Etwas Warmes braucht der Mensch: Agnes Obel im Kölner Carlswerk Victoria


Eigentlich war der letzte Samstagbend schon länger verplant, wir hatten Tickets für Thees Uhlmann in Bonn. Allerdings veröffentlichte mein Freund letzte Woche eine überaus begeisterte Plattenvorstellung von Agnes Obels neuem Album Myopia,  die dänische Musikerin sollte ebenfalls am 29. in Köln auftreten, im Rahmen einer weitestgehend ausverkauften Deutschlandtournee. Als mein Freund daraufhin Tickets für das Kölner Konzert angeboten bekam, entschlossen wir uns schweren Herzens, dieses zu bevorzugen und die Tickets für Thees zu verkaufen - ihn werden wir im Laufe des Jahre vermutlich dennoch sehen können.

Nicht beachtet hatten wir bei der Entscheidung, dass außer und auch Dutzende weitere Käufer ihre Thees Uhlmann-Tickets kurzfristig loswerden wollten - schwer zu sagen, ob hier Angst vor dem Corona-Virus oder das ebenfalls am selben Abend stattfindende Deichkind-Konzert eine Rolle spielten. Letztlich verkauften wir die Tickets zum halben Preis und freuten uns, dass sie zumindest Verwendung finden würden.

Das Agnes Obel-Konzert fand in einer mir bis dahin unbekannten Halle namens Carlswerk Victoria statt, die sich - wie auch das Palladium und das E-Werk - in der Schanzenstraße befindet. Da das Konzert bestuhlt war, stellte ich mir einen kleineren Saal vor, vielleicht mit ansteigenden Sitzreihen, und überlegte nachmittags, ob ich meinen Kapuzenpullover vielleicht besser gegen etwas weniger Warmes austauschen sollte, oder vielleicht an der sicherlich vorhandenen Garderobe abgeben.


Nun, das Carlswerk Victoria entpuppte sich als eine für die Gegend typische ehemalige Fabrikhalle. Unsere Sitzplätze befanden sich in der drittletzten Reihe in einem ausgesprochen eng bestuhlten Raum - hier war wirklich der letzte Winkel ausgenutzt worden, und längst nicht jeder Platz bot eine adäquate Sicht auf die Bühne - zumal die Sitzreihen natürlich nicht nach hinten anstiegen. Wir konnten die Bühne immerhin winzig klein, aber vollständig sehen, von den Plätzen links von uns aus dürfte das nicht der Fall gewesen sein.

Witzigerweise fanden wir einen Tag später eine Facebooknachricht des Veranstalters vom Vortag, in der bekannt gegeben worden war, es seien "aus produktionstechnischen Gründen" kurzfristig noch zwei Plätze verfügbar geworden. Wir konnten uns lebhaft vorstellen, wie jemand mit einem befriedigten "Geht doch!" noch schnell irgendwo zwei Klappstühle in eine Ecke gequestscht hatte. Zukünftige Besucher unserer Wohnzimmerkonzerte müssen sich aber trotz unserer Erfahrung dennoch keine Sorgen machen, demnächst im Windfang, hinterm Ofen oder draußen auf der Terrasse sitzen zu müssen.

Ein weiterer Nachteil speziell der Sitzreihen in unsere Gegend war die große Eingangstür, die sowohl vor Konzertbeginn als auch zwischen Support und Hauptact komplett geöffnet blieb (draußen befanden sich einige Fressstände und die Toiletten) - wir saßen also mehr oder weniger draußen. Während des musikalischen Programms wurden die Türen zwar grundsätzlich geschlossen, aber die Besucher hatten einen so dringenden Toilettendrang, dass dennoch ein ständiges und störendes Herein- und Herausgehen herrschte, inklusive knallender Tür.


Kein ideales Ambiente, um sich in die Musik der dänischen Solokünstlerin zu versenken! Aber zunächst war es Zeit für den Support Act, die Berliner Singer / Songwriterin Marlène. Sie begleitet Agnes Obel bei der kompletten Tournee, früher gehörte sie zu einem Trio namens Yippie Yeah, allein unterwegs ist sie erst seit kurzem - bei dem Konzert gab es nämlich eine erste und komplett selbst gemachte EP zu kaufen. Auch die kleinen Karten mit Kontaktdaten, die auf fast allen Besucherstühlen lagen, sprechen für viel Handarbeit.

