie in einem Schuber aus Plexiglas, an dem zusätzlich eine kleine Lampe befestigt war. Mein Freund frotzelte, als ich das anmerkte, das würde sich ja auch lohnen, da sich die Setliste während einer ganzen Tournee ja ohnehin nicht ändert, und ich überlegte, ob man sie dann nicht vielleicht gleich in eine Marmortafel meißeln könnte. Das muss ich dem Tourmanagement einmal vorschlagen!


Vor einigen Wochen ging ein Foto durch die Medien, das Horst Seehofers neue Führungsriege im Innenministerium zeigte und sogleich einen Shitstorm erntete: Neun Personen, alles weiße Männer. Das Bild schaffte es definitiv auch bis England, denn ein britischer Schneider nutzte es auch, um detailliert darzustellen, dass die un-diverse Führungsriege auch noch bemerkenswert schlecht gekleidet sei. Falls Noel Gallagher das Bild in diesem Kontext ebenfalls sah, konnte er sich entspannt zurücklehnen, denn bei ihm gibt es seit 2018 nun Diversity auf der Bühne: Er hat aktuell in seinem Live-Lineup nicht nur Charlotte Marionneau zu bieten, die vor ein paar Wochen ebenfalls hohe Social Media-Wellen schlug, als sie bei einem Fernseh-Liveauftritt das exotische Musikinstrument „Schere“ spielte. Zusätzlich spielt Jessica Greenfield seit Neuestem Keyboard und singt mit, und YSEÉ , ebenfalls aus Frankreich, kommt bei einigen Songs als zusätzliche Sängerin zum Einsatz. Wenn auch die drei Bläser, die bei vielen Liedern zum Einsatz kommen, auf der Bühne waren, stieg sie Gesamtzahl der Musiker so auf zwölf Personen.

Was die ursprünglichen High Flying Birds angeht, ist übrigens nur noch der Keyboarder Mike Rowe mit von der Partie, alle anderen wurden zwischenzeitlich ausgetauscht - und mit Gem Archer an der Gitarre und Chris Sharrock am Schlagzeug haben nun auch zwei ehemalige Oasis- und Beady Eye-Mitglieder ihren Weg zurück zu Noel gefunden.


Trotz all der Änderungen blieb Noel natürlich seinem Timing treu, der Auftritt begann um Punkt 21 Uhr. Gleich im ersten Lied "Fort Knox" hatte YSEÉ eine größere Rolle und verließ anschließend zunächst die Bühne. Es folgte die Single "Holy Mountain", in der Charlotte wie im Video einige Passagen auf der Flöte spielte. Ihr zweiter größerer Auftritt erfolgte im übernächsten Lied "It's a Beautiful World" - am Ende sprach sie ihren französischen Text in einen altmodischen Telefonhörer. Auch Charlotte verließ, wenn sie nichts zu tun hatte, die Bühne. Die ersten vier Lieder des Sets entsprachen übrigens auch in der Reihenfolge genau den ersten Songs auf der neuen Platte „Who built the Moon?“.


Es folgte eine Reihe von älteren Liedern. Vor "If I had a Gun" las Noel, der zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht mit dem Publikum gesprochen hatte (Dialog hinter mir: "Ich finde das doof, dass der uns nicht begrüßt!" "Orrrr, Mama!") mit zusammengekniffenen Augen ein Pappschild vor, das im Publikum hochgehalten wurde, und auf dem sich eine Luciana irgendein Lied wünschte. Er erklärte, dass sie ganz offenbar Regel Nummer 1 nicht kenne, denn diese besagte, dass er so gut wie nie etwas spielen würde, das sich jemand auf einem Schild wünscht. Immerhin bekam Luciana dann "If I had a Gun" gewidmet.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt wurde mir auch eine weitere Neuerung dieser Tour klar, denn es hatte für die bislang gespielten Lieder keinerlei Videoanimationen gegeben. Einige von diesen Kurzfilmen hatten wir seit 2011 immer wieder zu sehen bekommen, nun dachte Noel offenbar, es sei nun doch einmal Zeit für etwas Neues. Oder zumindest etwas Anderes, denn außer gelegentlichen Farbwechseln in der Beleuchtung passierte im Bühnenhintergrund eigentlich nichts.


Nach "Dream On" wurde Düsseldorf dann endlich offiziell begrüßt (die Mutter hinter mir jubelte). Noel fragte, was denn normalerweise Montagabends in der Stadt geboten sei (und vermutete "fuck all") und stellte dann fest, es seien ja auch Oasis-Fans anwesend, was von lauten "Yorkshire"-Brüllern unterbrochen wurde. Mit dem Hinweis, dass Yorkshire das "arsehole of England" sei, leitete Noel die Tatsache ein, dass nun die ersten Oasis-Songs des Sets kommen sollten, "Little By Little" und "The Importance of Being Idle". Die Oasis-Lieder wurden übrigens fast ausnahmslos von der rein männlichen Grund-Bandbesetzung gespielt. Neu-Altzugang Gem Archer dürfte bei „Little by Little“ und später bei zwei anderen Oasis-Titeln zudem das Gitarrensolo übernehmen - vielleicht hatte er sie noch im Kopf.

