Neulich nach der Auszeit: Maifeld Derby 2021, Tag 3


Am Samstagabend waren wir nach Sophie Hungers Auftritt nach Hause gefahren, hatten den Sonntag zunächst zu Hause verbracht und waren erst nachmittags ein letztes Mal Richtung Mannheim aufgebrochen. Der Plan war, an diesem Tag nur den Headliner The Notwist anzusehen. Erfahrene Festivalgänger werden das Problem aber kennen: Will man eine Band tatsächlich sicher sehen können, ohne Gefahr zu laufen, entweder hinter den ganzen anderen Fans nichts zu sehen oder aber aus Gründen des Crowd Managements Gefahr zu laufen, gar nicht eingelassen zu werden, empfiehlt es sich, bereits die Band davor anzusehen. So sah ich bereits Nelly Furtado vor Morrissey, James Blake vor Radiohead und sicher noch so manch andere Band, die ich mittlerweile vergessen habe.



In diesem Fall sicherten wir uns vor der Palastbühne recht gute Sitzplätze, während Dewolff aus den Niederlanden, die vorletzte Band des Festivals, noch beim Soundcheck waren. Ich verbrachte dann den Großteil ihres Sets, mich in diversen Essens-Schlangen anzustellen, während mein Freund vor der Bühne die Stellung hielt, wobei ich die Musik natürlich auch überall auf dem Gelände gut hören konnte.



Die Band begrüßte uns mit den Worten "Are you ready for rock n roll?" Der enthusiastischen Reaktion nach waren das alle außer uns. Selbst die Gänge zwischen den Stuhlreihen waren gut gefüllt, jeder dritte hatte seine Schuhe ausgezogen, um eine Stunde Blues Rock im Stil von The Black Crowes abzurocken. Die Band berichtete, dass sie für diese 60 Minuten über sechs Stunden angereist war, die Frisuren (lange Haare) und Outfits (1970er) entsprachen der Musikrichtung. 



Sänger Pablo van de Poel ist so etwas wie Guns n’ Roses in einer Person: er hat die einschneidende Stimme von Axl Rose und spielte Gitarrensoli in der Länge von dessen Bandkollegen Slash - immer und immer wieder dazu wurde geposed als käme es aus dem Lehrbuch (oder sei für selbiges gedacht). Aber auch Orgel (Robin Piso) und Schlagzeug (Luka van de Poel) durften in den langen Liedern Soli spielen.



14 Minuten vor Schluss wurde das letzte Lied angekündigt - es wurde wieder ein besonders langes, das noch etwas weiter ausgedehnt wurde als erwartet, als Pablo zwischendurch ein Haar suchen musste, das sich in seinen Hals verirrt hatte. Nach 2 Minuten im Mund herumsuchen ("We are better not shaking hands after the concert") präsentierte er dann irgendwann später doch noch das störrische Haar.



Das lauteste Konzert des Festivals ging dann auch irgendwann zu Ende, nun freuten wir uns auf ein Wiedersehen mit The Notwist. Die Band aus Weilheim gehört zu den ganz wenigen, die wir 2020 live gesehen hatten, seitdem hat sie nach fast sieben Jahren Pause ein neues Album veröffentlicht. Passend dazu stand "Vertigo Days" mit 7 gespielten Songs im Zentrum des Sets.




Zu meinem Erstaunen entpuppte sich der Zuschauerandrang als eher durchschnittlich. Es war nicht leer vor der Bühne, aber bei Drangsal zwei Tage vorher hatte - so weit das angesichts der Corona-Maßgaben möglich war - ein regelrechtes Gedränge geherrscht. Das war nun nicht der Fall.

Beim Aufbau der Instrumente zeigte sich, dass er etwas anders war als gewohnt, am auffälligsten neu waren sowohl ein Saxophon als auch eine riesige Tuba, die Micha Acher vor Konzertbeginn schon einmal anprobierte (Beweisfoto anbei). Karl Ivar Refseth, der sonst bei The Notwists Liveauftritten Vibraphon spielt, war nicht anwesend, das Vibraphon auch nicht, dafür bediente eine junge Frau, die uns nicht vorgestellt wurde, sowohl ein Keyboard als auch das erwähnte Saxophon.