Die Lieder des etwa 30minütigen Sets wurden allein zur Gitarre und auch am Keyboard vorgetragen. Die meisten waren auf Deutsch, eines auf Französisch. Inhaltlich beschäftigt sich die Sängerin mit Alltagsthemen wie schlechter Laune im Februar in Neukölln oder einem einsamen Essenden im Luxusrestaurant Grill Royal. Ein Lied drehte sich auch um das Dilemma, sich gleichzeitig um ein Kind zu kümmern (Marlène hat eine neunjährige Tochter) und kreativ tätig zu sein - augenzwinkernd meinte sie, der Spagat lohne sich aber, schließlich könne ja irgendwann Agnes Obel anrufen und einen einladen, bei einer Tournee mitzuwirken.


Nach einer weiteren zugigen Pause, in der wir uns an der Biertheke einen Tee- oder Glühweinverkauf gewünscht hätten, betrat Agnes Obel zunächst allein die Bühne und trug "Words Are Dead" vor. Obel, die in Berlin lebt, sprach die meiste Zeit Deutsch mit uns und wechselte nur gelegentlich ins Englische. Die mit Tüchern dekorierten weiteren Instrumente deuteten  bereits an, dass es eine Band geben würde, und ab dem zweiten Lied betraten drei weitere Musikerinnen die Bühne. Später wurden sie alle freundlich und ausführlich vorgestellt, sie stammen aus den Niederlanden, Kanada und Jersey und wurden alle genötigt, selbst ein bisschen Deutsch zu sprechen.Besoners gelobt wurde bei zwei der Musikerinnen (der Violanistin und der Cellistin) zudem deren Talent, live zu loopen.

Ansonsten sprach Agnes, die man korrekt übrigens "Anjes" ausspricht, nicht allzu viel, machte sich allerdings ein bisschen über die Stille des Publikums - die ja grundsätzlich sicherlich begrüßenswert ist - lustig, indem sie sagte, das sei sehr gut so, und es würde sie schon sehr aus dem Konzept bringen, wenn man überhaupt merken würde, dass Zuschauer anwesend seien.

Die Lieder an sich bildeten wunderschöne, Cello-lastige Klanglandschaften, von denen keine aufwendige Lichtshow ablenkte: Nach und nach wurden immer mehr der schlichten Glühlampen auf der Bühne zugeschaltet, aber sie blieb relativ dunkel.


Das neue Album "Myopia" bildete gewissermaßen das Herzstück des Konzertes, Agnes spielte immerhin acht Lieder daraus. Die ersten drei Alben wurden demokratisch mit je drei Liedern berücksichtigt.

Wir hörten insgesamt mehr Lieder, als wir zu hoffen gewagt hatten, und auch zwei Zugaben - eines davon, wie Agnes erklärte, ein Liebeslied, das andere definitiv kein Liebeslied. Außerden erwähnte sie, es sei am Anfang sehr kalt gewesen, wir hätten den Raum aber schön aufgewärmt, wofür sie uns sehr dankbar sei. Auch uns wurde durch die schöne Musik zumindest warm uns Herz, auch wenn unsere Füße recht kalt blieben...

Musikalisch ein sehr schöner Abend, der für uns nur ein wenig unter der Sitzplatzsituation - der Entfernung von der Bühne, der schlechten Sicht und der Kälte - litt. Die Zugaben sahen wir uns an der in der Mitte des Raums gelegenen Bar an, von der aus man die Bühne viel besser sehen konnte - vielleicht hätten wir dort mehr Zeit verbringen sollen.

Setliste:

Words Are Dead
Dorian
Camera's Rolling
Fuel to Fire
Parliament of Owls
Trojan Horses
Island of Doom
Can't Be
Familiar
Philharmonics
Riverside
Promise Keeper
Broken Sleep
Myopia
Stretch Your Eyes

Won't You Call Me
On Powdered Ground

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1 Kommentare

  1. Danke für den schönen Bericht. Wir waren in Mannheim vom Ort her viel besser dran - sonst decken sich aber unsere musikalischen Eindrücke wunderbar. Marlène kommt im Mai noch für Wohnzimmerkonzerte, da könnte ich den Kontakt vermitteln, wenn Ihr mögt (sie ist dann auch nicht so aufgeregt...)

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