Vor „The Importance of being Idle“ witzelte Noel, er habe den nächsten Song schon seit langer Zeit nicht mehr gespielt - seit gestern Abend nämlich - und hoffe, dass er ihn noch hin bekomme. Nach dem Lied (er schaffte es ganz gut) setzte er hinzu, er habe den Song in nur einem Abend geschrieben, das sei wirklich nicht viel Arbeit gewesen - aber immer noch mehr als das nun folgende, neue  „Dead in the Water“, das zu schreiben sei ein „piece of piss“ gewesen. Er bot den Song dann allein mit dem Keyboarder dar, alle anderen verließen dafür die Bühne.



Als für „Be Careful What You Wish For“ alle Musiker, auch die drei Frauen, auf die Bühne zurück kehrten, nutzte Noel die Gelegenheit, alle anwesenden Damen vorzustellen, wobei er mit Jessica begann, die aber zu diesem Zeitpunkt gerade erst die Bühne betrat und so schnell an ihren Platz eilen musste. Noel kommentierte das mit einem Spruch über immer zu spät kommende Frauen.

Nicht nur bei den Vorstellungen - nach und nach wurde im Laufe des Sets jeder bedacht, Russell Pritchard sogar zweimal, einmal als Bassist und einmal für backing vocals, bekam ich den Eindruck, dass alle auf der Bühne sich ausgesprochen gut verstanden und freundliche Späße miteinander machten, es wurde viel gelacht und gelächelt. Ich kann mich nicht erinnern, dass bei früheren Noel Gallagher-Auftritten in dieser Ausprägung erlebt zu haben. Vielleicht haben die High Flying Birds nun ja ihr ideales Lineup erreicht.


Nun folgte endlich „She taught me how to fly“, denn natürlich hatten wir uns auch auf Charlottes berühmten Scheren-Auftritt gefreut. Hören konnte ich das Gerät allerdings kaum. Danach war es wieder Zeit für zwei Oasis-Songs, „Wonderwall“ haben nun beide Gallagher-Brüder in ihrem aktuellen Live-Set. Für mich litt das Lied, wie auch einige andere, darunter, dass es direkt hinter mir (von der zur Mutter gehörenden Tochter) sehr laut und schlecht mitgesungen oder eher -gebrüllt wurde. Textsicherheit ist für die direkte Umgebung nicht immer ein Segen.

„AKA... What a Life!“ schloss den Hauptteil des Sets ab, die Zugabe folgte quasi sofort. Wieder waren alle drei Frauen an einer leider endlosen Version des eher mittelprächtigen „The Right Stuff“ beteiligt. Nun folgten die letzten beiden Oasis-Songs, wobei Noel den Refrain zu „Don’t Look Back in Anger“ weitestgehend dem Publikum überließ.


Am Ende gab es eine letzte Neuerung, denn das Set schloss mit einem Beatles-Song, „All you need is Love“. In die letzten paar Takte flossen zudem einige Zeilen der Beatles-Persiflage-Band The Rutles ein, nämlich „Love is the meaning of life, life is the meaning of love“. Dann erfolgte noch eine gemeinsame Verabschiedung der Band mit Verbeugung - auch etwas, das ich bei Herrn Gallagher noch nicht erlebt hatte und das dem gesamten Auftritt einen weiteren freundlichen Touch gab.

Noel entließ uns mit dem Hinweis, wir würden uns sicher im Sommer bei irgendeinem beschissenen Festival wiedersehen, er sei leider dieses Jahr nirgendwo als Headliner gebucht worden.

Insgesamt ein schönes Konzert, das von den kleinen Änderungen gegenüber anderen Touren hinsichtlich Wärme und Abwechslung profitierte. Vielleicht ginge es im Innenministerium ja auch wirklich harmonischer und konstruktiver zu, wenn es in der Führungsriege einige Frauen gäbe?


Setliste:

Fort Knox
Holy Mountain
Keep on Reaching
It's a Beautiful World
In the Heat of the Moment
Riverman
Ballad of the Mighty I
If I Had a Gun...
Dream On
Little by Little (Oasis Song)
The Importance of Being Idle (Oasis Song)
Dead in the Water
Be Careful What You Wish For
She Taught Me How to Fly
Half the World Away (Oasis Song)
Wonderwall (Oasis Song)
AKA... What a Life!

The Right Stuff
Go Let It Out (Oasis Song)
Don't Look Back in Anger (Oasis Song)
All You Need Is Love (The Beatles Cover)

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