Mit einer Verspätung von etwa 10 Minuten wegen technischer Probleme, die auch in den ersten Songs und unhörbar für uns weiter bestanden, ging es los. Beim Aufbau waren uns bereits kleine "LEDs am Stil" aufgefallen, die überall die Bühne zierten und in blau, grün und rot geleuchtet hatten. Nun, während des Sets, zeigte sich, dass die Lampen weit mehr konnten und für so gut wie jeden Song eine andere Lichtanimation zeigten.




Spannend war, wie The Notwist mit den Liedern verfahren würden, die auf dem neuen Album von Gaststimmen vorgetragen werden. Bei "Ship" übernahm Markus Acher den Gesangspart bis zum Refrain und spielte dann die Stimme von Saya per Knopfdruck ein. Ähnlich wie bei einem Kinderspielzeug setzte diese beim erneuten Drücken erneut ein, was Acher mit offensichtlich kindlicher Freude wieder und wieder tat. Wir freuten uns ebenso. Bei "Oh Sweet Fire" übernahm er die Rolle von Ben Lamar Gay komplett.



Nicht verändert hatte sich die uns bereits vertraute Wortkargheit der Acher-Brüder und ihrer Mitmusiker - es blieb wie immer bei einem "Danke" am Ende des regulären Sets nach "Loose Ends" und weil Markus gerade in Plauderlaune war, schob er fast direkt noch ein "Tausend Dank" hinterher.

Der verspätete Beginn hat aber möglicherweise die von mit gespannt erwartete Tuba um ihren Einsatz gebracht (vermutlich im gestrichenen "Into Love Again"), denn sie blieb bei diesem Auftritt reines Dekoelement. Kurz besprach sich die Band, um zu entscheiden, welche Lieder des Zugabenblocks noch dargeboten werden sollten und zum ersten Mal erlebte ich aufgrund der zeitlichen Beschränkungen ein The Notwist-Konzert ohne "Pilot". Immerhin entließ uns das wie immer wunderschöne "Consequence" am Ende glücklich in die Nacht.

Setliste:

Into Love / Stars 
Exit Strategy To Myself
Kong 
Pick Up the Phone 
Where You Find Me 
Ship 
Into the Ice Age 
Oh Sweet Fire 
Into another tune
One With the Freaks 
This Room 
Loose Ends 
Gravity 
Consequence 




Fehlt noch ein Fazit zum Festival. Nach 1,5 Jahren Corona überforderte es mich ziemlich, unter so vielen Menschen zu sein - dabei waren es deutlich weniger als bei regulären Festivals. Es muss schwierig für Timo Kumpf und seine Kollegen gewesen sein, engagiert in die Vorbereitungsarbeiten einzusteigen, ohne genau zu wissen, dass die Veranstaltung auch definitiv stattfinden kann. Tatsächlich empfanden wir die "Verkehrsregelung" zwischen den beiden Bühnen (bei der direkt an der "Hauptverkehrsstraße" auch noch die Toilettenwagen aufgebaut worden waren) als nicht optimal gelöst, hier hätte man mit mehr Nachdenken sicher eine Lösung mit weniger Staus gefunden.

Die Abstandsregeln vor den Bühnen (zwischen Gruppen immer 2 Sitzplätze frei lassen beziehungsweise nur eine Gruppe pro Bierbank-Garnitur) wurden generell nicht eingehalten, nicht einmal von uns: Auch wir setzten uns lieber zu einem einzelnen Pärchen mit Abstand auf eine Bierbank statt zu stehen, und bei den besser besuchten Konzerten auf der Palastbühne füllten sich sämtliche Sitzlücken. 

Allzu große Erwartungen waren gegenüber den Corona-Schutzmaßnahmen also nicht angebracht, zumal am späteren Abend bei ausführlicherem Alkoholgenuss ohnehin die Abstände immer kleiner wurden. Ich denke aber eigentlich auch nicht, dass man ein Festival, bei dem eben viele Menschen sind, sich bewegen und Essen und Getränke konsumieren, anders organisieren kann.

Wie gesagt, wegen des Lineups wäre ich nicht nach Mannheim gefahren, aber es hat durchaus Spaß gemacht, nach so langer Unterbrechung überhaupt wieder ein Festival zu erleben - und die eine oder andere tolle Band war dann ja auch dabei.


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