Gesehen: November 2018

Auch im "Gesehen" dieses Monats geht es um das Verhältnis von Roman und Verfilmung - nur kannte ich in diesem Fall das Buch zuerst.

Mr. Mercedes ist ein recht traditioneller Detektivroman, den Stephen King 2014 veröffentlichte, und dem der Autor in den folgenden Jahren noch zwei Fortsetzungen folgen ließ. Ich kenne die ganze Trilogie und mochte sie. An der Verfilmung war ich ausreichend interessiert, um Probemitgliedschaften für sowohl Amazon Prime als auch dessen "Unterkanal" Starzplay abzuschließen - Prime hat nämlich mittlerweile diverse Zusatz-"Sender", für die man extra bezahlen muss (zumindest, wenn man sie länger nutzen möchte).


Auch von der Fernsehserie gibt es bereits zwei Staffeln, so dass mein Freund und ich uns ranhalten mussten (oder wollten), diese insgesamt 20 Folgen in den zwei Wochen, die man Starzplay umsonst testen darf, anzusehen. Was uns dann auch gelang.

Kurz zum Inhalt: Die erste Staffel von Mr. Mercedes ist eine recht werkgetreue Umsetzung des gleichnamigen Romans. In ihm erlebt die Hauptfigur, der ehemalige Polizist Bill Hodges, seinen Ruhestand als ausgesprochen unangenehm und hoffnungslos: Noch immer quält ihn ein Massenmord, den er nicht aufklären konnte, in dem ein Psychopath absichtlich einen gestohlenen Mercedes in eine Warteschlange vor einer Jobbörse gelenkt und so acht Menschen getötet sowie viele mehr verletzt hat. Sonst hat er wenig in seinem Leben und verbringt seine Tage mit Trinken und Fernsehen.

Eines Tages nimmt der Täter Kontakt zu ihm auf, schreibt ihm zunächst einen scheinheiligen Brief und trifft sich später mit ihm online in einem anonymen Chatroom. Parallel erleben Leser und Zuschauer von Anfang an auch die Seit des Täters: Brady Hartfield arbeitet sowohl in einem Computerladen als auch als Eisverkäufer (was ihm ermöglicht, sowohl Computer zu manipulieren als auch Hodges unbemerkt zu stalken), hat ein gelinde gesagt ungesundes Verhältnis zu seiner alkoholkranken Mutter und will Hodges eigentlich durch seine Kontaktaufnahme in den Selbstmord treiben - nur, dass der stattdessen erneut motiviert wird, dem Täter nun doch das Handwerk zu legen.

Die Hauptrollen der Serienversion sind mit Brendan Gleeson und Harry Treadaway exzellent besetzt. Allein das Finale, das im Roman bei einem Popkonzert spielt und das für die Serie zu einer kulturellen Veranstaltung unter freiem Himmel umgemünzt wurde, fällt im Roman deutlich bedrohlicher aus.


Kommen wir aber auch zur zweiten Staffel. Statt mit dem zweiten Roman Finders Keepers fortzufahren, entschieden sich die Macher, stattdessen gleich zu Teil drei, Mind Control überzugehen. Eine insofern verständliche Entscheidung, als Brady Hartsfield den zweiten Roman komplett im Koma verbringt - vermutlich wollte man Harry Tradaway aber wieder mitspielen lassen und ihm mehr bieten als ein bis zwei Szenen als Bewusstloser. In Teil drei hat er wieder eine tragendere Rolle.

So weit finde ich die Entscheidung nachvollziehbar, nicht aber so ziemlich jede andere, die für diese zweite Staffel getroffen wurde. Fast erscheint es, als wollte man diejenigen, die den Roman kennen, damit quälen, dass dessen Handlung zwar angefangen, dann aber aus unerfindlichen Gründen nicht weiter erzählt wird. Die im Buch erscheinenden Figuren werden zwar allesamt brav eingeführt, haben dann aber, weil die Handlung sich anders entwickelt, meist herzlich wenig zu tun. Bei so mancher Szene bekam ich den Eindruck, dass hier schlicht mit Dialogen Zeit tot geschlagen wurde.

Am Anfang wurde immerhin das Problem, dass Brady im Koma liegt, aber dennoch seine Umwelt wahrnimmt, gelöst, indem ihn die Serie in seine alte Wirkungsstätte, den Keller seiner Mutter, versetzt, wo er das Geschehen um sich herum auf den Computermonitoren sieht. Das ist schön und kreativ umgesetzt, was die Staffel aber auch nicht rettet.

Eine kleine Hypothese hätte ich dazu, was hier schief gegangen sein könnte: In besagtem Buch geht es sehr, sehr viel darum, dass Menschen in den Selbstmord getrieben werden. Möglicherweise entschieden die Macher zu einem recht späten Zeitpunkt, dass dieses Thema schlicht nicht serien-geeignet sei, und mussten dann eben - im wahrsten Sinne des Wortes - irgendetwas anderes erzählen? Das würde auch erklären, dass Handlungsstränge angefangen, aber dann nicht weiter geführt wurden, und die Geschichte stattdessen zum Ende hin immer absurder wurde.

Also, zusammengefasst: Die erste Staffel vom Mr. Mercedes ist fast so gut wie das Buch, die zweite sollte man dringend meiden.




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